Kiew – Tag 17/21 – Nationalfarben

Schon als ich in Polen den ukrainischen Zug bestieg, fiel mir die patriotische Farbgebung auf.

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In Kiew wird das Markenimage in der U-Bahn konsequent fortgeführt.

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Und ab da fiel es mir überall auf:

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Ich glaube nicht, dass diese patriotischen Plastiktüten zufällig da hängen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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9 Antworten zu Kiew – Tag 17/21 – Nationalfarben

  1. Pingback: Kyiv – Day 9/21 – National Colors | The Happy Hermit

  2. Andreas schreibt:

    Patriotismus als Trost dafür, dass die Ukraine mittlerweile das ärmste Land Europas ist (oder doch nur das drittärmste, wenn man stopfake.org glauben darf: https://www.stopfake.org/de/manipulativ-die-ukraine-ist-das-aermste-land-europas/).

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich glaube tatsächlich, dass Patriotismus oft von sozialen und anderen Fragen ablenken soll. Anhand von Bolivien habe ich mal ein besonders kurioses Beispiel geschildert: https://andreas-moser.blog/2016/12/07/bolivien-vermisst-das-meer/

      Im Fall der Ukraine habe ich aber den Eindruck, dass der Verlust der Krim und zumindest derzeit von Teilen des Donbass den Patriotismus ebenfalls stärken. Das geht manchmal schon zu weit, zB wenn es sich sogar gegen die russische Sprache richtet.

      Diese Armutsstatistiken finde ich immer zu simplifizierend. Das Bruttosozialprodukt ist sowieso nur bedingt aussagekräftig. Wenn es nicht kaufkraftbereinigt ist, ist es praktisch wertlos. Dazu kommen viele landestypische Faktoren, die bei Vergleichen nicht berücksichtigt werden. Zum Beispiel sind in Osteuropa mehr Menschen Eigentümer ihrer Wohnungen, müssen also keine Miete zahlen. Oder: Was hilft dem US-Amerikaner das höhere BSP, wenn er keine Krankenversicherung hat und ein Universitätsstudium 100.000 $ kostet?

      Eine Sache, die mir aufgefallen ist: In drei Wochen in Kiew habe ich keinen Obdachlosen gesehen. In Vancouver, London und New York, statistisch unter den reichsten Städten der Welt, hingegen sieht man eigentlich jeden Tag Obdachlose.

      Interessanter für einen Vergleich finde ich die Lebenserwartung, wobei die Ukraine da auch nicht besonders gut abschneidet: https://voxukraine.org/en/life-expectancy-in-ukraine-why-is-it-so-low/

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich muss meinen Kommentar über Obdachlosigkeit in Kiew zurücknehmen. Am Abend sieht man in den Eingängen zur U-Bahn doch einige, vor allem am Tolstoi-Platz.

    • markosna schreibt:

      Naja, bedenkt man, dass den Ukrainern praktisch über Jahrhunderte ihre eigene Sprache verboten und ihnen ihre spezifischen rechtlichen und kulturellen Traditionen ausgetrieben wurden, kann ich den Patriotismus schon verstehen. Die Menschen dort haben lange genug unter als fremd empfundenen Systemen und Imperien gelebt und zu ihrem Vorteil war das nie. Dass sich speziell nach dem Maidan grosse Hoffnungen auf eine positive Entwicklung unter blaugelber Fahne gemacht haben, ist eigentlich nur konsequent. Alle anderen Ideologien und Systeme hatten die Menschen ja schon durch. Ich war lange und bin noch oft in der Ukraine. Ich habe die Menschen dort in Bezug auf das Thema „Nation“ immer deutlich entspannter und pragmatischer als etwa in Polen oder Russland wahrgenommen. Und ich habe nie erlebt, dass die russische Sprache im Alltag für Irgendjemanden ein Problem darstellen würde. Und arm? Die Ukraine ist vielleicht noch vergleichsweise einkommensschwach und hat die üblichen Probleme der postsowjetischen Staaten. Aber: wenn man sieht, was die vermeintlich armen Leute auf dem Land da alles aus ihrer Erde holen – klar reicht es bei denen nicht für das neueste Smartphone und die Häuser werden für unsere Maßstäbe ärmlich eingerichtet sein. Aber ob sie auch seelisch und psychisch ein ärmeres Leben als wir führen, sei mal dahingestellt…

    • Andreas Moser schreibt:

      Zur Armut habe ich ja oben schon geantwortet. Ich empfinde es insbesondere in den Städten nicht so arm. Die Menschen, die ich treffe, verdienen fast alle mehr als ich und haben alles, was sie brauchen.

      Allerdings hört man doch auch immer wieder finanziell motivierte Auswanderungswünsche, oft verbunden mit der naiven Vorstellung, in Westeuropa würde jeder super verdienen (und unter Außerachtlassung der höheren Kosten/Mieten in Westeuropa).

    • Andreas Moser schreibt:

      Soweit ich weiß, wurde die ukrainische Sprache 1876 vom russischen Zaren verboten, lebte aber im österreichischen Teil der jetzigen Ukraine weiter.
      Ab 1918 war Ukrainisch dann wieder erlaubt und auch während der Ukrainischen Sowjetrepublik eine der Staatssprachen.

      Die meisten Leute sind ganz entspannt und sprechen beides, aber es ist mir schon manchmal passiert, dass mich jemand korrigiert hat, wenn ich russische anstatt ukrainische Wörter verwendet habe. Oder wenn ich im Englischen „Kiev“ anstatt „Kyiv“ schreibe.
      Wenn ich erwähne, dass ich auch in der Ukraine lieber Russisch als Ukrainisch lerne, weil ich es für nützlicher halte, fallen manche Ukrainer fast vom Stuhl.

      Und der Patriotismus geht schon manchmal in Nationalismus über, inklusive Überlegenheitsgefühlen und Geschichtsverfälschung. Etwa jeder zweite Gesprächspartner empfindet es als extrem wichtig, mir unentwegt und ungefragt zu erzählen, wie schlimm das russische Zarenreich und die Sowjetunion waren und Russland ist, was oft auf alle Russen projeziert wird. Mir als Deutschem hingegen wirft niemand den Angriffskrieg und den Völkermord vor. Und die territorialen Zuwächse, die die Sowjetunion der Ukraine verschafft hat, werden ganz selbstverständlich und gerne als ukrainisch beansprucht. Soweit geht die Verteufelung der Sowjetunion dann doch nicht, dass man nicht von den Eroberungen Stalins profitieren möchte. (Zu letzterem siehe meinen Artikel über das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine.)

  3. Andreas schreibt:

    Mich würde an der Stelle wirklich interessieren, ob die oben geschilderten Beobachtungen heute in Odessa auch so gemacht werden können. 2014 war die Stadt schließlich eine Hochburg der Antimaidanbewegung. Riesige Demonstrationen, die damals vom lokalen Internetmagazin Timer per Youtube verbreitet wurden, fielen mir durch die Abwesenheit jeglicher Fahnen (also weder ukrainischer noch russischer) und ihres friedlichen, zivilisierten Charakters positiv auf. Dann passierte das schreckliche Ereignis, über das niemand bei uns reden wollte und das bis heute nicht aufgeklärt ist.
    Ein schadenfrohes Vöglein zwitscherte mir noch das folgende zum ukrainischen Nationalismus:
    https://www.bbc.com/news/blogs-trending-51174898

    • Andreas Moser schreibt:

      Die obigen Fotos aus Kiew könnte ich so (leicht) in Odessa nicht machen. In Odessa gibt es mal eine kleine Fahne vor einem Regierungsgebäude, manchmal in einem Bus, aber so wie in Kiew, wo alle Vorgärten und Parks voll damit sind, so ist es nicht.

      Wenn man sagt, dass Odessa eine Hochburg des Antimaidan war, so muss man ergänzen, dass es hier genauso große Euromaidan-Demonstrationen gab. Deshalb gab es Zusammenstöße, auch mit Toten. Ob die Erstürmung von Verwaltungs- und Polizeigebäuden in Odessa so zivilisiert war, weiß ich nicht, aber es war halt eine revolutionäre Zeit. Die pro-russischen Demonstranten hissten zB vor dem Verwaltungsgebäude des Bezirks Odessa die russische Flagge: https://www.youtube.com/watch?v=OUvlz2ssV6Y – Wenn ich hier frage, welche Leute das waren, sagen die Ukrainer einfach: „Das waren Russen.“ Und zumindest Anton Rajevski, der in seiner Person ganz gut die Widersprüche symbolisiert, mit denen man es hier zu tun hat, war in Odessa tatsächlich aktiv, bis er aus der Ukraine ausgewiesen wurde: https://www.rferl.org/a/ukraine-russia-neo-nazi-fought-with-separatists-says-kremlin-behind-war/27598825.html

      Auch die Ereignisse am 2. Mai 2014, die in dem Feuer im Gewerkschaftshaus mündeten, waren nicht gerade friedlich. Beide Seiten brachten Schlagstöcke, und zumindest aus dem Antimaidan-Umfeld wurden auch Schusswaffen eingesetzt. Es gab 6 Tote. Dass die pro-russischen Demonstranten sich schließlich in das Gewerkschaftshaus zurückziehen mussten, zeigt wieder, dass es auch in Odessa eine große Euromaidan-Bewegung gab, die jedenfalls an jenem Tag zahlenmäßig stärker war. Unter den angeschossenen Euromaidan-Demonstranten war zB auch der russische Staatsbürger Andrej Krasilnikov, was zeigt, dass der Russland-Ukraine-Gegensatz vieles vereinfacht, was insbesondere im Frühjahr 2014 alles andere als einfach war.
      Dann brach das Feuer aus, unter unklaren Umständen, weil beide Seiten Molotov-Cocktails warfen, die Feuerwehr kam zu spät und wurde durch die Menge behindert, und 42 Menschen starben.
      Heute steht das Gewerkschaftshaus leer. Am Zaun davor hängen Fotos und Blumen, aber alles im kleinen Rahmen. Davor ist ein riesiger Platz gleich neben dem Bahnhof, der zumindest jetzt im Januar weitgehend menschenleer blieb. Als ich dort war, probierte ein Junge sein Mofa aus. Es gibt keine großen Monumente, und auf den privaten Stadtführungen, die ich bekam, hat mich niemand von sich aus dorthin geführt.
      Allerdings ist seither der 2. Mai jährlich Tag einer Parade der Ultranationalisten wie Asow-Batallion und Rechter Sektor durch Odessa.

      Insgesamt würde ich die Lage in Odessa so zusammenfassen:
      1) Den Menschen hier ist es bewusster als in anderen Landesteilen, dass man zwar Russisch sprechen, aber dennoch gerne Ukrainer sein kann. Deshalb kam es hier auch nie zu einer ernsthaften Separationsbewegung.
      2) Odessa ist eine entspannte, hedonistische Stadt, die vom Hafen und vom Tourismus lebt, wo Leute sich vor 12 Uhr kaum zum Frühstück verabreden und wo Studentinnen ihr Einkommen mit Prostitution aufbessern. Den meisten Leuten geht es mehr um Strand, Reisen und Geld als um Politik. Das historische Datum, das jeder hier nennen kann, ist der 11. Juni 2017, der Tag ab dem Ukrainer visumsfrei in die EU reisen können. Die Menschen orientieren sich viel mehr nach Italien als nach Russland.
      3) Vielleicht ist Politik in Odessa nicht so ein Thema, weil man sich eigentlich bewusst sein müsste, dass man von der russischen Okkupation der Krim profitiert. Ein größerer Teil des Handels muss nun über den Hafen von Odessa abgewickelt werden, und die früheren Krim-Touristen kommen nach Odessa (zumindest die, die sich Kroatien nicht leisten können).

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