Grutas-Park – ein Museum für Geschichtsverfälschung

Der Grūtas-Park ist ein Park mit sowjetischen Denkmälern sowie ein Museum über die sowjetische Besatzung Litauens. Ich spazierte von Druskininkai im Süden Litauens los, um die 8 km zu dem Park durch den schneebedeckten Wald und über zugefrorene Seen zurückzulegen, wobei ich mich nur ein bisschen verlief.

Grutas Park watchtower trainBeim Grūtas-Park angekommen entdeckte ich, dass es sich weniger um ein organisiertes Museum als vielmehr um ein Sammelsurium von Relikten aus der Zeit der Sowjetunion handelt, von den großen Statuen, die den Park dominieren, bis zu Büchern und Postern. Mit der Stacheldrahtumzäunung und den Gulag-ähnlichen Wachtürmen soll wohl das Gefühl eines sowjetischen Arbeitslagers nachempfunden werden, aber mit Kinderspielplätzen und Souvenirläden auf dem Areal klappt das nicht so ganz.

Beim Spaziergang durch den Park trifft man auf die bekannten Gesichter des Kommunismus: Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Lenin, Josef Stalin plus einige mir bis dahin unbekannte litauische Kommunisten sowie natürlich die obligatorischen Pioniere und stolze und starke Arbeiterbrigaden.

Grutas Park Stalin

Grutas Park Lenin

Grutas Park mosaic pioneers

Grutas Park Soviet soldier

Grutas Park colourful window

Als ich die Beschreibungen und Zusammenfassungen vor den jeweiligen Ausstellungsstücken studierte, begann ich zu bemerken, dass ich ohne vorheriges Wissen von der Geschichte des 20. Jahrhunderts den Eindruck gewinnen würde, wie wenn Litauen immer eine unabhängige Nation gewesen sei, die von der Sowjetunion 1940 hinterrücks überfallen wurde, dass zwischen 1941 und 1944 gar nichts geschah und dass die Sowjetunion 1944 komischerweise erneut Litauen überfiel und das gesamte Volk versklavte. Unter den Litauern gab es keine Kommunisten. Diejenigen, die doch Kommunisten waren, waren Verräter. Oder Juden, was anscheinend inkompatibel mit dem Litauersein ist.

Die Tafel über die “Sowjetischen Partisanen im Untergrund” erklärt zum Beispiel wie diese von Moskau kontrolliert wurden, wie brutal sie waren und dass diese Gruppen aus “sowjetischen Aktivisten, Rotarmisten, entflohenen Kriegsgefangenen und einzelnen Bewohnern Litauens (überwiegend jüdischer Nationalität)” bestanden – wie wenn Juden in Litauen nicht auch litauische Bürger gewesen wären und unter Verkennung des Unterschieds zwischen Religion und Nationalität. Die Partisanen werden als „Saboteure“ beschrieben – aber nirgendwo in dem längeren Text wird auch nur einmal erwähnt, gegen wen sie eigentlich kämpften.Grutas Park Soviet partisans Ihre Gegner waren natürlich Nazi-Deutschland, die Wehrmacht und die SS. Die wenigen Juden, die den Ghettos und Konzentrationslagern lebend entkommen konnten und dann zu den Waffen griffen, um die Nazis in Osteuropa zu bekämpfen, sind in meinen Augen Helden, aber von den Machern von Grūtas-Park werden sie zu bedrohlichen Monstern stilisiert. (Jedem der mehr über die sowjetischen Partisanen erfahren möchte, empfehle ich das Buch “Wann, wenn nicht jetzt?” von Primo Levi.) Kein Wort über die eigentlichen jüdischen Widerstandsgruppen wie die „Fareinikte Partisaner Organisatzije“.

Eine sehr merkwürdige Wiedergabe der Geschichte. Ich fand es bemerkenswert, dass die Zeit zwischen 1941 und 1944 fast immer ganz unerwähnt blieb oder nur kurz gestreift wurde, wie wenn zwischen den beiden sowjetischen Vormärschen auf Litauen nichts Wichtiges passiert wäre. Aber genau in diesen Jahren tobte hier der Zweite Weltkrieg.

Der wahre Ablauf der Ereignisse war der, dass sich im beginnenden 20. Jahrhundert wie überall in Europa auch in Litauen manche Menschen mit der Idee des Sozialismus identifizierten. Von 1918 bis 1919 war Litauen sogar kurzzeitig eine Sozialistische Sowjetrepublik. 1920 erkannte die Sowjetunion unter Lenin dann die litauische Unabhängigkeit an. Um Vilnius wurde jedoch noch immer zwischen der Sowjetunion, Litauen und Polen gestritten und gekämpft. Von 1926 an herrschte in Litauen ein autoritäres, nationalistisches Regime, das sich an die Macht geputscht hatte. Die Sowjetunion und Deutschland vereinbarten durch den Hitler-Stalin-Pakt bekanntermaßen die Aufteilung Osteuropas, wobei der Großteil Litauens, mit Ausnahme der Küstenregion um Klaipeda, an die Sowjetunion fiel, die Litauen dann 1940 militärisch annektierte.

1941 brach Deutschland den Pakt, griff die Sowjetunion an und besetzte Litauen. Sofort wurde auch im Baltikum der Holocaust durchgeführt, wobei 90% der Juden, die vor dem Krieg in Litauen gelebt hatten, ermordet wurden, oft mit Hilfe der örtlichen litauischen Bevölkerung (etwas, worüber man im Grūtas-Park kein Wort liest). Es folgte der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Als die Rote Armee 1944 auf das heutige litauische Gebiet vorrückte, griff sie nicht Litauen an, weil Litauen als Staat nicht mehr existierte. Die Sowjetunion führte Krieg gegen Nazi-Deutschland, das diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatte und einen Völkermord verübte. Nach den Informationen auf der oben erwähnten Tafel, dass „die einheimische Bevölkerung die sowjetischen Partisanen nicht unterstützte“, zogen die Litauer in den 1940er Jahren die Nazis also der Sowjetunion vor, was wesentlich mehr über die Bevölkerung Litauens in jener Zeit als über die Partisanen aussagt.

Eines der bekanntesten litauischen Bücher ist “Der Wald der Götter” (Dievų miškasvon Balys Sruoga, der nach der deutschen Besetzung Litauens zwei Jahre im KZ Stutthof verbringen mußte. Auf den letzten Seiten des Buches wird er auf einem der Todesmärsche, mit denen die Nazis die Konzentrationslager vor der nahenden Sowjetarmee evakuierten, zurückgelassen, um an körperlicher Schwäche, Hunger und Kälte zu sterben. Balys Sruoga erkennt erst, dass er überleben wird, als er das Rollen der Panzer hört. Sowjetischer Panzer.

Ich habe keine Absicht, die Brutalität und die Unterdrückung der Sowjetunion herunterzuspielen, aber um das Entstehen von nationalen Mythen zu verhindern, müssen Ereignisse schon in den Kontext gesetzt werden. Falls man natürlich überhaupt Interesse hat, solche nationalen Mythen zu verhindern. Osteuropa hat im 20. Jahrhundert entsetzlich an seiner geographischen Lage zwischen Deutschland und der Sowjetunion gelitten. Das will niemand bestreiten. Aber sich selbst als Opfer der sowjetischen Besatzung zu sehen, dafür in Gänze anderen Nationalitäten und Religionen die Schuld zu geben und sich gleichzeitig zu weigern, die Mitwirkung der eigenen Nation an Nationalismus, Antisemitismus und am Holocaust anzuerkennen, stellt keinen fruchtbaren Umgang mit der eigenen Geschichte dar. Es ist nicht einmal die Wahrheit.

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Fotografie, Geschichte, Holocaust, Litauen, Militär, Reisen, Russland abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Grutas-Park – ein Museum für Geschichtsverfälschung

  1. Pingback: Grutas Park – a Museum of Falsification of History | The Happy Hermit

  2. Pingback: Wie soll man sich da nicht verlaufen? | Der reisende Reporter

  3. Linda schreibt:

    Wie heißt es doch? Geschichte wird von den Siegern geschrieben… Danke für die Aufklärung.

  4. Sven schreibt:

    Danke für den Bericht, das sieht mal nach einem echt abgefahrenen Ort aus. Gleich notiert, für den Fall, dass ich mal nach Litauen komme… 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Die haben dort die kommunistischen Statuen aus dem ganzen Land zusammengesammelt. Wenn man durch den Wald spaziert, trifft man also zehnmal auf Stalin und fünfzehnmal auf Lenin.

      • Sven schreibt:

        Ich denke, solche Denkmale aus ihrer Umgebung gerissen und mitten in die Natur gestellt, haben schon eine besondere Ästhetik. Stelle mir das ein bisschen wie das Ende vom Planet der Affen vor, wo sie den Kopf der Freiheitsstatue am Strand entdecken.

      • Andreas Moser schreibt:

        Das ist ein guter Vergleich. 🙂

      • Jurij Below schreibt:

        Lieber Andreas,
        zunächst bedanke ich mich bei Ihnen für Information über Grūtas Park (das ist schon allein deswegen lesenswert. Nun die Geschichte – Es scheint so, dass Sie wollen nicht sich etwas verdächtig machen wegen des Holocaust und immer noch wie Hof-Historiker
        sprechen neben den „hinterrücks überfall“ von den Sowjets und den „Nazi-Deutschland“
        Heutige russischer Historiker, nicht mehr von der stalinistischen Verbrechen sprechen, sondern von Restauration des Kommunismus durch Putin sprechen. Sie haben ja ganz andere Vorstellungen über den „Nazis“ von Baltikum und auch Deutschlands. Denn wenn man die Zeitungen der 30-er Jahren ließt findet dort genug Information – wer wollte Deutschland vernichten. Inzwischen auch russische Autoren denn sog. Überfall auf die Sowjetunion in Frage gestellt. Aber man vergisst, dass den Gulag vor, während und lange nach des Holocaust – 120 Millionen Menschen in der UdSSR durch Terror vernichtet. Nun lesen wir von Elie Wiesel, dass den Holocaust sollte das „größte Verbrechen der Geschichte sein“. Da ich selbst 16 Jahre im Gulag verbracht habe beste Gulagsfreunden gehabt nur aus der Ukraine und Baltikum. Es waren dort in KZ-System auf ersten Platz die Ukrainer (40 %), Letten, Litauer und Esten (30%) Juden (20 %) und der Rest Russen, Kaukasier und Mittelasier. Wenn Sie künftig über diese Dingen berichten – dann bitte nicht so. Ich hätte gern entweder unpolitischen Darstellungen, noch politische mit schwerer Munition der Lügen lesen. Aber bitte nicht böse sein. Sie sind nicht soweit gekommen mit der Sachen des „Anti-Semitismus“, „Nationalismus“ und „Holocaust“ usw.. – darüber uns informieren in den Medien tagtäglich – bis zu Balken biegen.
        Ich wünsche Ihnen weiteren Reisen und insbesondere in die Russische Föderation, nur dort können sie Lenins Monumente nicht in einem Wald zu suchen, sondern überall und vor allem am Kommunisten Friedhof an den Kremlmauer: Stalin, Dzerschinski, Lenin zu entdecken, als nichts geschehen.
        Bleiben Sie gesund und selig
        Jurij Below, Frankfurt/M.

  5. AMC schreibt:

    Ein sehr gutes Buch über Litauen ist „Tal der Issa“ von Czeslaw Milosz

  6. kuechlerde@yahoo.de schreibt:

    Alles hat 2 Seiten. Man sollte doch in der Geschichte ein wenig zurückgehen, um vieles zu verstehen. Mit der Aufteilung Polens zwischen den Habsburgern, Hohenzollern und dem russischen Zaren im 18. Jh. hat Rußland auch Litauen bekommen. Die Bevölkerung wurde nicht gefragt, wie auch zum Hitler-Stalinpakt nicht und wie auch nach 1945 nicht. Die Anexion von 1/4 des Landes samt Hauptstadt Vilnius durch Polen Anfang der 20er Jahre ist nach wie vor nicht vergessen. Bis Mitte der 50er Jahre kämpften litauische und lettische Partisanen in den Wäldern gegen die Sowjets. Natürlich sind die Verbrechen des 2. Weltkrieges durch Deutsche geschehen. Jedoch war der Antisemitismus auch in Litauen weit verbreitet und auch eine beachtliche Zahl von Litauern war in der SS zu finden. Nach 1945 wurde eine halbe Millionen Litauer von den Sowjets nach Sibirien verschleppt und viele überlebten dies nicht. Die Aversion der meisten Litauer gegen die Russen ist sehr groß und man erzählte mir 1979 in Vilnius voll Stolz, daß die Universität in Vilnius die einzige in der Sowjetunion sei, in der die Lehrtätigkeit nicht in Russisch erfolgen würde. Dagegen gibt es im Bewußtsein der meisten Litauer keine Untaten Deutscher im 2. Weltkrieg. Sie werden einfach ausgeklinkt. Mir hat im Jahre 1981 in Klaipeda (Memel) ein junger Litauer gesagt: „Hitler hat uns mit dem Hitler-Stalinpakt unsere Hauptstadt Vilnius wiedergegeben, wofür wir Litauer dankbar sind.“
    Den Denkmalen, die der „Pfifferlingkönig“ gesammelt und bei Grutas aufgestellt hat, drohte nach 1991 die Vernichtung. Es ist nur ein Bruchteil dessen, was es zu Sowjetzeiten allein in Litauen gab. Ich finde es es zumindest gut, daß in Grutas eine Erinnerung an die Sowjetzeit erfolgt. Man kann natürlich über jede Präsentation streiten, auch über Museen in Deutschland und auch über manchen Rummel, der auch in Deutschland an vielen Stellen gemacht wird.

  7. Pingback: Lottolokomotive | Der reisende Reporter

  8. Pingback: Kaunas: Europäische Kulturhauptstadt 2022 | Der reisende Reporter

Hier ist Platz für Kommentare, Fragen, Kritik:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s