Nächste Reise: Moldawien und Transnistrien

Am 6. Juli ist mein Geburtstag. Rein mathematisch werde ich dann 40 Jahre alt.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, dieses Ereignis hinauszuzögern oder gar zu verhindern, ist mir dank meiner juristischen Bildung, meiner Spezialisierung im Völkerrecht und meiner Kreativität ein beeindruckender Lösungsansatz in den Sinn gekommen: Das Ablaufen des 40. Jahrestages meiner Geburt wird rechtlich bedeutungslos sein, wenn ich diesen Tag in einem Staat verbringe, der von niemandem auf der Welt anerkannt wird. Das ist das juristische Äquivalent zur biologischen Lösung des Sich-Einfrieren-Lassens (nicht umsonst spricht man von „eingefrorenen Konflikten“).

Moldau-Transnistrien-KarteVon meinem jetzigen Wohnort in Rumänien ist es gar nicht mal so weit bis zum nächsten nicht anerkannten Staat. Mal schnell durch die Moldaurepublik Moldawien und schon ist man in der Pridnestrowischen Moldauischen Republik, kurz Transnistrien.

Ganz kurz und vereinfacht: Noch im Endstadium der Sowjetunion 1990 erklärte Transnistrien die Unabhängigkeit von Moldawien, einer der früheren Sowjetrepubliken, mit dem Ziel, eine eigenständige Republik innerhalb der UdSSR zu werden. Im August 1991 war der Zerfall der Sowjetunion aber nicht mehr aufzuhalten. Moldawien erklärte die Unabhängigkeit von der Sowjetunion, Transnistrien erklärte die Unabhängigkeit von beiden. Mit Unterstützung Rumäniens versuchte die moldawische Armee 1992, Transnistrien zu erobern. Da die Grenze zwischen beiden Gebieten ziemlich genau entlang dem Fluss Dnestr (der dem sezessionistischen Teil seinen Namen gibt) verläuft, war Transnistrien gut zu verteidigen. Nach 5 Monaten Krieg und etwa 1000 Toten gab es deshalb einen Waffenstillstand; an der Grenzziehung hatte sich weitgehend nichts verändert.

Und so blieb es dann, mittlerweile seit 23 Jahren. Moldawien erkennt die Unabhängigkeit Transnistriens offiziell nicht an, unternimmt aber keine Versuche zur militärischen Eroberung. Transnistrien ist faktisch unabhängig, mit allen Merkmalen eines Staates. 2014 stellte das Gebiet einen bisher nicht beantworteten Antrag auf Aufnahme durch Russland. Die russischen Truppen wären schon im Land, praktischer- oder bedrohlicher- je nach Sichtweise an der ukrainischen Westgrenze, denn sie haben es irgendwie verpaßt, nach dem Zerfall der Sowjetunion abzuziehen.

tiraspol tank

Seither ist Transnistrien als der Staat bekannt, der noch am meisten an die Sowjetunion erinnert. Hammer und Sichel zieren die Flagge, der Geheimdienst heißt noch KGB, und die E-Mail meines Gastgebers in Tiraspol begann mit den Worten „Hallo Genosse“. Die Unterkunft liegt in der Lenin-Straße, Ecke Karl-Marx-Straße. Steht mir eine Zeitreise in die Vergangenheit bevor?

transnistria flag

Nach ein paar Tagen in Transnistrien werde ich mich natürlich auch in Moldawien umsehen und umhören, hauptsächlich in der Hauptstadt Chișinău. Das Land scheint ziemlich gespalten zu sein zwischen denen, die nach Europa streben (entweder durch eine Vereinigung mit Rumänien oder einen Beitritt zur EU) und denen, die die Nähe Russlands suchen. Beste Voraussetzungen für interessante Gespräche und neue Erkenntnisse.

chisinau protestAuf dem Rückweg nach Hause bleibe ich noch einen Tag in Iași in Rumänien.

Wenn das mit dem Verhindern des Älterwerdens funktioniert, werde ich daraus wahrscheinlich ein Geschäftsmodell entwickeln und derartige Reisen auch für Euch anbieten.

(To the English version of this travel announcement.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Nächste Reise: Moldawien und Transnistrien

  1. Pingback: Next trip: Moldova and Transnistria | The Happy Hermit

  2. Sergej Feldmann schreibt:

    Hallo.

    Es freut mich immer sehr, dass sich noch jemand für mein Heimatland interessiert.

    Leider stimmt nicht alles was Sie schreiben. Transnistrien hat nur dann die Unabhängigkeit erklärt, als Moldawien russische Sprache beinahe verboten hat und sich mit Rumänien vereinigen wollte. Außerdem ist die 14. Russische Armee nicht schon immer dort stationiert gewesen, sondern erst nach dem Waffenstillstand als Friedenstruppe. Die wäre schon längst weg, nur ging die Bevölkerung früher immer auf Barrikaden.

    Gruß
    Sergej Feldmann

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Sergej,

      vielen Dank! Ich weiß, ich habe es extrem vereinfacht und verkürzt (sonst liest es gar niemand). Dabei ist das mit den ethnischen/nationalistischen/linguistischen Auseinandersetzungen tatsächlich wichtig (nicht nur weil die Ukraine den sprachpolitischen Fehler wiederholt hat).

      Ich bin schon gespannt und neugierig, was ich in der kommenden Woche erleben und lernen werde.

      Bist Du in Transnistrien?

    • Sergej Feldmann schreibt:

      Hallo.

      Nein, ich lebe seit 20 Jahren in Deutschland. Bin ursprünglich aus Chişinău. Meine Großeltern stammen aus Transnistrien (Tiraspol und Ribniza). In Tiraspol bin ich auch schon gewesen zu Besuch. Ist gar nicht so schlimm wie man vorher meint. Ein Stadt wie jede andere (nur der GSM-Mobilfunk funktioniert dort nicht).
      Gruß Sergej Feldmann

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin schon freudig gespannt und werde dann in zwei Wochen berichten.

  3. AMC schreibt:

    Alles Gute zum Geburtstag wünsche ich Dir, weiterhin so viel Neugierde und Humor beim Erkunden der Vielfältigkeit, die die Erde zu bieten hat. Du bist für mich ein echter Reisender und kein Tourist.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen herzlichen Dank für diese überaus netten Worte!

      Ich habe meinen Geburtstag in Tiraspol verbracht. Ich hatte nichts Besonderes geplant, sondern saß am Abend im Park, um zu lesen und mir eine Zigarre zu gönnen, als mich zwei Jungs fragten, ob sie mit mir Englisch üben könnten. Wir unterhielten uns prächtig, und am Ende sangen sie mir ein Lied und spielten auf der Gitarre.
      Solche unplanbaren Überraschungen liebe ich auf Reisen!

  4. Pingback: Video-Blog: Geburtstagslied in Tiraspol | Der reisende Reporter

  5. Turkmenabashi schreibt:

    Eine Reise nach Transnistrien ist derzeit auch möglich, trotz Corona ist eine Ein- und Ausfahrt aus dem Land/Gebiet in beide Richtungen (Ukraine und Moldawien) möglich.
    Nach einem COVID-Test wurde ich am Landweg (!) weder von den ukrainischen Behörden, transnistrischen oder moldawischen Behörden gefragt. Ich habe den Test zwar gehabt aber kein Mensch hat sich dafür interessiert. An den Flughäfen wurde definitiv nach Corona-Tests gefragt.

    Sollte man aus der Ukraine (z.B. aus Odessa) nach Transnistrien einreisen und von dort aus später nach Moldawien weiter reisen, sollte man folgendes beachten:
    – Bei der Einreise an der Ukrainisch-Transnistrischen Grenze bekommt man am ukrainischen Grenzübergang den Ausreisestempel und dann am Checkpoint bei der transnistrischen Grenze von den transnistrischen Behörden einen kleinen Einreise-Zettel ausgedruckt, den man nicht verlieren sollte.
    – Die Grenzbeamten am transnistrischen Checkpoint fragen den Grund der Einreise (= Tourismus) und nach dem Aufenthaltsort dort (finden Sie ein Hotel und teilen Sie dem Grenzbeamten die Adresse des Hotels mit, z.B. Hotel Rossija in Tiraspol als Beispiel, siehe Booking.com etc.), danach bekommen Sie ihren Einreise-Zettel.
    – Dieser Zettel wird dann bei der Ausreise aus Transnistrien von den Grenzbeamten wieder weg genommen. Ich habe den Zettel vorsichtshalber zuvor fotografiert, um einen Beweis zu haben falls jemand danach fragt.
    – Reist man anschließend von Transnistrien nach Moldawien ein, bekommt man an der Transnistrisch-Moldawischen Grenze KEINEN Einreisestempel nach Moldawien in den Pass.
    Das ist ein Problem, wenn man wieder aus Moldawien ausreisen will, da die moldawischen Grenzbeamten bei der Ausreise (egal ob am Landweg oder per Flugzeug) nach dem moldawischen Einreise-Stempel fragen.
    – Die Lösung dieses Problems ist: Man muss nach der Einreise in Moldawien nach Chisinau zum „Bureau of Migration and Asylum“ (Adresse: Stefan cel Mare si Sfant Boulevard 124, Chsinau) gehen und dort in den 1.Stock links im Büro den Einreisestempel von einem Beamten holen. Ich habe den Einreise-Stempel auf einen kleinen Zettel bekommen. Diesen habe ich dann beim Flughafen bei meiner Ausreise gezeigt und mir wurde letztendlich ein Ausreisestempel in den Pass gegeben. Da die Grenzbeamten bei der Ausreise nach dem Einreisestempel gefragt haben, denke ich, dass ein fehlender Einreisestempel zu Probleme führen kann.
    Zu beachten ist, dass das Bureau of Migration and Asylum am Samstag kürzere Dienstzeiten hat und am Sonntag geschlossen ist.
    – Reist man von Moldawien nach Transnistrien und von Transnistrien in die Ukraine ist man von diesem Problem vermutlich nicht betroffen. Gleiches gilt für Reisen von Ukraine => Transnistrien => Ukraine ohne Betreten des moldawischen Staatsgebietes.
    – In Transnistrien gibt es eine eigene Währung, den Transnistrischen Rubel (PMR); 1€ entsprechen derzeit ca. 19 – 20PMR.
    Die PMR kann man NUR in Transnistrien wechseln! Weder in Moldawien oder in der Ukraine kann diese Währung (zurück)gewechselt werden, keine Wechselstube außerhalb Transnistriens wechselt PMR. Am besten man braucht einen großen Teil der Währung am Ende auf, damit man auf ihr nicht sitzen bleibt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, vielen Dank für diese ausführlichen und aktuellen Hinweise!!

      Seit Corona bin ich auch nur mehr auf dem Landweg unterwegs, weil ich gemerkt habe, dass man da oft gar nicht kontrolliert wird (obwohl ich auch immer Test und Anmeldung dabei habe, wenn erforderlich). Und wenn man mal einen Bus oder Zug verpasst, weil man einen Test nachholen muss oder so, sind die finanziellen Folgen meist weniger gravierend als wenn man einen Flug verpasst.

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