Große Last auf kleinen Schultern

Gestern bin ich aus Versehen genau um die Uhrzeit nach Hause gegangen, zu der die Schülerinnen und Schüler aus den Lehr- und Bildungsanstalten entlassen werden, um das zu tun, was Kinder halt so mit dem Rest des Tages tun. Wahrscheinlich irgendwas mit Computern und Pokemon. Keine Ahnung, ich kenne schließlich keine Kinder.

Auf dem Weg durch eine der vielen als Kleingärten getarnten Cannabisplantagen in Chemnitz spazierten zwei Schülerinnen in den wohlverdienten Nachmittag. Sie waren sehr klein. Maximal 10 Jahre, schätze ich. Ihre Tornister waren sehr groß. Mindestens 10 Kilo, schätze ich.

Die beiden Schülerinnen schlurften gebückt, geplagt und erschöpft von ihrem Tagwerk, und ich dachte nur: „Haltet durch! Wenn Ihr erst einmal an die Universität kommt, dann kriegt Ihr einen Spind, in den Ihr Bücher, Pausenbrote und den Laptop einsperren könnt und nicht mehr mit nach Hause nehmen müsst.“

Ich weiß nicht, warum man Kleinkinder jeden Tag das Äquivalent einer Kohlenfuhre schleppen lässt und erwachsene Studenten verwöhnt. Vielleicht weil für die einen das Kultus- und für die anderen das Wissenschaftsministerium zuständig ist. Oder die Bundeswehr will das so, um die jungen Menschen auf spätere Gewaltmärsche vorzubereiten.

Zusätzlich zu den Tornistern hatten die Schülerinnen noch Turnbeutel und Zeichenmappen umgehängt. In einer Schuhschachtel trugen sie ein Projekt aus dem Werkunterricht. Im kommenden Schuljahr müssen sie dann wahrscheinlich einen Leiterwagen hinter sich herziehen, um immer einen Globus, ein Aquarium und eine kleine Sternwarte bei sich zu haben. Für den Fall, dass gerade das Jugend-forscht-Auswahlkomitee vorbeischaut.

Da klingelte bei einer der Schülerinnen das Handy.

„Oje“, sagte sie mit einem lauten Seufzer, „das ist meine Mama. Da muss ich rangehen.“

Die Kinder heutzutage sind sehr höflich und entschuldigen sich gegenüber anderen Kindern, wenn sie ans Handy gehen. Nicht wie die verzogenen Erwachsenen, die glauben, Anrufe seien ein Beleg für ihre Wichtigkeit. In Wirklichkeit ist man erst wichtig, wenn man gar kein Telefon mehr braucht.

„Wann wird dieser Blog endlich eliminiert?“

Was die Mama sagte, konnte ich nicht hören. Es ging mich ja auch nichts an.

Aber es muss etwas Dramatisches gewesen sein. Denn das kleine Mädchen wurde laut und bestimmt: „Beruhige dich, Mama! Ich komme so schnell wie möglich, ohne Umwege. Ich bin gleich zuhause.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte sie zu ihrer Freundin, ganz sachlich und unaufgeregt: „Manchmal denke ich, es wird mir alles zu viel. Zuerst sterben meine drei Kaninchen, eines nach dem anderen. Dann bekommt meine Oma Krebs. Mein Opa wurde gerade ins Krankenhaus eingeliefert, weil er Bauchschmerzen hat. Und jetzt hat der Freund meiner Mutter versucht, sich umzubringen.“

Was das andere Mädchen antwortete, konnte ich nicht mehr hören. Denn ich war, was selten vorkommt, etwas aus der Bahn geworfen und musste mich auf die nächstbeste Bank setzen.

Die beiden Mädchen hingegen spazierten weiter durch die Gärten. Kein Lamentieren, kein Wehklagen, kein Geheule, keine zur Schau gestellten Mitleidsbekundungen. Sie gingen nur ein bisschen zügiger, um hoffentlich noch rechtzeitig zur Mama zu kommen.

Manchmal sind diese kleinen Kinder erwachsener als die offiziell Erwachsenen.

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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19 Responses to Große Last auf kleinen Schultern

  1. Avatar von Majik Majik sagt:

    This post sounds like one of my too many cases, Andreas. Is it any wonder that I suffer from work-related vicarious trauma . . . but at least my trauma isn’t constant like it is for the children whose cases I represent. May God in Heaven hear our cries and have mercy on all our sorry souls. And for those who don’t believe in a God in Heaven, please forgive me if I do. O‘ My God! – Majik’s Substack

    • I was so impressed by how the girl handled the situation, she seemed to be used to having to support her mother emotionally, instead of getting others way round.

      I just hope it will make her strong and not wear her out.

    • Avatar von Majik Majik sagt:

      Ronald Reagan had to help his drunk Irish father stagger into the small family home every night of his adolescence. You can consider that example however you want, but I voted for the man twice and still wish that I could again. In my job, I see some children hurt who likely will never heal, and I see some children overcome immense odds against them. They all get my prayers for free, and I am privileged to pray, as well as to help however I can. I Believe . . . – Majik’s Substack

  2. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Ja ich kann mich erinnern, zu meiner Schulzeit hatten wir auch ueberschwere Ranzen , nur in Frankreich waren damals Tornister schlecht angesehen ( man sagte es wuerde zu Lordose beitragen ) … so trug ich meinen Ranzen an der Hand mit dem Ergebnis dass meine Haende schwielig waren wie die eines alten Seemannes ( was aber auch eine Skoliose hätte bringen können..) …. Spind und desgleichen habe ich nicht gekannt. Ach ja , und der Weg zur Schule war ca 2km , Fahrrad war verboten und ich hätte mich geschämt zur Schule kutschiert zu sein ; kein Problem weil sowas sowieso nie in Frage kam (wir hatten ein Auto aber nur fuer größere Angelegenheiten oder um in den Ferien zu fahren)? . Ich habe nicht das Gefühl wir waren erwachsener als Erwachsene, wir waren nur echte Kinder .

  3. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Fahrrad auf Strassen war derzeit verboten fuer Kinder ( under 14 ) .Lordose und Skoliose wurde uns beigebracht als wir jeden Tag gezwungen waren Schokoladenmilch zu trinken … und wer wegen lactose Unverträglichkeit die Milch wieder herauskotzte bekam Prügel …

    • Ah, die Schulmilch!
      Die gab es bei uns in den 1980ern in Bayern auch. Ich kann bis heute keine Schokoladenmilch sehen, aber die normale Milch war in Ordnung.
      Manche Kinder hatten so einen Hass auf die Milch, dass sie Kartons durch Werfen oder Zertreten zum Platzen brachten. Wahrscheinlich war das der Beginn der Veganer-Bewegung.

  4. Avatar von elugger elugger sagt:

    ich bin im Kohlepott aufgewachsen und als Kind wusste ich das viele meiner « Kumpels » Familienproblemen hatten ( kein Geld , Alkohol, Depressionen, Arbeitsunfälle in der Grube , Krankheiten ( wie Silikose) , Integrationsschwierigkeiten usw… ) . Aber niemand sprach darüber, dafür waren wir alle zu stolz .

    • Bei uns auf dem Dorf in Bayern waren hingegen alle zu verschämt und hatten Angst vor sozialer Ausgrenzung, als dass irgendjemand über irgendwas gesprochen hätte.

      Das wirkliche Leben mit all seinen Härten habe ich eigentlich erst ab Mitte 20 kennengelernt, und zwar durch meine Mandanten.

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      zu stolz oder vielleicht ja manche verschämt, obwohl im Revier waren wir wir alle sozial « abgegraenzt » . Da fällt mir ein , wir waren ja allen von sieben Länder ( wenn nicht noch mehr) aber Rassismus war uns unnbekannt .
      Meine erste Demütigung erlebte ich als immigrierter Arbeiter mit 25 in der Schweiz , später in Bayern 😎 ( aber sowas erlebt ja jeder nicht Bayer wenn er in Bayern auftaucht )

      NB : ich bin deutsch-franzose

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      verstehe nicht warum ich mal anonymous bin und dann mal elugger , bloggen ist definitiv nicht mein « Zeug »

    • Dieses ganze Interweb ist nicht so mein Zeug. :/

      Eigentlich sollte es möglich sein, sich entweder (mit WordPress- oder Facebook-Account) einzuloggen, oder beim Kommentieren einfach den Namen anzugeben.
      Aber ich bin selbst so überfordert von der Technik, ich will gar nicht anfangen, daran herumzuschrauben und zu -tüfteln.

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      Na ja , anonym zu sein ist eigentlich eine Tugend , es kränkt nur mein aufgeschwollenes FB Ego …….

    • Ich selbst bin so überzeugt von mir und meinen Meinungen, dass ich niemals anonym kommentieren würde. 🙂

      Aber auch als Blogschreiber ist es schon schöner, wenn man weiß, wer kommentiert. Vor allem, wenn man die Leute im echten Leben kennt.

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      Well ! Wie Du Leute, die Du im echten Leben kennst, an der Stimme erkennen kannst, wirst Du Anonyme auf dem Web an der Schreibweise erkennen …

      Was uns rettet und zusammenbringt ist nunmal Humor und ein Mass an Selbstironie

  5. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Das ist wirklich sehr erschütternd, was das Mädchen da erlebt … der persönliche Rucksack scheint da noch viel tonnenschwerer zu sein als der auf dem Rücken. Allerdings werden Katastrophen in dem Alter ja einfach als normal erlebt. Mangels Vergleichsmöglichkeit. Man kann nur hoffen, dass das Mädchen das verarbeitet bekommt. Vielleicht ist es tatsächlich schon ein Fortschritt, dass das Mädchen die Probleme aussprechen kann. Kenne das – Oberpfalz Style – auch eher so, dass man lieber vor Scham im Boden versinkt, weil ja davon ausgegangen wird, dass die anderen „normal“ sind.

  6. Avatar von T.Head T. sagt:

    1. habe noch nie verstanden, warum die heutigen Schulbücher alle im Hochglanzfarbdruck daher kommen und dadurch schwerer sind als nötig (vom impact auf die Umwelt mal abgesehen)
    2. ich möchte heutzutage auch kein Kind sein, da würde mir auch alles zu viel

    • Genau! Hochglanz, dickes Papier, schwerer Einband.
      Besonders frech ist das in den Bundesländern, in denen man die Schulbücher selbst kaufen muss. (Ich ging in Bayern zur Schule, da hat man die Bücher zu Beginn des Schuljahres von der Schule gestellt bekommen. Ich war ganz schockiert, als ich feststellte, dass das nicht überall so ist.)

      Und auch da wieder: Wenn man es erst an die Uni schafft, dann bekommt man die billigen Paperback-Ausgaben, und das Leben wird leicht und locker.

  7. Pingback: „Wackelkontakt“ von Wolf Haas | Der reisende Reporter

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