Aribert Heim, 1914-1992

Nun ist er also vom Landgericht Baden-Baden rückwirkend auf 1992 für tot erklärt worden, einer der meistgesuchten Naziverbrecher: Aribert Heim, der in der deutschen Presse mit der übertriebenen Ehrfurcht vor akademischen Berufen noch immer als „KZ-Arzt“ bezeichnet wird, obwohl er im KZ Mauthausen nun wahrlich nicht als Arzt tätig war, sondern genau wie alle anderen als sadistischer KZ-Mörder.

Aribert Heims Leben ist unter anderem ein Beleg dafür, daß

  • ein Medizinstudium und eine Promotion keinen besseren Menschen hervorbringen,
  • die Nationalsozialisten auch unter „Gebildeten“ regen, freiwilligen und frühen Zulauf hatten,
  • sogar hundertfache Mörder in herausgehobener Stellung im Entnazifizierungsverfahren nichts zu befürchten hatten,
  • man als hundertfacher Mörder in der Bundesrepublik Deutschland unbehelligt von 1949 bis 1962 als Arzt tätig sein konnte, ohne daß auch nur ein einziges Mal jemand fragte „Was haben Sie eigentlich im Krieg gemacht?“,
  • oder daß selbst die ehrliche Antwort auf diese Frage die meisten Bundesbürger nicht gestört hätte,
  • daß trotz Ermittlungen gegen Heim in Österreich seit 1948 und trotz zweier österreichischer Haftbefehle dieser in Deutschland nie behelligt wurde,
  • und stattdessen 1956 die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt.

Erst 1961 griff die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludgwigsburg [bei der ein sehr interessantes Praktikum zu absolvieren ich während meines Jurastudiums die Ehre hatte] den Fall auf, koordinierte die Ermittlungen mit den österreichischen Behörden und erwirkte im September 1962 einen Haftbefehl gegen Aribert Heim.

Aber auch danach entwickelt sich der Fall genauso wie die anderer gesuchter Naziverbrecher:

  • Just am Tag nach Erlaß des Haftbefehls verschwindet Aribert Heim. Welch ein zeitlicher Zufall.
  • Heim floh durch Europa und Afrika bis nach Ägypten, anscheinend unbehelligt von jeglicher Grenzkontrolle. Das Unterstützernetzwerk war intakt und gut aufgestellt.
  • Aribert Heim trat zum Islam über und mußte seinen Antisemitismus in Ägypten praktischerweise nicht einmal verbergen. Es ist kein Zufall, daß viele Alt-Nazis in arabischen Staaten Zuflucht fanden, die das Projekt der Judenbekämpfung fast ohne Unterbrechung fortsetzten. [Zur Zusammenarbeit zwischen Nazis und Palästinensern habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben.]
  • Eine Belohnung für die Ergreifung Heims wurde von Deutschland erst 1995, von Österreich erst 2007 ausgelobt. Viel zu spät, wie wir jetzt wissen.

Der schonende Umgang mit den Naziverbrechern war der größte Geburtsfehler der Bundesrepublik Deutschland. Die aktuellen täglichen Enthüllungen der NSU-Untersuchungsausschüsse zeigen, daß ein Lerneffekt noch nicht eingetreten ist.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Aribert Heim, 1914-1992

  1. milos schreibt:

    „die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludgwigsburg [bei der ein sehr interessantes Praktikum zu absolvieren ich während meines Jurastudiums die Ehre hatte“

    War das noch bei Willi Dreßen? Von ihm hatte ich einmal einen interessanten Vortrag gehört in der Zentralen Stelle. Mglweise kennst du noch nicht die historische Dissertation (oder Habil.) über die Anänge der Stelle:
    http://d-nb.info/98853343X
    Sie zeigt deutlich, wie den Ermittlern Steine in den Weg gelegt wurden bzw. Ermittlungen dezidiert hintertrieben wurden durch Justizverwaltung und Auswärtiges Amt, und dies bis Ende der 1960er Jahre!

    • Andreas Moser schreibt:

      Genau zu der Zeit war das. Ich war 1997 in Ludwigsburg. Es war eine sehr interessante Erfahrung, aber auch eine grausame Erfahrung aufgrund der Augenzeugendokumente aus Konzentrationslagern und von Massenerschießungen, die ich dort sichtete und zusammenfaßte. Es war eigentlich mehr historische als juristische Tätigkeit, aber dadurch umso spannender.
      Die Staatsanwälte und Richter in der Zentralen Stelle waren ein kleiner Haufen von Idealisten, die sich allesamt bewußt waren, daß der Rest der Justiz (und der Republik) sich frägt, „wann denn endlich mal Schluß damit sein solle“. Die in Ludwigsburg tätigen Juristen waren eine willkommene Abwechslung zu den Schmalspurjuristen mit Scheuklappen, die mir oft auf anderen Stationen meiner unterschiedlichen juristischen Tätigkeiten begegnet sind.

      • milos schreibt:

        1997- Dann hast du eventuell ja auch die Gründung des Fördervereins mitbekommen (die damals von meinem ehemaligem Geschichtslehrer forciert wurde). Der Aktenbestand sollte in dieser Zeit vom Bundesarchiv übernommen werden, mit der Gefahr im Bestand in Koblenz zu ‚verschwinden‘. Als Kompromiss wurde schließlich in Ludwigsburg eine Bundesarchivaußenstelle eingerichtet, die die Akten mit den Zeitgeschichtlern aus Stuttgart und München erschließt.
        Den größten Respekt habe ich vor den Mitarbeitern in den Anfangsjahren. Es gab ja nicht nur die – nennen wir es mal ‚mangelnde Unterstützung‘ durch die Bürokratie, sondrn auch offene Ablehnung in der Stadt (Wohnungen wurden nicht vermietet, Schwierigkeiten bei Taxifahrten etc.). Eine Abordnung nach Ludwigsburg war zudem kein Karrieresprung. In diesem Umfeld nicht zu resignieren zeugt schon von Charakterstärke.

  2. Christoph schreibt:

    Traurig zu sehen, wie sich die Vergangenheit im Zuge der NSU-Enthüllungen widerspiegelt.

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