Sonnenuntergänge sind gar nicht so romantisch

Wir sitzen am Fluss, und das Mädchen rückt ein bisschen näher, als sie das lange Schweigen unterbricht:

“Andreas, ist das nicht ein wundervoller Sonnenuntergang? Ich bin so froh, dass wir hierher gekommen sind, um diesen Moment gemeinsam zu genießen.”

DSCN2952

Wir starren beide weiter in die Ferne, wobei wir wahrscheinlich nicht ganz unähnliche Gedanken und Hoffnungen hegen.

Aber dann kann ich einfach nicht widerstehen:

“Schatz, das ist kein Sonnenuntergang. Die Sonne geht nicht unter, und sie geht nicht auf. Wir sind diejenigen, die sich bewegen, während unser Planet um die Sonne kreist und sich um die eigene Achse dreht. Das erweckt den Eindruck, als ob sich die Sonne bewege, obwohl sie der einzige Fixpunkt in unserem Sonnensystem ist.”

Eine weitere Pause, bevor ich – vielleicht mit zu viel Überheblichkeit in der Stimme – hinzufüge:

“Aber ich dachte, das sei allgemein bekannt.”

Ein paar Sekunden verstreichen, dann blickt sie mich mit traurigen Augen an, steht auf und geht wortlos weg. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Diese verdammten Sonnenuntergänge machen wirklich alles kaputt.

(Read this romantic story in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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7 Antworten zu Sonnenuntergänge sind gar nicht so romantisch

  1. Pingback: Why I never get a second date | The Happy Hermit

  2. Vor Sonnenaufgang waere „das Maedchen“ vielleicht geblieben.

  3. Icke schreibt:

    Du Depp 😀 m-(

  4. American Viewer schreibt:

    Dass die Sonne der „einzige Fixpunkt des Sonnensystems“ ist, kann man natürlich schreiben, es ist aber auch irgendwie ein bisschen tautologisch bzw. redundant.

    „Fixpunkt“ ist vielleicht nicht immer glücklich im Hinblick auf die Sonne. Es kommt letztendlich auch auf den Standpunkt des Betrachters an.

    Soweit ich die Gravitation verstanden bzw. nicht verstanden habe, wissen wir bis heute nicht einmal warum wir eigentlich um die Sonne kreisen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Über das eigene Sonnensystem wollte ich gar nicht hinausgehen, auch weil das zugegeben meinen Horizont übersteigt. Ich kann darüber lesen, so oft ich will, aber diese riesigen Entfernungen, Zeiten und physikalischen Kräfte kann ich mir einfach nicht vorstellen. Das gleiche gilt übrigens für winzig kleine Teilchen.
      Vielleicht ist mein Abstraktionsvermögen nicht ausreichend, um Dinge wirklich zu verstehen, die ich nicht sehen kann. Andererseits habe ich das juristische Abstraktionsprinzip sofort verstanden.

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