Winke, winke

Der Zug von Elsterwerda nach Chemnitz legt jedes Mal einen zehnminütigen Stopp in Riesa ein, was den Ort wichtiger erscheinen lässt, als er ist.

Vielleicht muss der Lokführer aber auch einfach mal eine Zigarette rauchen.

Die meisten Tabakgegner und Bahnkritiker wissen das nicht, aber ein erheblicher Teil der Verspätungen im Zugverkehr geht darauf zurück, dass man während der Fahrt nicht mehr rauchen darf. Ist ja logisch, dass dann das gestresste Personal hin und wieder einen Halt an frischer Luft einlegen muss.

Dieses Mal steigen in Riesa tatsächlich eine ganze Menge Menschen aus, um und ein. Der Zug ist rappelvoll. Viele junge Leute mit großen Rucksäcken und wilden Bärten, die anscheinend alle an die Universität fahren und sich noch von der Schule zu kennen scheinen.

Eine Studentin wurde von ihrer Großmutter zum Zug begleitet, was ein bisschen anachronistisch, ja sogar peinlich erscheinen mag. Aber vielleicht war die Großmutter einst im Königreich Sachsen oder in der Weimarer Republik eine Vorkämpferin gleicher Bildungschancen für Mädchen, Fräulein und Frauen und freut sich, dass ihre Enkelin jetzt Physikerin oder Germanistin wird.

Der Studentin werden die 10 Minuten sichtlich lang, denn die Oma steht noch immer vor dem Fenster und winkt und winkt und winkt. Wie so eine japanische Manekinekokatze, die immer trotzig und traurig in sonst leeren Schaufenstern von schon lange aufgegeben Läden in der ländlichen Lausitz winken.

Photo by Sarah Trummer on Pexels.com

Die Studentin versucht abzulenken, indem sie – genauso stolz wie die Oma auf ihre feministische Frontkämpferinnenvergangenheit – von ihrem Auslandssemester in Schweden erzählt. Die anderen Studenten im Abteil sind höchst interessiert oder tun zumindest als ob. Das weiß man heutzutage nicht mehr so genau, weil die jungen Menschen so verdammt wohlerzogen und höflich sind.

Eine etwas ältere Frau aus der Generation, wo man noch weniger Wert auf Höflichkeit legte und stattdessen der Direktheit frönte, weist die junge Akademikerin mit leichtem Spott in der Stimme darauf hin: „Die Oma winkt immer noch.“

Ich, stets diplomatisch, versuche die Situation zu entschärfen und sage – ganz trocken und ohne den Blick von der Zeitung hochzunehmen: „Kann man verstehen. Das ist ja die Generation, die es gewohnt ist, dass Menschen, die in den Zug steigen, erst nach 5 Jahren wiederkommen.“

Und, weil keine Reaktion erfolgt: „Oder gar nicht mehr.“

Eisiges Schweigen. Leere, verstörte Blicke.

Jetzt erst lächle ich in die Runde. „Kleiner Historikerscherz“, sage ich, um die Situation zu entschärfen.

Aber es nützt nichts. Bei Eisenbahnen verstehen die Deutschen keinen Spaß.

Links:

Avatar von Unbekannt

About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichte, Reisen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Responses to Winke, winke

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Hallo Andreas, gerade mal kurz und schallend aufgelacht, danke dir für das Quäntchen Sarkasmus.

    Beste Grüße aus Berlin, Gabi

    • Ich fand’s auch lustig. 🙃
      (Und war mächtig stolz darauf, dass ich nicht selbst schmunzeln musste, was sonst meine Scherze meist als Rohrkrepierer verenden lässt.)

  2. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Ebenfalls beim Lesen aufgelacht. Sehr Schön, Danke

  3. Avatar von Kasia Kasia sagt:

    Das hat der Dame die Sprache verschlagen 🙂

Hinterlasse eine Antwort zu Kasia Antwort abbrechen