„Wackelkontakt“ von Wolf Haas

„Die Handlung war zu konstruiert“ hört man oft, wenn Leute aus dem Kino kommen und sich ärgern, dass die Straßenbahnfrequenz nach 22 Uhr spürbar abnimmt, so dass sie jetzt noch eine Viertelstunde an der zugigen Zentralhaltestelle herumstehen müssen. Oder wenn sie ein Buch enttäuscht zuklappen und in den Sand legen, bevor sie den Neoprenanzug überziehen, die Harpune schultern und zum nächsten Tauchgang im Roten Meer aufbrechen.

Anscheinend soll das kritisch gemeint sein, aber gelehrter klingen als „hat mir nicht gefallen“.

Wobei alles besser ist als „das hat mich einfach nicht abgeholt“. Zum einen ist ein Buch nicht die eingangs erwähnte Straßenbahn. Zum anderen schwingt da so eine Erwartungshaltung mit, nach dem Motto: „Jetzt habe ich 25 Euro für 236 Seiten bezahlt, da möchte ich wenigstens abgeholt werden.“

Ich selbst bezahle fast nie 25 Euro für ein Buch, weil ich weiß, wie Bibliotheken funktionieren. Wenn man einmal den Dreh raushat und weiß, wie man diese öffentlichen Bücherhäuser nutzt, dann spart man jeden Monat Hunderte an Euros. So kommt man auch mit weniger als dem durchschnittlichen Nettolohn eines Industriearbeiters ziemlich gut und gebildet über die Runden. (Ein trauriger Nebeneffekt ist, dass dadurch die Autoren darben und verhungern. Aber keine Sorge, es wachsen ständig neue nach.)

Menschen, die wollen, dass Bücher sie „abholen“, sagen wahrscheinlich auch: „Nächstes Jahr machen wir Mallorca.“ Ich wünsche dann immer viel Spaß mit den tektonischen Prozessen zwischen afrikanischer und eurasischer Platte, aber natürlich nur leise und innerlich, nicht laut. Man will auf der Gartenparty, wo alle etwas unbeholfen rumstehen, weil man nicht weiß, ob man sich auf den Rand der Hochbeete setzen darf, schließlich keine Diskussion über die Plattentektonik lostreten. Wobei mich immer wieder überrascht, wie relativ spät diese entdeckt wurde. Als ich auf die Polytechnische Oberschule ging, war das gerade der letzte Schrei und der Geografieprofessor ganz begeistert und aus dem Häuschen. Wir Schüler und Schülerinnen blickten auf die Weltkarte und sagten unisono: „Das ist doch evident, Alter!“ Aber ich glaube, die Jugend von heute ist respektvoller und sagt nicht mehr „evident“.

Ebenso wenig würde es der Jugend einfallen, mir vorzuwerfen, ich schriebe „zu konstruiert“.

Ganz im Gegentum wird mir manchmal vorgeworfen, man verlöre bei meinen Artikeln leicht den roten Faden. Wobei das überwiegend von Menschen ohne besonders ausgeprägte Geduld kommt, die einfach nicht weit genug lesen, um den roten Faden dort wieder aufzunehmen, wo er auftaucht. Dabei wird man bei meinen Geschichten im wörtlichsten Sinn „abgeholt“, weil man während des Lesens mit im Zug nach Stockholm sitzt. Oder nach Berlin. Oder einmal quer durch Kanada. Oder nach Görlitz und zurück. Bequemer und gemütlicher und zielgerichteter geht es kaum.

Seit ein paar Wochen gibt es wieder ein bisschen Tohuwabohu im Nahen Osten. Auf der Suche nach dem ultimativen Artikel, der wirklich alles über den Nahen Osten erklärt, bin ich auf diesen gestoßen. Und ich muss zugeben: Da habe ich während des Schreibens selbst ein paarmal vergessen, worüber ich eigentlich schreibe.

„Da habe ich mich wohl total verfranzt.“

Deshalb kann ich, um jetzt endlich auf den Punkt zu kommen, nicht nachvollziehen, wenn man „konstruiert“ als etwas Negatives ansieht. Ist eine Handlung konstruiert, hat sich der Autor einen Plan gemacht. Am Reißbrett, an der Pinnwand, auf einem Tisch voller Zettel oder – wenn es ein stilloser Banause ist – in einem dieser neumodischen Computergeräte. Das ist doch schön. Mir nötigt das allergrößte Hochachtung ab, wenn jemand auf Jahre hinaus einen Plot planen kann.

Und es kann durchaus gelingen. Zum Beispiel in dem Buch „Wackelkontakt“ von Wolf Haas, das ich gestern mit großem Vergnügen an einem Tag ausgelesen habe.

Es geht um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet und währenddessen ein Buch liest. Das Buch handelt von einem Mafia-Killer, der im Gefängnis sitzt und ein Buch liest. In jenem Buch geht es um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet. Und so weiter.

Anfangs war ich genervt davon, dass die beiden Handlungsstränge nicht streng nach Kapiteln unterteilt waren, sondern fließend ineinander übergingen. Aber bald war ich beeindruckt, wie flüssig und kreativ diese Über- und Ineinandergänge gestaltet waren. Das ist schon ein anderes Kaliber als wenn jemand einfach so runterschreibt, was einem in den Sinn kommt.

Man springt also zwischen beiden Erzählungen hin und her, findet den einen weniger sympathisch als den anderen und merkt lange nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Bis irgendwann, vielleicht nach dem ersten Drittel, vielleicht in der Mitte des Romans, der Groschen fällt.

Und dann wird es kompliziert, weil die Tochter des (mittlerweile aus dem Gefängnis entlassenen) Mafioso das Buch stibitzt und es an Stelle ihres Vaters weiterliest. Das Tempo nimmt zu, die verschiedenen Ebenen berühren sich immer wieder, und der Leser wird hin- und hergerissen zwischen Krimi, Familiengeschichte und literarischer Spielerei. Wirklich toll konstruiert!

Ich könnte hier mehr von der Handlung erzählen, um Euch zu überzeugen, dass das Buch die Lektüre lohnt. Aber das hieße auch, Euch um einen Teil des Vergnügens zu bringen.

Also, geht in die Bibliothek (der Wolf Haas hat schon genug verdient) und holt Euch den „Wackelkontakt“.

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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11 Responses to „Wackelkontakt“ von Wolf Haas

  1. Ja, Wolf Haas ist ein Großmeister. Das versteckt sich immer wieder hinter der Leichtigkeit, mit der seine Sprache daherkommt. Da übersieht man schnell die Tiefe seiner Texte und Themen.

  2. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Kann mich dem Kommentar nur anschließen, im Brenneruniversum (Krimireihe um den Privatdetektiv Simon Brenner) kann man wochenlang versinken. Die anderen Romane sind zum Teil noch besser. Kenne im deutschsprachigen Raum kaum bessere Unterhaltung. Der Haas ist ja selbst Anglist, und vielleicht kümmert ihn darum auch nicht, dass ein guter Roman auch unterhaltend sein darf. (Vermutlich hat er das selbst so gesagt, weiß es nicht mehr genau.)

    Von wegen Bibliothek: Ich finde, dem Haas kann man seine Bücher trotzdem noch abkaufen. Sie sind grafisch immer was Besonderes. Beim Wackelkontakt versteckt sich zum Beispiel noch was Hübsches im Inneneinband! Und der wird von den Bibliotheken ja immer mit Folie versiegelt. Außerdem vertrau ich bei Haas darauf, dass er sein Geld nicht in irgendeine mallorquinische Finca steckt. Dafür ist der viel zu bodenständig (nachzulesen in „Eigentum“).

    PS: Leute, die Mallorca machen, sollen sich von Fitzek abholen lassen : ))

    • Haha, das PS gefällt mir! 😀

      Beim Wackelkontakt-Bucheinband muss ich aber widersprechen: Seit ich das länger angesehen habe, schielen meine Augen und ich habe ständig Kopfschmerzen.
      Das ist ein Beispiel für übertriebene Kreativität auf Kosten der Praktikabilität, wenn nicht sogar der Volksgesundheit.

      Ich bin jedenfalls froh, dass ich mir jetzt einen ganzen Stapel Bücher eines neu entdeckten Autors aus der Bibliothek holen kann. (Die Autoren bekommen ja immerhin jedes Mal eine kleine Bibliothekstantieme, wenn eines ihrer Bücher ausgeborgt wird.)

      Ich bin grundsätzlich nicht der Typ, bei dem sich eine große Privatbibliothek ansammelt. Zum einen denke ich immer schon an den nächsten Umzug, zum anderen verschenke ich gelesene Bücher gerne. Allerdings sammeln sich trotz Abneigung gegen das Bücherhorten immer einige Hundert Bücher an, die noch gelesen werden wollen (oder die man für Arbeit oder Studium benötigt oder zu benötigen glaubt).

  3. Avatar von Bene Bene sagt:

    Wer sich bei dir über fehlende oder verlorene rote Fäden beschwert, dem fehlt es vielleicht auch einfach an der geistigen Kapazität, deinen mäandernden Gedanken zu folgen… Für mich machen gerade die einen Teil des Reizes aus.

    • Dankeschön!
      Dann bleibe ich bei diesem Stil.

      Ich empfinde das Schreiben dadurch auch mehr als eine direkte Kommunikation mit dem Leser, denn genauso würde ich erzählen, wenn wir am Lagerfeuer oder am Schlossteich sitzen würden und uns Geschichten erzählten.

  4. Avatar von flusskiesel flusskiesel sagt:

    Als Bibliothekswesen muss ich da einwerfen, dass das Gejammer um die verhungernden Autorinnen und Autoren so alt ist wie die Bibliotheken selber.

    Ich mag da nicht daran glauben, denn Bibliotheken sind nicht nur selber beständige und zuverlässige Käufer von Literatur, sie bringen auch viele Menschen zum Buch und wer viel liest, der kauft häufig auch gerne selber Bücher.

    Auch werden ja als Ausgleich Tantiemen ausgeschüttet.

  5. Anscheinend sind die Sommerferien Krimi-Zeit, denn in der Stadtbibliothek war nur ein Brenner-Krimi da: „Müll“

    Schon nach den ersten Kapiteln bin ich absolut begeistert!

  6. Pingback: „Müll“ von Wolf Haas | Der reisende Reporter

  7. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Danke für den Tipp mit Herrn Haas. Ich bin gerade mit den Boll-Krimis von Monika Geier durch. Kommissarin Boll ist eine Agatha Christie aus Ludwigshafen. Schau mal rein, wenn du welche findest. Die ganze Reihe gab es in dem Büchertauschregal im türkischen Cafe um die Ecke.

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