„Sand“ von Wolfgang Herrndorf

Ein nicht näher bezeichnetes Land in Nordafrika. September 1972. Eine Hippie-Kommune in der Sahara. Waffenschmuggel. Tote. Geldkoffer. Spione. Unterbelichtete Polizisten. Alte Minen in den Bergen. Ein Mann ohne Gedächtnis. Schriftsteller im Exil. Falsche Psychiater.

Sand Wolfgang HerrndorfIst das alles nicht etwas zu dick aufgetragen? Muss das nicht zu einem vor Klischees strotzenden, übervollen Thriller werden, in dem Atmosphäre oder literarischer Anspruch notgedrungen zu kurz kommen?

Die große Überraschung: In Wolfangang Herrndorfs Sand funktioniert das, und zwar bestens! Der Leser wird in jedem Kapitel mit neuen Personen vertraut gemacht, so dass er bald befürchtet, den Überblick zu verlieren, aber das passt, denn die meisten der teilnehmenden Akteure haben genausowenig Überblick. So saugt man die chaotische Atmopshäre, in der so viel passiert wie an einem von Jack Bauers ereignisreichen Tagen in 24, genauso auf wie den Staub und die Hitze der Wüste.

In kurzen Kapiteln, reich an Handlung, peitscht der Roman vorwärts. Die 475 Seiten hat man im Nu durch. Die meisten der Kapitel wären auch als eigenständige Kurzgeschichten lebensfähig, womit keineswegs gesagt sein soll, dass sie nicht zusammenhingen, sondern womit ein großes Lob für die sprachliche und handlungsbezogene Dichte des Romans ausgedrückt sein soll.

Die Dialoge sind witzig und authentisch. Die Figuren benötigen oft nur eine Seite, um richtig zum Leben zu erwachen (aus dem sie dann aber auch oft wieder schnell gerissen werden).

Zum Beispiel die Vorstellung einer amerikanischen Agentin in Kapitel 4:

Es gibt nur wenige Menschen, die man in einem einzigen Satz beschreiben kann. In der Regel braucht man mehrere, und für gewöhnliche Menschen reicht oft ein ganzer Roman nicht aus. Helen Gliese […] konnte man in zwei Worten beschreiben: schön und dumm. Mit dieser Beschreibung konnte man einen Fremden zum Hafen schicken und sicher sein, dass er unter Hunderten Reisenden die Richtige abholen würde.

[…] Das Erstaunliche war, dass diese Beschreibung nicht im mindesten zutraf. Helen war nicht schön. […] Eindruck einer Vorabendserienschauspielerin, der jemand die Regieanweisung reich und blasiert ins Drehbuch geschrieben hat […]

[…] Helen war das genaue Gegenteil von dumm […]; was nichts an der Tatsache änderte, dass diese Vom-Hafen-abholen-Geschichte funktionierte. Oder funktioniert hätte. Es war Helens erster Besuch in Afrika, und niemand holte sie ab.

Durch ihre Ahnungslosigkeit schließt man die Charaktere irgendwie ins Herz, selbst wenn sie keine klassischen Helden sind. Die Geschichte ist zu groß für alle Beteiligten, aber nur der Mann ohne Gedächtnis ahnt das. Hätte er sein Gedächtnis noch zur vollen Verfügung, würde er sich selbst wohl auch als Akteur sehen, obwohl er keinen der Handlungsfäden in der Hand hält, sondern ebenso an deren Ende baumelt.

Einer der besten Spionagethriller. Und dazu noch – in diesem Genre selten – gute Literatur.

Einzig die jedem Kapitel vorangestellten Zitate erschienen mir weitgehend ohne Bezug zur Handlung, zum Schauplatz oder dem beteiligten Personal. Sie unterbrechen nur den Lesefluss und können getrost ignoriert werden.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu „Sand“ von Wolfgang Herrndorf

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