Azorische Gesichtsmasken

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Als ich von Lissabon am ich-weiß-nicht-mehr-das-genaue-Datum-aber-es-war-Anfang-März auf die Azoren flog, saß diese Person am Flughafen und amüsierte sich wahrscheinlich innerlich über all die Leute, die glaubten, ein Mundschutz reiche aus gegen das Virus. Und selbst den trug damals kaum jemand.

Corona-Schutzanzug

Damals, vor nur zwei Monaten, auch wenn es sich jetzt anfühlt, wie wenn es zwei Jahre gewesen wären, wusste diese Person schon, was auf uns alles zukommen würde. Ich kann nur vermuten, dass es sich um einen Virologen oder den portugiesischen Gesundheitsminister handelte.

Überall anders auf der Welt würde man beim Anblick solch eines Kapuzenmenschen an den Ku Klux Klan denken. Nicht in Portugal. Denn es gibt keine Radikalen in Portugal, keine Extremisten, keine Terroristen. Jeder und alles in Portugal ist moderat. „Sogar unsere Kommunisten sind moderat“, hatte mein Freund Romeu mir in Lissabon erklärt, durchaus mit Enttäuschung, weil das seinen eigentlich entschiedenen Antikommunismus ebenfalls moderiert. Lasst uns nicht vergessen, wir reden hier über das Land, in dem die CDU Hammer und Sichel im Parteilogo führt.

Egal, Ihr seid nicht hier, um über Politik zu lesen, und außerdem stand schon das kleine Flugzeug bereit, mit dem ich auf die Insel Faial entschweben würde. Oh, über den Flug gäbe es vieles zu erzählen, aber erinnert mich daran, das in einer anderen Geschichte zu tun, denn wir wollen die Ablenkungen hier auf einem Minimum halten und uns stattdessen auf den Schutz unserer Atemwege und die unserer Mitmenschen konzentrieren.

Ich überlebte den Flug (im portugiesischen Luftraum gibt es nur moderate Turbulenzen), und als ich den Hafen verließ (das werde ich in der Geschichte über den Flug erklären, aber hört doch bitte auf, Euch immerzu unterbrechen zu lassen), sah ich ein paar Menschen, die meisten von ihnen Frauen, wie mir schien, die sich des Virus offenbar sehr bewusst waren und schon Gesichts-, ja eigentlich richtige Kopfmasken trugen.

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Abartige Mode, mögt Ihr denken, aber die Inseln sind Tausende von Kilometern vom Festland entfernt, und die Zeit läuft hier nach anderen Gesetzen ab. Faial war zuletzt im Winter von 1717 und 1718 von der Beulenpest heimgesucht worden, aber wenn mir die Leute davon erzählten, klang es, wie wenn sie selbst dabei gewesen waren. „Es hat Henrique hinweg gerafft“, erinnerten sie sich an einen ihrer Urahnen und wischten eine Träne aus dem Auge. Oder „Maria Luísa hat es nie überwunden, dass sie den kleinen Cajó verlor.“ Natürlich hatten die Insulaner noch die alten Antipestkleider im Schrank hängen, allzeit bereit um auch nach 13 Generationen wieder zum Einsatz zu kommen.

Als ich sagte, dass ich in der Gemeinde Cedros wohnen würde, informierte man mich mit leichenblassem Blick: „Oh, Cedros, dort haben die Menschen am meisten unter der Pest gelitten“, wie wenn in den 300 Jahren seither nichts Bemerkenswertes oder Desaströses passiert wäre. In Wirklichkeit gab es in der Zwischenzeit Hunderte von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis, Erdrutsche und Wirbelstürme.

Ich schweife schon wieder ab, oder? Also lasst uns die alte Standuhr vordrehen ins Jahr 2020, das Jahr der Coronapest. Ich sah eigentlich selten jemanden mit Gesichtsmaske, weil auf der Insel sowieso nicht zu viele Menschen leben. Und die Leute hier sind vernünftig, sie küssen und umarmen sich nicht einfach auf der Straße. (Die Azoreaner, die sich dergestalt verhielten, sind schon lange nach Brasilien ausgewandert.)

Aber letzte Woche ging ich in den Supermarkt und merkte, dass ich plötzlich der einzige ohne Mundschutz war. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles geändert. Ich fühlte mich komisch, fast nackt. Der Wachmann ließ mich dennoch rein und Schokolade einkaufen.

Als Gast auf der Insel möchte ich mich natürlich anpassen. Ich ging zur Apotheke, in der Hoffnung, dort eine Gesichtsmaske zu bekommen. Aber an der Tür hing schon ein handgeschriebener Zettel, der das Publikum informierte, dass die Masken ausverkauft seien bis das nächste Schiff ankäme. Ich erfuhr dann noch, dass das Tragen des Mundschutzes im Supermarkt oder im Bus jetzt gesetzlich vorgeschrieben war.

Und dann meldeten sich Freunde, die ich wohl besser „Freunde“ nenne, mit „hilfreichen“ Ratschlägen, wie ich meinen eigenen Mundschutz bauen könnte: „Es ist ganz einfach: Du nimmst ein Stück Stoff, am besten Baumwolle und unbenutzt, bügelst es, stanzt ein paar Löcher hier und hier, schneidest es so, faltest es so, nähst die Ecken ein und befestigst ein Gummiband, und schwupp, schon hast du eine Maske.“

Ich konnte nicht einmal den Instruktionen folgen, geschweige denn erahnen, wo zum Henker ich Bügeleisen, Nähmaschine und Gummiband herbekommen sollte. Was glauben die Leute eigentlich, was ich in meinem Rucksack habe? Wenn ich solcherlei Firlefanz mit mit führte, hätte ich schon lange ein Raumschiff konstruiert.

Je mehr „Ratschläge“ mir die Leute gaben, umso fuchtiger wurde ich. Es war in etwa so, wie wenn sich jemand darüber beschwert, dass ihm oder ihr langweilig ist, und ich würde antworten: „Oh, das ist einfach. Du schreibst ein Drehbuch, stellst ein paar Schauspieler ein, baust ein Filmstudio, drehst einen Film, und am Abend kannst du im Heimkino dein eigenes Werk genießen.“ Ganz ehrlich, es nervt, wenn Menschen annehmen, jeder habe praktisches Talent – und noch dazu das notwendige Werkzeug. Ich meine, ich laufe ja auch nicht durch die Gegend und tue mein Entsetzen darüber kund, dass sich nicht jeder im Verfassungsrecht auskennt oder für die Geschichte Boliviens interessiert, oder?

Also rationierte ich bereits die Lebensmittel und dachte, dass ich mir wohl einfach einen Sack über den Kopf stülpen und zwei Löcher für die Augen reinschneiden würde. Aber da bewahrheitete sich wieder mal eines meiner Lebensmottos: Wenn es ein Problem gibt, warte einfach. Irgendwie löst es sich immer von allein.

Gestern, als ich vom Meer (ich war dort zum Lernen gesessen, nicht beim Schwimmen gewesen) zurück nach Hause fuhr, kam ich am Postauto vorbei. Die Briefträgerin winkte mir, dass ich anhalten sollte. Ich gehorchte natürlich, und sie überreichte mir ein Paket. „Ein Geschenk von der Regierung der Azoren“, erklärte sie.

facemasks (1)

Darin waren nicht nur eine, sondern drei frisch gewaschene Mundschutzmasken! Sogar mit Anleitung.

facemasks (2)

Das mag moderat sozialistisch sein, aber ich finde es toll, wenn Regierungen, die das Tragen von Mundschutz verpflichtend machen, dann Pakete mit ausreichend Masken an jeden Haushalt im Land verschicken, sogar an die Menschen, die auf einem kleinen Stück Vulkan in der Mitte des Atlantischen Ozeans sitzen. Insbesondere, wenn die Briefträgerin mich auf der Straße stoppt, um ganz sicherzugehen, dass ich eine Maske erhalte.

Und da kamen mir wieder meine Freunde aus Lissabon, Romeu und Mafalda, in den Sinn. Als sie mir die Stadt zeigten, kamen wir an einem Wandgemälde über die Geschichte Lissabons vorbei, das Ihr findet, wenn Ihr am Aussichtspunkt Portas do Sol nach den Toiletten fragt. Anhand der Comic-Zeichnungen dort bekam ich einen Schnelldurchlauf durch die portugiesische Geschichte. Als sie zu der Epoche kamen, während der Portugal irgendwie mit Spanien vereinigt war (von 1580 bis 1640, glaube ich), sagte Romeu, natürlich im Scherz, denn er ist ein (moderater) Patriot: „Manchmal wünschen wir, dass wir in der Iberischen Union verblieben wären, denn in Spanien läuft vieles besser als bei uns.“ Ich kannte beide Länder nur ein bisschen, hatte aber das Gefühl, widersprechen zu müssen. Soweit ich gesehen hatte, ist Portugal ein bestens organisiertes Land. Wie diese Episode bestätigt, kann man sich Portugal als die Schweiz der iberischen Halbinsel vorstellen.

Links:

  • Mehr Geschichten von den Azoren.
  • Da fällt mir ein, dass ich den Artikel über Lissabon noch nicht geschrieben habe. Ich werde mich gleich an die Arbeit machen.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Azorische Gesichtsmasken

  1. Pingback: How I got a Facemask on the Azores | The Happy Hermit

  2. Katja Kubiak schreibt:

    ich kenne etliche deutsche die direkt nach portugal ausgewandert sind. sowas hab ich immer noch als plan .. im hinterkopf, wenn deutschland mich einfach nicht mehr interessiert.

    • Andreas Moser schreibt:

      Bei mir scheitert es an der Sprache, ich spreche einfach viel lieber Spanisch als dass ich Portugiesisch lerne.
      Aber ansonsten finde ich es ein sehr sympathisches Land. Ich mag generell so Länder, wo niemand fahnenschwenkend herumläuft und „das ist das beste Land der Welt“ ruft. Diese bescheidenen Länder sind oft die besten.

      Und das Tolle am Auswandern ist, dass alles neu ist. Man fühlt sich wieder wie im resten Semester an der Uni, jeden Tag lernt man so viel dazu.
      Und wenn man dann (wie ich nach ein paar Jahren) wieder nach Deutschland zurück kommt, kann sogar Deutschland wieder interessant sein. Für eine Weile.

  3. Pingback: Rückkehr zur Normalität | Der reisende Reporter

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