Rückkehr zur Normalität

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Man kann wieder in die Stadt gehen. In den Parks sind die Absperrbänder entfernt worden, wie wenn das dort begangene Verbrechen aufgeklärt wurde. Die Türen der Läden stehen weit offen. Manche haben ein Schild davor, auf dem sie bitten, dass zu jeder Zeit nur ein Kunde im Laden sein soll. Wie bei den Banken, die Angst vor Banküberfällen mit Geiselnahme haben. Beim Postamt ist es auch so, nicht dass irgendein Philatelist durchdreht.

Die Straßen, die Gehwege, alles ist so voll, wie es schon lange nicht mehr war. Voller als ich es in Erinnerung hatte, um ehrlich zu sein. Vielleicht weil manche Leute noch nicht arbeiten (Lehrer, Stewardessen, Studenten) und deshalb in die Stadt drängen. Manche tragen den Mundschutz, manche lassen ihn sinnlos von einem Ohr baumeln, andere stecken ihn mit zur Schau gestellter Verächtlichkeit in die Hosentasche, sobald sie aus dem Supermarkt treten.

Die Autos dürfen auch wieder raus. Jeder Parkplatz ist belegt. Die Straßen sind voll mit Qualm und Quietschen und Hupen und Blechschäden. Und dazu noch Hunde, die schlimmsten von allen.

Wie eine Lawine bricht alles auf mich herein. Der Lärm, die Bewegung überall, Menschen sprechen einen an. Man muss wieder aufpassen, nicht überfahren zu werden. Warum gilt der Vorrang von Menschenleben schon nicht mehr?

Es ist mir alles zu viel, ehrlich gesagt. Ich schwitze, wohl nicht nur wegen des Mundschutzes. Mein Puls geht schneller. Überall muss man die Augen gleichzeitig haben. Ich will schnell wieder nach Hause. Das ist so ein Stress im Vergleich zu den vergangenen Monaten. Die Stadt ist mir zu emsig und trubelig geworden.

Die Stadt ist Horta, mit ungefähr 6000 Einwohnern.

Horta Gesamtansicht

Horta von oben

Wie ich das erst aushalten soll, wenn ich mal wieder auf dem Festland bin, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Wahrscheinlich werde ich ganz flugs den Rucksack packen und in die mitteleuropäischen Wälder verschwinden.

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  • Mehr Berichte von den täglich stressiger werdenden Azoren.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Rückkehr zur Normalität

  1. Pingback: Return to Normality | The Happy Hermit

  2. Katja Kubiak schreibt:

    einfach wieder abhauen. Sei froh das du dir diese geile Realität geschaffen hast. Ich bin irgendwie neidisch.

  3. da]v[ax schreibt:

    Oha. Doch so schlimm? Warst du schon immer so ein Misanthrop oder hat du dir das erst erarbeitet? Kam mir früher gar nicht so vor… aber ich habe auch echt schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier vorbei geschaut. Seit meinem Breakdown und der selbst verordneten 1-jährigen Blog-/Internetpause lese ich keine RSS-Feeds mehr und dabei bist leider auch du untern Tisch gefallen :–(

    • Andreas Moser schreibt:

      Aber du von allen Lesern weißt doch sicher, wie man einen Blog per E-Mail abonniert, oder? 😉 Ich drucke die Artikel aber auch gerne aus und verschicke sie.

      Oder, weil ich Fernreisen immer mehr entsage und deshalb zunehmend in Deutschland unterwegs bin, wir treffen uns mal und ich erzähle dir alles.

      Zur Misanthropie stehe ich eigentlich schon länger. Nicht umsonst heißt mein englischsprachiger Blog „The Happy Hermit“. Ich habe nichts gegen Menschen als Einzelpersonen oder in kleinen Gruppen, aber sobald es Hunderte und Tausende sind, fühle ich mich irgendwie überflüssig. Außer auf Demonstrationen, da bin ich gerne mittendrin.

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