Expressionismus gegen die Winterdepression

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Angeblich sind etwa 10% der Bevölkerung von Winterdepression betroffen, wobei das wahrscheinlich regional schwankt und die Zahlen in Kanada und Mecklenburg-Vorpommern höher liegen als in Ecuador oder in Indonesien. Ecuador liegt nämlich, wie der Name nahelegt, am Äquator und hat deshalb gar keinen Winter, was ich persönlich viel deprimierender finde. Vielleicht haben die deshalb so eine hohe Mordrate.

Um besorgten Anrufen gleich entgegenzuwirken: Ich persönlich bin nicht betroffen, zumindest nicht derzeit. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich gar nichts gegen den Winter habe, sondern nur gegen Weihnachts- und andere Jahresendfeiern, und denen kann man schließlich aus dem Weg gehen. Die Stimmung um diese Jahreszeit finde ich eigentlich ganz okay, vor allem wenn man, wie ich, das Glück hat, in einem Arrondissement zu leben, dass die romantische Note dieser Jahreszeit ganz besonders akzentuiert.

Gegen die Winterdepression schwören manche auf Lichttherapie, andere, je nach Glauben oder Präferenz, auf Globuli oder Pharmaka. Möglicherweise könnten auch Psychotherapeuten helfen, aber bei denen hat noch nie jemand einen Termin bekommen. Die sind noch knapper als Impftermine. Und die Psychiater haben oft selbst einen an der Klatsche, wenn man ehrlich ist.

Eine Sache, die mir hilft, wenn ich spüre, dass das Trübsal drohend um die Ecke blickt, ist die Kunst. Insbesondere der Expressionismus. Intensive Farben, kräftige Pinselstriche, kein Verlieren in den Details. Und deshalb gehe ich in den Wintermonaten gerne ins Museum und tanke kräftige Farben gegen den grauen Novembernieselregen.

Zum Glück lebe ich in Chemnitz, der Europäischen Kulturhauptstadt 2025, die auch vor und nach diesem stressigen Jahr ganz wunderbare Museen, Galerien und Ausstellungen bietet. Hier nur ein paar Fotos aus den Kunstsammlungen am Theaterplatz und aus der Neuen Sächsischen Galerie:

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About Andreas Moser

I am a lawyer in Germany, with a focus on international family law, migration and citizenship law, as well as constitutional law. My other interests include long walks, train rides, hitchhiking, history, and writing stories.
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12 Responses to Expressionismus gegen die Winterdepression

  1. Pingback: Treating Winter Depression with Expressionism | The Happy Hermit

  2. Alles so schön bunt hier. Ich persönlich halte eine Reise in sonniges Gebiet für eine wirksame Medizin gegen Winterblues.

    • Ich wollte bewusst eine niederschwellige Lösung anbieten, derer man sich auch mit wenig Geld und Zeit bedienen kann. Viele Museen bieten ja sogar einen gratis-Tag pro Monat an. Oder man fährt nach England, wo die öffentlich-rechtlichen Museen immer kostenlosen Eintritt gewähren. Andererseits ist England vielleicht nicht das beste Ziel, wenn man unter Winterdepression leidet. Zumindest ich finde Dauerregen bei 5 Grad nämlich deprimierender als eindeutige und erfrischende Minusgrade.

      Überhaupt kann man sich so richtig vertun, wenn man dem Winter entkommen will und einfach in den Süden fliegt:

      • Ich habe mal einen Winter auf Malta verbracht, und ganz ehrlich: Ich habe noch nie so gefroren wie in einem schlecht bis gar nicht isoliertem Haus während dreitägiger Stürme. Ich lag mit Schlafsack und Mütze unter der Bettdecke und habe noch immer gefroren, weil der Wind trotz geschlossener Fenster so durchs Haus gefegt ist, dass er Papier aufgewirbelt hat. – Aber wenn der Sturm vorbei war, hatte es sofort wieder 15 Grad und alles war schön.
      • In Sizilien gab es auch diese Phasen, wo es drei Tage hintereinander ununterbrochen geregnet hat. Und da ist ein Häuschen am Strand plötzlich weniger gemütlich als ein Plattenbau in Nordeuropa. – Aber auch hier: Sobald der Sturm vorbei war, war es wieder warm und farbenfroh.
      • In Syrien bin ich zur Weihnachtszeit von einem Schneesturm überrascht worden, der mir so eine Erkältung eingebracht hat, dass ich Damaskus überwiegend nur aus dem Bett kenne. Und zwar nicht auf die Art, wie James Bond das meinen würde.
      • Einmal, als ich echte Winterwut hatte, siedelte ich für drei Monate nach Montenegro über. Dort hat es auch viel geregnet, es war nicht gerade warm, und der Nebel hing in der Bucht von Kotor. Aber es ging mir psychisch super. Da habe ich dann gemerkt, dass ich eigentlich nicht vor dem Winter oder der Dunkelheit flüchte, sondern vor Weihnachten, Familie und den ganzen nervigen Routinen.

      Dieses Jahr habe ich zwar (bisher) keinen Winterblues, aber die Work-Life-Balance hat leider überhaupt nicht gestimmt. Deshalb gönne ich mir im Dezember drei Wochen auf Zypern. Denn ein ganz und gar urlaubsfreies Jahr wäre ja wirklich unmenschlich.

    • Ich sehe schon, du hast ausgiebig Erfahrungen gesammelt mit schlechtem Wetter im Winter. Ich höre ähnliches immer wieder von den Leuten, die mit glänzenden Augen ankündigen, dass sie in Spanien überwintern wollen. Wegen dem Scheißwetter in Deutschland. Und überhaupt, weil dort alles besser ist. Und die dann nach einem halben Jahr ernüchtert wieder kommen, weil auch dort im Winter der Glanz sehr matt ist. Und es ist wohl so wie du sagst: 12 Grad ohne Heizung sind auf Dauer schlimmer als null Grad mit schönem Kaminofen.

      Wünsche dir viel Spaß in Zypern! Wir fahren zwei Wochen nach Gran Canaria und dann im Januar noch nach Oman.

      Übrigens nimmt mein Beitrag über die Burg in Sonthofen langsam Form an. Werde deinen Beitrag über die NS-Ordensburgen dann verlinken, wenn es dir recht ist.

      Viele Grüße, Marco

    • Hallo Marco,

      selbstverständlich, jede Verlinkung ist mir immer gerne und herzlich willkommen. Schon allein, weil ich so manchmal an Artikel erinnert werde, die ich selbst schon wieder vergessen habe. 🙂

      Ich erinnere mich an einen Herbst (September/Oktober) in Andalusien, wo ich verdutzt war, dass es schon geschneit hat. Ich musste mir dann erst einmal eine Jacke kaufen. Allerdings war es die meiste Zeit doch noch ganz angenehm und sonnig.

      Lustig fand ich auch die Bekannten von mir, die einst lautstark verkündeten, nach Spanien auszuwandern, weil ihnen in Deutschland „der Corona-Wahnsinn“ und die „Verspargelung der Landschaft durch Windkraft“ sowie das Gendern gegen den Strich ging. Das war zu der Zeit, als es in Spanien einen echten Lockdown mit Ausgangssperren gab. Windräder gibt es in Spanien auch sehr viele. Und auch im Spanischen gibt es eine Bewegung für geschlechtergerechte Sprache. Ich wollte ihnen aber nicht die Selbsterkenntnis vermiesen und habe nichts gesagt (sie hätten es ja eh nicht geglaubt). Nach zwei Wochen waren sie wieder zurück und haben das Thema nie mehr angesprochen.
      Vor ein paar Jahren gab es auch so eine Protest-Auswandererwelle nach Paraguay. Ich glaube, die haben sich dann alle gegenseitig umgebracht oder sind wieder zurückgekehrt. Wahrscheinlich auf Kosten der Steuerzahler (§ 5 Konsulargesetz).

      Gran Canaria hingegen ist sehr schön und sympathisch. Ich war beeindruckt, wie viele verschiedene Landschaften es auf so einer Insel gibt, sogar einen kleinen Regenwald im Norden.

    • Ja, verblüffend, dass die Sierra Nevada als Skigebiet gilt. Das hat man nicht im Fokus.

      Ich kenne auch solche Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass es überall auf der Welt besser ist als im doofen Deutschland. Ich finde, jeder müsste mal als „Pflicht-Bürger-Praktikum“ drei Monate im Ausland leben. Man merkt dann schnell, dass dort die Bürokratie noch stärker ist, dazu kommt oft noch Korruption, Willkür, hohe Lebenshaltungskosten oder schlechte Gesundheitsversorgung. Das ist sehr heilsam. Manches läuft woanders ja tatsächlich besser, aber man muss immer die Summe sehen.

    • Noch ein paar Dinge, die ich, bevor ich jahrelang im Ausland gelebt habe, in Deutschland gar nicht richtig zu schätzen wusste:

      – Die Sicherheit. Ich meine damit nicht nur, dass ich in Deutschland keine Angst haben muss, am Geldautomaten ausgeraubt oder erschossen zu werden. Sondern auch, dass ich im Wald übernachten kann, weil es keine gefährlichen Tiere, keine Räuber und nur ganz selten Waldbrände gibt.

      – Wie viel Teilhabe am kulturellen Leben man mit wenig und sogar ohne Geld haben kann. Bibliotheken sind teilweise kostenlos, Museen haben freien Eintritt an manchen Tagen, Gedenkstätten sowieso. Selbst das Drittstudium kostet kaum Gebühren. Kirchen, Vereine und Stiftungen bieten immer wieder niederschwellige Kultur- und Bildungsangebote.

      – Die positiven Nachwirkungen der Kleinstaaterei: Europäern fällt das vielleicht nicht als besonders auf, aber im Vergleich zu manchen außereuropäischen Staaten ist unser kulturelles Erbe richtig schön breit gefächert. Bei uns kann man in eine Kleinstadt in der Provinz wie Ludwigsburg, Wismar, Bückeburg, Weimar u.s.w. fahren und man trifft auf Kultur, Geschichte und Architektur, die man anderswo allenfalls in der Hauptstadt oder im Nationalmuseum findet. Deutschland wird eigentlich nie langweilig, und dank des Deutschlandtickets steht das Reisen jetzt auch fast allen offen.

      Das freie Wandern. Für mich war das immer ganz normal, bis ich in Süditalien und in Kanada beim Wandern ständig an Stacheldrahtzäunen und „Betreten verboten. Hier wird scharf geschossen!“-Schildern hängengeblieben bin. In Deutschland hingegen ist es mir wirklich selten passiert, dass mich ein Bauer von seiner Wiese vertrieben hat.

      Natürlich gibt es immer Länder, wo einzelne Punkte besser sind, aber wie du sagst: Man muss das Gesamtpaket sehen, und da finde ich Deutschland eigentlich ziemlich lebenswert. Und wenn man selbst offen ist und mit einem Lächeln durchs Land spaziert, begegnet man auch überraschend vielen sympathischen Menschen. Aber ich habe viele Weltreisen benötigt, um das schätzen zu wissen.

    • Ich füge den Warnungen vor dem Winter-Eskapismus noch diesen Bericht von Robert über die Seychellen hinzu:

      https://flotteropa.home.blog/2025/12/06/der-grosse-fake-die-seychellen/

  3. Avatar von hanselmar hanselmar sagt:

    Vor nicht allzu langer Zeit, im Oktober bin ich mal wieder vom 25 Grad C warmen Malta in das damals 18 Grad warme Deutschland gefahren.Um auch die Gefilden der neuen Bundeslaender zu erkunden ging unsere Fahrt mit der DB und nur mit 40 Minuten Verspaetung von Kassel nach Weimar. Da waren wir noch nie gewesen. Als wir dort ankamen erfuhren wir dass dort schon Goethe und Schiller und auch Luther waren. Das war sicherlich beeindruckend. Auch unser Aufenthalt im Russischen Hof war sehr zufriedenstellend. Daher empfehle ich neben einem Besuch in Chemnitz, wo ich bereits 2002 war, auch unbedingt Weimar.Besonders angenehm war die Rueckfahrt mit der DB. Der Zug war puenktlich und der Bahnhof von Weimar verfuegt sogar ueber einen beheizten Warteraum. Der wurde in Kassel Wilhelmshoehe gleich zu Anfang vergessen. Dieser wurde kurz nach der deutschen Vereinigung fertig gestellt und von Minister Krause eroeffnet. Den hat man inzwischen komplett in der CDU vergessen. Denn wenn er nicht gestorben ist lebt er wahrscheinlich immer noch.

    • Oh ja, Kassel-Wilhemshöhe ist im Winter wirklich ein schrecklich kalter und zugiger (und hässlicher) Bahnhof.
      Ich war da mal bei etwa null Grad und war knapp davor, zur Heilsarmee zu gehen und um eine Tasse Tee zu bitten.

      Weimar kenne ich bisher leider nur vom Durchfahren, da muss ich auch endlich mal einen Kurzurlaub verbringen.

  4. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Lieber Andreas,
    auch mir hilft die Kunst gegen die Winterdepression https://mitstiftundtastatur.wordpress.com/2021/09/12/impressionismus-in-russland-und-die-din-norm/
    und Chemnitz finde ich – nicht zuletzt wegen der Kunst – wunderbar https://mitstiftundtastatur.wordpress.com/2025/11/10/c-the-unseen-veranderung-einer-stadt/

    Ein Besuch in der Stadt reicht lange nicht aus, um alles zu erkunden.
    Aber wir sind jetzt doch erstmal nach Tunesien gereist, in der Hoffnung auf besseres Wetter. Leider ist es heute hier sehr ungemütlich und regnerisch – da ist auch hier ein Museumsbesuch die Rettung😊

    Herzliche Grüße aus Tunis

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und die Links, über die ich deinen Blog entdeckt habe!

      Und du hast Recht, ein Kurzbesuch in Chemnitz reicht wirklich nicht aus. Dieses Jahr haben sich wegen der Europäischen Kulturhauptstadt eine Menge Bekannte zum Besuch gemeldet. Diejenigen, die nur einen Nachmittag vorbeischauen wollten, habe ich gleich abschlägig beschieden. Wer Chemnitz kennt, weiß, dass das nichts bringt. Hier gibt es es eben keine kompakte Altstadt, wo alles Sehenswerte auf einem Spaziergang abgeklappert werden kann. Nein, hier muss man schon 10 oder 15 km Fußmarsch zurücklegen, um einen ersten Überblick zu bekommen.

      Aber jetzt erst einmal viel Spaß in Tunesien!
      (Wo ich noch nie war, wie ich entsetzt feststellen muss.)

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