Bücherliste Ukraine

Vor zwei Wintern war ich in der Ukraine und hatte endlich einen Anlass, etwas mehr als die Klassiker wie Bulgakow oder Gogol aus diesem Land zu lesen. Trotzdem ist das Folgende nur eine ganz kleine Auswahl, die Ihr gerne mit eigenen Empfehlungen und Nichtempfehlungen ergänzen könnt. Denn ich brauche ja noch Lesestoff für meine nächste Reise in die Ukraine. Falls es das Land dann noch gibt. :/

Sachbücher:

Wer sich selbst nicht in die Ukraine zu reisen traut, dem sei Jens Mühling und sein Buch Schwarze Erde empfohlen. Relativ aktuell, basierend auf einer Reise 2016, und unvermeidlich immer wieder in Geschichte und Politik abgleitend, lässt einen das Buch einerseits verzweifelt über die Verfahrenheit der jeweiligen Weltbilder, aber auch immer wieder verzaubert und verzückt durch die wunderbaren Sprachbilder zurück.

Weit weniger überzeugend fand ich die Reportagen aus einem Land im Aufbruch von Ute Schaeffer. Zum einen ist es auf dem Stand von 2014 und damit teilweise einfach überholt, zum anderen fehlt mir der rote Faden. Es sind eher zusammengeschusterte Gespräche und ganz viele Zahlen. Reportagen würde ich das nicht nennen. Den Vergleich der beiden „Volksrepubliken“ im Donbass mit Transnistrien, Abachsien, Südossetien und Berg-Karabach liest man zwar nicht nur hier, aber richtiger wird er dadurch nicht.

Interessanter sind die Reportagen aus dem Donbass von André Widmer, die er in Ostukraine – Europas vergessener Krieg zusammengefasst hat. Aber auch dieses Buch auf dem Stand von 2017 ist natürlich mittlerweile von den Ereignissen überholt und überrollt worden. „Vergessen“ ist die Ukraine immerhin nicht mehr, auch wenn die Aufmerksamkeit der Welt, wie so oft, zu spät erwachte.

Auf jeder Reise muss ein Buch über die Geschichte des zu bereisenden Landes ins Gepäck. Bei wenig Platz im Rucksack gibt es zwei Reihen, die sich dafür eignen: C. H. Beck Wissen und die Reclam-Taschenbücher. Für die Ukraine nahm ich die bei Reclam erschienene Geschichte der Ukraine von Kerstin Jobst und wurde leider enttäuscht. Die Autorin versucht, von allem den Bogen zum Jetzt zu schlagen, und verliert sich in der zusammenhanglosen Aufzählung von Namen und Ereignissen, bis hin zum Wechsel der Haarfarbe von Julija Tymoschenko, den ukrainischen Eurovision-Beiträgen und Fußballspielern. Ein zusammengeschustertes Buch, das kaum brauchbar ist. Ungesehen würde ich daher das nächste Mal stattdessen zur Kleinen Geschichte der Ukraine von Andreas Kappeler greifen.

Wer Lust hat, tiefer einzusteigen, für den gibt es mittlerweile ein Standardwerk: Das Tor Europas: Die Geschichte der Ukraine von Serhii Plokhy. Streckenweise ein bisschen zu detailliert, ist es ein sehr gutes Buch, das die Geschichte der Ukraine immer in den europäischen Kontext einbettet. Gerade über ein Land, von dem man noch kaum etwas weiß, lernt man schneller, wenn es mit Wikingern, Osmanen, Habsburgern und natürlich den beiden Weltkriegen zu tun hat. Dieses Buch ist – wie einige der anderen Titel – auch als preisgünstige Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erhältlich.

Vom gleichen Autor ist Chernobyl: History of a Tragedy. Zu diesem Thema las ich aber Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft von Swetlana Alexijewitsch, der Literaturnobelpreisträgerin. Anders als die meisten Tschernobyl-Bücher ist das keine minutiöse Technikgeschichte der Reaktorkatastrophe. Wie in allen ihren Büchern konzentriert sich Alexijewitsch auf die menschlichen Auswirkungen und Reaktionen. Aus vielen individuellen Geschichten entwickelt sie eine Collage aus Stimmen, die man auch lange nach der Lektüre nicht vergisst.

Ebenfalls nur auf Englisch gibt es die Reportagen von Tim Judah. Anders als der Titel In Wartime suggeriert, geht es dabei nicht nur um den Krieg, sondern auch um Geschichte, um Generationenkonflikte, um Umweltschutz. Was das Buch besonders auszeichnet, ist, dass Judah nicht nur in Kiew, in Odessa oder in Donezk recherchiert, sondern auch in die entlegenen Dörfer von Bessarabien bis in die Karpaten fährt.

Als Jurist und angehender Historiker fand ich die Idee von Philippe Sands interessant, die Geschichte des Völkerstrafrechts anhand der Biographien von Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin zu erzählen. Das Buch Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist aber leider überfrachtet von der Familiengeschichte des Autors und unwichtigen Details aus dem Leben der Protagonisten. Eine Ideengeschichte wäre interessanter gewesen als das Aufzählen der Wohnorte, Bekanntschaften und Musikstücke, die sie gehört haben. Und, wenn man die Abgrenzung zwischen Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Hintergrund der Ukraine erörtert, warum dann kein Wort zum Holodomor? Schwach.

Belletristik:

In Odessa steht im Stadtpark an der Derybasivska-Straße ein leerer Stuhl. Zwischen all den Zaren-, Königs-, Generals- und Kapitänsmonumenten ist dieser Stuhl das beliebteste Denkmal, denn er erinnert an die Zwölf Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Erstmals 1928, aber erst 1997 in der unzensierten Fassung erschienen, ist dieser rasante, sprach- und aberwitzige Schelmenroman eine bissige Satire auf die frühe Sowjetunion, aber auch heute ein Lesegenuss. Eines der großartigsten, lustigsten Bücher der Weltliteratur!

Aber auch kontemporäre ukrainische Autoren können Humor, z.B. Andrej Kurkow. Ein sehr amüsanter Einstieg in sein Werk ist Picknick auf dem Eis mit dem Nachfolger Pinguine frieren nicht. Wer Kurt Vonnegut mag, wird auch Kurkow mögen. Manche Romane erscheinen für westliche Leser vollkommen unwirklich, fast märchenhaft, wie Jimi Hendrix live in Lemberg. Aber wer schon mal in der Ukraine war, wird viele der geschilderten Typen und Charaktere wiedererkennen. Mit der Welt des Herrn Bickford bin ich selbst nicht so warm geworden, Samson und Nadjeschda hingegen fand ich wunderbar, ebenso Graue Bienen.

Mordor kommt und frisst uns auf von Ziemowit Szczerek ist ein köstlicher und kurzweiliger Roman über einen polnischen Journalisten, den in der Ukraine vor allem eines interessiert: Dass dort alles noch etwas ärmer und kaputter als in Polen ist, so dass man sich als Pole im Vergleich so richtig mitteleuropäisch fühlen kann. Die Protagonisten trinken ein bisschen zu viel, aber die Sprache fetzt und die Unterhaltungen und Beobachtungen sind durchaus tiefgehend. Nebenbei – oder vielleicht hauptsächlich – ist der Roman eine Satire auf den Reisejournalismus.

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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18 Responses to Bücherliste Ukraine

  1. Avatar von evaschong evaschong sagt:

    Es fehlt unbedingt: „Alles ist erleuchtet“ von J.S. Froer (findest du übrigens demnächst bei uns im Regal…)

    • Ich sehe schon, ich werde so viel Rumschlumsen und Lesen, dass ich kaum zum Studieren, geschweige denn Arbeiten kommen werde. 🙂
      Nur gut, dass es Sommer sein wird, so dass ich die Bücher mit in den Park, an den See oder, falls es so etwas in Leipzig gibt, in den Biergarten nehmen kann!

  2. Avatar von milos milos sagt:

    Oh sorry, dein Absatz zu Kurkow ist mir total entgangen. (Den „Blickford“ habe ich noch nicht gelesen.)

    Kennst du Oleksandr Irwanez, „Pralinen vom roten Stern“? Das Buch beschreibt einen Ausflug von einer Westukraine in eine absurde sozialistische Ostukraine, die mich sehr an die DDR erinnert. 2017 als Satire geschrieben…
    https://www.haymonverlag.at/produkt/7247/pralinen-vom-roten-stern/

    • Das kenne ich noch nicht. Vielen Dank für die Empfehlung!

      Ich lese die Bücher über ein bestimmtes Land ja eigentlich gerne während der Reise dort. Mal sehen, wann ich wieder in die Ukraine kann…

  3. Avatar von Edwina Edwina Engelmann sagt:

    Ich hoffe, das Päckchen von der BPB ist gutangekommen. Ich kann es leider nicht nachverfolgen. Da ich bin von der Schriftenreihe generell begeistert bin, bin ich schon gespannt.

    • Oh, ich bin auch schon gespannt!
      (Ich komme erst am Sonntag wieder nach Hause.)

    • Hallo Edwina,
      gestern bin ich nach Hause gekommen und habe die zwei Bücher über die Ukraine vorgefunden, vielen herzlichen Dank!!
      Die kommen wirklich gerade zur rechten Zeit.

    • Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

      Hallo Andreas,

      gut, dass die Bücher angekommen sind. Ich habe nur ein wenig quergelesen und fand sie bisher recht interessant, aber bei der Schriftenreihe der bpb kann man meist nichts falsch machen.

      Nicht zum Thema Ukraine: Aktuell lese ich noch aus der bpb Schriftenreihe das Werk von Caroline Fourests „Generation beleidigt – Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer“. Auch sehr interessant und perfekt, dass es bei bpb erschienen ist.

  4. Pingback: Ein Spaziergang durch Odessa | Der reisende Reporter

  5. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Hallo Andreas,

    ich habe keinen Büchertipp, aber eine freundliche ukrainische Künstlerin, die ein paar Wochen bei uns in Aachen gewohnt hat, begeisterte sich für den amerikanischen Geschichtsprofessor Timothy Snyder. Der hat eine Vorlesung in Yale University im August 2022 aufgenommen und veröffentlicht. The Making of Modern Ukraine ist z.Bsp. als Podcast frei erhältlich und dauert ca. 20 Std.

    Ich habe das gerne gehört, weil Herr Snyder zu begeistern weiß und viel gelernt habe ich auch. Das war wirklich interessant. Genau wie Diana Derii, die ukrainische Künstlerin und auch dein Reiseblog. Vielen Dank dafür.

    Liebe Grüße aus dem Westen der deutschen Republik

    Stephan

    • Hallo Stephan,

      vielen Dank für den Tipp!
      Ich habe schon mal irgendwo eine Kurzfassung dieses Podcasts (oder ein Interview mit Prof. Snyder) gehört und kann dir zustimmen: Der kann wirklich gut erzählen.

      Und als Westeuropäer lernt man da fast jede Minute etwas Neues. Es ist eigentlich schockierend, dass wir über die Französische Revolution, über die Normannen in England und über das Risorgimento in Italien in der Schule lernen, aber Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg praktisch keine Rolle spielt. :/

      Ein Fun Fact zu diesem Thema: Wir leben im gleichen Land, aber von Chemnitz aus ist es genauso weit nach Aachen wie nach Lodz, Bratislava oder Krakau.

  6. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Diana Derii war mein erster näherer Kontakt mit einer kulturinteressierten slawischen Person. Das und Prof. Snyder haben mir die Augen geöffnet und meiner westlichen Arroganz einen Stoß versetzt. Ich habe vorher nie gewußt, dass die Ukraine eine ungebrochenere Tradition des römischen Reichs hat als Deutschland, dass die Krim schon die Kornkammer des hellenistischen Reichs war usw.

    Ich interessiere mich jetzt viel mehr für die Länder Osteuropas, die ja eigentlich Mitteleuropa sind und die von der Geschichte mächtig herumgeschubst wurden.

    Meine zwei Söhne sind übrigens auch im Osten gelandet: Berlin und Leibzig. Ich werde nach deinem Bericht aus Chemnitz auf jeden Fall einen Abstecher dorthin unternehmen.

    • Mir ging es als Wessi ja auch so, und das hat sich dann erst auf den Reisen nach Osteuropa verändert. Vor allem in dem einen Jahr, in dem ich in Rumänien gewohnt habe.

      Aber das schöne daran, wenn man das erst später im Leben entdeckt: Plötzlich gibt es auch in Europa, in unmittelbarer Nachbarschaft, so viel Neues und Interessantes zu erkunden. Ich merke, dass ich seitdem viel weniger Interesse an anderen Kontinenten habe, sondern immer wieder lieber in die Karpaten oder auf den Balkan fahre.

      Aus Aachen ist es natürlich nicht ganz so leicht, aber dafür kennst du wahrscheinlich Belgien und die Niederlande besser. Ich war mal ein paar Monate in Aachen und fand es schon fantastisch, dass man selbst auf einem kurzen Spaziergang durch drei Länder kommt. Und dazu noch, ohne es zu merken, bis man auf Straßenschilder stößt.

  7. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    1981 hatten meine reiselustigen Eltern eine Autofahrt duch Tschechien, Ungarn und Rumänien unternommen. Ich war damals acht Jahre alt. Ich werde die Eindrücke nie vergessen. Das Reisefieber hat mich danach nie verlassen, auch wenn ich als Kind den Eindruck hatte, alle Kirchen Europas bereits gesehen zu haben.

    Wir hier in Aachen fühlen uns dem Rechtsrheinischen weniger nah als den westlichen Nachbarn. Wir nennen die Bettdecke Plumeau und den Bürgersteig Trottoir. Als die Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin verlegt wurde, war uns das suspekt.

    Ich habe als ersten Eintrag deine Geschichte über die Schulkapellen in Bolivien gelesen (SS-Uniform). Ich mochte deinen Schreibstil und dabei ist das Lesen schon immer meine Leidenschaft! Das ist also ein Lob meinerseits. Die Geschichte hat mich an eine ganztägige Prozession zum Neujahr in Leon/Nicaragua erinnert, die mich sehr beeindruckt hat.

  8. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Sorry, es war 1971. Hab ich mich schon wieder jünger gefühlt als es der Realität entspricht.

    Funfact: Es gab ein paar Kilometer von Aachen noch einen vierten Staat: Neutral-Moresnet. Irre Geschichte. https://www.geschichte.fm/podcast/zs97/

    • Oh, da wollte ich auch schon lange mal drüber schreiben! Denn in Moresnet bzw. Kelmis war ich natürlich auch und habe im Wald nach den alten Grenzsteinen gesucht. Das ist ja wirklich eine tolle Geschichte!
      Und das Museum in Kelmis fand ich auch ziemlich gut.

      Das beste an Aachen und an der Nähe zu Belgien sind aber die dortigen Fritten. 😉

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