Große Träume

Ich traf mich auf ein Date mit einem Mädchen, was natürlich ein Fehler war.

Während wir in ihrem VW Golf durch Wien fuhren, an grünen Ampeln hielten und bei roten durchfuhren, stellte sie mir eine ziemlich persönliche Frage: „Was sind die nächsten Ziele in deinem Leben?“

„Diesen Abend ohne Unfall zu überleben“, dachte ich, aber entschied mich zu einer ernsthaften Antwort.

„Oh, es gibt so vieles, was ich noch tun möchte: die längstmögliche Zugreise um die halbe Welt, für ein paar Jahre nach Bolivien ziehen, Geschichte studieren, zu Fuß den Titicaca-See umrunden, Bücher schreiben, Russisch lernen, die Alpen überqueren, promovieren, ein halbes Jahr ohne Internet leben, nach Kirgistan reisen, der Fremdenlegion beitreten, …“

Ihre Augen wurden müde, bemerkte ich, und da sie am Steuer saß, brach ich den Satz vorzeitig ab. „Und du?“ fragte ich mit einem ermutigenden Lächeln.

„Ich suche nach einer Arbeit, wo ich mehr Geld verdiene, so dass ich eine größere Wohnung mieten kann. Und ich würde gerne einen VW Polo kaufen. Den neuen.“ Und, wie wenn das ihre Entscheidung begründen würde: „In weiß!“


Manchmal werde ich gefragt, was denn mit der Gesellschaft passierte, wenn jeder so wie ich leben würde und keiner regelmäßigen Arbeit nachginge, ja so wenig wie möglich arbeitete.

Darüber muss sich niemand sorgen. Denn nach meiner Erfahrung ist die große Mehrheit der Menschen ganz erpicht darauf, ihre Zeit und ihre Energie, in anderen Worten ihr Leben, zu verkaufen, um mehr zu verdienen, mehr auszugeben und mehr zu kaufen und damit Unternehmer, Arbeitgeber und Vermieter immer reicher werden zu lassen.

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Für ein perfekts Leben braucht man wahrscheinlich noch so ein hässliches Haus.

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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14 Responses to Große Träume

  1. Pingback: Big Dreams | The Happy Hermit

  2. Das arme Ding, dass du sie gleich mit einer Lawine überrollen musst, wo sie nur nach einem Schneeball fragt… Kann übrigens alle Ziele nachvollziehen, bis auf die Fremdenlegion. An der Stelle ist es wohl Veralberung.

    • Das mit der Fremdenlegion war ein ernsthafter Plan, um mein Französisch aufzufrischen.
      Aber dann habe ich gemerkt, dass die eine Altersgrenze von 40 Jahren haben. Ich bin 44.
      Und außerdem, noch mehr verflixte Vieren, muss man beim Einstellungstest vier Klimmzüge machen, was ich in meinem Leben noch nicht einmal kumulativ, geschweige denn direkt hintereinander, geschafft habe.

    • Wie wäre es, sich zur Auffrischung der Sprache eine französische Freundin zu suchen? Das ginge sogar noch mit fünfzig. 😉

    • Gerade jetzt, wo ich 50 werde, stoße ich wieder auf deinen frivolen Vorschlag. :O

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      Ich hatte ihn zwar vergessen, meinen Vorschlag, finde ihn aber bei erneuter Lektüre absolut überzeugend und überdies zeitlos. Jetzt müsste er nur noch umgesetzt werden.

    • In der Zwischenzeit und in Südamerika habe ich entdeckt, dass mein Talent eher im Spanischen liegt. 😉

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      Muy bien;)

  3. Avatar von Unbekannt Thomas Kuban sagt:

    Viel wichtiger die Frage: Wie ging es mit dem Mädchen weiter?

    • Sie hat mich gleich bei Tinder gelöscht, wahrscheinlich weil sie irgendwie bemerkt hat, dass ich nicht der Typ bin, der jeden Samstag bei IKEA verbringen und noch mehr Klimmbimm fürs Reihenhaus kaufen wird.

  4. Avatar von helmer helmer sagt:

    da war er dann doch, der Unfall

  5. Avatar von rano64 rano64 sagt:

    Du hast dich nicht mit einem Mädchen getroffen, sondern mit einem Roboter. Sei froh, dass du die gleich wieder losgeworden bist.

    Ich bin jetzt fast geschieden und schaffe mir gerade diesen ganzen Ballast vom Hals. Es ist zwar nicht einfach, sich aus diesem Sumpf zu befreien, aber besser spät als nie. Jedenfalls kommen das Haus und der Löwenanteil von dem sonstigen Plunder jetzt weg und beim Job bin ich auch auf dem Absprung. Ich habe viel zu lange als Lohn- und Zahlsklave gelebt und werde das hinter mir lassen.

  6. Sein Leben nur auf Materielles auszurichten, ist ein Fehler. Man kann ja bekanntlich nix mitnehmen. Jeder Mensch sollte da einen Mittelweg finden. Wichtig ist, dass man im Leben Zufriedenheit erlangt, Reichtümer braucht es dazu nicht. Ich hab`s einigermaßen hinbekommen, ich bin zufrieden.

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