Ayahuasca – nein danke!

„Ich bin ein sehr logisch denkender Mensch. Man könnte sagen, meine linke Gehirnhälfte ist die dominierende.“ Als ich diese Bemerkung hörte, wusste ich schon, dass ich den Mann, der am Flughafen in Lima hinter mir in der Schlange stand, nicht ernst nehmen musste. Und tatsächlich schwafelte er bald von kosmischer Vorsehung und dass ich unbedingt Ayahuasca probieren müsse, einen Tee aus den im brasilianischen und peruanischen Urwald zu findenden Lianen Banisteriopsis caapi und den Blättern des Chacruna-Busches, der angeblich halluzinogene Wirkung hat. Auf jeden Fall hat er starke Nebenwirkungen, insbesondere Übelkeit.

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Unter Verweis darauf erklärte ich, dass ich persönlich einem Gesöff, auf das die meisten Menschen kotzen müssen, lieber entsage. Der „sehr logische“ nordamerikanische Reisende, der nur deshalb nach Peru geflogen war, um von dieser faulen Brühe zu kosten, erwiderte: „Derselbe Schöpfer, der Dich und mich erschaffen hat, hat auch diese Pflanze erschaffen. Also dient sie unserem Konsum.“ Nur weil es 3:30 Uhr am Morgen war und ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, verzichtete ich auf das Aufzählen der etlichen falschen Annahmen und Denkfehler in seiner Behauptung. Stattdessen fragte ich einfach: „So wie Steine und Plutonium?“ – „Du weisst, was ich meine“, gab er zurück, aber ich wusste es nicht.

Ich wusste nur, dass ich nichts Neues hören würde. Schon bevor ich nach Südamerika kam, hatten mir Leute diesen Tee empfohlen und auf seine Kraft und die angebliche reinigende Wirkung für Körper und Geist verwiesen, dabei aber immer die sehr echten Nebenwirkungen verschwiegen. Ebenso vergaßen sie alle, zu erwähnen, dass der Tee Dimethyltryptamin enthält, eine nach den Betäubungsmittelgesetzen vieler Länder verbotene Substanz. In den USA hat der Oberste Gerichtshof übrigens eine Ausnahmegenehmigung für eine Kirche in New Mexico, dem Centro Espírita Beneficente União do Vegetal (“Wohltätiges Spiritistisches Zentrum der Vereinigung der Pflanze”), erlassen, nachdem ihre Mitglieder argumentiert hatten, dass sie ihren Gott nur nach Konsum besagten Tees verstehen können. Sich Übergeben als eine neue Form der Selbstgeißelung.

Auch ohne mir eine Nacht im moskitoverseuchten Dschungel zwischen kotzenden Touristen vorzustellen, verspürte ich nie den Wunsch, mich dieser Teezeremonie zu unterziehen. Bewusstseinsändernde Drogen üben keine Anziehungskraft auf mich aus. Mein Gehirn (beide Hälften) gefällt mir wirklich ganz gut, so wie es ist: messerscharf und blitzschnell. Ich kann es auch ohne chemische Substanzen ziemlich auf Trab halten. Bis heute habe ich noch keinen Drogennutzer kennengelernt, dessen Geisteszustand mich beeindruckt hätte. Die meisten von ihnen, vor allem die Langzeitkonsumenten, sind stumpfe, lahmarschige und traurige Konformisten und äußern keine Gedanken, die mich zum Tauschen meines Gehirns mit dem ihren bewegen könnten.

Was die Reinigung des Körpers angeht, gestehe ich zu, dass dies durch Erbrechen erreicht werden kann, aber ich habe noch eine andere Körperöffnung, die ich für diesen Zweck bevorzugt nutze.

Diese Ayahuasca-Gringos sind mit die nervigsten Leute in Südamerika. Wenn Ihr mentale Probleme habt, von denen Ihr glaubt, dass eine Pflanze sie löst, bitteschön. Esst sie, raucht sie, trinkt sie! Aber geht nicht davon aus, dass ich die gleichen mentalen Probleme habe, und hört auf, mir abführförderndern Kräutertee anzudrehen. Von all den Pflanzen, die „unser Schöpfer“ in den peruanischen Urwald gesteckt hat, ist mir die Tabakpflanze noch immer am liebsten. Und wenn ich Zigarren rauche, rede ich danach wenigstens nicht wie Paulo Coelho. Denn ich muss Euch warnen: Wenn Ihr Euch mit Menschen aus dieser Teesekte zusammensetzt, werdet Ihr eine Menge zusammenhangloser Aussagen wie „ich kann es fühlen“, „krass, Mann!“, „jeder Mensch ist göttlich“, „wir sind alle eins“, „das holt mich auf einem ganz anderen Vibrationslevel ab“ u.s.w. anhören.

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Aber, um fair zu sein, der amerikanische Botaniker, nach dessen Namen zu fragen ich vergaß, bevor wir unterschiedliche Flugzeuge bestiegen, er nach Cusco und ich nach Piura, war ein netter Kerl. Ich wünsche ihm, dass er überleben wird. Während einer Zeremonie in einem Ayahuasca-Zentrum in Iquitos, Peru, im Jahr 2015 fing ein Brite an, mit einem Messer herumzufuchteln und die anderen Teilnehmer anzuschreien; ein Kanadier, der ebenfalls auf Ayahuasca war, entwand ihm das Messer und erstach ihn. Es gibt noch weitere Berichte von Gewalt, und mehrere Frauen wurden sexuell belästigt. Die meisten Leute, die mir erzählten, dass sie Ayahuasca trinken, kamen mir allerdings schon sonderbar vor, so dass die Gewalt vielleicht auf einer gewissen Veranlagung zur Verrücktheit basiert. Auf jeden Fall sind das nicht die Typen, mit denen ich gerne abhänge, geschweige denn ihnen dabei zusehe, wie sie den Amazonas vollreihern. Es gibt auch Fälle, in denen die Möchtegern-Mystiker einfach nur vom Ayahuasca abgekratzt sind, ganz ohne dass ihnen ein Kokskollege einen Speer ins gerade erst gereinigte Herz rammen musste.

Um es klarzumachen: Es ist mir egal, wenn Leute diesen Tee trinken. Trinkt so viel Ihr wollt. Aber hört auf, ständig herumzulaufen und mich dazu zu drängen, es auch auszuprobieren! Ich mag Coca Cola, aber ich versuche nicht jeden Tag, es anderen Menschen einzuflößen. Und ja, alle Inhaltsstoffe von Coca Cola stammen ebenfalls vom gleichen „Schöpfer“.

(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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9 Antworten zu Ayahuasca – nein danke!

  1. Pingback: Ayahuasca – no thanks! | The Happy Hermit

  2. chrisbaumgarten schreibt:

    Ah. Danke. Das tat gut zu lesen.

  3. anon schreibt:

    Aber es gibt sehr viel mehr Messerstechereien und Belästigungen durch die Droge Alkohol. 😉
    Ich denke wenn so ein Ayahuasca-Rausch ein tiefgreifendes und spirituelles Erlebnis für so manchen Menschen darstellt (vielleicht sogar ohne Smartphone und virtueller Ablenkung), dann kann es doch gar nicht so schlecht sein. Aber wie bei Fanatikern aller Fraktionen nervt es wenn sie sich einem aufdrängen wollen..
    Aber ich war bislang leider auch noch nicht in Südamerika unterwegs, ist es dort so extrem?

    Wünsche ansonsten noch eine gute Zeit und maßvollen šljivo-Genuß! 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Das stimmt natürlich. Insgesamt richtet Alkohol gesellschaftlich bei Weitem am meisten Schaden an. (Auch deshalb nochmals mein Plädoyer für Coca-Cola bzw. das viel besser schmeckende Cockta. 😉 )

      Was in Südamerika wirklich extrem ist, ist der Lärm und die Religiösität (im Vergleich zu Europa). Aber das mit Ayahuasca beschränkt sich wirklich auf die Möchtegern-Hippie-Touristen, und die konzentrieren sich an den bekannten Orten. Ich habe in der ganzen Zeit keinen Südamerikaner kennenngelernt, der das Zeug selbst probieren würde.
      Was schön ist an Südamerika, ist die Landschaft und dass man auch mit nur rudimentärem Spanisch eigentlich ganz gut in Kontakt kommt mit Menschen. Wenn man will, wird man ganz schnell integriert (bis man offenbart, dass man Atheist ist, dann ist Schluss mit lustig).

      Nach eineinhalb Jahren in Südamerika hatte ich mal ein Fazit geschrieben: https://andreas-moser.blog/2017/04/11/2017-nach-europa/ , wobei ich jetzt, wo ich zurück in Europa bin, Südamerika bzw. genauer gesagt Bolivien schon wieder sehr vermisse.

  4. ich rauche zwar keine zigarren aber jetzt bin ich unsicher ,ob es ein pluspunkt oder ein minus ist,dass ich( noch)kein buch von coelho gelesen habe,,,,

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