Zwei Bäcker, zwei Länder, zwei Kulturen

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Heute beim Bäcker in Deutschland:

Ich kaufe drei Stück Kuchen. 5 Euro und 13 Cent kosten sie.

Ich habe 12 Cent in Münzen, ansonsten nur Scheine.

„Das reicht nicht“, sagt die Bäckersfrau mathematisch streng, so dass ich ihr einen 10-Euro-Schein und sie mir einen Haufen Münzen überreichen muss.

So geht das, ganz korrekt.


Vor ein paar Jahren in Bolivien:

Ich spaziere durch die Nachbarschaft in Cochabamba, entdecke eine kleine Bäckerei, lasse mir zwei Stück Torte einpacken, die 14 Bolivianos (= 1,70 Euro) kosten.

Leider habe ich nicht das passende Kleingeld, sondern nur einen 50-Boliviano-Schein. Das entspricht 6 Euro, bringt die Bäckersfrau aber in Verlegenheit, weil sie nicht genug Wechselgeld hat. Es ist eine Familienbäckerei, versteckt in einem Wohnviertel, nicht stark frequentiert.

„Kein Problem,“ biete ich an, „ich gehe schnell zum Supermarkt und kaufe etwas zum Trinken, so dass ich Kleingeld bekomme.“

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“ fragt die Bäckersfrau, die mich zum ersten Mal gesehen hat und der nicht entgangen sein kann, dass ich nicht aus Cochabamba stamme.

„Ja, ein paar Blocks weiter. Lucas-Mendoza-Straße.“

„Dann bezahlen Sie, wenn Sie mal wieder vorbeikommen. Genießen Sie jetzt lieber die Torte!“

So geht das, ganz menschlich.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Zwei Bäcker, zwei Länder, zwei Kulturen

  1. Wirklich ungemütlich. Ich kenne das hier im Dorf auch anders. Da kriegt man schon mal den einen oder anderen Cent geschenkt. Oder ein Brötchen, wenn sie beim Backen klein geblieben sind. Besonders ist aber, dass man in Bolivien zu einem Fremden so freundlich war. Ob das auch hier klappt, möchte ich jetzt nicht behaupten.

    • Andreas Moser schreibt:

      Zur Verteidigung der Dorfbäckerei sollte ich sagen, dass es eine Angestellte war, die vielleicht Angst vor den Arbeitgebern hatte, weil ihr kein diesbezüglicher Spielraum eingeräumt worden war.
      In Bolivien dagegen hatte ich den Eindruck, dass es die Bäckerin/Eigentümerin selbst war, denn als ich – schon am nächsten Tag, um keinen zwischenzeitlichen Zweifel aufkommen zu lassen – das Geld vorbeibrachte, sagte das junge Mädchen an der Kasse (Kinderarbeit ist in Bolivien legal), dass ihr ihre Mama schon Bescheid gegeben habe.

      Aber ja, Bolivien ist schon wirklich freundlicher, netter, zuvorkommender.

      Ein Haussgenosse erzählte mir, dass er mal mit dem Auto in die Berge gefahren war, obwohl man so weit oben nicht mehr fahren durfte. Ein Polizist hielt ihn an und wollte 10 Bolivianos Strafe. Also „Strafe“.
      Mein Bekannter hatte aber nur einen 50-Boliviano-Schein. Der Polizist erwiderte: „Ich kann jetzt leider nicht herausgeben, aber wenn du am Abend die gleiche Strecke wieder zurück fährst, habe ich wahrscheinlich Kleingeld und werde dir den Rest zurück geben.“
      Mein Bekannter dachte sich „Na klar!“ und war sich sicher, 50 Bolivianos verloren zu haben.
      Aber siehe da, am Abend winkte ihm der Polizist schon von weitem und gab ihm 40 Bolivianos zurück.
      Ehrliches Wechselgeld, selbst bei der Bestechung, wo gibt es sowas?

      Selbst gegenüber besonders dämlichen Fremden – https://andreas-moser.blog/2020/06/24/gepaeck/ – und sogar gegenüber sich illegal im Land aufhaltenden Fremden sind die Bolivianer äußerst hilfsbereit und freundlich: https://andreas-moser.blog/2016/08/05/multa-bolivien/

      Ich kenne wirklich kein zweites Land, in dem ich mich annähernd so wohl und glücklich gefühlt habe.
      Irgendwann sollte ich doch mal ein Buch über dieses wunderbare Land schreiben…

  2. Pingback: Two Bakeries, two Countries, two Cultures | The Happy Hermit

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