Die Terroristen langweilen mich

Schon wieder ein Terroranschlag.

Ich lese kurz wo (Barcelona) und wie (mit einem Auto in die Menschenmenge). Auf den Ramblas, dort war ich schon, bin spazieren gegangen, habe gegessen, Zeitung gelesen.

Das sollte mich also berühren, Erinnerungen wachrufen, Sorge um meine Freunde in Barcelona wecken.

Tut es aber nicht. Ich schalte nicht einmal CNN ein, sehe mir am Abend die Nachrichten nicht an, sondern arbeite weiter, esse zu Abend, gehe spazieren, lese ein Buch. Ein ganz normaler Abend. Ein Abend mit mindestens 12 Toten.

Immer wieder liest man, dass wir schon abgestumpft seien gegen Terroranschläge. „Abgestumpft“, das hört sich so gefühllos an. Ich würde lieber „immun“ dazu sagen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, ist mein Gefühl ein anderes. Ich bin weder abgestumpft noch immun, ich bin einfach gelangweilt.

Der Terrorismus terrorisiert mich nicht. Schon lange nicht mehr. Er langweilt mich nur noch. Ich verspüre überhaupt keine Angst, nicht in Großstädten, nicht im Flugzeug, nicht auf Bahnhöfen und nicht in der Fußgängerzone. Ich verspüre nicht einmal unmittelbar nach einem Terroranschlag Angst. Allenfalls sind die Bomben und Messerangriffe lästig, so wie ein Platzregen, ein Stau oder ein Stromausfall. Man weiß, dass es wieder vorbeigeht und dass es irgendwann wieder passiert und so weiter.

Dass mir die Terroranschläge der letzten Jahre nicht einmal mehr ein Gähnen entlocken, liegt nicht nur an der Frequenz, sondern auch an den Methoden. Schon 2013 hatte ich darauf hingewiesen, dass sich Terroristen fortan hauptsächlich auf den stehenden und fließenden Autoverkehr konzentrieren würden. Aber die Terrorjünger wurden noch einfallsloser als Hollywood mit seinen ständigen Fortsetzungen. Autos auf den Gehsteig oder in eine Menschenmenge fahren? Das kann jeder Tattergreis, dem der Führerschein abgenommen hätte werden sollen. Und jedes Wochenende sterben Menschen im Straßenverkehr, ganz ohne Terroreinwirkung, das ist nun wirklich nichts besonderes. Messerattacken? Gibt es in jedem Horrorfilm. Menschen zahlen, um sich das anzusehen. Selbst die Bombe im Rucksack ist so etwas von altbacken, und oft geht nur der Anfängerattentäter selbst drauf.

Sogar der verblendetste Terrorist muss doch merken, dass er damit nicht mehr als einmal in die Tagesschau kommt. Am nächsten Tag geht es schon wieder um Eisbärbabies, um Doping und sogar um die FDP.

Liebe Terroristinnen und Terroristen, Ihr macht Euch lächerlich mit diesem stümperhaften Möchtegernterrorismus. Manche Abiturscherze und Fußballertätowierungen jagen der Bevölkerung mehr Schreck ein als Ihr mit Euren Messerchen und Bömbchen und Wägelchen. Auch Eure Zielauswahl könnte kaum kleinbürgerlich-spießiger sein: Weihnachtsmärkte, Fußgängerzonen und Supermärkte. Die wirklich coolen Leute erreicht Ihr so nicht mit Eurer Message. Nehmt Euch doch mal ein paar Jahre Auszeit, um wieder etwas richtig großes zu planen. Vielleicht zwei Kreuzfahrtschiffe kapern und sie aufeinander zurasen lassen. Alle Facebook– und Instagram-Profile löschen. Einen Virus entwickeln, mit dem sich Katzen in aggressive Monster verwandeln. Den Mond sprengen. Habt Ihr denn gar keine Träume?

Aber genauso langweilig wie die Terroristen sind die Reaktionen. Die sind auch jedes Mal die gleichen.

Politiker werden neue Gesetze zur Überwachung der Telekommunikation fordern, die anscheinend nicht hilft. Oder mehr Videokameras, die schon logischerweise keine Anschläge von Menschen verhindern, die ins Fernsehen wollen.

„Jetzt muss sich alles ändern“, wird man allenthalben hören, und wenn man nachfragt, wird man genau die gleichen Meinungen und Forderungen hören, die derjenige schon vor dem Terroranschlag hatte.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass kaum jemand aufgrund von Terroranschlägen sein Leben ändert. Wer generell ängstlich ist, hat halt einen Grund mehr, ängstlich zu sein, zusätzlich zu Kriminalität, Straßenverkehr, Unwetter, Seuchen, Mücken, Zecken, Schlangen, Glatteis, Bären und den Bolschewisten. Und wer generell optimistisch ist, glaubt nicht, dass der Al-Qaida-Kurierfahrer gerade ihn oder sie umnietet. Aber es scheint mir nicht so zu sein, dass weniger Menschen auf den Straßen sind. Selbst nach den wirklich schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September 2001 sank die Zahl der Flugpassagiere nur kurzzeitig, und das wahrscheinlich mehr wegen der lästigen Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen.

Auch findet sich immer irgendein Überdramatiker, der den Satz „das ist Krieg“ herausposaunt. Nein, ein Terroranschlag ist ein Verbrechen, eine Straftat, aber kein Krieg. Krieg ist monate- oder jahrelanges Kämpfen, Töten, Bombardieren, Hungern und Sterben in einem ganzen Land oder Landesteil. In Barcelona werden spätestens übermorgen auf den Ramblas Touristen ihre Selfies machen und die Menschen von den kleinen Tapas-Tellern nicht satt werden. Krieg sieht anders aus.

Terrorismus als das zu betrachten, was es ist, nämlich eine Straftat, hilft zu erkennen, dass er zum Leben dazu gehört. Leider. Genauso wie es immer Mord, Raub, Diebstahl, Betrug und Vergewaltigungen geben wird. Auch dagegen hatten wir schon immer Gesetze und Telefonüberwachung und Videokameras. Natürlich wollen wir so viele Taten wie möglich verhindern, so viele Opfer wie möglich schützen, aber niemand würde ernsthaft erwarten, dass die Mordrate oder die Zahl der Vergewaltigungen in Deutschland auf Null sinken kann. Wer das verspräche, würde (hoffentlich) nicht ernst genommen. Beim Terrorismus kann es nicht anders sein.

Schließlich hört man noch nach jedem Terroranschlag: „Oje, oje, die Welt wird immer schlechter/gefährlicher/schlimmer“, komischerweise gerade von älteren Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Terrorstatistik.JPG

Es hilft zwar jetzt niemandem, wenn wir Alten daran erinnern, dass man früher in Irland bei Beerdigungen erschossen wurde

oder dass in den 1970er Jahren Flugzeugentführungen fast an der Tagesordnung waren.

Aber zu wissen, dass wir das damals auch überlebt haben, hilft vielleicht, zu erkennen, dass die Apokalypse nicht gleich um die Ecke kommt, nur weil ein paar Psychopaten groß rauskommen wollen.

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Die Terroristen langweilen mich

  1. stanuris schreibt:

    Sie wünschen sich also, dass die Terroristen dieser Welt kreativer werden, damit Sie unterhalten werden und sich nicht mehr langweilen müssen?

    • Andreas Moser schreibt:

      Es ging eher darum, den hier mitlesenden Terroristen die Vergeblichkeit ihres Tuns vor Augen zu führen.
      Mir selbst ist auch in terrorfreien Zeiten nie langweilig.

  2. Pingback: I am bored by terrorists | The Happy Hermit

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