Filmkritik: „Eden“

Deutsche sind schlechte Nachbarn.

Ich meine damit gar nicht mal die Weltgeschichte, obwohl Polen und Belgier und viele andere Völker dazu einiges zu sagen hätten. Ich meine das Privatleben unserer lieben Reichs-, Bundes-, Mit- und Spießbürger. In keinem anderen Land der Welt zicken sich die Menschen so kleinlich wegen fallenden Laubes, wegen Grillen am Balkon, wegen Rasenmähen nach 18:30 Uhr, wegen Rauchen im Garten, wegen Zäunen und Hecken und neuerdings wegen Überwachungskameras. Ich kenne auch kein anderes Land der Welt, wo in jeder Buchhandlung Ratgeber dafür feilgeboten werden, wie man seine Nachbarn verklagt.

Erst kürzlich entschied der Bundesgerichtshof – nach vorherigen Verfahren am Landgericht und am Oberlandesgericht – über eine Hecke. Ein 19-seitiges Urteil, gefällt durch fünf allesamt höchstqualifizierte und promovierte Richter. „Im Namen des Volkes“ wird da schon in der dritten Instanz über Hecken und Solitärgewächse schwadroniert und das Verfahren nicht beendet, sondern zur erneuten Entscheidung an das Oberlandesgericht zurückverwiesen. (Ganz ehrlich, als Rechtsanwalt frage ich mich, warum man solche Fälle überhaupt annimmt.)

Der Hass auf die Nachbarn erklärt die deutsche Vorliebe für Wohnmobile, Westernfilme und einsame Inseln. Vor der Wahl zwischen diesen drei Weltfluchten standen 1929 auch der deutsche Zahnarzt Friedrich Ritter sowie seine Freundin Dore Strauch. Weil sie weder einen Führerschein noch einen Farbfernseher hatten (es war mal wieder Weltwirtschaftskrise), blieb nur die Insel.

Die Zivilisationsflucht war damals groß in Mode. Obwohl es keine organisierte Bewegung war, sondern jeder Robinson sein eigenes Hühnersüppchen kochte, mit Versatzstücken von Vegetarismus bis germanischem Überlegenheitsgetue, von Anthroposophie bis Antisemitismus, von Esoterik bis Erotik, kennt man das ganze Amalgam unter dem Stichwort „Lebensreform“. (Regieanweisung: frenetischer Applaus des gebildeten Publikums für die zahnmedizinische Metapher.)

Ich hätte den beiden bessere Inseln empfehlen können (z.B. diese, diese oder diese), aber das abenteuerlustige Paar aus Berlin wollte wirklich weit weg und allein sein. Also ließen sie sich auf der Insel Floreana absetzen, die zum Galapagos-Archipel vor Ecuador gehört. Das ist, man kann es nicht milder ausdrücken, eine pottwalhässliche und ganz und gar garstige Insel.

Aber weil Herr Ritter und Frau Strauch (die übrigens in Berlin ihre jeweiligen Ehegatten zurückgelassen hatten) durch und durch deutsch waren, begannen sie mit dem Aufbau eines Schrebergartens. Sogar mit Gartenzaun, sicher ist sicher.

Alle paar Monate kam ein Schiff vorbei und nahm Post nach Deutschland mit, wo die Zeitungen und die Leserschaft die Geschichte von den deutschen Kolonisatoren genüsslich aufsogen. Deutschland hatte ja gerade erst sein gesamtes Weltkolonialreich im Ersten Weltkrieg verloren. Da tat es gut, wenn wenigstens irgendwo in der weiten Welt ein Deutscher über eine unbewohnte Insel herrschte.

Ritter wollte durch die Publicity eigentlich Ruhm, Ehre, Aufmerksamkeit und vor allem Bücher- und Zigarrensendungen bekommen. Stattdessen fand er ungebetene Nachahmer. Im Sommer 1932 kam das Ehepaar Heinz und Margret Wittmer mit Sohn auf die Insel. Sie ließen sich von einem Fischkutter absetzen, stiegen den Vulkan hinauf und klopften an die Gartenpforte.

Wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Familien genau entwickelte, das könnt Ihr jetzt im Kino sehen. Der Film „Eden“ bleibt eng an den tatsächlichen Ereignissen. Soweit sie uns bekannt sind.

Wie Ihr seht, passierte dann doch ein bisschen mehr als reine Kleingärtnerei.

Ihr könnt trotzdem weiterlesen, denn der Film bleibt spannend, selbst wenn man die Geschichte schon kennt. Ja, eigentlich fand ich den Film noch beeindruckender, gerade weil ich wusste, dass die Geschichte wahr ist und weil ich mich aus meiner Jugend natürlich noch an die alten Filmaufnahmen aus den 1930ern erinnerte.

Die nervige Tussi ist Ana de Armas, der ihr letzter Erfolg mit „No Time to Die“, wo sie nicht nur James Bond, sondern den ganzen Film rettete, anscheinend so zu Kopf stieg, dass sie im Herbst 1932 ebenfalls auf Floreana übersiedelte. Sie kam unter dem falschen Namen Baronin Eloise Wehrborn von Wagner-Bosquet, mit einem Diener, zwei Liebhabern sowie dem Plan, das teuerste Luxushotel der Welt auf der Insel zu errichten.

Total größenwahnsinnig hielt sie sich bald für die Königin, wenn nicht gar die Kaiserin der Insel. Auch das ist wieder so eine Sache, die man, wenn es die historischen Filmaufnahmen und Fotos nicht gäbe, wahrscheinlich überhaupt nicht glauben könnte.

Jedenfalls war spätestens mit diesem dritten Trupp der typische Nachbarschaftsstreit auch auf Floreana vollends angekommen: Streit ums Trinkwasser. Zank um die Lebensmittel. Zu viele Partys. Zu lauter Sex. Nicht angeleinte Hunde. Keine Mülltrennung. Klatsch und Tratsch. Mord und Totschlag.

Ich verrate nur so viel: Nicht alle Menschen verlassen die Insel lebendig. Von manchen, die die Insel verlassen, hat man nie mehr etwas gehört. Es ist einigermaßen überraschend, welche der drei Gruppen sich durchsetzt – und am Ende tatsächlich ein Hotel baut.

„Na, den beiden anderen Damen habe ich es aber gezeigt!“

Ein wuchtiger Film. Ein imposanter Film. Sehenswert.

Und nachdem ich all das gefährliche Getier auf den Galapagos-Inseln gesehen habe, bin ich noch einmal froh, dass ich mich während meiner Südamerika-Reise stattdessen für die Osterinsel entschieden habe. Obwohl dort auch eine grausame Mordserie wütete.

Links:

  • Wer sich für deutsche Aussteiger auf fernen Inseln im Rahmen der Lebensreform-Bewegung interessiert, dem sei das Buch „Imperium“ von Christian Kracht empfohlen.
  • Über die Lebensreform-Bewegung findet noch bis zum 10. August 2025 eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn statt.
  • Weitere Filmempfehlungen.
  • Und wenn ich irgendwann dazu komme, über meine Reisen nach Vilcabamba, Cuenca und im Cajas-Nationalpark zu schreiben, dann gibt es hier mehr Berichte aus Ecuador.

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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6 Responses to Filmkritik: „Eden“

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Um die halbe Welt schippern für ein Elend, das man im Tessin oder wahrscheinlich auch im ziemlich frischen Wuppertal genauso hätte haben können.

  2. Noch ein Video zum Thema „Nachbarschaftsstreit“:

  3. Ein paar Jahre später, im Jahr 1937, kamen vier Brüder aus Hamburg auf eine andere Galapagos-Insel, nachdem sie vor den Nazis und dem Wehrdienst in Deutschland geflohen waren: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-brueder-angermeyer-galapagos-100.html

  4. Avatar von Hildchen Hildchen sagt:

    Wie bitter ironisch das Schicksal manchmal spielt: Ritter erhofft sich Ruhm, Anerkennung – und als kleine Belohnung des Exils sogar Bücher und Zigarren. Stattdessen brachte die Publicity nicht die ersehnte Einsamkeit mit Annehmlichkeiten, sondern neue Gesichter, neue Erwartungen, ungebetene Nachahmer.

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