Rumänien ist die Wiege unserer Zivilisation

Einer der amüsanten Aspekte, denen man im Falle des Umzugs von einem großen Land (Deutschland) in ein kleines oder bevölkerungsärmeres Land (Rumänien) begegnet, ist die dortige Fixierung auf das Image, das man im Ausland hat. Eine der häufigsten Fragen, die mir in Rumänien gestellt werden, lautet: „Was war Deine Vorstellung von Rumänien bevor Du hierher kamst?“ Dass mein jetziger, aufgrund eigener Erfahrungen gewonnener Eindruck höchst positiv ist, hat der Fragesteller schon erfreut bemerkt, aber dennoch ist er besorgt um das Image seines Landes im Ausland.

Ich bin dann ehrlich und erkläre, dass ich nicht viel wußte, außer einer vagen Vorstellung von Bergen, Burgen und der Donau. Ich bewunderte Rumänien angesichts der Konsequenz, mit der es sich von seinem Diktator verabschiedet hatte, ich habe Erinnerungen an die Bilder aus den Waisenhäusern im Kopf, und ich bin stolz dass ich anders als die meisten Transsilvanien-Besucher weiß, dass der Dracula von Bram Stoker eine rein literarische Figur ist.

Oft kommt dann die hoffnungsvoll geäußerte Frage: „Aber sicher erinnerst Du Dich auch an Nadia Comăneci?“ Ähm, nein. „Nadia Comăneci! Olympische Spiele in Montreal 1976!“ Noch nie gehört, tut mir leid. Ich werde aufgeklärt, dass Fräulein Comăneci damals im Alter von nur 14 Jahren als erste Turnerin überhaupt die Höchstnote von 10 Punkten erhielt. Mein Gegenüber strahlt und glüht vor Stolz, wie wenn Rumänien die Fußball-WM gewonnen hätte oder wie wenn Leben auf dem Mond entdeckt worden wäre. Wenn ich mich jetzt noch immer nicht an diese sportliche Glanzleistung erinnere, ernte ich Entsetzen und Unverständnis. „Was nützen ihm die 9 Jahre Gymnasium, wenn er nichts über Gymnastik weiß?“ scheint sich der patriotische Rumäne zu fragen.

Dafür weiß ich, was es mit der Statue der Kapitolinischen Wölfin mit Romulus und Remus auf sich hat, die vor jedem größeren Rathaus in Rumänien steht, z.B. hier in Târgu Mureș.

wolfSehr simplifiziert und etwas falsifiziert ist Rumänien der eigentliche Nachfolger des Römischen Reiches. Daher bildet es diese romanische Sprachinsel mitten in Osteuropa, mit einer Sprache, die dem Italienischen sehr nahe ist und erklärt, weshalb Rumänen mit Leichtigkeit Italienisch und Spanisch lernen (allerdings nicht, weshalb viele zudem noch fließend Englisch, Deutsch und Ungarisch sprechen).

Bis zu den Dakern und Römern muss man aber gar nicht zurückgehen, um die Bedeutung Rumäniens für unsere Zivilisation richtig einzuschätzen. Kurz gesagt: Wir wären heute noch im Mittelalter, wenn nicht findige Rumänen ein um die andere Erfindung getätigt hätten. Wir haben es hier mit dem innovativsten Land Europas zu tun, quasi einem frühen Silicon Valley.

Nur ein paar Beispiele:

  • Zuerst einmal wurde hier der Mensch erfunden, wie wir ihn heute kennen. In der Knochenhöhle im Banat wurden die ältesten Überreste des modernen Menschen in Europa (40.500 Jahre alt) gefunden. Ohne die rumänische Weiterentwicklung zum Homo sapiens wären wir noch immer Neandertaler.
  • Es ist unklar, wo genau die Schrift erfunden wurde, und Johannes Gutenberg erfand den Buchdruck, aber was nützt einem all das ohne ein praktisches Schreibwerkzeug? Zum Glück erfand Petrache Poenaru 1827 den Füllfederhalter.
  • 1884 war Timișoara die erste Stadt in Europa mit elektrischer Straßenbeleuchtung. Endlich konnte man ohne Sicherheitsbedenken auch spätnachts eine Runde joggen.
  • Zwar gab es anderswo frühe Flugpioniere wie die Gebrüder Lilienthal oder Wright, aber mit deren klapprigen Dingern konnte man nicht weiter als über ein paar Maisfelder fliegen. Die modernen Flugzeuge verdanken wir Henri Marie Coandă, der schon 1910 das erste Düsenflugzeug baute.
  • Passend dazu erfand Anastase Dragomir den Schleudersitz.
  • Nicolae Paulescu entdeckte 1921 das Insulin, wurde bei der Vergabe des Medizin-Nobelpreises hierfür im Jahr 1923 jedoch übersehen. Leider entwickelte er kein Mittel gegen den krankhaften Antisemitismus, an dem er litt, so dass dieses Problem auch heute noch schwieriger zu behandeln ist als Diabetes.
  • Hermann Oberth entwickelte die ersten Raketen und legte damit den Grundstein für die Raumfahrt.
  • Ohne Ion Basgan säßen wir heute auf dem Trockenen, denn er erfand die Technik, die auch heute noch zur Erdölfördeung angewendet wird.
  • Ich weiß zwar nicht, was Kybernetik ist, aber ihr Vater ist Ştefan Odobleja. Wahrscheinlich gäbe es ohne ihn keine Computer oder so.
  • Jedenfalls erfand Eugen Pavel die Hyper-CD-ROM mit einer Speicherkapazität von einer Million Gigabyte.
  • Ihr kennt den Traum vom Perpetuum mobile? Schon erfunden! Seit über 60 Jahren gibt die von Nicolae Vasilescu-Karpen gebaute Karpen-Zelle Energie ab.

Und so weiter, und so weiter. Angesichts dieser technischen Glanzleistungen kann es einen schon ärgern, wenn Rumänien in Westeuropa oder im Rest der Welt als ärmliche Gegend mit Vampiren abgetan wird. Das Sympathischste an Rumänien ist jedoch, dass hier niemand mit „Wir sind die Größten“-Getöse herumrennt wie in anderen Ländern. Selbst wenn das Gespräch auf einige der oben erwähnten Pioniertaten kommt, erwähnen es Rumänen mit einem Augenzwinkern, und weisen darauf hin, dass die meisten Rumänen schon lange im Ausland lebten, als sie ihre Kreativität entfalteten. Womit sich der Kreis zur Gegenwart schließt. Angeblich ist Rumänisch bei großen Computerunternehmen in den USA die am zweitmeisten gesprochene Sprache. Ich persönlich glaube das allerdings nicht, denn dann wären die Google- oder Bing-Übersetzungen aus dem Rumänischen besser als sie es sind.

(To the English version.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Rumänien ist die Wiege unserer Zivilisation

  1. Pingback: Romania is the Cradle of our Civilization | The Happy Hermit

  2. neumayr schreibt:

    Sehr interessant. Bitte mehr davon.

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!

      Aus Rumänien habe ich tatsächlich noch einige Notizbücher voller Geschichten und Artikel, die ich in den nächsten Monaten Stück für Stück veröffentlichen werde.
      Ich fand es auch eines der interessantesten und sympathischsten Länder und spiele mit dem Gedanken, ein weiteres Jahr dort zu verbringen, um ein Buch darüber zu schreiben.

  3. Pingback: Zwei Jungs wandern 60 km für eine Suppe. | Der reisende Reporter

  4. Anonymous schreibt:

    also liebe Leute ,
    alles schön und gut, Hermann Oberth , der Vater der Rakete (Professor von Wernher von Braun) war ein siebenbürger Sachse und kein Rumäne, Henri Coanda , zwar ein Rumäne , hätte gar nichts erfunden wäre er nicht ausgewandert und in Paris studiert und entwickelt.
    Also bitte etwas weniger lob für ein Volk das bis heute nicht im Stande ist seine Hauptstadt mit dem Autobahnnetz Europas zu verbinden. Ein Land in dem es möglich ist in der Politik zu verweilen zu regieren obwohl man schwerwiegend vorbestraft ist und weitere Strafprozesse anstehen.
    Als diese Errungenschaften (die meisten jedenfalls) entstanden gehörte Siebenbürgen (heute Rumänien der K+K Monarchie an. Also wurde Temeschwar unter dieser Herrschaft elektrifiziert uvm.
    WIKIPEDIA:
    Einige Merkmale und die Proportionen von Oase 1 rücken den Unterkiefer in die Verwandtschaft moderner, jungpleistozänen Menschen, jedoch zeigt er auch Merkmale des archaischen Homo sapiens und des Neandertalers.[3] Tatsächlich ergab im Jahr 2015 eine DNA-Analyse, dass es sich bei dem jungen Mann, von dem dieser Kiefer stammte, um den Nachfahren eines Mischlings handelte: 6 bis 9 Prozent seines Genoms wurde als vom Neandertaler stammend interpretiert. Das Chromosom 12 enthielt sogar einen extrem langen, dem Neandertaler zugerechneten Abschnitt, der ungefähr die Hälfte der Basenpaare dieses Chromosoms umfasste. Hieraus wurde abgeleitet, dass die Paarung nicht länger als vier bis sechs Generationen zurück gelegen haben kann, da andernfalls – durch Crossing-over – Veränderungen der Basenpaar-Sequenz aufgetreten wären. Nachgewiesen wurde jedoch auch, dass die vom anatomisch modernen Menschen stammenden DNA-Abschnitte eher Fossilienfunden aus Asien ähneln und nicht den späteren Funden aus Europa oder den heute lebenden Menschen; hieraus wurde abgeleitet, dass die Population, zu der Oase 1 gehörte, ein „totes Ende“ repräsentiere, dessen Gene in die heutige Population des Homo sapiens nicht eingingen.[5][6]

    Nun also daraus wird nichts , besser recherchieren, der in Rumänien gefundene zwar sehr alte Knochenfund hat nichts mit der Entwicklung des modernen Menschen zu tun.
    Und wie nachzulesen ist war res ein Mischling in X-ter Generation mit dem Neandertaler.
    Also wir hätten uns auch ohne diesen Vorfahren nicht anders entwickelt, da er das Ende einer entwicklungskette war.

    • Andreas Moser schreibt:

      Wer so eine gute Eisenbahn hat wie die CFR, braucht keine Autobahnen. 🙂
      Das mit den korrupten Politikern stimmt, aber auch andere Länder wählen bekanntermaßen korrupte Politiker (zB Berlusconi).

  5. Super geschriebener Artikel, macht richtig Spaß! Ich hatte bei der Überschrift ja schon die ein oder andere Befürchtung, die Auflösung ist dann umso gelungener 😉

    Die Erfahrung mit Transilvanien= Dracula durfte ich vor kurzem wieder machen. Da war ich mit einem englischen Freund in Siebenbürgen unterwegs, Cluj-Sibiu-Brasov, und er fragte ständig, wann denn nun endlich die dunklen Täler und zerklüfteten Gebirge kommen. Dann musste ich erstmal die genaue Lage des Karpatenbogens erklären.

    Deine Feststellung des „Wir sind die Größten“-Getöses finde ich auch interessant. Das ist im benachbarten Ungarn nämlich diametral entgegengesetzt. Die Leute hören da gar nicht mehr auf, einem alle ungarischen Nobelpreisträger um die Ohren zu hauen, haben sie erstmal angefangen. Dass gute 90% dieser Nobelpreisträger ihre Forschung im Ausland betrieben haben, scheint da niemanden so recht zu stören oder gar zum Denken zu bringen…

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Ralf,
      dann bin ich froh, dass Du trotz der ironischen Überschrift weitergelesen hast!
      Ich sollte an dieser Stelle Deinen informativen und sehr gut geschriebenen Artikel über nationale Narrative verlinken, über den wir auf dieses Thema gestoßen sind: https://ralfgrabuschnig.com/de/meistererzaehlungen-nation/

      Und es freut mich, dass Du Dir dieses sympathische Land selbst angesehen hast. Ich habe mal ein Jahr in Rumänien gelebt und mich nach wenigen Monaten schon so damit identifiziert, dass mir die ganzen Dracula-Anspielungen, -Witze und -Fragen auch persönlich auf den Geist gingen. Als ich meine rumänischen Freunde darauf ansprach, nickten sie nur müde: „Jetzt weißt Du, was wir uns jeden Tag zehnmal anhören müssen, wenn wir im Ausland sind oder Besuch bekommen.“ (So ähnlich geht es den Kolumbianern mit den ständigen Fragen nach Kokain und Pablo Escobar.)

      Bezüglich Ungarn habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht, und zwar auch bei den in Rumänien lebenden Ungarn. Da wird dann ständig auf die 1000-jährige Geschichte hingewiesen und bei jeder Erfindung und jedem Gebäude gesagt: „Das ist aus der Zeit, als das hier Ungarn war.“ Ich habe dann manchmal frech-naiv zurückgefragt: „War das, als Ungarn Teil von Österreich war?“, worauf die meisten entsetzt waren, dass ich das wusste, manche aber steif und fest behaupteten, dass in Wirklichkeit Österreich zu Ungarn gehörte, weil Ungarn schließlich größer war. Als ich in Budapest mal aufklärte, dass „kávéház“ die ungarische Schreibweise des österreichischen „Kaffeehaus“ ist, war eine Freundin dort ganz traurig, weil sie bis dahin immer davon ausgegangen war, dass Kaffeehäuser eine ungarische Erfindung wären.

  6. Ariadna Zorca schreibt:

    Die Rumänen sind wirklich ein bescheidenes Volk. Leider wird dies im Westen gern mit Mangel an Selbstbewusstsein verwechselt.
    Was leider stimmt, ist, dass vor lauter Sorgen um das tägliche Leben die Geschichte nicht mehr richtig gewürdigt wird und so in Vergessenheit gerät.

    • Andreas Moser schreibt:

      Für eine Besucher ist die Bescheidenheit in Rumänien manchmal schon übertrieben. Da ist man in einer schönen, pulsierenden Stadt in Siebenbürgen mit interessanten ökologischen, sozialen und politischen Initiativen, schönen Restaurants und vielversprechenen Startups, die Menschen sind hilfsbereit, gebildet und humorvoll, jeder spricht mindestens drei Sprachen, aber wenn man einmal an einem kaputten Bordstein vorbeikommt, entschuldigen sich die rumänischen Freunde: „Schau Dir das an! Das ist doch entsetzlich! So ist Rumänien, wie ein Dritte-Welt Land.“
      Währenddessen kann Deutschland in seiner Hauptstadt keinen Flughafen zum Laufen bringen.

      In meiner Erfahrung sind die Länder, wo die Menschen (übertrieben) bescheiden sind, die sympathischsten und schönsten Länder (z.B. Rumänien und Bolivien), während die Länder, wo jeder voller Stolz erzählt, dass das eigene Land das schönste, beste, größte ist, ein bisschen nervig sind (z.B. Peru oder USA).

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