Filmkritik: James Bond „SPECTRE“

Dieser Filmkritik wird keine Spoiler-Warnung vorangestellt, weil im jüngsten James-Bond-Film SPECTRE sowieso keine Handlung zu erkennen ist. Er ist eher eine unorganisierte Aneinanderreihung von schlecht geschriebenen und lustlos gespielten Szenen. Wie eine Resterampe, auf der alles verramscht wird, was in den letzten James-Bond-Filmen als Schnittabfall übrig blieb.

Es beginnt in Mexiko, mit einer Szene, die in fast jedem Artikel als „die beste Action-Szene, die es je gab“ bezeichnet wurde, was den Verdacht aufwirft, dass viele Filmkritiker genauso geschmiert wurden wie die Produzenten von Mexiko Stadt mit Millionen dazu bewogen wurden, diese Szene in den Film einzubauen. Denn der Film beginnt nicht fulminant, sondern schlecht. Der Dia de los Muertes, dieses lateinamerikanische Allerheiligenspektakel, wäre eine dankbare Umgebung, aber der Film nützt sie nicht. Die Mexikaner sind reine Statisten, bleiben im Hintergrund, James Bond interagiert mit keinem von ihnen, keiner von ihnen tritt als Person in Erscheinung. Sie sind eine amorphe Masse ohne Individuen. Wie wenn der Film nicht genau weiß, was er mit ihnen anfangen soll.

Man merkt, dass Mexiko Stadt nicht nur die Szene gekauft hat, sondern auch die Schauspielerin Stephanie Sigman, zwischen der und Daniel Craig kein Funke überspringt. Noch schlechter sind die Actionszenen. Die Explosionen, die einstürzenden Häuser und die Blicke aus dem Helikopter sind so offensichtlich computeranimiert, dass man sich fremdschämt. Wenn Actionsequenzen 2015 schlechter aussehen als 1975, dann sollte man sich vielleicht mal wieder auf die damalige Technik besinnen (Tipp: Stuntmänner statt Computerjungs).

Die Filmmusik Writing’s on the Wall von Sam Smith  ist zum Einschlafen. Im Vorspann erscheinen Bilder der Protagonisten aus den drei vorangegangenen Filmen und bestätigen meine Befürchtung: ein weiterer Rückschau- und Rückblenden-Bond, anstatt ein alleinstehender Film. Und dazu eine vollkommen blöde Familiengeschichte, in der Bond und der Bösewicht Blofeld eine gemeinsame Kindheit hatten. Nur dumm, dass dies keinem der früheren Bonds oder Blofelds je einfiel, geschweige denn in den Büchern von Ian Fleming erwähnt wurde.

Monica Bellucci als Witwe eines eben erst Getöteten wird nicht verführt, sondern regelrecht sexuell belästigt. So etwas hatten wir ja schon in Skyfall, wo der ehemaligen Kinderprostituierten das gleiche Los widerfährt. Von der Diskussion um die Grenzen zwischen einvernehmlichem Sex und Vergewaltigung scheinen James Bond, die Drehbuchschreiber, Regisseure und Produzenten nichts zu halten. Der Gesichtsausdruck von Monica Bellucci bringt ihre Gedanken deutlich zum Ausdruck: „Was soll diese Scheiße? Ich hätte solch eine Rolle vor 20 Jahren bekommen sollen.“

SPECTRE Monica Bellucci

„Wann ist dieser Film endlich vorbei? Knallt mich doch bitte jemand ab!“

Nun ist mir durchaus bewusst, dass James-Bond-Filme noch nie durch in sich schlüssige Geschichten bestochen haben. Dass Bond Flugzeugabstürze überlebt, von Maschinengewehrsalven nie auch nur ein einziges Mal getroffen wird, und der Bösewicht am Ende immer seinen Plan preisgibt, daran haben wir uns gewöhnt. Das stört uns nicht. Aber was einem in SPECTRE vorgesetzt wird, ist wirklich eine Beleidigung der Zuschauer. Nicht einmal der halbseidenste rote Faden ist vorhanden.

Bond wird zum mittlerweile dritten Mal suspendiert, behält aber nicht nur seinen Job, sondern kann aus dem MI6-Keller unentdeckt ein Auto entwenden und erhält die Unterstützung von Q, der anscheinend seinen Arbeitsplatz für ein paar Tage in Österreich verlassen kann, ohne dass ihn – trotz Totalüberwachung, dem Thema des Films – jemand vermisst.

Mit eben jenem Auto fährt Bond dann schnurstracks von London nach Rom, wo überhaupt kein Verkehrschaos herrscht, so dass sich Bond und ein Verfolger eine angeblich rasante Verfolgungsjagd liefern können. Dass das einzige Auto, das ihn aufhält, ein Fiat 500 mit einem alten Italiener, der eine Oper hört und mitsingt, ist, zeigt, in welche kitschigen Tiefen dieser Film sinkt.

Als Bond in Rom das geheime Treffen der Geheimorganisation SPECTRE findet, das – ganz geheim – in einem riesigen Palast mit Dutzenden von Luxusautos vor der Tür stattfindet, wird er von Oberhauser schon erwartet. Komisch nur, dass Oberhauser/Blofeld, der sonst an alles denkt und vorausplant, Bonds Wagen einfach so auf dem Parkplatz stehen lässt, damit Bond fliehen kann.

Mr White will sich vor SPECTRE verstecken, baut aber eine Webcam in seinem Wohnzimmer auf, die alles in die SPECTRE-Zentrale überträgt. Im Hotel in Tanger (ich glaube, es ist das aus den mittlerweile besseren Jason-Bourne-Filmen) hat er einen Geheimraum voll mit laufenden Computern, den er aber anscheinend nach jedem Besuch zumauert und von dem das Hotel nichts bemerkt.

Wieso will der für Oberhauser/Blofeld arbeitende Dicke im Zug James Bond töten, wenn Oberhauser/Blofeld ihn doch bereits erwartet? Und in Marokko kann man anscheinend unbehelligt den Zug an der Haltestelle „Geheimes Hauptquartier des Bösewichts in der Wüste“ verlassen, nachdem man die Waggons zerstört hat.

Geredet wird in dem Film nicht viel, womöglich weil dann die fehlende Handlung auffiele. Die wenigen Dialoge sind so etwas von flach („Warum bist Du gekommen, James?“ – „Ich bin gekommen, um Dich zu töten.“ – „Und ich dachte, Du bist gekommen, um zu sterben.“ soll wohl ein billiger Goldfinger-Aufguss sein) und werden vorgetragen wie bei einem Schülertheater. Gerade bei Daniel Craig und Christoph Waltz kam es mir vor, wie wenn sie unter Protest spielten. Christoph Waltz bringt in jeden Talkshow-Aufritt mehr Elan. Ja, selbst seine gedruckten Interviews lesen sich spannender als dieser Film.

Der angeblich so geniale Bösewicht lässt Bond seine explosive Uhr, die dieser trotz Fesselung freibekommt, und die er so zur Detonation bringen kann, dass sie all seine Fesseln auf wundersame Weise sprengt, ihn selbst unverletzt lässt und Blofeld die Gesichtsverletzung verpasst, trotz derer er wenige Stunden später schon wieder aktiv ist. Bond selbst leidet auch keine Sekunde unter dem Schlagbohrer, der ihm vorher das Gehirn zerstört hat. (Die Drehbuchautoren hingegen scheinen diese Methode selbst mit mehr Erfolg ausprobiert zu haben.)

SPECTRE Daniel Craig plane

Abgestürzt und fluguntauglich. Wie der ganze Film.

Bond entkommt, Blofeld lockt ihn wieder in eine Falle, natürlich wieder in London, wie in all den vorherigen Filmen. Wieder wird das Mädchen irgendwo festgebunden, und Bond muss sie retten bevor die aus Goldeneye bekannte 3-Minuten-Bombe losgeht. Zum Glück steht das Boot aus Die Welt ist nicht genug noch fahrbereit in der völlig ausgebrannten MI6-Zentrale, der Schlüssel steckt, der Tank ist voll, und Bond kann einen Helikopter mit einem Schuss aus der Pistole zum Absturz bringen, den Blofeld natürlich erneut überlebt.

Und so weiter, und so weiter. Nichts als schwachsinniger Stuss und dämliche Kopien der letzten Filme. Zum Teil werden die Szenen eins zu eins übernommen, leider jedoch wieder die unlogischsten. Wie schon in der Anfangsszene von Casino Royale merkt der Schreibtischspion nicht, dass seiner Pistole das Magazin entnommen wurde und drückt ab. Wer jemals eine Pistole mit und ohne Magazin in der Hand gehalten hat, wird den Gewichtsunterschied sofort bemerken. So dumm ist niemand. So dumm, die gleiche dumme Szene zweimal zu verwursten, ist leider doch jemand.

Als James-Bond-Fan fällt es mir schwer, solch ein hartes Urteil abzugeben, aber ich kann mich wirklich an nichts Positives an dem ganzen Film erinnern. Spart Euch das Geld, dieser Film verdient keine müde Mark, und die Drehbuchautoren verdienen eine besondere Schmähung.

(Read this review in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Filmkritik: James Bond „SPECTRE“

  1. Pingback: Film Review: James Bond “SPECTRE” | The Happy Hermit

  2. daMax schreibt:

    Haaaahahahaa, ja, das war wirklich der dööfste Bond aller Zeiten. Meine Kritik deckt sich mit deiner, ist allerdings ein bisschen kürzer 😉

    http://blog.todamax.net/2015/james-bond-spectre/

    MIr ging’s auch so, dass ich im Kino vermeinte, die grünen Schaumstoffwürfel zu sehen, die überall rumstehen und später rauscomputert werden, War da nicht auch ne Szene auf einem fahrenden Zug? Auch die sah DERMASSEN deutlich nach Studio aus (oder war’s die Heli-Szene? Is ja auch egal). Es kommt einfach inzwischen überhaupt kein Actionfeeling mehr auf, weil man MERKT; dass die Leute nur 50 cm überm Boden hängen.

    Sehr schwach.

  3. American Viewer schreibt:

    Das harte Urteil ist korrekt. Einer der schlechtesten Bond-Filme, die mir bekannt sind. Ich bewundere dein Durchhaltevermögen. Ich konnte keine 15 Minuten davon ertragen, dann war es das für mich.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin eben ein Hardcore-James-Bond-Fan.

      Und ich ging mit einem Freund ins Kino, den ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Da das Kino bis auf uns beide leer war, konnten wir uns dabei unterhalten.
      Als ich nach Hause kam, hatte ich den Drang, wieder Casino Royale anzusehen. Im Vergleich zu SPECTRE gefällt mir jetzt sogar Quantum of Solace, aber das mag auch daran liegen, dass ich seither in Cochabamba in Bolivien gewohnt habe, wo der eigentliche Wasserkrieg tobte, der der Geschichte des Films zugrunde liegt. Darüber muss ich auch irgendwann mal schreiben.

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