Eisenbahnerfahrung

Die Kinder, die in Angersbach kurz nach 9 Uhr in die Regionalbahn nach Fulda einsteigen, besetzen mit ihren pausenbrot- und pokemongefüllten Rucksäcken alle noch freien Plätze. Den beiden Lehrerinnen, die so jung sind, dass man sie für ältere Schülerinnen halten könnte, wenn sie nicht den Fahrkartenkauf übernähmen, bleiben nur Stehplätze.

Die Stimmung ist ausgelassen.

So ein Ausflug kommt bei den Erst- oder Zweitklässlern einfach besser an, als den ganzen Tag Textilunterricht oder Trigonometrie. (Keine Ahnung, was der Lehrplan in Hessen für die Grundschule vorsieht. Ich war ja in Bayern auf der Schule, da haben wir die ersten vier Jahre nur den Katechismus gepaukt und die Bayernhymne gesungen.)

Die Kinder lachen, unterhalten und necken sich.

Nur ein etwa 7-jähriger Junge, der neben mir sitzt, ist ganz ruhig und still.

Vielleicht ist er sensibel und merkt, dass ich Kinder nicht besonders mag. Das ist ein gesellschaftliches Tabu, scheint mir, aber was soll ich machen. Manche Menschen mögen keine Wölfe, andere wollen partout keine Ananas auf der Pizza, und ich mache mir halt nichts aus Kindern.

„Wohin fahrt Ihr denn heute?“ fragt eine ältere Frau.

„In die Bibliothek.“

„Nach Fulda?“

„Genau.“

Das finde ich gut. Man kann Kinder nicht früh genug in diese Bildungstempel einführen. Vor allem, weil manche von ihnen aus Elternhäusern kommen, wo außer ein paar Kochbüchern und einem Ratgeber mit Steuerspartricks gar keine Bücher im Regal stehen.

Außerdem lernen sie so früh, dass nicht alles im Leben kommerzialisiert und vermarktwirtschaftet werden muss, sondern dass man in hochentwickelten Ländern, wie Hessen eines zu sein scheint, auch als armes Kind kostenfrei an Bildung, Kultur und Informationen kommt. Die Bibliothek als „safe space“ gegen Kommerz und Konsum, sozusagen.

„Und danach bekommen wir ein Eis“, ergänzt eine Schülerin den geplanten Tagesablauf, und der ganze Waggon muss lachen.

Die Lehrerinnen, die anscheinend pädagogisch geschult sind, versuchen, das Aufkommen von Langeweile schon im Keim zu ersticken. Sie fordern die Kinder auf, von früheren Zugreisen zu erzählen. Ein Mädchen ist mal mit der Bahn zum Flughafen gefahren. Ein Junge erzählt von einer Dampflok, aber ich glaube, er meint so eine kleine, im Freizeitpark.

Besonders tolle Geschichten haben die Kinder nicht auf Lager, das muss man kritisch konstatieren. Sie können einem direkt leid tun mit ihren kleinen, langweiligen Spießerleben. Die Eltern stecken all ihr Geld in hässliche Einfamilienhäuser und fette Autos, statt den Kindern eine Zugfahrt durch Mauretanien zu spendieren. Obwohl man diesen Spaß für wenige Euros bekommt. Auf dem Güterwaggon sogar gratis.

Da könnte ich schon Besseres erzählen, von der Bahnfahrt durch ganz Kanada, dem Zug von Peru nach Chile, dem bolivianischen Orient-Express oder der wunderbaren Hochgebirgsbahn in Montenegro. Aber mich fragt ja niemand.

Stattdessen fällt einer der Lehrerinnen auf, dass der neben mir sitzende Junge noch immer ganz schweigsam und unbeteiligt geblieben ist. Sie fragt: „Und du, bist du auch schon mal mit der Eisenbahn gefahren?“

Er sagt nichts, blickt weiterhin stumm nach vorne.

Gegenüber von ihm sitzt ein Mädchen, ebenfalls 7 oder 8 Jahre alt, aber schon mit Brille, also vermutlich intelligent.

Sie übersetzt die Frage der Lehrerin ins Ukrainische.

Und dann erzählt er. Ganz leise, wie wenn er Angst hat, die Erinnerung aufzuwecken. Ich kann kein Ukrainisch, aber die Ortsnamen verstehe ich: Mariupol, Saporischschja, Schytomyr, Lwiw, Krakow, Berlin, Frankfurt.

Das Mädchen, sie ist wirklich intelligent, übersetzt einfach nur: „Ja, er ist schon viel mit der Eisenbahn gefahren.“

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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