Ein historischer Besuch in Nordkorea

Jetzt war Donald Trump also endlich in Nordkorea und hat sich darüber gefreut wie das Kind, das als einziges in den Vergnügungspark durfte, während alle anderen auf die Eröffung in ein paar Monaten warten müssen. Ich weiß nicht, was er damit erreichen wollte, aber ich kenne die Geschichte gut genug, um mir Sorgen zu machen.

Als ich in Rumänien wohnte, sagten manche über ihren langjährigen Diktator, der 1989 gestürzt wurde: „Weisst du, am Anfang war Ceaușescu gar nicht so schlimm. Als er 1965 an die Macht kam, distanzierte er Rumänien von der Sowjetunion. Und viele Dinge wurden liberalisiert. Nicht dramatisch, aber es war schon ein wenig Tauwetter.“

Auch außenpolitisch führte Nicolae Ceaușescu Rumänien auf einen anderen Weg als die meisten osteuropäischen Staaten, vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Jugoslawien unter Tito. Obwohl es Mitglied im Warschauer Pakt war, nahm Rumänien nicht an der Niederschlagung des Prager Frühlings teil. Ceaușescu verurteilte die Intervention sogar öffentlich. Er unterhielt politische und wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen und empfing beispielsweise Charles de Gaulle und Richard Nixon in Rumänien.

„Aber alles änderte sich 1971.“

„Warum?“ frage ich, weil ich mich an kein weltbewegendes Ereignis aus jenem Jahr erinnern kann.

„Ceaușescu wurde nach Nordkorea eingeladen. Und dort sah er den Personenkult für Kim Il-Sung, die totale Kontrolle aller Aspekte der Gesellschaft, die Verbindung von nationalistischer und kommunistischer Ideologie und die Idee von der Autarkie einer Volkswirtschaft. Als er zurückkam, wollte er aus Rumänien ein europäisches Nordkorea machen.“

Ich bin immer skeptisch gegenüber einfachen oder monokausalen Erklärungen für historische Entwicklungen. Aber wenn man sich das Video vom Empfang in Nordkorea ansieht, kann man schon verstehen, wie das Herrn Ceaușescu zu Kopfe stieg.

Und tatsächlich, nur wenige Wochen nach der Nordkorea-Reise veröffentlichte Ceaușescu die sogenannten Juli-Thesen, womit Freiheiten für die Presse, für Schriftsteller und andere Intellektuelle zurückgenommen wurden. Das Tauwetter war abrupt zu Ende.

Wenn Ihr Freunde habt, die vor einer Nordkorea-Reise stehen, seid also vorsichtig! Man weiß nie, was das mit ihnen anstellen wird. (Und man sollte mit aller Macht verhindern, dass Donald Trump zu einem richtigen Staatsbesuch nach Nordkorea kommt.)

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Während die Auswirkungen des Staatsbesuchs von 1971 auf Rumänien weit bekannt sind oder zumindest behauptet werden, scheinen die Auswirkungen auf Nordkorea noch keine Beachtung gefunden zu haben. In dem Versuch, den rumänischen Führer zu beeindrucken, werkelte der nordkoreanische Staat fast ein Jahr an den Vorbereitungen der Festivitäten. Das verschlang nicht nur Unsummen an Geld, es band auch einen erheblichen Teil der Arbeitskraft, weil all die Menschen in der Parade nicht mehr auf die Felder oder in die Fabriken gingen, sondern von früh bis spät tanzen und singen übten. Von der Belastung erholte sich die nordkoreanische Wirtschaft nie mehr.

Heutzutage erinnert sich niemand mehr daran, aber bis 1971 lag Nordkorea auf dem gleichen wirtschaftlichen Niveau wie Südkorea.

In den dem folgenreichen Staatsbesuch folgenden 20 Jahren erkennt Ihr, dass das nordkoreanische Bruttosozialprodukt als flache Linie verläuft. Das kann natürlich nicht wahr sein. In Wirklichkeit stürzte es, nachdem alles für Kostüme und Sonnenschirme ausgegeben worden war, ins Bodenlose. Aber niemand wollte das zugeben, also meldete der nordkoreanische Chefökonom jedes Jahr einfach die Zahlen des Vorjahres. Im Ergebnis hat Ceaușescu also nicht nur ein Land ruiniert, sondern zwei. Gut, dass er erschossen wurde.

Aber wenigstens bleibt uns von dem Staatsbesuch eine eingängige Melodie.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Ein historischer Besuch in Nordkorea

  1. Pingback: Ceaușescu in North Korea | The Happy Hermit

  2. ana-gertrud schreibt:

    frumosilor isi ein Apelativ und bedeuted ‚ihr Schoenen“,deshalb verstehe ich nicht so recht was gemeint ist in der Formulierung…

  3. danysobeida schreibt:

    Andreas, me llegan las publicaciones de tu blog, pero no puedo ingresar a tu blog, lo propio en facebook. Has realizado algún cambio en su configuración? Atte. Dany S. Serrano Ortega.

    Libre de virus. http://www.avast.com

  4. danysobeida schreibt:

    [image: image.png] Efectivamente, no es posible ingresar a tu blog desde el facebook. Tampoco desde las notificaciones que llegan a mi correo electrónico. Atte. Dany S. Serrano Ortega.

    Libre de virus. http://www.avast.com

    El lun., 1 jul. 2019 a las 11:54, Dany Sobeida Serrano O. () escribió:

    > Andreas, me llegan las publicaciones de tu blog, pero no puedo ingresar a > tu blog, lo propio en facebook. Has realizado algún cambio en su > configuración? > Atte. > Dany S. Serrano Ortega. > > > > Libre > de virus. http://www.avast.com > > > > El lun., 1 jul. 2019 a las 1:41, Der reisende Reporter (<

  5. Sehr interessanter Beitrag. Hab davon tatsächlich noch nie gehört…

    • Andreas Moser schreibt:

      Außerhalb Rumäniens ist das wohl vollkommen unbekannt. Und selbst in Rumänien eine Generationenfrage.

    • Achso – und wie bist Du auf das Thema gekommen? Historiker? Rumäne? Alter Rumäne? 😇

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe mal ein Jahr in Rumänien gewohnt, und da habe ich diese Geschichte immer wieder gehört. Und mittlerweile studiere ich tatsächlich Geschichte, mangels Sprachkenntnis allerdings wenig über Rumänien.

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