„Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada

jeder-stirbt-fuer-sich-alleinWenn ein Roman 62 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein Weltbestseller wird, dann macht das neugierig. Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada erschien in Deutschland schon 1947, aber ich wurde auf das Buch erst 2009 aufmerksam, als es unter dem Titel Alone in Berlin in jedem Buchladen in London stapelweise auslag und das meistgelesenste Buch in der dortigen U-Bahn war. Der Roman erzählt die auf Tatsachen basierende Geschichte eines einfachen deutschen Ehepaares und ihres Widerstands gegen die Nazis.

Ich könnte diese Rezension kurz halten: Das Buch hat 600 Seiten, und nach ein paar Abenden hatte ich es ausgelesen. Bis weit nach Mitternacht hielt es mich wach und gefesselt, wie es nur ein spannender Thriller vermag.

Aber Jeder stirbt für sich allein ist mehr als ein Thriller. Es ist eine Geschichte über das Leben unter den Nazis, über politischen Widerstand, es ist eine äußerste spannende Detektivgeschichte und zuletzt geht es um einen Mann und eine Frau, die durch eine gemeinsame Idee wieder zueinander finden. Dennoch ist das Buch nicht überladen, sondern diese verschiedenen Stränge sind perfekt miteinander verwoben.

Anna und Otto Quangel leben während des Zweiten Weltkriegs in Berlin und sind weder Mitglieder in der NSDAP, noch sind sie übermäßig kritisch gegenüber dem Regime. Das ändert sich, als ihr einziger Sohn als Soldat an der Front getötet wird. Aus diesem Gefühl des persönlichen Verlusts heraus entscheidet Otto Quangel, dass er „etwas tun“ müsse und beginnt, handschriftliche Postkarten mit Parolen gegen das NS-Regime zu schreiben und sie in Treppenhäusern an verschiedenen Orten der Stadt liegenzulassen. Als sie von der Idee hört, fragt seine Frau Anna „Ist das nicht ein bißchen wenig?“, aber beide stimmen überein, dass jeder Akt des Widerstands besser ist als gar nichts, und sind sich bewußt, dass sie selbst damit ihr Leben riskieren.

Ein erheblicher Teil der Handlung spielt in dem Mietshaus, in dem die Quangels leben, das einen Mikrokosmos des Deutschland von 1940 oder 1941 abbildet. Da gibt es die bestialische Nazi-Familie, die das Regime nicht zuletzt deshalb unterstützt, weil es ihr persönlich Macht gegeben hat. Es gibt eine alte und angsterfüllte jüdische Dame, deren Mann „abgeholt“ wurde. Es gibt den pensionierten Richter, der noch immer respektiert wird, obwohl er keinen Hehl aus seiner Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus macht. Und im Hinterhof leben die Spieler und Huren, die keinerlei politische Affiliation haben, aber auf ihren persönlichen Vorteil schauen, wo immer sie können.

Die desaströsen wirtschaftlichen Auswirkungen der Nazi-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs sowie die ökonomischen Anreize, die das für die Deutschen jener Zeit mit sich bringt, spielen immer wieder eine wichtige Rolle. Sowohl die Nazi-Familie als auch die Schläger in dem Mietshaus betrachten die jüdische Dame als potentielles Opfer, um sich selbst zu bereichern. Nachdem dieses Ziel erreicht wurde, bestehlen und betrügen sie sich gegenseitig. Der Polizei werden Informationen gesteckt, um Belohnungen zu kassieren, oder Verdächtige werden erpresst, um von ihnen Schutzgeld zu kassieren. In dem Kriegsdeutschland, wie es Hans Fallada darstellt, kümmern sich die meisten Deutschen gar nicht so sehr um den Krieg (das Buch spielt vor den Wendeschlachten in Stalingrad, El-Alamein und der allierten Landung in der Normandie), politische Freiheiten, Einparteienherrschaft oder den Holocaust, wobei Fallada durchaus erwähnt, dass die Deutschen von den Konzentrationslagern und den Morden dort, ja sogar von den Massakern der Wehrmacht, der SS und anderer Einheiten in Osteuropa wussten. Wenn Deutsche in dem Buch sauer auf die Nazis sind, dann aber nur deswegen, weil sie bloß mit Lebensmittelkarten einkaufen können.

Ein weiteres betonendes Element bei der Beschreibung der deutschen Gesellschaft zu jener Zeit ist die Angst. Nicht nur die Angst vor der Gestapo und der SS, sondern auch die Angst vor Denunzierung durch die Nachbarn, Arbeitskollegen und sogar Verwandten. Das ganze Land lebt unter einer Wolke der Angst und des Misstrauens. Vielleicht ist Fallada deshalb besonders gut darin, diese Stimmung im Roman zu erschaffen, weil er als einer der ganz wenigen Schriftsteller während der gesamten 12 Jahre der Nazi-Herrschaft in Deutschland leben blieb (weswegen er nach 1945 ein bißchen umstritten war) und so Land und Leute besser beobachten konnte als die Schriftsteller im Exil.

Die Verteilung der Postkarten durch die Quangels geht nur langsam voran. Pro Woche deponieren sie zwischen 2 und 3 Postkarten. Aber bald erfährt die Gestapo von den Karten und nimmt Ermittlungen auf. Kommissar Escherich, ein intelligenter Ermittler, jagt den/die vermuteten Täter mit zunehmender Besessenheit, aber es wird noch lange dauern – und unschuldige Opfer fordern – bis er von den Quangels erfährt. Diese Detektivgeschichte im Roman ist so außerordentlich spannend, mit immer wieder überraschenden Wendungen und Beinahe-Zusammentreffen zwischen Jäger und Gejagten, dass Jeder stirbt für sich allein auch als Thriller empfohlen werden kann, selbst wenn Ihr Euch überhaupt nicht für deutsche Geschichte interessiert.

Die Lektüre dieses Buches läßt einen noch bewegter zurück, wenn man weiß, dass es überwiegend auf der wahren Geschichte von Elise und Otto Hampel basiert. Neuere Ausgaben des Buches enthalten im Anhang Auszüge aus der Gestapo-Akte, einschließlich einiger der Postkarten, sowie Vernehmungsprotokolle. Wenn man sich diese durchliest, sticht die Ähnlichkeit zwischen echter und fiktiver Handlung ins Auge.

Die Geschichte der Hampels (oder Quangels) und anderer deutscher Versuche zum Widerstand – von denen es peinlich wenige gab – führt zu der Frage, was die Lektion dieser Geschichte ist. War der Widerstand das Risiko und das Opfer nicht wert, weil er vollständig scheiterte? Oder gab es nicht genug Widerstand? Im vollen Bewusstsein, dass ich keine Ahnung habe, wie ich selbst in einer Diktatur agieren würde, tendiere ich zur zweiten Ansicht. Zumindest für die Quangels war der Widerstand auch zu etwas geworden, dessen Aussichtslosigkeit sie ausblendeten, aber das ihnen das gute Gefühl persönlichen Muts und moralischer Überlegenheit bescherte. Und es wiederbelebte ihre Ehe, wie wohl kaum ein anderes Unterfangen dazu in der Lage gewesen wäre.

Primo Levi nannte Jeder stirbt für sich allein „das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde“. Auf jeden Fall bietet es neben seiner Qualität als Detektivgeschichte eine zeitnahe Studie des Milieus, aus dem sich die meisten „Mitläufer“ und „Minderbelasteten“ rekrutierten.

(Read this review in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada

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  4. benwaylab.com schreibt:

    Interessant. Werde das Buch gleich bestellen. Habe gerade neulich „Der Alpdruck“ von Fallada gelesen. Auch lesenswert.

  5. Pingback: Nazis in New York | Der reisende Reporter

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