Im Zigarrengeschäft – 50 Jahre später

Donnerstag ist Markttag in Huéscar, und nach dem Ost- und Gemüseeinkauf fehlte nur noch eine Zeitung, am besten El Pais, meine bevorzugte spanische Lektüre. Ich könne sie im Tabakgeschäft finden, hatte man mir gesagt.

Als ich den Laden, gleich um die Ecke von der Kathedrale Santa María la Mayor, betrat, blickte der alte Besitzer in einem karierten Hemd, von dem ein paar Knöpfe zuzuknöpfen vergessen worden waren, nicht einmal von seiner eigenen Zeitungslektüre auf. Aber die Zigarre, die er zwischen seinen Lippen hielt, brachte mich auf einen anderen Gedanken.

„Guten Morgen“, verkündete ich meine Anwesenheit, „Sie haben nicht zufällig Toscano-Zigarren im Sortiment?“

Langsam hob er seinen Kopf und blickte mich durch zugekniffene Augen an, wie wenn er feststellen wollte, ob meine Frage ernst- oder scherzhaft gemeint gewesen war. „Was?“ fragte er.

Toscano-Zigarren. Aus Italien.“

„Aus Italien?“ wiederholte er, wobei sein Gesichtsausdruck so unverändert blieb, wie wenn wir ein Pokerspiel mit sehr hohen Einsätzen spielen würden. „Wie sehen die Dinger denn aus, Junge?“

„Sie sind etwa 10 cm lang, und man bricht sie in zwei Teile.“

Das mag für des Zigarrenrauchens Unkundige komisch klingen, aber den alten Mann spornte es an, sich zu bewegen, wenn auch in Zeitlupe. „Warte hier“, befahl er mit ausgestrecktem Finger und stieg die Treppe in den Keller hinab. Es knarzte gar schrecklich, und ich konnte nicht ausmachen, ob es von der hölzernen Stiege oder von seinen Knochen herrührte.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit kam er mit einem alten Pappkarton wieder aus dem Loch im Boden. Es war offensichtlich, dass er gerade den Staub von Jahrzehnten beseitigt hatte, denn die Spinnweben hingen noch an seinem rechten Ärmel.

„Als du erzählt hast, dass man sie in zwei Teile bricht, hat mich das an etwas erinnert“, sagte er, die Schatztruhe fest umklammernd. „Wir hatten mal einen Kunden, nur einen einzigen, der immer große Mengen genau dieser Zigarren bestellte. Er kam einmal im Monat hier hoch und kaufte alle auf, die wir hatten.“

Der Herr zog noch immer an seiner Zigarre und warf die Asche achtlos auf den Boden, während er fortfuhr: „Es war ein großer, gut aussehender Kerl, etwa wie du. Ich war damals noch ein Bub und half meinem Vater im Laden aus, also muss es so in den 60ern gewesen sein.“

„Und, haben Sie noch welche?“ fragte ich gespannt.

Als er die Schachtel öffnete, lagen da sechs Packungen der feinsten Toscano-Zigarren, unberührt. „Die letzte Bestellung holte er nie ab, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Keine Ahnung, wer der Typ war und was aus ihm wurde.“

Die Möglichkeit eines Schnäppchens vor Augen, bot ich an, den gesamten Vorrat aufzukaufen.

Nachdem die Transaktion abgeschlossen und ich schon fast über die Schwelle des Ladens in die frische Luft getreten war, die ich nun genüsslich verpesten konnte, rief mir der Besitzer hinterher: „Weißt du, wenn ich mich richtig erinnere, hatte der Kerl genau so einen Hut wie du.“

„So ein Zufall“, sagte ich betont lässig, aber mit einem spitzbübischen Grinsen. Es bestand kaum ein Zweifel daran, wessen Zigarren ich gekauft hatte. In den Jahren 1964, 1965 and 1966 wurden in Andalusien die Filme Für eine Handvoll Dollar, Für ein paar Dollar mehr und Zwei glorreiche Halunken gedreht.

Zurück in Venta Micena, trat ich aus dem Haus (wir Haussitter rauchen niemals im Haus), um die erste der Zigarren zu genießen. Es fühlte sich an, wie wenn ich um 50 Jahre zurückgworfen wurde. Vielleicht waren die Zigarren aber auch einfach nur stärker geworden, während sie ein halbes Jahrhundert weggesperrt waren.

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(Here, you can read this story in English.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Im Zigarrengeschäft – 50 Jahre später

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