Als Deutsch einfacher werden sollte

„Sprache ist der Schlüssel zur Integration“ heißt es bei jeder Leitkulturdebatte. Das würde erklären, warum Integration in Deutschland selbst bei größter Anstrengung niemals so schnell vor sich gehen kann wie in Großbritannien oder den USA. Denn Englisch kann auch in Syrien oder Eritrea jeder Bildungsbürger und jeder Jugendliche mit YouTube. Deutsch hingegen lernen meist nur eine Handvoll Verrückter, die Goethes West-östlichen Divan im Original lesen wollen (kein Scherz, im Iran habe ich immer wieder solche Leute getroffen).

Und selbst wenn jemand gar keine Vorkenntnisse hat, kann er sich nach sechs Monaten Englischkurs ganz gut unterhalten, während er im Deutschen noch immer grübelt, wieso die Mehrzahl von Maus Mäuse, von Haus Häuser und von Torte Torten lautet. Wer sich echauffiert, dass Neuankömmlinge noch nicht fehlerfrei sprechen, der mag sich bitteschön mal an der Erklärung allein der Pluralbildung versuchen.

Es gibt nur eine Lösung: Deutsch muss einfacher werden!

„Halt! Dieser linksgrünversiffte Gutmensch will unser Deutsch kaputtmachen“, höre ich das selbsternannte Volk in seinem außerhalb der Provinz nicht verständlichen Dialekt brüllen. Aber weit gefehlt, liebe WutbürgerInnen, die Idee der vereinfachten deutschen Sprache stammt aus der Zeit des Deutschen Reichs, hipp, hipp, hurra!

Ja, schon unter Kaiser Wilhelm II. war das Deutsche Reich um die sprachliche Integration von Bürgern aus außereuropäischen Kulturkreisen von Togo bis Papua-Neuguinea besorgt. Vor und während des Ersten Weltkriegs arbeiteten verschiedene Linguisten an einer vereinfachten Version des Deutschen, die die Welt bis in den letzten Winkel der Südsee beglücken sollte, wie zum Beispiel dem „Kolonial-Deutsch“ von Emil Schwörer. Für Deutsch-Südwestafrika (Namibia) entwickelte er dieses Pidgin-Deutsch mit einem auf 500 Wörter begrenzten Wortschatz und einer vereinfachten Grammatik.

Kolonialdeutsch

Schwörer gesteht in seinem Buch (Link zum 62-seitigen Volltext) zu, dass Deutsch nicht leicht zu erlernen ist, und dass dies den Weltmachts- und Welthandelsinteressen des Deutschen Reiches entgegensteht. Zwar sei Deutsch natürlich schöner und besser und allen anderen Sprachen überlegen, doch müsse man im Wettkampf gegen die hinterlistigen Engländer mit ihrer einfach und schnell zu erlernenden Sprache zu kreativen Mitteln greifen. Oder wie er es ausdrückt:

Als völkisch denkende Vaterlandsfreunde dürfen wir daher vor kleinen sprachlichen Opfern, die sich tausendfach lohnen, nicht zurückschrecken.

Aus dem Buch Schwörers springt einem aus jedem Absatz der Geist der Zeit entgegen. Er ging 1916 davon aus, dass das Deutsche Reich bald den ganzen afrikanischen Kontinent in seinem Besitz haben würde und dass deshalb eine einheitliche Sprache für die Kommunikation von Ozean zu Ozean entwickelt werden müsse. Die folgende Sprachprobe zeigt ein paar grammatikalische Vereinfachungen, die jedoch weit hinter dem Möglichen zurückbleiben.

Sprachprobe Kolonialdeutsch.JPG

Weiter ging Adalbert Baumann mit seinem „Weltdeutsch“ von 1915 (Link zum Volltext mit 36 Seiten).

Weltdeutsch.JPG

Der Anspruch von Baumann ging über die Anwendung in den Kolonien hinaus. Sein Weltdeutsch („Wede“ abgekürzt) sollte auch für die Kommunikation mit „unseren Bundesgenossen und Freunden“ Verwendung finden. Na, die Bulgaren und Osmanen hätten sich sicher riesig gefreut, dieses Preussenesperanto zu lernen. Aber so zumindest die Hoffnung von Baumann:

Durch den sieghaften Weltkrieg 1914/15 ist Deutschlands politisches Gewicht und Ansehen beispiellos gewachsen, alle Welt wird die Freundschaft des Mächtigen suchen, wie die Blumen nach der Sonne werden sich alle bedeutenden Völker in den nächsten Jahrzehnten immer mehr gegen Deutschland neigen, um von ihm kulturelles Licht und soziale Sonne zu empfangen.

Auch linguistisch schoss Baumann übers Ziel hinaus. Im Vergleich zu seinen orthographischen Änderungen waren alle Rechtschreibreformen der Neuzeit ein Nichts, das keinesfall die Hunderte von Feuilletonseiten wert war, die wir jahrelang wegen daß/dass über uns ergehen lassen mussten.

Nach dem Motto „Shraibe, wi du sprichst!“ liest sich das so:

kaputt.JPG

Dem letzten Punkt kann jeder zustimmen, dem mal auf dem Bahnhof von Ignalina vier betrunkene russische Jugendliche auf die Information, dass man aus Deutschland ist, freudig ein „Hitler kaputt!“ entgegengeprostet haben.

Baumann war sich der Kritik an seinem Vorschlag bewusst, teilte dagegen aber allerkräftigst aus, nicht ohne sogar das Nibelungenlied der Sprachverhunzung zu bezichtigen.

Wagner.JPG

Die Legastheniker in aller Welt werden heute noch bedauern, dass der folgende Aufruf nicht von Erfolg gekrönt war. Wobei auch Gekröntsein zu jener Zeit oft nur von kurzer Dauer war, denn bald sollte eine andere als die Rechtschreibreform über den Kontinent hinwegfegen.

Kampf Weltdeutsch.JPG

Den Urheberrechtshinweis auf Weltdeutsch werde ich übrigens für diesen Blog übernehmen, damit auch die Fidschi-Insulaner verstehen, dass hier nichts geklaut werden darf.

Urheberrechtshinweis.JPG

In einem Bereich der deutschen Verwaltung hat sich das Kolonialdeutsch 100 Jahre später doch durchgesetzt. Wenn die Polizei dunkelhäutige, -haarige und -äugige Personen kontrolliert, fallen manchmal noch Aufforderungen wie „Du zeigen Papiere“. Selbst das „bitte“, dass man gegenüber Kolonialsubjekten noch anwenden wollte, ist mittlerweile entfallen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Als Deutsch einfacher werden sollte

  1. American Viewer schreibt:

    In einem Bereich der deutschen Verwaltung hat sich das Kolonialdeutsch 100 Jahre später doch durchgesetzt. Wenn die Polizei dunkelhäutige, -haarige und -äugige Personen kontrolliert, fallen manchmal noch Aufforderungen wie „Du zeigen Papiere“.

    Man muss ja nicht alles immer negativ auslegen. Von vorneherein so zu sprechen, ist natürlich nicht angemessen. Aber wenn man im Verlauf bemerkt, dass eine Person kaum Deutsch kann, kann man die Sprache durchaus so weit wie möglich vereinfachen. Das ist dann positiv ausgedrückt ein Entgegenkommen gegenüber dem Angesprochenen.

    • Andreas Moser schreibt:

      In Einzelfällen kann das so sein, aber ein „bitte“ (wobei einem das als Hellhäutigem auch nicht immer gewährt wird) oder die Verwendung von „Sie“ anstatt „Du“ würde nicht schaden.

    • American Viewer schreibt:

      Meine persönliche Erfahrung ist, man wird von diesen Leuten viel öfter geduzt als andersherum. Aber es stimmt natürlich, wenn man dann auch beginnt so zu sprechen, fällt das korrekte Lernen noch schwerer.

      Ich benutze immer nur „Sie“, wobei es dann Menschen gibt, die benutzen trotzdem immer das „Du“, über Jahre und Jahrzehnte. Ich schätze mal das Umlernen ist schwer, wenn man aus einer Sprache ohne „Sie“ kommt und dann die neue Sprache erst relativ spät gelernt hat. Dann klappt es oft nicht mehr.

      Oder es ist bei Einzelfällen doch ein kleines IQ-Problem, denn ich kenne auch 30jährige Syrer, die lernen in 2-3 Monaten ein quasi perfektes Deutsch. Ich finde diese Leistung extrem krass, man hört bei diesen Leuten nicht mal einen Akzent. Ein Syrer erklärte mir kürzlich, es liege vielleicht daran, dass Deutsche und Araber erstaunlich gleiche Laute benutzen. Alle Laute des Deutschen gebe es (so ähnlich) auch im Arabischen. Andersherum kann ich das nicht behaupten, ich glaube mit den arabischen Lauten, die tief im Hals gesprochen werden, würde ich mich sehr schwer tun. Das müsste man dann als Kind lernen, schätze ich mal.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde das auch immer wahnsinnig beeindruckend, denn Deutsch ist ja wirklich nicht so leicht. Aber die eher harten und „krächzenden“ Laute haben Arabisch, Hebräisch, Russisch und Deutsch tatsächlich ein bisschen gemeinsam. (Ich habe mal Hebräisch gelernt, und hatte mit der Aussprache gar keine Probleme. Arabisch flößt mir viel mehr Angst ein, aber ich habe auch noch keinen ernsthaften Versuch unternommen, es zu lernen.)
      Es liegt wohl wirklich an den intellektuellen Voraussetzungen und am Willen des Einzelnen. Man braucht natürlich auch Disziplin, um Deutsch zu lernen, wenn man in einer Unterkunft mit lauter anderen Syrern wohnt oder generell in einem Land, in dem man auch mit Englisch ganz gut durchkommt. Man sieht das ja auch an den westlichen „Expat“-Gemeinschaften in Dubai oder Bali oder Spanien, die auch nach Jahren kaum ein Wort der örtlichen Sprache können.
      Aber wenn ich schon diese Kritik äußere, sollte ich mich selbst gleich wieder in mein Serbokroatisch-Buch vertiefen…

  2. Steph Ros schreibt:

    Your writing is Vergnuegen! Made my morning, especially the part 😂 „Halt!…höre ich das selbsternannte Volk in seinem außerhalb der Provinz nicht verständlichen Dialekt brüllen.“ Smack! Ich tu brauchen ainen Lapen, den Kafee von der Screen zu wischen!

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