Ja zum Verzichtsumweltschutz, aber bitte richtig!

Über die von der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks angestoßene Debatte, ob das Tragen von Pullovern in den Antwortmix auf steigende Energiepreise bei sinkenden Öl- und Gasvorkommen aufzunehmen ist, könnte ich aus meinem winterlichen Domizil in Süditalien einfach überlegen schmunzeln. (Obwohl viele Italiener hier auch bei 20 Grad in schweren Wintermänteln herumlaufen.) Stattdessen ärgere ich mich gleich doppelt:

  • Zum einen darüber, daß das Tragen eines Pullovers in der Wohnung von manchen schon als menschenunwürdige Zumutung gesehen wird.
  • Zum anderen über die Umweltministerin, die das Ausmaß der umwelt- und energiepolitischen Herausforderungen auf die Frage reduziert, ob ein deutsches Wohnzimmer auf 20 oder auf 22 Grad zu heizen ist.

Die Wahrheit ist Folgende:

  • Wenn die Erde dadurch zerstört wird, daß wir täglich über unsere Verhältnisse leben und Raubbau am Planeten betreiben, dann wird eine Umkehr nicht zu schaffen sein, ohne daß wir auf Dinge oder Aktivitäten verzichten, an die wir uns gewöhnt haben. Umwelt- und Klimaschutz unter Beibehaltung unserer aktuellen Verbrauchsgewohnheiten ist eine Alibi-Veranstaltung, die das Problem allenfalls auf die nächste Generation verschiebt. Ohne Verzicht geht es nicht. Die Kunst besteht darin, den Verzicht so zu gestalten, daß er zu keiner Einbuße an Lebensqualität, vielleicht sogar zu einem Mehr davon führt.
  • Dabei reicht es aber nicht aus, den häuslichen Thermostat zwei Grad niedriger zu stellen, solange alles andere beim alten bleibt. Drastischere Schritte sind notwendig: komplett aufs Auto verzichten, auf Produkte verzichten, die um den halben Globus geschifft werden müssen, auf Flugreisen verzichten, von zuhause arbeiten anstatt jeden Tag 50 km zu pendeln, auf Wirtschaftswachstum verzichten, auf Fleisch verzichten.
"Wir retten damit den Planeten, meine Kleine."

„Wir retten damit den Planeten, meine Kleine.“

Einen Pullover zu tragen, während man die Kiwis aus Neuseeland isst oder die nächste Flugreise bucht, ist so eine typisch deutsche Lösung: halb-halb, klein-klein, wischi-waschi. Probleme verschieben, aussitzen, faule Kompromisse schließen und alles andere vertagen.

Es gibt durchaus Argumente gegen eine Änderung unserer Lebensweise (wer sagt, daß wir Verpflichtungen für die nachkommenden Generationen oder für Bewohner absaufender Inseln haben?), aber es gibt eben auch Argumente dafür (ethisch, moralisch, ökologisch, wirtschaftlich, für manche auch religiös). Seit der Krimkrise könnte das Sparen von Öl und Gas sogar einen geopolitischen Aspekt erhalten („Frieren für den Frieden“ schlage ich als Slogan für den nächsten Winter ohne russisches Gas vor). Aber diese Grundsatzdiskussion muss öffentlich und mit aller Schärfe und Deutlichkeit der gegensätzlichen philosophischen Positionen ausgetragen werden, anstatt die Frage auf einen Pullover zu reduzieren und nach zwei Tagen Aufregung so weiterzumachen (und weiter zu verbrauchen) wie bisher.

(Dieser Kommentar wurde auch auf CARTA veröffentlicht.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Ja zum Verzichtsumweltschutz, aber bitte richtig!

  1. andreas kuck schreibt:

    Ja zum Verzichtsumweltschutz, aber bitte richtig! ????
    meistens faengt der umweltschutz bei den anderen an. da du der oberweltreisende bist, verbrauchst du entsprechende ressourcen.
    wenn die co2 erdbelastung so schlimm ist, warum schliessen wir dann unsere kernkraftwerke?
    ich finde die ganze umweltdiskussion inkonsequent und beliebig.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe seit 6 Jahren kein Auto, fahre mit dem Zug oder gehe (sogar quer durch ganze Länder) zu Fuß.
      Ich kaufe lokale Produkte, hier in Italien sogar nur italienische Zigarren.

      Die Kernkraftwerke schließen wir, weil wir die Strahlenbelastung und das Risiko nicht mehr ertragen wollen und weil wir noch immer nicht wissen, wohin mit dem Atommüll.

      • Tim schreibt:

        Kernkraftwerke belasten Umwelt und Gesundheit weitaus weniger als andere Energieformen. Dass Atommüll endgelagert werden soll, ist eine deutsche Besonderheit. Anderswo betrachtet man Atom“müll“ als wertvollen Brennstoff. Lokale Produkte haben wegen geringerer Produktionseffizienz fast immer einen größeren Umwelt-Footprint.

      • Dante schreibt:

        Es gibt doch einen italienischen Physiker, dessen Name mir leider entfallen ist, der aber eine Idee hat: Eine Anlage, die noch aus Atommüll Energie zieht (schließlich ist der Atommüll ja genau deshalb gefährlich, weil er hochenergetische Teilchen aussendet und BTW langlebige Nuklide in kurzlebige umwandelt, die kein aufwändig zu suchendes Endlager mehr brauchen.

  2. Dante schreibt:

    Gar nicht heizen ist auch keine Lösung, es sei denn, man will auch auf fließend Wasser verzichten. Momentan fallen die Temperaturen kaum unter 273 K, aber wenn, können Rohre platzen.
    Außerdem dürfen die Wände nicht zu feucht werden, sonst fangen sie an zu schimmeln.
    Unsere Häuser, jedenfalls die meisten, eignen sich nicht gut für ein Leben ohne Heizen.

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