Die kleine Literaturliebhaberin

Das Museum in Narihualac war geschlossen, und so blieb mir nur ein Spaziergang durch die staubigen Straßen des kleinen Dorfes, das Beobachten einer der in Peru alltäglichen religiösen Prozession und der Besuch einiger Bars, um Schatten, Wasser und Chicha zu tanken.

By Edward John Allen

Für mich war der Chicha zu stark, aber die Kinder des Dorfes leerten den Krug in Sekundenschnelle.

By Edward John Allen

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Die wichtigste Industrie in Narihualac ist allerdings nicht der Alkohol, sondern die Anfertigung von Hüten, die unter dem Namen des 1500 km entfernten Panama bekannt sind. Also schaute ich noch in einem Hutladen vorbei. Ich war fasziniert von einem Ausstellungsstück mit einem Durchmesser von mindestens einem Meter.

By Edward John Allen

Die Tochter der Hutmacherfamilie war mehr fasziniert von meinem Hut, der die 11.500 km aus Transsilvanien nach Peru gereist war. Sie wollte den Gabor-Hut unbedingt anprobieren und gab ihn nur widerwillig zurück.

By Edward John Allen

Von da an wich mir Margarita, das 10-jährige Mädchen, nicht mehr von der Seite, obwohl mir zwei etwa gleichaltrige Jungs zuriefen, ich solle lieber sie als ortskundige Führer engagieren, denn das Mädchen sei schlecht in der Schule. Apropos Schule, „wieso bist Du nicht in der Schule?“ fragte ich. Es war Montag. „Heute ist frei“ antwortete sie und da überall Kinder herumliefen, blieb mir nichts anderes übrig, als es zu glauben.

Das neugierige Mädchen fragte mich aus über Europa, ob ich schon mal in einem Flugzeug war, welche Sprachen ich spräche, wie viel mein Hut gekostet hat, wohin ich als nächstes reise, ob sie den Hut nochmal aufsetzen dürfe, ob ich Haustiere habe, wieso ich so groß sei, ob es in Europa schon Tablet-Computer gäbe und ob ich Spiele in meinem Telefon hätte.

Schließlich wollte Margarita wissen, was mein Beruf sei. Gegenüber Erwachsenen erkläre ich auf diese Frage manchmal das Konzept des Freelancing oder des digitalen Nomaden. Aber auch wenn ich es einfach halten will, stehen mir mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Jurist, Übersetzer, Publizist, Blogger, Journalist, Spion. In anderen Sprachen fällt es mir leichter, das im Deutschen großspurig klingende Wort Schriftsteller zu verwenden. So antwortete ich, dass ich ein escritor sei.

Das Mädchen macht einen Satz und zwei Schritte nach vorne, stellt sich mir in den Weg und sieht mich mit einem begeisterten Blick an, Augen und Mund weit aufgerissen vor Staunen: „Sie schreiben Geschichten?“ Sie könnte nicht entzückter sein, wenn sie einen Astronauten vor sich hätte.

„Ja.“

„Und Romane?“ fragt sie hoffnungsvoll.

„Noch nicht“ beginne ich zu erklären.

„Aber Sie werden einen Roman schreiben?“ Und bevor ich antworten kann: „Schreiben Sie auch Fabeln?“

In diesem Moment, in einem staubigen Dorf in der Sechura-Wüste, bei über 35 Grad Hitze, während ein kleines Mädchen in Sandalen alle ihr bekannten Literaturgattungen durchgeht wie andere Kinder in diesem Alter nur Fernsehsendungen oder Fußballspieler und dabei den Eindruck macht, dass Schriftsteller der großartigste Beruf auf Erden ist, beschließe ich, nach dieser Reise nicht mehr in meinen Beruf als Rechtsanwalt zurückzukehren, sondern mich ausschließlich dem Schreiben zu widmen.

Egal wenn die meisten Erwachsenen anders reagieren, mit „häh?“ anstatt „wow“, mit der Frage nach dem finanziellen Ertrag, nach Krankenversicherung oder Altersvorsorge anstatt mit Neugier und Begeisterung. Egal dass fast niemand mehr Geschichten liest, sondern die meisten Menschen nur mehr gedankenlos durch ihre Handys scrollen. Egal dass mir selbst Freunde immer wieder raten, ich solle doch Videos von meinen Reisen machen, weil sie zu faul zum Lesen sind.

Alles egal. Ich will schreiben und erzählen und erklären. Und wenn es nur eine Handvoll Menschen gibt wie die junge Literaturliebhaberin in Peru, dann ist es die Mühe wert.

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(Danke an Edward Allen für die Fotos. Bald gibt es mehr davon.  – Click here for the English version of this story.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Die kleine Literaturliebhaberin

  1. Pingback: The little Literature Lover | The Happy Hermit

  2. simonsegur schreibt:

    Gratuliere zu dem Entschluss! Freue mich bereits jetzt schon auf Deine Bücher – wann auch immer! Liebe Grüße!

  3. daMax schreibt:

    Schöne Story! Ist doch wunderbar, dass es noch Kinder gibt, denen Bücher wichtiger sind als Fernsehen. Ich wünsche dir viel Erfolg mit dieser Entscheidung. Bring dein Buch als EPUB raus, ja? Dann lese ich das auch 🙂

  4. Pingback: Tagesnotizen 5 | Der reisende Reporter

  5. Lakritze schreibt:

    In gewisser Hinsicht sind Geschichten das Wichtigste auf der Welt. Das hier, das ist eine schöne Geschichte; danke.

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