Die größte römische Stadt, von der Ihr noch nie gehört habt: Gorsium

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Verloren stochere ich durch den Pusztanebel, irgendwo zwischen Balaton und Buda, zwischen Plattensee und Pest.

Hier eine überraschend romanische Kirche, da ein überraschend kommunistischer Stern auf dem Sowjetsoldatendenkmal, dort ein Fluss, in den hineinzustolpern ich im letzten Moment verhindern kann.

Und dann, als ich aus dem Dickicht trete, sehe ich, dass sich die Sonne langsam durch den Nebel kämpft. Und eine Stadt. Beziehungsweise Ruinen einer solchen, die zumindest heute Morgen unbewohnt zu sein scheinen. 

Der Nebel spürt, dass er verloren hat, dass ein kundiger Forscher, unserer reisender Reporter, der Nachfolger Indiana Jones’ ihm das Geheimnis an jenem Novembertag entreißen wird, und er verzieht sich so schnell, wie wenn er anderswo dringend gebraucht würde. Es wird von Minute zu Minute wärmer, sonniger, farbiger.

Und ich stehe da, greife mir an den Kopf und rufe immer wieder laut “Das gibt’s doch nicht!” Denn vor mir breitet sich eine Ruinenstadt aus, so groß, so weitflächig, so schön und vor allem so überraschend, hier, mitten im ländlichen Ungarn.

In meinem Geschichtsstudium versuche ich, die Antike so weiträumig zu umschiffen wie Magellan die Weltmeere. Aber ein paar Dinge bleiben halt doch hängen. Und weil die Inschriften auf den Dutzenden von Grabsteinen alle auf Lateinisch sind, tippe ich auf die Römer. 

Was viele nicht oder wenn, dann nur wegen meiner Artikel (Beispiel 1, Beispiel 2Beispiel 3) wissen, ist: Die Römer waren richtige Multikultis und nicht nur in Rom, sondern in ganz Europa, in Asien und in Nordafrika zuhause.

Dazu gehörte auch Pannonien, das im heutigen Ungarn liegt. Die Stadt, in die ich hier gestolpert bin, hieß Gorsium und später Herculia. Sie bestand vom 1. bis zum 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und wurde von etlichen Kaisern besucht. Wenn sie früher auch nur annähernd so schön war wie jetzt, dann verstehe ich durchaus, dass Trajan (der mit der Säule), Caracalla (der Brutale), Hadrian (“Die Mauer muss her!”) und Septimius Severus (der aus Afrika war und deshalb heute am ungarischen Grenzzaun abgewiesen würde) den weiten Weg auf sich nahmen.

Ab dem 5. Jahrhundert verzogen sich die Römer, überließen die Steppe den Hunnen, und Gorsium-Herculia verfiel. Erst im 20. Jahrhundert begannen die Ausgrabungen, und vielleicht ist Gorsium auch deshalb weniger bekannt als Pompeji, Palmyra oder sogar Trier, weil es bis 1990 auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs lag. Noch immer gibt es zu dieser beeindruckenden Ruinenstadt keinen Wikipedia-Eintrag auf Deutsch oder auf Englisch. Selbst im “Neuen Pauly” hat Gorsium nur ein paar Zeilen abbekommen.

Aber ein Besuch lohnt sich! Auch für Leute, die überhaupt nichts von römischen Gräbern, Säulen und Tempeln verstehen. Die Ausgrabungsstätte ist wie ein weitläufiger Landschaftspark angelegt, mit goldgelbem Herbstlaub, mediterranen Bäumen und gemütlichen Bänken, wie geschaffen für eine Lese- und Zigarrenpause. 

Und es lohnt sich wohl auch, in ein paar Jahren erneut herzukommen. Denn angeblich sind bisher nur 7% von Gorsium ausgegraben.

Und, was war für Euch bisher der überraschendste Ort auf der Welt, an dem Ihr auf die römische Geschichte gestoßen seid?

Praktische Hinweise:

  • Gorsium ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, zumindest offiziell. Weil das Gelände offen ist, kann man ja eigentlich immer reinspazieren.
  • Der Eintrittspreis beträgt 1200 Forint (= 3 Euro), wobei mich die Damen an der Kasse kostenlos reingelassen haben. Aber das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn Ihr so sympathisch seid wie ich.
  • Von/nach Székesfehérvár, der nächsten größeren Stadt, fährt jede Stunde ein Bus. Die Haltestelle ist im Dorf Tác. Von dort ist es ein kurzer Fußweg nach Gorsium. (Vorsicht: Ich bin einer von den Leuten, die eigentlich immer und überall sagen, dass es “nur ein kurzer Fußweg” ist.)
Das ist die Bushaltestelle, an der Ihr aussteigen müsst. Oder einsteigen, je nachdem.
  • Oder Ihr nehmt den Zug nach Szabadbattyán und entweder von dort den Bus oder den Fuß-/Fahrradweg am Fluß entlang. Ich bin von Szabadbattyán (am Bahnübergang) getrampt, und schon nach wenigen Minuten hat mich jemand mitgenommen. 
  • Der Tabakladen in Tác (nicht weit von der Bushaltestelle) hat sogar Zigarren. Perfekt für ein paar schöne Stunden in Gorsium! Im Gedenken an die armen Römer, die den Tabak noch nicht erfunden hatten und deshalb ausstarben.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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15 Antworten zu Die größte römische Stadt, von der Ihr noch nie gehört habt: Gorsium

  1. sinnlosreisen schreibt:

    Ist ja ein Ding, diese Römer!!!
    Das ist mir bisher entgangen, obwohl ich schon öfters in der Gegend war.
    Und nicht vergessen, rechtzeitig wieder Tej zu kaufen 😁

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin auf Soproni Radler umgestiegen, am liebsten das mit Kirschgeschmack. (Da sind auch Bilder auf der Dose. 😉)

      Soweit ich sehe, wird echt nicht viel Werbung für Gorsium gemacht. Keine Plakate in der Umgebung, keine Hinweisschilder. Im Lonely Planet wird es nicht aufgeführt. Die UNESCO hat es auch noch nicht entdeckt.
      An dem Vormittag war ich weit und breit der einzige Besucher. Aber gut, im November ist hier absolute Nebensaison. Die Schiffe auf dem Balaton fahren auch nicht mehr (außer der Autofähre).

    • sinnlosreisen schreibt:

      In Ungarn sagt man: „im August baden alle im Balaton, im September nur noch die Deutschen und die Hunde, im Oktober nur noch die Deutschen“ 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Haha!
      Das erinnert mich an Sizilien, wo ich mal im Oktober für den Winter hinzog und natürlich ins Meer ging. Die Sizilianer spazierten mit Daunenjacke am Strand entlang und wollten schon die Küstenwache rufen. (Die aber zum Glück mit Wichtigerem, nämlich der Rettung von Flüchtlingen beschäftigt war.)

      Gestern war ich bei der Tourismus-Information in Siofok und habe gefragt, ob im Winter überhaupt Touristen kommen. Der Herr hat mich angesehen, wie wenn ich etwas langsam von Begriff bin, und gesagt: „Natürlich nicht. Das Wasser ist jetzt nicht warm genug.“ Wie wenn es gar keine anderen Gründe für Tourismus gäbe.

  2. Richard Hebstreit schreibt:

    Mein ungarische Großmutter hatte ein Häuschen in Szombathely und meinte, der Garten wäre praktisch ein römischer Friedhof. Im Haus standen römische Skulpturen ohne Nasen und Ohren herum, die Blumen befanden sich in Alabastervasen und die Butter wurde in einer alten Tonschüssel mit Deckel gereicht. Szombahhely war mal das antike Savaria, wozu Großmutter wusste, das sie ihre Funde nie meldete, die sie beim Krumpli (Kartoffeln) ernten im Boden fand. Seitdem habe ich ein Auge für römischen Kram. Vor einigen Jahren erwische ich mal einen Billigurlaub in Kiris bei Kemer in der Türkei. Ein ausgewanderter Deutscher kutschte mich dort in der Gegend herum. In der Nähe befinden sich die weitläufigen griechisch-römischen Ruinen von Phaselis und oberhalb in den Bergen sind ebenfalls Nekroplenreste mit geöffneten Sarkophagen befindlich, wo noch die Knochen und Grabbeigaben der alten Römer herum kullerten. Das hätte man kiloweise einsammeln können. Selbst Schüsselchen, die für Butter oder sonst was geeignet wären. (https://www.bilderhoster.org/album/8htD/?sort=date_desc&page=2) Der Auswanderer meinte, das wäre gefährlich. Die türkischen Nachbarn interessieren sich nicht dafür – aber der Türkische Zoll. „Erwerb, Besitz und die Ausfuhr solcher Gegenstände werden mit Gefängnisstrafen von bis zu 10 Jahren geahndet.“ Er hätte einen Nachbarn, der sitzt schon das zweite Jahr für eine kleine römische Skulptur. Also habe ich nur die Kamera gezückt und ein Schüsselchen fotografiert. Einem Wächter von Phaselis habe ich das Schüsselchen auf seinen Tisch gestellt. Er freute sich und machte einen Aschenbecher draus 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      So einen historischen Aschenbecher hätte ich auch gerne!

      Und das ist echt famos, wie viel man noch findet, mehr als 1500 Jahre später! Die Römer müssen mit Artefakten ja so richtig um sich geworfen haben.

      Aber die Nichtablieferung der Funde durch deine Großmutter ist wahrscheinlich verantwortlich für einige erhebliche Forschungslücken. 😉

  3. Knisely Álex schreibt:

    Fuer diesen Artikel bin ich Ihnen sehr verbunden. Im Fruehling (wenn der HERR will und ich lebe, kurzum inschallah) pilgere ich dorthin.

    • Andreas Moser schreibt:

      Sehr gern geschehen!
      Und an einem weiteren Frühlingstag kann ich mir das auch sehr schön vorstellen.

      Weitere Tipps aus dieser Region folgen bald.

  4. Kasia schreibt:

    Das ist ja ein wunderbarer Tipp für einen Ungarn-Besuch. Wenn ich beim nächsten Mal wissen will, was es in Ungarn zu sehen gibt, frage ich dich – meine polnische Verwandtschaft sagte nur: da gibt’s nichts, da fahren wir nur durch… tja, es lohnt sich immer, sich etwas näher mit einem Land zu beschäftigen 😉 Danke dafür

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin da früher auch immer nur durchgefahren, auf dem Weg nach/von Rumänien, und habe es als flaches, langweiliges Land abgetan.
      Aber da lag ich sowas von falsch! Erst heute habe ich wieder zwei Schlösser entdeckt, davon eines verlassen, das beim Wandern unerwartet und mystisch aus dem dichten Nebel auftauchte. Fotos und Bericht folgen bald!

  5. auserbia schreibt:

    Danke für diesen ganz tollen Tipp. Wir fahren sehr oft an Székesfehérvár vorbei, jetzt haben wir einen guten Grund, da mal Halt zu machen und die tolle Römerstadt zu besichtigen. Wir freuen uns schon auf den Bericht mit den Schlössern!

  6. Pingback: Das Schloss im Nebel | Der reisende Reporter

  7. Pingback: Osteuropäische Dorfidylle | Der reisende Reporter

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