„Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth

Couchsurfing, das kostenlose Übernachten bei bis dahin Fremden, ist eine gute Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen. Das gilt umso mehr in Ländern, in denen man die Sprache nicht spricht und wo man ohne örtliche Hilfe etwas aufgeschmissen ist. (Eine meiner besten Couchsurfing-Erfahrungen war zum Beispiel in Abchasien.) Und der Iran ist sowieso ein fantastisches Reiseland.

Couchsurfing im IranStephan Orth, ein deutscher Journalist, dachte anscheinend ebenso und reiste einen Monat kreuz und quer durch den Iran, wobei er, wann immer es ging, bei Einheimischen übernachtete, von ihnen über das Leben im Iran erfuhr und sich die Ecken zeigen ließ, an die man als Tourist sonst nicht kommt, wie die Schlachtfelder aus dem Irak-Iran-Krieg.

Leider bleibt das Buch jedoch weitgehend an der Oberfläche. Natürlich macht er die gleiche Erkenntnis wie jeder Iran-Reisende, dass es einen öffentlichen und einen privaten Iran gibt. Sobald man über die Türschwelle tritt, fallen die Kopftücher, die westliche Musik wird aufgedreht, von irgendwoher kommt Alkohol geflossen, und die Diskussionen sind offen, und unzensiert. Allerdings hat Orth anscheinend hauptsächlich Menschen getroffen, die Freiheit im Konsum- oder anderweitigen Rausch suchen. Ein paar persische Poeten sind auch dabei, aber was mich doch sehr stutzig macht, ist dass in einem 2015 erschienen Buch niemand über die Grüne Revolution von 2009 spricht. Kein Wort im ganzen Buch. Das glaube ich einfach nicht. Vielleicht will der Autor seine Gastgeber schützen, aber dann hätte er die politischen Diskussionen den bekannten anonymen Taxifahrern in den Mund legen können.

Fast schon infantil wirken die vielen eingestreuten SMS-Nachrichten, die der eigentlich erwachsene Autor mit iranischen Teenagerinnen austauscht. Diese peinlichen Flirtgeschichten bereichern das Buch nicht gerade.

Die Enttäuschung über dieses Buch wiegt schwerer, weil ich vorher „Couchsurfing in Russland“ vom gleichen Autor gelesen hatte. Das war besser, fundierter, informativer. Man hat den Eindruck, dass er nach dem Erfolg mit dem Russland-Buch den Auftrag zur Iran-Reise erhalten hat und unbedingt ein Buch daraus machen musste, obwohl das Material es nicht hergab. Nicht jede Reise muss zu einem Buch werden.

Vielleicht war dem Autor das selbst bewusst, denn an einer Stelle beklagt er sich, dass man „beim Couchsurfing nur eine Gruppe von Menschen trifft, die gebildet ist, gut Englisch kann und sehr modern und internetbegeistert ist.“ Ein wirkliches Spiegelbild der iranischen Gesellschaft lernt man so nicht kennen. Und auch das Tempo der Reise ist einem literarischen Werk nicht zuträglich: „Es ist einer von vielen Tagen im Iran, an denen ich mir wünsche, nicht ständig auf dem Sprung zu sein, von Gastgeber zu Gastgeber zu reisen, sondern einmal länger bleiben zu können und mehr als nur einen flüchtigen Ausschnitt aus einem anderen Leben kennenzulernen.“

Stellenweise spricht Orth interessante und heikle Themen an, die mehr Ausführungen verdient hätten. Dass man als Deutscher als „arischer Bruder“ im Iran besonders willkommen geheißen wird, habe ich selbst erlebt. Sogar im Evin-Gefängnis wurde ich darauf angesprochen. (Daraus sollte mal ein Buch werden!) Auch die ständigen Hitler-Verehrungen im Iran und die neurotische Fixierung auf Israel als angeblichen Hort alles Bösen sind nervig, und es ist Orth anzurechnen, dass er diese Unsitten erwähnt, auf dass vielleicht ein paar Iraner ihre Haltung überdenken oder der nächste Reisende zumindest vorgewarnt ist.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu „Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth

  1. Helma schreibt:

    Gutes Review. Habe mich beim Lesen auch gefragt, warum er nicht an einem Ort bleiben kann. Oft lernt man ja gerade durch die Locals andere Menschen aus anderen Schichten kennen. Die guten Geschichten liegen halt nicht auf der Straße, sondern in den Häusern am Rand.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich versuche bei meinen Reisen immer, mindestens zwei bis drei Tage an einem Ort zu bleiben. Besser noch länger. Lieber weniger Orte, aber dafür mehr Verständnis.

      Und genau diese Kontakte von Kontakten, die du erwähnst, brauchen ein bisschen Zeit. Und vielleicht hätten ihn dann nicht alle zum Strand oder zu Parties genommen, sondern man hätte den wirklichen Alltag erlebt.

  2. Ariana schreibt:

    Ich habe das Buch auch gelesen und empfand es als relativ oberflächlich und langweilig – es wirkt so, als wollte der Autor unbedingt ein Buch schreiben, es ist aber irgendwie gar nichts wirklich spannendes passiert. Diese Problematik sehe ich heute bei vielen Reiseberichten – durch das, dass Reisen per se nicht mehr abenteuerlich ist, reicht es eben nicht mehr, einfach seine Erfahrungen niederzuschreiben.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin fast froh, dass du genau den gleichen Eindruck hattest. Denn manchmal wird mir vorgeworfen, ich sei überkritisch. Aber je mehr man selbst schreibt, umso schärfer wird das Auge. An Stephan Orths Stelle wäre ich auf jeden Fall ein weiteres Mal in den Iran gereist und dann länger an einzelnen Orten geblieben und tiefer eingetaucht. Dann wäre vielleicht ausreichend Material zusammengekommen.

  3. Pingback: “Couchsurfing in Iran” by Stephan Orth | The Happy Hermit

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