Eine Postkarte aus Trakai

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Ich weiß gar nicht mehr genau, in welchem Jahr ich nach Litauen zog. Es muss so zehn Jahre her sein.

Aber ich weiß noch genau, dass es an einem 1. Juli war. Denn in der gleichen Woche, am 6. Juli, hatte ich Geburtstag.

Von Vilnius, wo ich wohnte, fuhr ich dazu ins nahe Trakai. Das ist ein Nationalpark mit viel Wasser und vielen Inseln, einer Burg, schönen alten Dörfern, mysteriösen Kulturen wie den Karäern, und – wie überall in Litauen – viel Natur und viel Grün. Manche der Inseln sind mit Holzstegen verbunden, andere erreicht man mit dem Ruderboot.

Ich hopste also von Insel zu Insel, wie die Allierten im Sturm auf Japan, nur friedlicher und friedfertiger. Und ohne beschossen zu werden.

Statt Kamikazekillern begrüßten mich auf vielen der Inseln, insbesondere den waldreichen und abgelegenen, Feenzirkel. Durch die Bäume sah ich Mädchen mit langen weißen Kleidern, die sich Blumen ins Haar gesteckt hatten. Sie nahmen sich an den Händen, tanzten im Kreis und sangen.

Es war wunderschön.

Ich wollte nicht, dass sie mich entdeckten. Ich wollte nicht einmal fotografieren, um die Magie nicht zu zerstören.

Auf einigen Inseln waren mehrere dieser tanzenden und singenden Kreise am Werk, und manche bemerkten mich. Die Einladungen, mitzutanzen, schlug ich allesamt aus, denn damals war ich noch schüchtern.

Als sie merkten, dass ich kein Litauer war, hießen sie mich willkommen und erklärten, dass der 6. Juli ein ganz besonder Tag sei. Dem stimmte ich zu, aber – weil ich nicht nur schüchtern, sondern auch bescheiden bin – ohne preiszugeben, dass ich das Geburtstagskind war.

Keine Ahnung, wie sich meine Ankunft so schnell herumgesprochen hatte. Und wie sie wussten, dass ich an dem Tag nach Trakai kommen würde.

Jedenfalls hatte mir noch kein Land so einen Empfang bereitet.

Später erzählte jemand, dass der 6. Juli ein Nationalfeiertag sei, weil an dem Tag im Jahr 1253 König Mindaugas gekrönt worden sei. Das halte ich allerdings für ein Gerücht, denn wieso sollte etwas, das so lange zurück liegt, noch immer betanzt und besungen werden? Außerdem ist Litauen gar kein Königreich.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Eine Postkarte aus Trakai

  1. Pingback: A Postcard from Trakai | The Happy Hermit

  2. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    Schoene visuelle Postkarte mit Reigen und so…aber bei so viel Feiertagen war bestimmt auch eins der Nationalgetraenke ,Suktinis,Midus oder der beruehmte Trakai dabei…(leider kein Zeichen fuer Augenzwinkern dabei…nur smile)

    • Andreas Moser schreibt:

      So tief bin ich da nicht eingestiegen, weil ich damals noch keinen Alkohol trank.

      In dem Jahr in Vilnius hatte ich ziemlich viele Gäste über Couchsurfing, die meisten von ihnen aus dem Baltikum, aus Polen und aus Belarus. Fast jeder brachte ein Fläschchen Alkohol mit. Ich habe diese dann auf meinen eigenen Reisen an Couchsurfing-Gastgeber weiterverteilt.
      Jetzt würde ich es alles zumindest probieren.

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