Tagesnotizen 8

  1. Ich verstehe nicht, wieso Supermärkte, übrigens überall auf der Welt, versuchen, mich zur Benutzung einer Greifzange zu zwingen, wenn ich ein paar Brötchen kaufen will.
  2. Die Geschichte der Infografiken in der Süddeutschen Zeitung hat doch glatt diejenigen von Alexander von Humboldt zu erwähnen vergessen. Da liest wohl jemand meinen Blog nicht aufmerksam.
  3. Das Buch Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf war übrigens das beste Sachbuch, das ich letztes Jahr gelesen habe.
  4. Ihr erinnert Euch noch an meinen Artikel über die längstmögliche Zugreise und dass diese Portugal beginnt? Eine befreundete Bloggerin war dort und hat den Zug gefunden: train-lagos
  5. Mein Vater verweist als Antwort auf meine Religionskritik immer auf die angeblich gute Arbeit katholischer Missionare. Dazu etwas über die Verwicklung der Katholischen Kirche in den Völkermord in Ruanda. Wenn sich der Vatikan schon zu einer Entschuldigung durchringt, weiß man, dass es schlimm gewesen sein muss.
  6. Im Römischen Reich galten Christen anfangs übrigens als Atheisten.
  7. Das gefährlichste Land, in dem ich je gelebt habe, ist wahrscheinlich Malta. Letztes Jahr explodierten mindestens drei Autobomben, etwas das mir nicht ganz unbekannt ist.
  8. Wenn man nach Malta fliegt, wünscht einem jeder eine „schöne Zeit!“ Wenn man dagegen in die Ukraine fährt, dreht jeder vor Angst durch, selbst wenn man 1000 km von der Front entfernt ist.
  9. Sogar Karl May war in Bolivien:karl-may
  10. Wenn man nach Jahrzehnten mal wieder einen Roman von Karl May, in diesem Fall In den Kordilleren, liest, wundert man sich zwar, wie man das als Kind für Weltliteratur halten konnte, aber man erkennt doch die treffsichere Methodik des Fließband-Bestseller-Autors. Es ist wie in James-Bond-Filmen; man weiß, dass am Ende alles gut ausgeht und dass der Held noch stärker, schneller, schlauer ist als in den vorangegangenen Folgen, aber dazwischen gibt es exotische Schauplätze, fremde Kulturen (wobei die Überlegenheit der eigenen immer durchscheint), Natur, Abenteuer und ein paar praktische Survival-Tipps.
  11. Beeindruckend gut getroffen – vor allem für einen Autor, der das alles in Sachsen schrieb – ist die Beschreibung des Chaco, der südamerikanischen Savanne.
  12. Interessant finde ich auch, wieviele historische Ereignisse Karl May in seinen Romanen verarbeitet hat. Kaum ein deutscher Leser dürfte von dem paraguayisch-argentinischem Krieg gehört haben, aber May recherchierte und verwendete authentische Namen, Daten und Schauplätze. Vielleicht als Absicherung gegen den erwarteten Vorwurf, niemals selbst in Südamerika gewesen zu sein?
  13. Wieviele Reiseblogs wohl ebenso geschrieben werden? Manchmal liest man Artikel und fragt sich, ob die Leute wirklich vor Ort waren.
  14. Wer einen Selfie-Stick verwendet, sieht dabei meist dämlich aus. Noch dämlicher aber sind Fotos, auf denen der Stick selbst zu sehen ist.
  15. Von dem Völkermord an den Hereros hat man mittlerweile, 100 Jahre zu spät, schon etwas gehört. Aber nun musste ich erfahren, dass auch in der deutschen Kolonie in Tansania Massaker verübt wurden.
  16. Ebenfalls neu war mir die Existenz der indisch-bangladeschischen Enklaven, eine Situation, die jetzt nach Jahrzehnten bereinigt wurde. Dort gab es die einzige Unterunterenklave der Welt, ein Stück Indien in einem Stück Bangladesch, das in einem Stück Indien lag, das wiederum in Bangladesch lag. Ein gutes Beispiel für die Zufälligkeit von Grenzen.
  17. Eine ähnlich komplizierte Situation gibt es in Baarle, das ziemlich wirr zwischen Begien und den Niederlanden geteilt ist.
  18. Dieser Podcast über Shackletons vergessene Rossmeer-Gruppe in der Antarktis war spannender als die meisten Romane oder Spielfilme. Stellt Euch das mal vor: Eure Aufgabe ist es, von einer Richtung zum Südpol zu marschieren, um dort auf eine Gruppe anderer Forschungsreisender zu stoßen. Die andere Gruppe kann die Expedition nicht beginnen, weil ihr Schiff sinkt (wobei sich alle Männer auf eine Insel retten können und Kapitän Shackleton in einem kleinen Rettungsboot 1500 km zurücklegt und anschließend in einem 36-stündigen Fußmarsch Südgeorgien durchquert, um Hilfe zu holen). Davon erfahrt Ihr aber nichts. Irgendwann merkt Ihr nur, dass die andere Gruppe nicht kommt, und wandert Hunderte von Kilometern zurück zum Ankerplatz Eures Schiffes. Das Schiff ist aber weg, vom Sturm fortgerissen. Was nun? Es ist erstaunlich, dass einige Mitglieder dieser Expedition die zwei Jahre (!) in der Antarktis überlebten, bis jemandem einfiel „hey, was wurde eigentlich aus den Männern, die am Südpol auf uns warten sollten?“ und ein Rettungsschiff entsandt wurde.depot-laying-ross-sea-960

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Tagesnotizen 8

  1. Jonas schreibt:

    Vielleicht möchte nicht jeder Brötchen essen, die zuvor von Menschen angegrapscht wurden, die sich womöglich nach dem Toilettengang nicht die Hände gewaschen haben.

    • Andreas Moser schreibt:

      Es geht doch um die Brötchen, die ICH kaufe.

      • morgi schreibt:

        Es gibt Menschen, die schauen sich die Brötchen an und legen sie dann zurück. Du weißt also nie, wer die Brötchen, die DU kaufst, angefasst hat.

      • Andreas Moser schreibt:

        Was muss man denn an Brötchen ansehen? Ich weiß, ich will vier, also nehme ich die ersten vier Stück, stecke die in meine Tasche, und bin wieder weg.
        Das bringt mich zur nächsten Absurdität: Ich habe einen Stoffbeutel zum Einkaufen, aber viele Supermärkte wollen mich zwingen, alles in Plastiktüten zu verpacken. Ich verstehe das, wenn das Erworbene noch gewogen werden muss, aber nicht bei Stückpreisen.

      • morgi schreibt:

        Weiß ich doch auch nicht. Du legst keine Brötchen wieder zurück – und ich auch nicht. Leider gibt es einige Leute die müssen „fühlen“ ob die Brötchen auch frisch und knusprig sind. Genauso wie z. B. bei Obst.

        Was Plastiktüten betrifft, geht man hier in Deutschland langsam dazu über, diese soweit wie möglich auszurangieren.

      • Andreas Moser schreibt:

        Letzteres ist gut. In Südamerika werde ich meist ganz verdächtig beäugt, wenn ich meinen eigenen Beutel mitbringe, oder für doof gehalten, wenn ich meine Einkäufe in der Hand, ohne Plastiktüte, nach Hause trage.

        Erschreckend ist auch, wieviele Plastikflaschen man verbraucht, wenn man wo lebt, wo man das Wasser aus dem Hahn nicht trinken kann.

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