Eine Postkarte an mich selbst

Jeden Tag laufe ich aufgeregt die Treppe zum Briefkasten hinunter, den ich mit freudiger Erwartung auf Postkarten aus aller Welt aufsperre.

Jeden Tag enthält er jedoch  nichts außer einer neuen Enttäuschung. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Postkarte erhalten habe. Wahrscheinlich irgendwann im letzten Jahrtausend.

Als ich in Montenegro war, unternahm ich deshalb das verzweifeltste Unterfangen, das ein Mensch eingehen kann: Ich schickte mir selbst eine Postkarte. Es war an meinem letzten Tag. Ich war gerade von der Festung von Kotor zurückgekommen und hatte eine Ausstellung über Jan Karski besucht, bevor ich mich zum Erwerb einer Postkarte durchrang, diese mit einer kurzen Nachricht an mich selbst verzierte, zum kleinen Postamt in Kotor ging und hoffte, dass das Mädchen am Schalter nichts Auffälliges bemerken würde.

postcard1postcard2Als nur wenige Tage danach die Postkarte in meinem Zuhause in Târgu Mureș (bzw. Neumarkt am Mieresch auf Deutsch) in Rumänien eintraf, war ich höchst erfreut und beglückt über die positiven und freundlichen Worte, die ich mir selbst und meiner Reise gegönnt hatte. Endlich hatte mal jemand an mich gedacht. – Zurückblickend bin ich allerdings verwirrt darüber, dass ein deutscher Muttersprachler sich sebst auf Englisch schreibt.

Ich übersah jedoch nicht, dass der Herr auf den Briefmarken sich zu fragen scheint: „Was macht dieser Verrückte da?“ Den Briefmarken könnt Ihr übrigens auch entnehmen, dass Montenegro – wie der Kosovo – den Euro als offizielles Zahlungsmittel verwendet, ohne Mitglied der EU oder der Eurozone zu sein. Hier kann sich Griechenland vielleicht mal Rat holen.

(To the English version.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Eine Postkarte an mich selbst

  1. Pingback: Sad Things (15) Postcard to myself | The Happy Hermit

  2. eimaeckel schreibt:

    Die Postkarte ist fantastisch, von vorne und hinten, und stärkt mein Fernweh. Ob es, bis nach Montenegro komme, dort noch Postkarten gibt, und ob ich, wenn ich dort bin, auch so freundliche Worte an mich selbst finde, bleibt zu hoffen.
    Ich lese deine Reiseberichte sehr gerne.
    Rolf

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Rolf,
      vielen Dank!

      Ich muss zugeben, mir ist noch immer ein bisschen peinlich, wie einsam und verzweifelt ich damals anscheinend war. Seither habe ich jedenfalls keine Postkarte von mir selbst mehr bekommen.

      Ich glaube, in Kotor und in Perast wird es noch Postkarten geben. Das sind doch sehr touristische Orte, nach Kotor kommen im Sommer sogar jeden Tag ein paar Kreuzfahrtschiffe.
      Aber im Rest von Montenegro könnte es düster aussehen.

      Letzten Sommer war ich in Rumänien und habe verzweifelt Postkarten gesucht. Bei schloss Bran gibt es sicher welche, aber ich war halt in ganz normalen Städten, ohne Vampirschmu. Von Laden zu Laden bin ich gegangen, überall ungläubige Nachfragen. Jüngere Ladenangestellte wissen gar nicht mehr, was Postkarten sind/waren!
      In Satu Mare wurde ich dann schließlich bei der Tourismus-Information fündig. Die hatten noch alte Postkarten aus den 1980ern, wo ganz stolz das Brutalismus-Beton-Kreisverwaltungsgebäude abgebildet war. Ein toller Fund!

      Aber mittlerweile gibt es sogar UNESCO-Weltkulturerbestätten, an denen es keine Postkarten gibt.
      So erlebt in Bolivien, wo ich dann schließlich in einem Schreibwarengeschäft ganz alte Schätze erwarb:
      https://andreas-moser.blog/2016/03/16/alte-postkarten/

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