Seit gestern ist der Ätna in Sizilien wieder aktiv. Der Vulkan speit so viel Lava und Asche, daß der Flughafen in Catania seinen Betrieb suspendieren mußte.
(Fotografiert am 15. Dezember 2013 auf dem Weg nach Caltagirone.)
Seit gestern ist der Ätna in Sizilien wieder aktiv. Der Vulkan speit so viel Lava und Asche, daß der Flughafen in Catania seinen Betrieb suspendieren mußte.
(Fotografiert am 15. Dezember 2013 auf dem Weg nach Caltagirone.)
10. Dezember 2013, Oslo, Norwegen:
Die bis dahin außerhalb von Fachkreisen unbekannte Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bekommt den Friedensnobelpreis verliehen, freut sich über die kostenlose Publicity, die alle bisherigen Imagekampagnen an Wirksamkeit übersteigt, und ist angesichts des Preisgeldes von 900.000 Euro erleichtert, endlich die noch offenen Rechnungen für die vorgenannten Kampagnen bezahlen zu können.
Der Generaldirektor der OPCW, Ahmet Üzümcü, ist sich bei der Entgegennahme des Preises nicht der Ironie dahinter bewußt, daß seine Organisation gerade dieses Jahr für den Nobelpreis auserkoren wurde, weil in Syrien ein Diktator unbehelligt vom Rest der Welt einen Teil seiner Bevölkerung vergast. Mit eben jenen chemischen Waffen, deren Verbot und Vernichtung sich die OPCW zur Aufgabe gesetzt hat. Selbst Üzümcü kann jedoch eine gewisse Überraschung darüber nicht verhehlen, daß nach Europäischer Union, dem Weltklimarat IPCC, der IAEO und der UNO schon wieder eine finanziell gut ausgestattete internationale Organisation dafür belohnt wird, daß sie und ihre gut bezahlten Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen – noch dazu oft ohne Erfolg. In diesem Moment ist Üzümcü aber nur froh darüber, daß die Preisverleihung an einem Dienstag stattfindet, so daß er kein Wochenende dafür opfern muß.
10. Dezember 2013, Birmingham, Großbritannien:
„Was muß man eigentlich noch machen, außer sich von den Taliban in den Kopf schießen zu lassen?“ fragt sich ein 16-jähriges Mädchen in Birmingham, das sein Unverständnis und seine Enttäuschung nur hinter ihrem ewigen Lächeln verbergen kann. Das Verbergen ihrer Gefühle gelingt nicht gegenüber ihrem Vater, der ihre Hand nimmt und tröstend sagt: „Vielleicht klappt es nächstes Jahr.“
„Bullshit! Die finden auch dann wieder eine Organisation von Sesselfurzern,“ denkt sich Malala Yousafzai, sagt aber nur: „Ja, vielleicht im nächsten Jahr.“ Wenigstens verkauft sich ihr Buch gut.
10. Dezember 2013, Tschernogolovka, Russland:
Seit Wochen ist das Thermometer nicht mehr spürbar über den Gefrierpunkt gekrochen. Ein Wohnblock sieht aus wie der andere: grau, groß, häßlich. Es ist gut, außerhalb von Moskau zu sein, aber 40 Kilometer sind nicht genug, um diesem Moloch von Stadt zu entkommen. Vielleicht kann man sich an all dies gewöhnen, aber für jemanden, der den letzten Winter in Hawaii verbracht hat, ist das die Hölle in kalt.
Er hat durch seine Enthüllungen nicht nur einer, sondern unzähliger Spionageaffären seine Freiheit, sein bisheriges Leben und seine Freundin verloren. Er sitzt in Russland fest. In den Abendnachrichten sieht er bei der Nobelpreisverleihung die Repräsentanten all der Staaten, die seine Asylgesuche abgelehnt, ja zumeist einfach nur ignoriert haben. Da sitzen sie und klatschen und feiern, während er friert und verzweifelt. „Ja, das war es wert,“ wird Edward Snowden weiterhin sagen, wenn er gefragt werden wird, aber so sicher ist er sich nicht mehr.
10. Dezember 2013, Jinzhou, China:
Der Friedensnobelpreisträger von 2010 sitzt in einer Zelle im Gefängnis von Jinzhou und bekommt von alledem nichts mit. Niemand kümmert sich um ihn, weder das Nobelpreiskomitee, das damit den Preis zur Farce verkommen läßt, noch die vorhergehenden oder nachfolgenden Preisträger.
„Jeder Besuch meiner Frau wäre mir lieber als dieser verdammte Preis,“ denkt sich Liu Xiaobo und befürchtet, daß ihn das gleiche Schicksal wie Carl von Ossietzky ereilen wird, der auch nach seinem Friedensnobelpreis von 1935 von den Nazis bis zu seinem Tod in Haft gehalten wurde. Liu versucht nachzudenken, wann dieser Preis zuletzt wirklich etwas bewirkt hat, aber der Schlaf übermannt seinen geschwächten Körper.
(Dieser Artikel erschien auf CARTA. I have also written an English version of this article.)
„Aber wenn Du mal alt bist, dann wirst Du froh sein, wenn Du nicht alleine bist.“ Dieses Argument hielt ich immer für das dümmste der allesamt nicht überzeugenden Argumente der Heiratsbefürworter, die in mir Eheverweigerer eine Gefahr für Moral, Abendland, Fortpflanzung der menschlichen Rasse oder traditionelle Familienbilder und Lebensplanungen sahen. Seit ich es zum ersten Mal gehört habe, habe ich mich diesem „Altsein“ um weitere 20 Jahre angenähert. Aber noch immer bereitet mir die Vorstellung des Alleinseins mehr Freude als Angst, im Alter genauso wie im Jetzt. Solange ich einen regelmäßigen Nachschub an Büchern habe, wird mir nicht langweilig. Die Welt ist groß und spannend, da brauche ich niemandem im Wohnzimmer zu sitzen haben, die mir jeden Tag die gleichen Fragen stellt oder auch nach Dekaden des ergebnislosen Lamentierens noch meinen Kleidungsstil kritisiert.
Diese Argumentationslinie, die ich „Partnerschaft als Altersvorsorge“ nenne, klingt mir zu sehr nach einer Versicherung. Diejenigen Bekannten, die mir damit die Vorzüge der Ehe verdeutlichen wollten, schauten dabei zu oft so bedrückt drein, wie wenn sie wüßten, daß 30 Jahre Unfreiheit versicherungsmathematisch die bei weitem nicht sichere Aussicht auf potentielle Einsamkeitslinderung ab 65 nicht wert sind. Bezeichnenderweise muß ich mir dieses Argument nie anhören, wenn ein Paar zusammen auftritt. Selbst dem größten Gefühlstrampel wäre dann nämlich klar, wie armselig es ist, über den Partner zu sagen: „Es stimmt schon, daß ich mich jetzt für lange Zeit in der freien Entfaltung meiner Persönlichkeit einschränken muß, und ja, manchmal ist sie auch wirklich nervig. Aber wenn ich alt bin, muß ich mir dafür nicht selbst die Insulinspritzen geben.“
Ich hingegen lebe eher nach dem Motto „I will cross that bridge when I get there“. Wenn ich also mal mit 85 Jahren das Bedürfnis habe, den Frühstückstisch anstatt mit der Zeitung mit einer Person zu teilen, dann werde ich mich eben dann auf die Suche machen.
Ähnliches muß ich mir über mein Vagabundenleben anhören. Als ich 2009 aus Deutschland ausgewandert bin, hörten sich die meisten Verabschiedungen in etwa so an: „Na, dann bis in einem Jahr oder so, wenn Du wieder zurückkommst“. Den unausgesprochenen Nachsatz „und wenn Du wieder zur Vernunft gekommen bist“ konnte ich deutlich mithören. Selbst jetzt, nachdem ich in vier Jahren in vier verschiedenen Ländern gelebt habe und noch immer keinerlei Drang zur Rückkehr nach Deutschland verspüre, muß ich mir bei jedem – zugegeben seltenen – Telefonat mit Familienangehörigen die gleiche Leier anhören: „Na, irgendwann wirst Du doch mal wieder seßhaft werden,“ verbunden mit der Hoffnung, daß ich nach Deutschland, am besten in den Heimatlandkreis, zurückziehe und wieder als Rechtsanwalt arbeite. Manche scheinen zu glauben, daß man ab einem bestimmten Alter nicht mehr reisen kann, darf oder will, sondern unbedingt eine Hypothek aufnehmen und einen Gemüsegarten anlegen muß. Eine Horrorvorstellung.
Aber jetzt, nach dieser Einleitung, deren Länge auch dem unerfahrendsten Leser deutlich macht, weshalb keine meiner Geschichten jemals einer professionellen Veröffentlichung anheim fallen wird, endlich zu dem, wovon ich eigentlich erzählen wollte:
Es war Mitte November. Die Tage waren schon kurz; die Zeit, in der die Sonne ausreichend Wärme gab, noch kürzer. Es war früher Nachmittag, und ich hatte nur zwei bis drei verbleibende Stunden, bis es kühler und dann dunkel werden würde. Also schnappte ich mir ein Buch und eine Zigarre und ging am Meer entlang, bis ich eine dasselbe überblickende Bank fand, die ich zu meiner temporären Bleibe erkor. An dieser Stelle sollte ich vermutlich erwähnen, daß ich in Sizilien wohne, und zwar direkt am Meer.
Ich las eine Novelle von Elio Vittorini, die sich langatmig und handlungsarm durch das Sizilien der 30er Jahre zog. Sie traf den Puls des ruhigen, ausklingenden Nachmittags. Die notwendige Würze verlieh eine starke Toscana-Zigarre. Meine Ruhe wurde nur einmal kurz unterbrochen durch ein spazierengehendes älteres Paar, das, nachdem es mich erblickt und meinen Gruß erwidert hatte, in offensichtlicher Enttäuschung darüber, daß die von ihnen angestrebte Bank von einem qualmenden Bücherwurm besetzt war, kehrt machte.
Einige Kapitel später und schon fast am Ende der Zigarre angekommen, wurde meine Ruhe das zweite Mal unterbrochen. Ein älterer Mann stoppte seine Fahrt, lehnte sein Fahrrad ans Geländer ein paar Meter seitlich vor mir und wahrte, auf das Meer blickend, einen Höflichkeitsabstand. Er war nicht mehr jung, aber er sah fit aus – und irgendwie glücklich. Als ich halb in die Ferne auf die Insel Stromboli, halb auf den pausiereden Radfahrer blickte, drehte er sich um.
„Ciao“ sagte er freundlich.
„Buonasera“ erwiderte ich, wie immer lieber einen Tick zu förmlich, aber mit einem ehrlichen Lächeln, das das Ausbleiben jeglichen Ärgers über die Unterbrechung meiner Lektüre verdeutlichte.
„Sie sind Student?“ fragte er mit einem Blick auf mein Buch. Mein Anfänger-Italienisch war nicht ausreichend, um zu erklären, daß ich zwar Student (der Politikwissenschaften) sei, daß das vorliegende Buch mit jenem Studium jedoch nichts zu tun habe, sondern allein der Erkundung der sizilianischen Literatur diente. Also bejahte ich die Frage.
Es schlossen sich die üblichen Fragen danach an, woher ich komme, wo ich studiere, was ich hier in Sizilien mache und so weiter. Wo immer ich hinkomme, wen immer ich auch treffe, es sind immer die gleichen Fragen. Ermüdend, aber in diesem Fall eine gute Gelegenheit, mein Italienisch einem Praxistest zu unterziehen. Die Unterhaltung war auch angenehmer als sonst, weil der Herr mich nicht nur wie so viele andere ausfragte, sondern ebenso bereitwillig von sich erzählte: Er heiße Paolo, komme aus Sizilien und habe in verschiedenen Orten Italiens als Italienisch-Lehrer gearbeitet.
Sympathisch fand ich, daß er immer wieder neugierig auf mein Buch blickte. Menschen, die sich für Bücher interessieren, sind gewöhnlich gute Menschen. Schließlich fragte er mich, was ich läse.
„Vittorini: Conversazione in Sicilia.“
„Ah, Elio Vittorini!“ Als der sizilianische Italienisch-Lehrer merkte, daß ein Ausländer sich der sizilianischen Literatur anzunähern versucht, hellte sich sein Gesicht noch mehr auf.
„Ma in inglese,“ füge ich erklärend hinzu, um jeder unangebrachten Verwunderung über die Diskrepanz zwischen meinem gesprochenen Italienisch und meinen vermeintlichen Lesefähigkeiten zuvorzukommen.
Paolo fragte, ob er einen Blick in das Buch werfen dürfe, was ich mit einer einladenden Geste, sich neben mich auf die Bank zu setzen, bejahte: „Si accomodi.“ Paolo erklärte, daß er mir wirklich nicht die Zeit stehlen wolle, und fragte ob ich ganz sicher sei. Er fügte hinzu, daß die Fortsetzung unserer Unterhaltung durchaus Vorteile für mein Italienisch mit sich brächte. Die Glut im Stummel meiner Zigarre war mittlerweile ausgegangen. Ich hielt ihn noch ein paar Minuten unschlüssig in der Hand, um ihn dann ins Gebüsch zu werfen. Zigarren sind ja rein organisch.
Im Laufe unserer weiteren Unterhaltung begann Paolo bald, mich freundlich darauf hinzuweisen, wenn ich Fehler machte, aber nicht ohne mehrfach nachzufragen, ob ich auch wirklich wolle, daß er mich verbessere. Ich war heilfroh darüber. Die meisten Leute sind nämlich entweder zu höflich, um mich auf meine Fehler aufmerksam zu machen, oder sie wechseln – wenn sie es können – einfach ins Englische oder ins Deutsche. Aus eigener Erfahrung mit Deutschlernenden weiß ich, wie mühsam es ist, mit jemandem zu sprechen, der Präpositionen falsch verwendet, den Plural falsch bildet, Adjektive nicht mit den dazugehörigen Substantiven abgleicht und noch über keine andere Zeitform als das Präsens verfügt.
Ein bei ersten Begegnungen dankbares sowie ein für Sprachanfänger leicht beherrschbares Thema ist das Reisen. Es paßte so gar nicht zu dem kleinen, älteren Herrn, der sein einfaches Fahrrad durch ein Dorf in Sizilien schob, aber Paolo erzählte, daß er eben durch Vietnam, Kambodscha und Thailand gereist sei. Auch in Australien sei er schon gewesen, ebenso in Amerika. Mit Begeisterung erzählte er von seinen mehrmonatigen Reisen um die Welt; mit Begeisterung hörte ich zu. Paolo geriet immer mehr ins Schwärmen, als er von seinen Abenteuern auf allen Kontinenten erzählte, bis er schließlich – mein Staunen bemerkend – mit einem breiten, ehrlichen Grinsen erklärte, wie er sich so ein Leben leisten könne:
„Ich habe keine Frau und keine Kinder.“ Die Zufriedenheit über diesen Zustand strahlte ihm aus den Augen.
„Ah! La libertà assoluta!“ Ich verstand vollkommen und lachte kenntnisreich, nicht nur aufgrund meiner langjährigen Erfahrung als Scheidungsanwalt, der das beste an diesem Job immer darin sah, Menschen ihre Freiheit wiederzugeben.
„L’indipendenza“ verbesserte oder ergänzte Paolo.
Da ich ebenfalls von meinen Reisen rund um die Welt erzählte und und an jenem Tag allein am Meer saß, nahm Paolo wohl an, daß ich über ebensolche Freiheit verfüge. Als ich auf seine Frage zugab, eine Freundin zu haben, war ihm die Überraschung anzusehen. In einem Ton, mit dem man einen Schwerkranken nach seinem Zustand fragt, erkundigte er sich: „Aber Du hast keine Kinder, oder?“
„No, no,“ erwiderte ich schnell. Erleichterung allenthalben.
Wir setzten meine Italienischstunde noch ein wenig fort. Am besten in Erinnerung ist mir, daß ich „a piede“ (Singular von Fuß) anstatt „a piedi“ (Plural) sagte als ich übers Wandern sprach. Paolo verdeutlichte diesen Fehler und wie „a piede“ verstanden würde, indem er aufstand und ein paar Schritte auf einem Bein hüpfte. Ein toller Lehrer!
Die heranziehenden, dunklen Unwetterwolken hingen so tief, daß die Stadt Milazzo trotz ihrer sich sonst in jedes Bild drängenden überdimensionierten Raffinerie nicht mehr zu sehen war. Es war höchste Zeit, sich zu verabschieden und aufzubrechen. Mann mit Fahrrad in die eine Richtung, Mann mit Buch in die andere Richtung.
Als ich nach Hause kam, wartete dort meine Freundin. In dem „Wo warst Du so lange?“ lag ein Unterton der Ungeduld. Ich erzählte ihr von der Begegnung mit Paolo und von den hilfreichen Lektionen in italienischer Grammatik, die ich erhalten hatte. Aber die zweite Lektion, die über Freiheit und Unabhängigkeit, war diejenige, die mir wirklich durch den Kopf ging.
Beim Planen meines nächsten Abenteuers habe ich mal eben Google Maps nach der Streckenführung für einen Fußmarsch von Pakistan nach Syrien gefragt.
Aus der unregelmäßigen Lektüre von Tageszeitungen und der schon länger zurückliegenden Lektüre von Karl May dachte ich, mich daran erinnern zu können, daß die Strecke von Krieg, Terroristen, Bürgerkrieg, Minenfeldern, Entführern und Wegelagerern mehr als nur gesäumt ist. Darauf bin ich also vorbereitet.
Vollkommen kalt erwischt wurde ich jedoch von einer anderen, potentiell tödlichen Gefahr, auf die mich erst Google Maps aufmerksam gemacht hat:
Gut, daß ich diese Warnung noch rechtzeitig gelesen habe! Angesichts dieser Gefahr werde ich den Plan für diese Wanderung lieber wieder in der Schublade verschwinden lassen.
Es gab genügend warnende Hinweise, die mich von der Lektüre des neuen „Koalitionsvertrages“ von CDU, CSU und SPD abhalten hätten sollen: Die großspurige Buchvorstellung, die es – höchstwahrscheinlich durch Werbeverträge abgesichert – in die Nachrichten aller Kanäle, selbst jener die sich gewöhnlich um Literatur ohne Vampire nicht viel scheren, geschafft hat. Gute Bücher haben so etwas nicht nötig. Ein Autorenkollektiv wie einstmals in der Hippiezeit, noch dazu von Autoren, die sich hinter dreibuchstabigen Abkürzungen verbergen und verschanzen. Das soll wohl ein kesser Beitrag zur Urheberrechtsdebatte sein (die auf S. 133-134 angesprochen wird), erinnert aber vielmehr an lahme Schülerzeitungen. Verleiten lassen habe ich mich schließlich von dem Angebot, das Buch als kostenloses E-Book herunterzuladen. Meine Knausrigkeit hat sich nicht ausgezahlt.
Es fällt auf, daß der „Koalitionsvertrag“ ein richtiges Kollektivwerk ist. Es wird nicht erkennbar, welcher der Autoren für welches Kapitel verantwortlich ist. Vielleicht soll das Kunst sein, aber manche Abschnitte lesen sich so lausig, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, die Autoren seien dankbar darum, sich ihrer Verantwortung für die einzelnen Passagen mit Ablieferung des jeweiligen Manuskripts vollständig entledigt zu haben. Es gibt schon einen Grund, warum der Literaturnobelpreis der einzige der Nobelpreise ist, der noch nie an mehr als eine Person pro Jahr vergeben wurde. Kollektive schreiben keine guten Bücher.
Beim Lesen des „Koalitionsvertrages“ spürt man zwar das Kollektiv am Schreiben, aber man bemerkt keine Koordination, keine Planung, keine Verknüpfung der einzelnen Kapitel. Es gibt nicht einmal eine Rahmenhandlung. Selbst das über Jahrzehnte gestreckte Lebenswerk anderer Autoren – J.D. Salinger oder Karl May fallen einem ein – ist mehr untereinander verknüpft als dieses Sammelsurium an Texten. Es kommt mir vor, wie wenn den Autoren eine knappe Frist gesetzt wurde, innerhalb derer sie ihre Beiträge ablieferun mußten, ohne daß sie wußten, worum es überhaupt geht oder was die jeweils anderen Autoren im Kopf hatten.
Zu kritisieren gäbe es viel an diesem Werk, aber ich will mich exemplarisch auf Weniges konzentrieren; nicht zuletzt weil ich es bei weiten Teilen nicht schaffte, mehr als das zum schnellen Überfliegen notwendige Durchhaltevermögen aufzubringen.
Das Buch mit dem belang- wie subjektlosen Untertitel „Deutschlands Zukunft gestalten“ handelt von Deutschland, einem Land, das für die Literatur durchaus ergiebig ist, von dem man als gewiefter Autor andererseits aber auch erkennen kann, daß darüber fast schon alles gesagt und geschrieben wurde. Das vorliegende Werk wählt keinen dieser beiden gangbaren Wege, sondern versandet in der bedeutungslosen Mitte zwischen beiden.
Ein Grund für dieses Versagen mag darin liegen, daß die Autoren Deutschland in weiten Teilen ihres Werks nicht als Land mit Menschen, mit Kultur, mit Geist und mit Seele, sondern als Wirtschaftsstandort sehen. Schon im Vorwort (großspurig „Präambel“ genannt, S. 7) wird die angeblich gute Situation in Deutschland anhand von Wirtschaftswachstum, Haushaltskennziffern und den Einnahmen von Sozialversicherungsträgern zu belegen versucht. Weiter geht es mit Wettbewerksbfähigkeit, Schuldenstandsquote und Finanzmarktaufsicht. Da ist es überraschend, daß KPMG nicht unter den Autorenkürzeln vertreten ist. Auch die „besondere Verantwortung für unseren Kontinent“ wird damit begründet, daß Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas sei (S. 11). Wie wenn die geographische Lage in der Mitte Europas und eine Bevölkerung von 80 Millionen Menschen für sich genommen nicht für eine besondere Verantwortung ausreichen, wenn diese 80 Millionen Menschen nicht von früh bis spät für das Bruttosozialprodukt schufteten. Die Bekenntnisse zum „Industrie- und Wirtschaftsstandort Deutschland“ (z.B. auf S. 13) erfolgen so häufig und ausdrücklich, daß ich mich frage, ob eine diesbezügliche Ergänzung von Art. 20 I GG vorgesehen ist.
Der Wachstums-, Steigerungs- und Effizienzduktus beschränkt sich nicht auf die Wirtschaftspolitik. Alle Lebensbereiche sollen „verbessert“, „optimiert“, „gestärkt“ und „ausgebaut“ werden. Ins Konkrete geht es dabei selten, schon gar nicht in die Finanzierung all dieser Versprechen; es scheint, wie wenn die Autoren früher mal Wahlprogramme geschrieben haben. Als Jurist würde ich nie solch vage Formulierungen in einen Vertrag aufnehmen, die den Streit um die Auslegung oder Umsetzung nur hinausschieben aber nicht klären. Unspezifische Absichtserklärungen wie „wir werden prüfen“ oder „wir werden darauf hinwirken“ verdienen das Wort „Vertrag“ nicht.
Zwei konkrete Maßnahmen will ich aber nicht unerwähnt lassen, sondern ausdrücklich loben: In Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern müssen sich in Zukunft nicht mehr bis zum 23. Lebensjahr zwischen ihren beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden, sondern dürfen beide (oder alle drei) behalten (S. 105). Das ist gut. Bleibt nur die Frage, weshalb Einbürgerungsbewerber weiterhin gezwungen werden, ihre bisherige Staatsbürgerschaft aufzugeben. Die Residenzpflicht für Asylbewerber wird erheblich gelockert (S. 109-110) und Asylbewerbern und Geduldeten soll nach drei Monaten der Zugang zum Arbeitsmarkt gestattet sein (S. 110).
Anderswo bleiben die Vorschläge auf halber Strecke stehen: Für Aufsichtsräte von Aktiengesellschaften wird eine Frauenquote von 30% anvisiert (S. 102), obwohl Frauen in anderen Berufsgruppen wie z.B. im Bergbau, bei der Müllabfuhr oder bei Strafgefangenen noch deutlich stärker unterrepräsentiert sind. So bleibt Gleichberechtigung reine Symbolpolitik.
Toll finde ich, daß es anstatt Freiheitsstrafen und Geldstrafen in Zukunft ein Fahrverbot als Strafe auch für nicht verkehrsbezogene Straftaten geben soll (S. 146). Da ich nur mit Bus, Zug oder zu Fuß unterwegs bin, trifft mich das nämlich nicht, so daß ich weiterhin Strafgesetze übertreten kann. Ob es andere Straftäter abschreckt oder sonstwie Sinn macht, bezweifle ich. Putzig ist der Abschnitt „Konsequenzen aus der NSA-Affäre“ (S. 149). Die neue Regierung will „ein rechtlich verbindliches Abkommen zum Schutz vor Spionage verhandeln“, ganz so wie wenn Spionage nicht schon bisher – z.B. nach §§ 94 und 99 StGB – strafbar wäre und ganz ungeachtet dessen, daß die deutschen Nachrichtendienste ohne einen amerikanischen Whistleblower bis jetzt noch immer keine Ahnung von dieser Spionage hätten. Aber vielleicht kann Deutschland mit der Drohung des Fahrverbots ja jetzt auf Augenhöhe mit den USA verhandeln.
Vereinzelt zeigen die Autoren immerhin ausreichend Zynismus, um beim Leser eine Gefühlsregung herbeizuführen, wenn auch eine der Wut. „Wir wollen […], daß den berechtigten Interessen der Holocaust-Überlebenden […] Rechnung getragen wird“ (S. 74) schreiben sie in einem kurzen Abschnitt zur Rente von einstmals in Ghettos zur Zwangsarbeit Verpflichteten – 64 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und nachdem es so viele von diesen Überlebenden nicht mehr gibt, und ganz so wie wenn CDU, CSU und SPD bisher noch niemals Regierungsverantwortung getragen haben. Wenn versprochen wird, „die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum Asylbewerberleistungsgesetz zügig um[zu]setzen“ (S. 110), frage ich mich, wie man auch sonst mit einem Urteil des Verfassungsgerichts umgehen sollte, das ein Gesetz für unvereinbar mit der Menschenwürde erklärt hat.
Endgültig ging mir auf S. 113 der Hut hoch, wo ich von der „christlichen Prägung unseres Landes“ erfuhr. Haben wir denn kein Wertefundament, auf das man sich beziehen könnte, ohne auf Sekten zu rekurrieren? Wie wäre es mit der Aufklärung? Mit dem Humanismus? Oder einfach nur mit unserer Verfassung? Halt, das mit der Verfassung geht nicht, denn die steht zur Disposition. Das in Art. 38 I GG enthaltene Gebot, daß Abgeordnete „nur ihrem Gewissen unterworfen“ und „an Weisungen nicht gebunden“ sind, wird – wie in allen Koalitionsvertägen zuvor – durch einen knallharten Fraktionszwang (S. 184) ausgeschaltet. Bei einer verfassungsändernden Mehrheit von CDU, CSU und SPD läßt mich das erschaudern. Der Bundestag wird in den nächsten vier Jahren noch unbedeutender werden, als er sich bisher schon gemacht hat.
Nein, ein großer Wurf ist „Deutschlands Zukunft gestalten“ nicht. Keine Visionen. Ich kann mir auch nach der Lektüre kein Bild davon machen, wo die Autoren mit Deutschland in den nächsten vier Jahren hinwollen. Aber vielleicht haben die Deutschen Visionen und Gesellschaftsentwürfe einfach satt und sind schon vollauf zufrieden, wenn sie nur gut verwaltet werden und die Rente sicher ist.
Gestern habe ich ein Video von meinem Aufstieg auf den aktiven Vulkan auf der Insel Vulcano eingestellt. Darin habe ich über die tödlichen Gefahren berichtet, denen ich bei dieser Exkursion ausgesetzt war. Richtig bewußt wurde mir das selbst erst, als ich sah, wie der Schwefel oder andere toxische Substanzen meine Schuhe zerfressen hatten; und das obwohl ich nur wenige Stunden auf diesem teuflischen Berg zugebracht hatte.
Aber vielleicht hatte ich auch einfach nur ein Paar alter Schuhe an.
(There is also an English version of this article.)
Reisen macht Spaß. Auf Inseln im Mittelmeer herumzuwandern macht besonders Spaß. Diese Abenteuer für meine geschätzten Leser in Fotos und Texten festzuhalten, artet in Arbeit aus. Arbeit macht keinen Spaß.
Deshalb kam ich während meines Aufstiegs auf die Insel Vulcano auf die Idee, meinen Blog in einen Video-Blog zu verwandeln. Ich muß keine Notizen mehr auf- und später niederschreiben, ich muß keine Fotos machen, ich muß nicht lange nachdenken, sondern ich spreche ein bißchen in die Kamera und Sie sehen im Hintergrund die Umgebung. Einfach und praktisch.
Im folgenden Video versuche ich zu erklären, daß der Aufstieg zum etwa 500 Meter hohen Gipfel durch die Aktivität des Vulkans erschwert wird. Aus Fumarolen steigen Rauchschwaden und giftige Gase auf, die Temperatur beträgt mehrere Hundert Grad, Schwefel und andere Giftstoffe zersetzen meine Schuhe, wenn ich zulange an einem Ort stehenbleibe. Ich stehe am Rande des Großen Kraters und ein falscher Windstoß würde mich in die Fänge des brodelnden Vulkans schleudern.
Das mit dem Wind war tatsächlich ein Problem, nicht nur wegen der dadurch erhöhten Lebensgefahr, sondern auch weil Sie kein Wort meiner eloquenten und lehrreichen Ausführungen verstehen. Also habe ich anschließend einfach die sich mir in den Weg stellende vulkanische Aktivität selbst gefilmt, ohne dazwischen zu quatschen oder mich ins Bild zu drängeln.
Wegen der schlechten Tonqualität werde ich demnächst wohl trotzdem einen vollständigen Bericht über meine Besteigung dieses Vulkans veröffentlichen müssen.
(This video blog is also available in English.)
Als ich in Malta lebte, war ich überrascht davon, was es alles zu kaufen gab. Wenn ich einen Fahrschein aus dem Automaten ziehen wollte, kam manchmal ein hilfreicher Busfahrer vorbei und verkaufte mir einen „übrigen“ Fahrschein unterhalb des offiziellen Preises. Manche meiner Bekannten handelten mit allem von Quittungen (für Umsatzsteuerbetrug) bis hin zu Aufenthaltsgenehmigungen. Ich hörte, daß man auch Baugenehmigungen, Jagdscheine, Mobiltelefone für Gefängnisinsassen, Stellen im öffentlichen Dienst und ein zusätzliches Tor bei einem Fußballspiel kaufen kann. Ich persönlich habe nur ein polizeiliches Führungszeugnis (für 2,50 EUR) und einen maltesischen Personalausweis (kostenlos) erworben, beides natürlich vollkommen legal.
Aber jetzt setzt die Republik Malta noch eins drauf auf diesen Ausverkauf: Das Parlament hat eben ein Gesetz verabschiedet, nachdem die maltesische Staatsbürgerschaft und der maltesische Pass für 650.000 EUR käuflich erworben werden können.
„Wer will schon auf diese kleine Insel im Mittelmeer ziehen?“, höre ich Sie fragen. Aber genau hier liegt der Haken: Nach dem neuen Plan der Staatsbürgerschaft gegen Geld muß man überhaupt nicht nach Malta ziehen. Es gibt keine Voraussetzungen wie Wohnsitz oder Investitionen in Malta. Man muß nur bezahlen. (Am liebsten in bar, nehme ich an.) Da Malta ein Mitgliedstaat der Europäischen Union ist, bekommt man die europäische Staatsbürgerschaft mit dazu. Zwei zum Preis von einer. Jeder mit dem nötigen Geld wird dann in jedem der 28 EU-Staaten leben, frei zwischen diesen Staaten reisen und an Kommunal- und Europawahlen teilnehmen können.
Meine erste Reaktion war Verärgerung, vor allem weil ich die „Das Boot ist voll“-Argumente aus meiner Zeit in Malta noch in Erinnerung habe. Diese Rufe erklangen jedes Mal, wenn ein Flüchtlingsboot sich von Afrika aus auf den Weg gemacht hatte. Arme Menschen, die vor Krieg oder Hungersnot fliehen, sind anscheinend weniger willkommen als zwielichtige Geschäftsleute. Im Extremfall werden die Kriegsherren oder die Waffenschieber, die die Bürgerkriege in Afrika anheizen, die maltesische Staatsbürgerschaft kaufen, während die Opfer ihrer Taten von der maltesischen Marine zurückgeschickt werden – oder auf See sterben.
Andererseits muß ich zugeben, daß Malta in dieser Hinsicht wenigstens ehrlich ist. Die meisten Länder sind Anträgen auf Staatsbürgerschaft oder Aufenthalt gegenüber mehr gewogen, wenn diese von Personen mit einer Menge Geld gestellt werden. In der EU ist zwar kein Land so dreist wie Malta, die Staatsbürgerschaft ohne jede Anknüpfung an Wohnsitz oder Investitionen im Land zu vergeben, aber wenn Sie 650.000 EUR übrig haben, können Sie faktisch dennoch die Staatsbürgerschaft einer ganzen Reihe von Ländern erwerben. Österreich, Ungarn, Portugal und Irland sind weitere EU-Staaten, die ähnliche Programme haben. Ich berate und helfe Mandanten regelmäßig beim Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft, und obwohl Deutschland kein so ein Programm hat, haben reiche Mandanten natürlich einen Vorteil, egal ob sie das Geld dafür verwenden, in Deutschland zu investieren, eine Immobilie zu kaufen, ein paar Jahre ohne Einkommenssorgen zu studieren oder jemanden zu „überzeugen“, sie zu heiraten. Menschen ohne Geld haben diese Optionen nicht oder nicht so einfach.
Ich habe zwei naive Hoffnungen:
– Diese gegenseitige Großzügigkeit zwischen Malta und den reichen Interessenten sollte es schwerer für Malta machen, zu argumentieren, daß die Insel überbevölkert ist, wenn das nächste Boot mit half-verhungerten und halb-toten Flüchtlingen ankommt. Außerdem könnte man selbst mit den 650.000 EUR von nur einem Neubürger eine Menge Hilfe für Flüchtlinge in Not finanzieren.
– Da die anderen EU-Staaten über Maltas Ausverkauf verständlicherweise nicht erfreut sind, führt dies vielleicht zum notwendigen Druck hin zur Entwicklung eines echten europäischen Staatsbürgerschafts- und Einwanderungsrechts.
Aber ich habe auch zwei Bedenken, die wahrscheinlich realistischer sind:
– Die maltesische Regierung hat sich mit einer dieser dubiosen Beratungsfirmen zusammengetan, die für sie das Pass-für-Geld-Programm abwickeln soll. Entweder die maltesische Regierung hielt ihre eigenen Beamten für zu korrupt (denn bei einem Einbürgerungsprogramm, bei dem nur die eine Frage zu klären ist, ob jemand die geforderten 650.000 EUR bezahlt hat, kann es sich kaum um eine Frage der Kompetenz handeln) oder – und das ist meine Vermutung – die maltesische Regierung will sich eines Dritten bedienen, um später jegliche Verantwortung zu leugnen, wenn man mal erfahren wird, wer so alles Malteser geworden sein wird. Das riecht schon jetzt nach Korruption.
– Die EU-Staatsbürgerschaft führt nicht nur zum aktiven Wahlrecht, sondern auch zum Recht, bei Wahlen zu kandidieren. Es würde mich nicht überraschen, wenn mehr Millionäre und Milliardäre nach Europa ziehen und die hiesige Politik zu beeinflußen versuchen. Für einen russischen Oligarchen oder einen saudischen Prinzen könnte europäische Politik eine unterhaltsame und erträgliche Freizeitbeschäftigung darstellen. Und wer weiß, vielleicht zieht sogar Silvio Berlusconi bald nach Malta.
(There is an English version of this article.)
„Die Windräder verschandeln uns die Landschaft“ ist das blödeste Argument in der Energiedebatte; wie wenn alle anderen Energieformen die Produktion erst zuhause in der Steckdose aufnähmen und die Landschaft nicht mindestens ebenso verschandeln würden.
Suchen Sie doch mal die Windräder auf diesem Bild:
(Foto von Oliver Höfinghoff)
Nicht gefunden? Rechts oben. Dort verschandeln die schlimmen Windräder die ansonsten malerische Landschaft, aus der die einstigen Bewohner alle freiwillig weggezogen sind.