„Dimensionen der Mittäterschaft: Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich“ von Klaus Kellmann

Endlich ein umfangreiches Buch, das die lokale Kollaboration mit Nazi-Deutschland bei der Durchführung des Holocaust darstellt, unterteilt in 24 Länderkapitel, so dass man sich – insbesondere vor Reisen, auf denen man manchmal erschreckend wenig (oder Verharmlosendes) über die Kollaboration erfährt – einlesen kann.

Dachte ich mir.

Aber die Enttäuschung begann schon bei den ersten beiden Sätzen des Vorwortes.

Dieses Buch hätte eigentlich von einem Franzosen, Norweger, Litauer oder Kroaten geschrieben werden müssen. Aber sie schrieben es nicht.

Es mag stimmen, dass noch niemand ein Gesamtwerk über die Kollaboration ganz Europa geschrieben hat – wobei auch Kellmann einige Länder auslässt -, aber gerade die Erwähnung von Litauen lässt den informierten Leser sofort an Rūta Vanagaitės Buch „Mūsiškiai“ (Die Unsrigen“) denken, das in dem baltischen Land ab 2016 eine enorme Debatte losgetreten hat. Kellmann erwähnt es am Ende des Kapitels über Litauen kurz, geht aber nicht auf den Inhalt ein, wahrscheinlich weil zum Zeitpunkt seiner Drucklegung 2018 die englische Übersetzung „Our People“ noch nicht erschienen war.

Das zeigt das erste Problem des Buches: Hier schreibt ein deutscher Historiker über 24 Länder, wozu er sich anscheinend nur deutsch- und englischsprachiger Literatur bedient, anstatt mit Kolleginnen und Kollegen in den jeweiligen Ländern (die dort oft genug allein gelassen und verfemt werden) zusammenzuarbeiten. Damit muss dieses Buch die westeuropäische Vernachlässigung von Osteuropa fast notwendigerweise perpetuieren.

Obwohl wahrscheinlich überflüssig, sei dennoch lobend erwähnt, dass Kellmann ganz eindeutig klarstellt, dass jegliche örtliche Kollaboration mit dem NS-Regime zu keinerlei „Verlagerung, Relativierung oder Abschwächung der Ausmaße und Formen des nationalsozialistischen Terrors“ führt. Egal wie viele Polen, Litauer oder Kroaten am Holocaust partizipiert haben; ohne Deutschland hätte es ihn nicht gegeben.

Die Befürchtung solcher untauglicher Entlastungsversuche mag auch der Grund gewesen sein, weshalb die Kollaboration in der deutschen Holocaust-Forschung zeitweise etwas stiefmütterlich behandelt wurde. Aber gerade das ist eben auch ein Grund dazu, solche Forschungsvorhaben in internationaler Kooperation anzugehen.

Aber richtig enttäuschend wird das Buch, wenn man sich in die Länderkapitel einliest. Diese umfassen zwischen 5 und 60 Seiten Text, und selbst das längste davon (über Frankreich) ist weder systematisch, noch zeitlich, noch örtlich strukturiert. Wer eine bestimmte Information sucht, ist verloren wie ein Partisan im Durmitor-Gebirge, der als einziger seiner Gruppe überlebt hat.

Man wünscht sich Zwischenkapitel zur Geschichte des Antisemitismus und Antiziganismus in dem betreffenden Land, der Lage während der deutschen Besatzung, der Kollaboration durch Behörden, Kirchen, Unternehmen, Privatleute, ein Kapitel zu örtlichen Wehrmachts- und SS-Verbänden, und etwas zur Aufarbeitung nach 1945. Allermindestens.

Stattdessen beginnen viele Kapitel bei Adam und Eva, wie Schulaufsätze, die den Platz füllen müssen und am Thema vorbei schreiben. Im Kapitel zu Österreich begegnen wir Kaiser Barbarossa, und das Burgtheater wird vorgestellt. Das Kapitel über die Ukraine beginnt im 10. Jahrhundert. Ja, wenn es wenigstens um Antisemitismus zu jener Zeit ginge! Aber Fehlanzeige. Es sieht ein bisschen aus wie von Wikipedia abgeschrieben, nur dass sogar dort einigermaßen gegliedert wird.

Im Kapitel „Tschechoslowakei“ werden Tschechien und die Slowakei zusammen behandelt, obwohl die Slowakei ab 1939 ein eigener, mit Deutschland verbündeter Staat war. Das faschistische Kroatien erhält kein eigenes Kapitel, sondern wird im Jugoslawien-Kapitel behandelt, obwohl sowohl Kollaboration als auch Aufarbeitung in Kroatien nun wirklich ganz andere Probleme bereiteten und bereiten als beispielsweise in Montenegro oder Mazedonien.

Hier wurde durchaus eine Menge an Informationen zusammengetragen, aber die Art der Präsentation macht es fast unmöglich, einen Nutzen daraus zu ziehen. Wenn man sich in der Geschichte eines Landes nicht schon auskennt, wird man viel mehr verwirrt als erhellt. Das Standardwerk, das Kellmann vorlegen wollte, kann dieses Buch nicht werden.

Insbesondere die Kapitel zu Osteuropa sind teilweise einfach nur ärgerlich, weil von typisch westeuropäischer Überheblichkeit und Unkenntnis geprägt.

Über Rumänien schreibt Kellmann, es sei „trotz seines EU-Beitritts 2007 immer noch nicht in Europa angekommen.“ Was das mit der Nazi-Kollaboration zu tun hat? Natürlich nichts, aber er gibt eben gerne zu jedem Land ein ungefragtes und unfundiertes Fazit zur aktuellen Lage. „Bulgarien ist ein instabiles, ökonomisch nicht gerade erfolgreiches Land.“

Ein Kapitel habe ich mir ganz angetan, weil es nur fünf Seiten umfasst, nämlich das zu Albanien. Im Resümee schreibt Kellmann, wieder vollkommen das Thema des Buches verfehlend, von Blutrache, „infrastruktureller Rückständigkeit“, „grassierender Korruption“ und „gewaltsamer Auseinandersetzung auf der Straße“.

Und zur deutschen Besatzung von Albanien? Ein bisschen etwas zur SS-Division Skanderberg und ansonsten, wer wann wen auf welchen Posten berufen hat. Holocaust in Albanien? Fehlanzeige. Juden in Albanien? Fehlanzeige? Wirklich: null!

Und gerade bei Albanien macht mich das absolut fuchtig, denn hier gab es eine einmalige Besonderheit: Das angeblich so rückständige und gefährliche Albanien war das einzige von Deutschland besetzte Land, in dem am Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Juden lebten als am Beginn. Warum? Weil der Kanun, das Gewohnheitsrecht (dem Kellmann, wahrscheinlich basierend auf Karl May, die Blutrache entnimmt), das Konzept der Besa enthält, dem Schutz für den Gast. Und so fanden während der deutschen Besatzung in Albanien fast alle Juden des Landes bei muslimischen Nachbarn Unterschlupf. Die albanischen Behörden und Zivilisten weigerten sich, mit den Nazis zu kooperieren. Und da sich das herumsprach, flohen sogar noch Juden aus Jugoslawien nach Albanien.

Dass diese Geschichte Albaniens nicht allgemein bekannt ist, ist traurig, aber wenn sich jemand anschickt, ein Buch zu schreiben, dann könnte man schon ein bisschen Recherche erwarten. Dieses Beispiel allein zeigt, wie nutzlos, wie schlecht, wie geradezu unverschämt dieses Buch ist. Es gäbe sogar eine Ausstellung auf Deutsch zur Besa. Oder man könnte einen albanischen Kollegen fragen. Oder, wie ich es gemacht habe, einfach nach Albanien fahren. Ich mietete in Tirana ein Zimmer bei einer gebildeten Dame, die im Wohnzimmer einen Bildband über das Konzept der Besa liegen hatte. Ich wusste schon, worum es sich handelte, und blätterte interessiert darin. Sie öffnete auf den Seiten 88/89 und sagte: „Das ist mein Vater.“

„Ihre Eltern haben Juden vor den Deutschen verborgen?“ fragte ich, tief bewegt, so jemanden persönlich kennenzulernen.

„Natürlich. Wer hätte das nicht gemacht?“ fragte sie zurück, und mir fielen auf Anhieb Millionen von Menschen ein, die es nicht gemacht haben.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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11 Antworten zu „Dimensionen der Mittäterschaft: Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich“ von Klaus Kellmann

  1. Ana Gertrud Cretoiu schreibt:

    und was ist mit Ungarn?1940 wurden 40000Juden aus Sighetu-Marmatiei,heute gehoert es zu Ru,deportiert ,viele starben in Arbeitslagern oder vergast…

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe versucht, in dem Kapitel über Ungarn etwas zu finden, aber es ist so ein Kuddelmuddel (beginnend mit „Arpad und den schamanengläubigen Magyaren“), das wild in der Zeit hin- und herspringt, ich komme da auf keinen grünen Zweig.

  2. Katja Kubiak schreibt:

    „Basierend auf Karl May“ uh 🙈😅
    Was hat der Autor sich bei dem Buch gedacht, oder hat er es vlt sogar fremdschreibenn lassen, wie heutzutage oft üblich und dann nicht mal gelesen? 🤣

    • Andreas Moser schreibt:

      Laut der Einführung hat er sich tatsächlich gedacht, ein Standardwerk vorzulegen.
      Aber wieso irgendjemand auf die Idee verfällt, 60-seitige Kapitel ohne Untergliederung zu schreiben, bleibt mir unklar. Es hätte nicht nur den Lesern, sondern auch dem Autor enorm viel geholfen, die Gedanken zu strukturieren.

      Wie so etwas durch ein Lektorat kommt, ist mir allerdings echt schleierhaft.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und Karl May hat wirklich viel für die Stereotypisierung bestimmter Kulturen getan, zB durch sein „Land der Skipetaren“ über Albanien. Auch wenn man es selbst nicht gelesen hat, so werden die Bilder von wilden Männern mit Dolchen in gefährlichen Bergschluchten immer wieder reproduziert. (Bis man selbst nach Albanien kommt und merkt, dass es ziemlich freundlich und interessant ist, und dass Jugendliche dort nicht auf Blutrache aus sind, sondern Bücher lesend auf den Stufen vor dem Nationaltheater sitzen.)

    • Katja Kubiak schreibt:

      Naja Karl May sein „autobiographischer“ Winnetou…zeigt ja, dass Menschen im Prinzip erst mal alles glauben..

    • Andreas Moser schreibt:

      Und ich Dummie mache mir die Mühe, selbst um die Welt zu fahren, anstatt von zuhause aus Geschichten über das wilde Kurdistan zu erfinden. :/

    • Katja Kubiak schreibt:

      Oder vom Gefängnis aus 🤣🙈

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