Der Bodhi-Baum

To the English version of this enlightening read.

Vor kurzem saß ich unter einem Baum und rauchte eine Zigarre.

Da kam ein junger Mann des Weges, so ein cooler Typ mit Kapuze und sympathischem Lächeln: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, deutete er auf eine zweite Bank. „Das ist nämlich mein Bodhi-Baum.“

Natürlich sagte ich ja und bot ihm Lebkuchen an. Ich hatte eh mehr gekauft als ich essen wollte. Die große Packung ist ja viel billiger als die kleine. Das ist bei vielen Sachen so, ist Euch das schon mal aufgefallen? Man fühlt sich da als Kunde ein bisschen verarscht, finde ich.

Er bot an, seinen Döner zu teilen, was ich dankend ablehnte. Denn mal ehrlich, wie soll man einen Döner teilen? Da fällt ja alles runter. Und dann schnappt sich das ein Maulwurf und bekommt davon Cholesterin oder so.

„Wissen Sie, was ein Bodhi-Baum ist?“ fragte er und hatte mich in meiner Unkenntnis ertappt. Er erklärte etwas von Erwachen und Erkenntnis und Erleuchtung und Erlösung und dass Buddha Siddharta Gautama all dies unter einem Bodhi-Baum gefunden hätte. Ja, man findet allerhand, wenn man so unter einem Baum sitzt, das kann ich schon bestätigen.

Irgendwie war es sympathisch, jemanden auf Schwäbisch über Buddha reden zu hören. Auch wenn ich nicht alles auf Anhieb kapiert habe. Aber es gibt so Dialekte, da hört man den Leuten einfach gerne zu, egal was sie erzählen. Schwäbisch, Schweizerisch, Nord- und Südtirolerisch.

Er war auch keineswegs aufdringlich, nicht so jemand mit 84.000 Belehrungen für den Weg von Samsara nach Bodhi, wie man das von anderen Buddhisten kennt. Eigentlich erzählte er mehr über sein eigenes Leben, was ich hier nicht wiedergebe, denn das geht ja niemanden etwas an. Das ist meine Regel: Wenn ich wo sitze und am Schreiben bin und jemand kommt dazu und erzählt mir seine Lebensgeschichte, dann darf ich das verwerten. Denn mal ehrlich, was denken sich die Leute, was ich mache, wenn ich mit Notizblock und Stift im Park rumlungere? Aber wenn ich einfach nur Lebkuchen mampfe, um zumindest körperlich zum Buddha zu werden, dann kann wirklich niemand ahnen, dass unter dem Bodhi-Baum ein reisender Reporter sitzt.

Der junge Mann meinte übrigens, dass ich aussähe wie ein Spion. Das habe ich noch weniger kapiert als das mit den vier edlen Wahrheiten, denn wir saßen auf einem Hügel über einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Da gibt es echt nichts zu spionieren.

Es war November und echt nicht warm, aber irgendwie kamen plötzlich alle fünf Minuten Leute vorbei. Spaziergänger mit Hund, Spaziergängerinnen mit Mann, Spaziergänger die hallo sagten, Spaziergänger, die nichts sagten, Spaziergänger die stehen blieben und ebenfalls aus ihrem Leben erzählten. Es erinnerte mich an den Film „Immer Ärger mit Harry“, wo sich die Wege aller Protagonisten immer wieder auf einem Hügel über dem Dorf kreuzen. Kennt Ihr den? Ist ein Hitchcock-Film, aber ein lustiger. Manche Leute haben ja Angst vor Hitchcock, weil sie denken, der sei grausam oder so. Keineswegs. Den können sogar sanftmütige Buddhisten schauen.

Dann fuhr er mich nach Hause, denn der Buddhist hatte ein Auto und ich hatte keins. Und er sagte, ich solle zum Dönerladen unterhalb des Lotto-Geschäfts gehen und dort sagen, ich sei ein Freund von Yalçin. Dann bekäme ich einen Döner gratis.

Den muss ich bald abholen. So ein Döner wird mit der Zeit ja nicht besser. Insofern eigentlich ein eher unbuddhistisches Nahrungsmittel.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Der Bodhi-Baum

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