Komet verpasst

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Nein, ich meine nicht Neowise, den aktuellen, die durch die Coronaviruspandemie erzeugte Langeweile ausnützenden, aufdringlich und mit Superlativen wie „extra hell“, „supersize“ und „nur für kurze Zeit im Angebot“ um Aufmerksamkeit heischenden Himmelskörper, der die Erdenbewohner in diesen Tagen kurz vom Telefon in den Himmel aufsehen lässt, nicht jedoch ohne dass sie vorher eben jenes Telefon zur Bestimmung bzw. Fremdbestimmung der optimalen Zeit und des optimalen Standorts für das himmlische Rendezvous hervorholen, währenddessen eifriger fotografieren als genießen und unmittelbar danach posten, sharen und liken. Denn für die meisten Menschen heutzutage zählt ein Komet nichts, wenn sie ihn nicht fotografisch gefangen nehmen und sie niemand für die Fotos lobt, die so oder besser schon dreizehntausendmal im Internet stehen.

Ich will Euch von einem anderen Kometen erzählen und Euch dabei mit in die Zeit nehmen, als Kameras noch Luxus und Telefone noch zu Hause angebunden waren. Eine Zeit, in der man sich ohne jegliche Ablenkung mit allen Sinnen auf die Natur einließ, einfach beobachtete, genoss, ungläubig staunte und in der man in der Einmaligkeit und Vergänglichkeit solcher Momente andächtig aufging.

Das Jahr war 1986, und der Vorbeiflug des Halleyschen Kometen stand an. Im Vergleich zu Neowise sagt dieser wesentlich öfter „Hallo, Erde“, aber damals war die Lebenserwartung noch so gering (numerisch und qualitativ), dass selbst das 75-jährige Intervall des rasenden Sterns als einmalige Chance verkauft wurde. Ich war damals 10 Jahre alt und konnte mit solch enormen Zeitspannen sowieso nichts anfangen. Oder ich war einfach schlecht in Mathematik.

Jedenfalls begab es sich zu jener Zeit, nach konkreter Berechnung durch Kopernikus und seine Kosmonautenkollegen, dass irgendwann der nächtliche und damit sichtbare Überflug von Captain Halley über unser kleines Dorf in Bayern errechnet, prophezeit und angekündigt worden war.

Es müssen ereignisarme Zeiten gewesen sein, denn seit Monaten war der Komet das große Medienthema. Wir kauften uns Wissenschaftsmagazine wie PM, kapierten gar nichts und hatten kein Geld mehr für Disneys lustige Taschenbücher übrig. Im Fernsehen, das damals nur drei nicht einmal rund um die Uhr werktätige Sender hatte, erklärten Physiker im Rollkragenpullover anhand von erbärmlich wackelnden Pappmachémodellen die Planeten und Kometen. Kapiert habe ich da auch nichts, aber ich erinnere mich, dass am Ende immer irgendein Pulver in einer Schale entzündet wurde und explodierte. Die Sendung hieß „Piff Paff Poff“ oder so. Die Bundespost schmeichelte sich bei der Bevölkerung für die bevorstehende Änderung der Postleitzahlen durch Herausgabe einer Sonderbriefmarke für den Halleyschen Kometen ein.

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Für 80 Pfennig konnte man damals übrigens einen Brief von Bayern bis nach Bremen, Buxtehude oder Berlin (West) schicken, nicht aber nach Berlin (Ost), weil er da von der Stasi abgefangen wurde, was wir aber noch nicht wussten, weshalb wir immer dachten, die Verwandten in der DDR seien zu schofelig, zurückzuschreiben. Nur eines von vielen West-Ost-Missverständnissen.

Seit Monaten hatten sich die Leute, die anders als wir 10-Jährigen zu viel Geld hatten, Binokulare und Teleskope gekauft, Dachluken ausgebaut und für den Jahrhunderttag trainiert, geübt und manövriert wie es sonst nur die NATO tat, die alljährlich kanadische Soldaten die Grundschule in Ammerthal besetzen und damit für eine Woche den in meiner Erinnerung nur aus Völkerball bestehenden Sportunterricht ausfallen ließ. (Danke, Kanada!)

Aber ich schweife ab wie der ausgeleierte Schwanz eines seit Jahrmillionen ohne GPS durchs All irrenden Kometen. Zurück zu dem ereignisreichen Tag im Frühjahr 1986, den ich nicht mehr genau datieren kann, den ich aber auf März oder April verorte, zum einen weil es nicht mehr zu kalt war, um stundenlang in der nächtlichen Kälte auszuharren, zum anderen aus einem ereignisvollen, einschneidenden und epochalen Grund, den ich aus Gründen der Dramaturgie erst später in dieser Erzählung in Erscheinung treten lassen werde, so ich dies nicht vergessen sollte, wie ich andere Dinge vergessen habe, die jedoch davon unbeirrt den Kern dieser Geschichte ausmachen und deshalb unbedingt vorzuziehen sind.

Ich weiß aber ganz sicher, dass es ein Freitag war. Denn Freitagabend war Schachklub, und zwar ohne Konkurrenz durch irgendwelche anderen Freitagabendklubs. (Mittlerweile gibt es nicht einmal mehr das Schach, wie wenn der Komet nicht nur an unserem Dorf vorbeigezogen wäre, sondern hier eingeschlagen und jedes gesellschaftliche Leben ausgelöscht hätte). In der vierten Klasse waren eines Vormittags (damals gab es nachmittags noch keine Schule, weil Eltern weder davor Angst hatten, dass Kinder nachmittags alleine sind, noch davor, dass sie keine drei Fremdsprachen und zwei Musikinstrumente beherrschen) zwei Herren in Anzügen in die Klasse gekommen und hatten uns für das sowjetkommunistische Brettspiel, dass sie kaltkriegerisch konsequent das königliche Spiel nannten, zu begeistern versucht. Sie fanden Anklang vor allem bei denen, die sich nichts aus Fußball, der einzigen örtlichen Sportalternative, machten. Ich konnte das damals noch nicht so fundiert untermauern wie jetzt, hatte aber eine instinktive Abneigung gegen faschistoide Körperlichkeitskulte.

Zu guter Letzt erwähnten die schwarz-weißen Brettspielenthusiasten noch, dass Schach irgendwie gut für die Intelligenz sei. Als 10-Jähriger hielt ich mich für wahnsinnig intelligent, vielleicht eine der wenigen sympathischen Konstanten in meinem Leben. Also meldete ich mich mit ein paar weiteren Jungs freiwillig an die Schachfront. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Mädchen explizit ausgeschlossen waren oder sich deren Teilnahme einfach nicht ergab.

Es schien nur die Wahl zwischen Schienbeinschoner und Schachbrett zu sein, aber schon nach wenigen Wochen verwendeten wir Schachschüler Begriffe wie Gambit, en passant und Rochade, während die Fußballer „hey, gib den Ball rüber, du Wichser“ riefen. Damals dachte ich nicht so weit, und es würde mich wundern, wenn die Erwachsenen es taten, aber jetzt erscheint es mir frappierend, mit welcher Präzision die Entscheidung der Schüler zwischen Schach und Fußball die Trennlinie zwischen denen markierte, die einerseits auf Gymnasium, Universität und in die weite Welt gingen und andererseits auf der Hauptschule und im Dorf verblieben.

„Was hat das mit dem Kometen zu tun?“ fragt sich die astronomisch höchstgespannte Leserschaft, und das zurecht. Also, lasst mich noch die Ellipse kriegen: Eines Freitagabends ging ich mit einem Klassen- und Schachkameraden vom uns auf das Turm-, Königs- oder Tigerdiplom vorbereitet habenden Schachklub nach Hause. Das heißt, wir gingen, geschickt wie reisekostenerstattungshungrige Landvermesser, die Strecke in die vage Richtung unserer jeweiligen Zuhauses, die uns den möglichst langen gemeinsamen Weg erlaubte. Denn wir wollten uns noch unterhalten. Schach war möglicherweise intelligent, aber auch sehr ernst. Einer der Vorsitzenden des Schachklubs war auch Vorsitzender der JVA. Man durfte da keine Scherze machen. Nach eineinhalb Stunden, angereichert mit viel zuckerreicher Cola, hatten wir lebhaften Nachholbedarf.

Und dieser Freitagabend im Frühjahr 1986 war ein Besonderer. Seit Monaten hatte das Volk den Kometen erwartet, Fernrohre, Bier und Kartoffelchips bereitgestellt und Fenster geputzt. Aber für just jenen Abend hatte sich der Halleysche Komet für unseren Landstrich angekündigt, was die Lokalpresse zuverlässig verbreitet hatte. Oder vielleicht war der Komet die ganze Woche zu sehen, aber an jenem Freitagabend waren Ozon- und Wolkenlöcher so weit aufgerissen wie die staunenden Münder der Menschheit.

Jedenfalls verharrten wir dort, wo sich unsere Wege sonst trennten, und trennten uns nicht, sondern setzen uns abwechselnd auf einen Stromverteilerkasten, der nur Platz für einen bot, während der jeweils andere hin- und herstapfte. Wie alle Menschen warteten wir auf den Kometen. Anders als die meisten Menschen hatten wir jedoch keine Uhr, denn die erhielten junge Menschen damals traditionell erst zur Firmung oder Jugendweihe, bis wohin wir uns noch nicht vorgearbeitet hatten. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir nicht einmal wussten, um welche Uhrzeit der Komet vorbeizischen würde.

Wahrscheinlich unterhielten wir uns auch über den Kometen, möglichst wichtig und ohne jede Spur von Selbstzweifel.

„Hey Mann, wir sind so klein im Universum, das ist voll krass.“

„Und das Teil ist so weit weg, selbst wenn du mit dem Auto von deinem Papa da volle Pulle hinbretterst, der Komet ist immer schneller.“

„Und er ist so sauheiß, wenn du eine Atomrakete auf den Kometen schießt, dann schmilzt die schon beim Anflug. Der ist unverwundbar.“

Mein geschätzter Kollege konnte zu jedem Thema ad hoc eine These aufstellen und diese so glaubwürdig vortragen, dass ich alles glaubte. Dass es hinten und vorne nicht stimmte, merkte ich erst Jahre später am Gymnasium, als ich gelernt hatte und er nicht. Aber er wurde an die Tafel gerufen und trug mit solcher Überzeugung vollkommenen Stuss vor, dass ihm der überforderte Wirtschaftslehrer schließlich eine gutmütige Drei gab.

Der Halleysche Komet ließ sich nicht sehen, und so kamen wir von einem Thema zum nächsten. Von Kometen zur Raumfahrt. Im Januar waren die Challenger-Astronauten verbrannt, die den Halleyschen Kometen erkunden wollten. Von der Raumfahrt zu Filmen wie Top Gun, Karate Kid und Crocodile Dundee. Von Filmen zu giftigen Pilzen, weil wir keine logischen Überleitungen brauchten. Dann diskutierten wir, welches Gymnasium in Amberg das beste sei und ob Latein oder Französisch leichter oder nützlicher sei. Weiter dachten wir nicht, denn es war die unbeschwerte Kindheit, wo man nachts stundenlang draußen bleiben konnte, ohne irgendwo anzurufen und sich sowieso niemand Sorgen machte. Wenn einer von uns erst am nächsten Morgen nach Hause gekommen wäre und erklärt hätte, dass er beim jeweils anderen übernachtet hatte, hätten die Eltern nur gesagt: „Das haben wir uns schon gedacht. Aber ruf das nächste Mal doch an und gib uns Bescheid.“

Dabei gab es damals viel mehr Kriminalität. Oh ja, wahrscheinlich sprachen wir sogar über Terroristen, Mörder, Bankräuber und Flugzeugentführer, denn deren Fahndungsplakate hingen am Postamt und wir prägten uns die bärtigen Gesichter genau ein, um die 50.000 DM Belohnung zu kassieren.

Über diesen weitreichenden Unterhaltungen verflog so viel ungemessene Zeit, dass wir immer seltener in den Himmel schauten und das einmalige Spektakel vergaßen. Wir wussten ja nicht einmal, ob der Komet im Norden oder im Süden vorbeifliegen sollte. Und selbst wenn, dann wussten wir nicht, wo in unserem Dorf Norden oder Süden war. Wer nimmt schon einen Kompass mit zum Schachspielen?

„Ich glaube, wir haben so lange gelabert, wir haben den Kometen verpasst.“

„Kein Ahnung, wie spät es ist, aber mich friert schon.“

„Und ich muss pinkeln.“

„Wann kommt der wieder vorbei?“

„In 75 Jahren.“

Wir waren beide zu faul, das Jahr auszurechnen, auch weil uns diese Zeitspanne so undenkbar weit weg erschien. Damals wurde niemand so alt, außer Japaner, von denen wir jedoch keinen kannten, außer den einen in dem Film, wo er noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Insel ausharrt und sich auf die Invasion vorbereitet. Aber:

„Wenn wir dann noch leben, treffen wir uns hier wieder. Aber nächstes Mal passen wir besser auf.“

„Abgemacht.“

„Tschüss.“

„Tschüss.“

Wenige Wochen darauf explodierte das Kernkraftwerk in Tschernobyl, und die Kindheit war zu Ende.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Komet verpasst

  1. Nach Tschernobyl war die Kindheit vorbei, war bei mir auch so, obwohl ich schon älter war. Es war zum ersten Mal das Gefühl, von großen Katastrophen persönlich betroffen werden zu können.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und bis dahin dachten wir immer, wir sterben durch Atombomben.

      Ich muss ehrlich sagen, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, wie ich Tschernobyl aufgenommen habe. Bei uns lief damals die Diskussion um die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, da wurde das natürlich thematisiert. Auch aßen wir keine Beeren und Pilze mehr. Aber in meiner Erinnerung sind da keine bestimmten Momente oder Bilder abgespeichert. (Schade, dass ich damals noch nicht geschrieben habe, aber das sollte ich erst Jahrzehnte später beginnen.)

  2. Pingback: But what about the Comet? | The Happy Hermit

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