Eine Postkarte aus Paris

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Tja, so stand ich also am Flughafen in New York und hatte den Flug nach Frankfurt verpasst. (Siehe letzte Folge.)

Es war Freitagnachmittag, und spätestens am Sonntag sollte ich zuhause sein, um die kommende Arbeitswoche vorzubereiten. Damals werkelte ich noch als Rechtsanwalt, was meine Spontanität bei Fernreisen doch erheblich einschränkte. (Ein Jahr und einen weiteren verpassten Rückflug später würde ich deshalb diese Selbstausbeutung beenden, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Mitarbeiterin von United Airlines, die meine Pläne vereitelt hatte, offerierte sogleich einen Ausweg: „Der nächste Flug nach Frankfurt geht erst morgen. Würde Ihnen ein anderer Flug nach Europa helfen, wenn wir für heute noch einen freien Platz finden?“

„Ja klar!“, antwortete ich erfreut. Einmal in Europa, käme ich von jedem Ort mit der insoweit viel flexibleren, weil normalerweise jede Stunde abfahrenden Eisenbahn nach Hause bzw. ins Büro.

Sie tippte ein bisschen in ihren Computer (die gab es damals schon) und verlas das Ergebnis der Recherche.

„Also, wir haben heute Abend noch freie Plätze nach Barcelona, London und Paris.“

Barcelona kannte ich schon.

London kannte ich richtig gut.

In Paris war ich noch nie gewesen.

„Dann fliege ich nach Paris“, entschied ich, meine Freude über diese unerwartete Wendung kaum verhüllen könnend.

Ich musste eine Umbuchungsgebühr von 100 $ begleichen, und am nächsten Morgen war ich in Paris. Ohne Reiseführer, ohne Stadtplan, ohne Hotel, ohne viel Französisch. (Ein Versuch, selbiges aufzufrischen, war einst kläglich gescheitert.)

Wenn ich schon mal in Paris bin, dann bleibe ich auch einen Tag, dachte ich mir. Also fuhr ich vom Flughafen nach irgendwo, das auf dem Metroplan nach Zentrum aussah, stieg aus, blickte mich um, und befand es für gut. Ich ging in das erste Hotel, fragte ob sie ein Zimmer für eine Nacht frei hätten. „Oui, monsieur.“ Einen Stadtplan hatten sie auch.

So reiste man früher, ohne Internet oder GPS. Es war irgendwie lustiger.

Ich ging ziellos spazieren, bis ich auf einen Fluss stieß. Es war die Seine. Das war ein gutes Zeichen. Ich spazierte am rechten Ufer, bis eine Brücke kam. Dann ging ich über die Brücke und weiter am linken Ufer. Bis zur nächsten Brücke. Und so weiter.

Es gab viele Brücken. Und von jeder war die Aussicht toll.

Die Touristen waren damals noch nicht so nervig wie heute. Man fotografierte weniger, weil es noch kein Instagraph und so gab. Man genoss einfach. Ich tat das gleiche.

In den Gärten von Trocadéro konnte ich anhand des Stadtplans endlich wieder bestimmen, wo ich war. Gegenüber lag nämlich der Eiffelturm.

Ich spazierte noch ein bisschen zum Triumphbogen, eigentlich auf der Suche nach einem Baguette, und dann zurück zum Eiffelturm. Die Schlange für den Aufstieg auf das wackelige Stahlgerüst war lang, also verzichtete ich auf die Höhenangst. Stattdessen legte ich mich auf dem Marsfeld in die warme Sommerwiese, genoss ein Baguette und ein Buch.

Aus dem Französischunterricht, der immer auch ein Frankreichunterricht gewesen war, kamen die Erinnerungen an Sehenswürdigkeiten, die ich noch aufsuchen könnte: Montmartre, Louvre, Notre-Dame, DGSE, Invalidendom, Centre Pompidou.

Aber ich behandle Orte mit Respekt, ebenso wie Personen. Und der Respekt verlangt, dass man die gebührende Zeit für einen Besuch mitbringt. Die hatte ich nicht. Paris ist so eine Stadt, wo man zwei, drei Wochen braucht. Für einen ersten Überblick. Also fing ich gar nicht erst an, an der Oberfläche zu kratzen, sondern blieb den ganzen Tag auf dem Marsfeld liegen, blickte in die Sonne, auf den Turm und in die Luft.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Eine Postkarte aus Paris

  1. Pingback: A Postcard from Paris | The Happy Hermit

  2. Pingback: Eine Postkarte aus New York | Der reisende Reporter

  3. Stephanie Jaeckel schreibt:

    Kann man heute noch so machen – Handy aus und Augen auf. Ich gebe allerdings zu, dass ich mich das auch nicht immer traue. Aber in Paris geht man nicht so schnell verloren. Zumal, wenn man den Eiffelturm kennt 😉 Schöne Geschichte!

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!
      Ja, dank Fluss und Turm fand ich es gar nicht so schwer, sich dort zu orientieren.
      Ich mache das oft, wenn ich in einer neuen Stadt bin: Ich merke mir den Weg von der Unterkunft zu einem bestimmten Ort, zu dem man sich notfalls durchfragen kann (Bahnhof, ein großer Park, eine U-Bahn-Station), und dann gehe ich absichtlich verloren. Ganz ziellos, aber immer dem folgend, was interessant aussieht.

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