Miet Dir einen Eremit!

To the English version.

Obwohl Deutsch eigentlich eine Weltsprache ist, schreibe ich für die Barbaren jenseits der Sprachgrenze auch einen Blog auf Englisch. Der heißt „The Happy Hermit“, also „der glückliche Einsiedler“, wobei der Teil mit dem Einsiedler eher zutrifft als das mit dem Glücklichsein. Beziehungsweise, um präzise zu sein, das Glück hängt oft davon ab, dass man mich in meinem Eremitentum nicht stört.

Ein einsiedlerisches Leben wird allerdings immer schwieriger, nicht zuletzt weil sich die Menschheit jenseits aller Grenzen von Vernunft und Tragbarkeit immer weiter fortpflanzt und vermehrt. (Wobei die Bevölkerungsexplosion zufälligerweise die direkte Folge davon ist, dass Menschen nicht einsiedlerisch leben. Wenn Ihr wisst, was ich meine.)

Außerdem ist es viel leichter für Menschen geworden, in unser Leben einzudringen. Was einst eine Schiffsreise über den Atlantik, eine Zugfahrt in die Berge und einen Tagesmarsch auf die Hütte erforderte, oder zumindest das Schreiben eines Briefes, der dann die gleiche Reise zurücklegen musste, was so oder so mehrere Wochen beanspruchte, dauert jetzt ein paar Sekunden. Und die Leute können uns von ihrem Sofa, ihrem Bett oder sogar von Örtlichkeiten ihres Hauses aus stören, wohin man eigentlich keine Fernkommunikationsmittel nehmen sollte. Das Internet gibt uns die Illusion, dass sich andere Menschen für uns interessieren, wenn wir in Wirklichkeit nur deren Zeitvertreib sind.

Selbst wenn man den gesellschaftlichen Druck beiseite lässt, dem gegenüber ich weitgehend immun bin, so sind diejenigen von uns, die nicht das Glück haben, in einem Bergwerk, als Schafhirte in Transsilvanien oder auf einem Ozeandampfer zu arbeiten, gezwungen, offene Kommunikationskanäle bereitzuhalten, über die unsere Chefs oder Kunden uns rund um die Uhr belästigen können. Wegen meiner Abneigung gegen ständige Erreichbarkeit habe ich schon viele Aufträge verloren.

Vorletzten Sommer, als ich durch Bayern wanderte und mich, mangels besserer Unterkunft, dazu bereit machte, mein Nachtlager in einem wunderschönen Park aufzuschlagen, wanderten meine Gedanken zurück zu der guten alten Zeit, als Menschen mit Parks Menschen wie mich als Schmuckeremiten engagierten, um in einer kleinen Hütte in einer abgeschiedenen Ecke ihres Anwesens zu leben.

„Wozu zum Teufel sollte irgendjemand so etwas machen?“ fragt Ihr euch, und ich habe keine Ahnung.

Was ich aber sicher weiß, ist dass ich das nicht erfinde. Vor allem im Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch in anderen Ländern, hielten sich reiche Grundbesitzer Einsiedler auf ihren Anwesen. Bevorzugt stellten sie dafür ältere Männer ein, von denen verlangt wurde, sich einen Bart wachsen zu lassen, manchmal auch, sich wie ein Druide zu kleiden, und – je nach Arbeitsvertrag – schweigsam zu bleiben oder als Unterhaltung während einer Gartenfeier zu dienen. Dafür erhielten die Einsiedler eine Unterkunft, die allerdings oft aus kaum mehr als einer Höhle bestand, Essen und ein Gehalt.

Das hört sich für moderne Ohren ziemlich absurd an, nicht wahr?

Bis man merkt, dass sich kaum etwas geändert hat. Reiche Leute setzen ihr Geld noch immer gerne in Macht über andere Menschen um, egal ob in der Fabrik, indem sie sie zur Teilnahme an elendig langen und langweiligen Besprechungen zwingen, oder um sich die Pizza durch den Regen radeln lassen. Und mal ehrlich: Ist ein Schmuckeremit wirklich sinnloser als eine Fingernägeldesignerin, ein Bitcoinverkäufer oder eine Exekutivassistentin für die Innovationsimplementierung in der Onlinemarketingabteilung? Ich bin mir da nicht so sicher.

Im 19. Jahrhundert kam es allerdings aus der Mode, sich einen lebenden Eremiten zu halten. Vielleicht hielten die Grundbesitzer diese älteren Herren im Garten nicht mehr für exotisch genug. Stattdessen holten sie sich Gefangene aus Übersee, die sie in menschlichen Zoos ausstellten.

Der Eremitentick sickerte hinab in die kleinbürgerliche Schicht, wo er sich seither in Form von Gartenzwergen manifestiert. (Die Leute, die mehr als einen Zwerg pro Garten aufstellen, machen deshalb etwas falsch.)

Also, wenn jemand von Euch eine Hütte oder einen Schuppen hat und ihn mit einem glücklichen Einsiedler füllen will: Ich habe Zeit. Anders als andere Gäste werde ich mich auch nicht über das fehlende WLAN beklagen, ganz im Gegentum.

Love Island

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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9 Antworten zu Miet Dir einen Eremit!

  1. Pingback: Hermit for Hire | The Happy Hermit

  2. Pingback: Auf den Spuren des Königs (Tag 3) Ammersee | Der reisende Reporter

  3. evaschong schreibt:

    Du immer mit deiner KKK-Polemik! (Kriegt keine Kinder). Ja, Kinder haben eine miserable CO²-Bilanz, sind schweineanstrengend und teuer. Aber wirklich cool! Kannste glauben! (Und wenn nicht, ist das auch völlig ok). Liebste Grüße von einer Dreifach-Großmutter (Enkel sind noch cooler, die kann man/frau sich borgen und dann wieder abgeben, um wieder ausschlafen zu können.)

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielleicht haben die Menschen auch keine Eremiten mehr, weil sie sich stattdessen Enkelkinder ausleihen? 😉

      Und das mit der Überbevölkerung treibt mich echt um. Als ich klein war, waren wir 4 Milliarden, jetzt sind wir fast 8 Milliarden.
      Da ist es kein Wunder, dass die Erde kaputt geht.

  4. evaschong schreibt:

    PS das mit den Eremi(e)ten wusste ich noch nicht. Wieder was gelernt! Ich mach auch ständig Werbung für diesen Blog!

  5. Pingback: Schmuckeremiten – Archivalia

  6. Richard Hebstreit schreibt:

    S O N D E R L I N G E in Thüringen:
    Andere Leute sammeln Briefmarken, ich sammelte Sonderlinge, Einzelgänger, Eremiten, Extremindividualisten. Ich näherte mich ihnen, fragte sie aus und schrieb irgendwann eine kleine Geschichte. Denn, in der Nachkriegszeit der 50er Jahre wurden viele Menschen aus Osteuropa in Dörfer und Kleinstädte Thüringens gespült. Einigen gelang die Integration nicht so sehr und sie wurden gewollt odert nicht gewollt Sonderlinge. In einem gewissen Rahmen wurde ich das auch! (Text: Umständliche Besitzstände)

    1. Katzen Wolf:
    http://www.rhebs.de/storys/wolf.htm

    2. Dietze Hans
    http://www.rhebs.de/storys/dietze.htm

    3. Workuta „Buddel Herbert“
    http://www.rhebs.de/storys/workuta.htm

    4. Zepp
    http://www.rhebs.de/storys/zepp.htm

    5. Umständliche Besitzstände
    http://www.rhebs.de/storys/besitz1.htm

    6. Der Erfinder
    http://www.rhebs.de/storys/gulba.htm

    7. Der Herr Honnung mit der Latte auf der Leiter…ist nicht nett zu Vögeln!
    https://www.facebook.com/groups/415756911885564/permalink/445886478872607/

    8. Daniel und Fuchse-Werner
    https://www.facebook.com/groups/415756911885564/permalink/425824517545470/

    mfg. Richard Hebstreit

  7. Pingback: Burgenwanderung | Der reisende Reporter

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