Filmkritik: Spotlight

Der beste Film des Jahres – und mein Freund Oscar aus Hollywood hat dieses Urteil bestätigt – kommt ohne Explosionen, ohne Verfolgungsjagden, ohne Liebesaffäre, ohne Superhelden, ohne wohlgeformten Kurven in knappen Kleidern und ohne Schießerei aus.

Er zeigt einfach nur Menschen bei der Arbeit.

Keine außergewöhnlichen Menschen. Keine Astronauten, keine Scharfschützen, keine Zirkusartisten. Nur Reporter. Keine Kriegsreporter im Kugelhagel, sondern ganz normale Reporter bei einer Lokalzeitung.

Spotlight präsentiert die wahre Geschichte von vier Reportern beim Boston Globe, die Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester und deren Vertuschung durch die Diözese untersuchen. Auch wenn jeder Zuschauer schon weiß, dass die Journalisten am Ende erfolgreich sein werden und die Welt für Kinder damit ein bisschen sicherer machen, zeigt der Film gnadenlos, wie zögerlich die Journalisten die Geschichte anfangs angingen, dass sie ursprünglich den wirklichen Skandal trotz Hinweisen gar nicht bemerkten und dass es eines neuen Herausgebers (Marty Baron, mittlerweile bei der Washington Post) bedurfte, um sie zur Jagd zu tragen.

Keiner der Reporter wird als außergewöhnlicher Star des investigativen Journalismus portraitiert, keiner von ihnen muss wie einst Günter Wallraff unter einer falschen Identität undercover ermitteln, keiner von ihnen riskiert sein Leben. Stattdessen zeigt Spotlight die eintönige Arbeit im Archiv im Keller, das manuelle Durchsuchen von Gerichtsakten oder von Microficheblättern und – als technologisches Highlight – das Anlegen einer Excel-Tabelle.

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Dennoch empfinden wir als Zuschauer Nostalgie für „die gute alte Zeit des Zeitungsjournalismus“. Es muss also etwas geben, was wir an dieser Art des Journalismus vermissen. Ich denke, dieses etwas ist Zeit. Genauer genommen: Geduld. Die Recherche zieht sich über mehrere Monate hin bis der Boston Globe die Geschichte endlich veröffentlicht. Einer der Reporter selbst wird schon ungeduldig und befürchtet, dass die Zeitung die Recherchen still und heimlich begraben will.

Heutzutage, wo die meisten Redaktionen und Leser zu glauben scheinen, dass Schnelligkeit eine wesentliche Eigenschaft des Journalismus zu sein hat, ist dieser Luxus kaum mehr vorhanden. Dabei ist der Luxus, sich Zeit zu nehmen, der einzige Weg, um Qualität und Genauigkeit, ganz zu schweigen von stilistischer Grazialität, zu erreichen. In den wenigen Fällen, in denen diese Zeit zur Verfügung steht, kann noch immer hervorragende Arbeit geleistet werden, wie Veröffentlichung und Analyse der Panama Papers zeigen.

Passenderweise wird diese Botschaft durch einen Film vermittelt, der ebenso auf Substanz und Qualität anstatt auf Schnelligkeit und Effekte setzt. Spotlight ist einer der besten Journalistenfilme aller Zeiten, meiner Meinung nach sogar besser als der Klassiker Die Unbestechlichen. Wenn man sich Interviews mit den echten Spotlight-Journalisten ansieht, springt auch ins Auge, wie wirklichkeitsnah die Schauspieler das Verhalten ihrer jeweiligen Charaktere nachahmen. Sie müssen Wochen miteinander verbracht haben, um sich all die Eigenheiten der echten Reporter abzugucken.

Aber leider sind nicht nur die Journalisten authentisch, sondern auch die Opfer. Der  Film konzentriert sich zwar auf die Recherche an sich, zeigt aber dennoch das Ausmaß und die Tiefe des Missbrauchsskandals in der Kirche auf. Er zeigt, dass die Katholische Kirche wie eine kriminelle Organisation agiert, um ihre Mitglieder zu schützen, und dass sie Pfarrer, die mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert wurden, zeitweilig in bezahlten Urlaub oder gleich in eine andere Pfarrei schickte. Eine Pfarrei mit neuen Kindern. Man erfährt, wie Priester sich planmäßig auf verletzliche Kinder aus zerbrochenen Familien konzentrieren, wie sie ihre Opfer in der „Jugendarbeit“ regelrecht heranzüchten. Es wird eine kircheninterne Studie zitiert, nach der 6% aller katholischen Priester pädophil sind. In Deutschland – und warum sollte es bei uns anders sein? – wären das aktuell 850 Priester.

Denn das alles ist natürlich nicht auf Boston oder auf die USA begrenzt. Es geschieht in jedem Land, in dem es katholische Kirchen, Klöster und Schulen gibt. Ich selbst habe den Film in Südamerika gesehen. Zwar werden im Abspann einige Diözesen aufgelistet, in denen Missbrauch aufgedeckt wurde, aber unweigerlich frage ich mich, wieviel mehr Kinder hier missbraucht werden, wo die Katholische Kirche viel mehr Einfluss, Mitglieder und Macht als auf anderen Kontinenten hat.

Ganz besonders perfide ist eine Vorgehensweise, die im Film nur kurz angesprochen wird: einige Missbrauchspriester werden, wenn sie in den USA gänzlich untragbar geworden sind, nach Südamerika geschickt. Es ist nicht so, dass die Kirche dachte, es gäbe in Südamerika keine zu missbrauchenden Kinder oder dass die Priester sich in Zukunft schon benehmen würden. Sie kalkulierte nur knallhart, dass Südamerikaner wegen der stärkeren gesellschaftlichen Rolle der Kirche keine Anzeige erstatten würden – oder dass die Kirche in den katholischen Ländern Lateinamerikas mit teilweise nicht ganz so robusten Justizsystemen andere Möglichkeiten hätte, um Vorfälle unter den Teppich zu kehren. An Geld mangelt es schließlich nicht. In anderen Worten, die Kirche ging genauso strategish vor wie eine kriminelle Vereinigung, wie Drogenhändler oder die Mafia.

(Read this review in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Filmkritik: Spotlight

  1. Pingback: Film Review: Spotlight | The Happy Hermit

  2. svenbuechler schreibt:

    Danke für die tolle Kritik, die mich am Wochenende zu einer Zweitsichtung motiviert hat. Und Du hast recht: er toppt „Die Unbestechlichen“ tatsächlich. Das ist einer meiner Lieblingsfilme, weswegen ich das wohl beim ersten Mal noch nicht sehen wollte. 😉

    Linktipp: Die von Dir schon angesprochene Realitätsnähe des Films wurde hier szenenweisen untersucht und visualisiert:
    http://www.informationisbeautiful.net/visualizations/based-on-a-true-true-story/

    („Der Moment der Wahrheit“ (2015) kennst Du vermutlich schon, ist ansonsten auch noch eine gute Genre-Empfehlung)

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich habe mir „Spotlight“ jetzt auch schon zum zweiten Mal angesehen, unter dem Vorwand, dass mir die synchronisierte Fassung beim Spanischlernen hilft.

      Das ist ein interessanter Link! Da hat sich jemand eine Menge Arbeit gemacht. „The Big Short“ ist übrigens auch ein hervorragender Film.

      Von „Der Moment der Wahrheit“ habe ich gelesen, habe ihn aber bisher noch nicht gesehen.

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