Eine Postkarte aus Las Vegas

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Wenn Leute behaupten, das Jura-Studium sei trocken, muss ich immer lachen.

Nach dem fünften Semester stand mein zweites Praktikum an, das ich bei der Staatsanwaltschaft absolvierte. In Las Vegas. Schon am ersten Tag fuhren wir in ein Indianerreservat. Danach ein paar Mordprozesse. Eine Führung durchs Gefängnis. Den Jackson-Clan vor Gericht gesehen. Die Einladung, an einer Hinrichtung teilzunehmen, quittierte ich mit „hell, no!“ Aber als mein Ausbilder vorschlug, ich könne mit der Polizei auf Streife fahren, sagte ich „hell, yes!“

Ich wählte die Nachtschicht, vorgeblich um keinen Tag vor Gericht zu verpassen. In Wirklichkeit, weil ich hoffte, dass da mehr passiert.

Um 17:30 Uhr fand ich mich bei einem Revier im Nordwesten der kriminellsten Stadt der USA ein. Die Polizisten saßen in einem Raum, der wie ein Klassenzimmer aussah. Die Tische und Stühle waren viel zu klein für die allesamt ziemlich großen und kräftigen Männer. Sie alberten herum, bis der Lieutenant herein kam und auf einem Stadtplan an der Tafel markierte, wo gerade eine Bank ausgeraubt wurde, wo ein Mann abgestochen wurde, wo eine Frau sexuell belästigt wurde und wo man eine Drogenhöhle auszuheben gedenke.

Dann stellte er mich und meine Geheimmission vor. Mike, sehr groß, sehr kräftig, mit schwarzem Schnurrbart, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, sagte: „Er kann bei mir mitfahren.“ In Las Vegas fahren die Polizisten gewöhnlich allein Streife, weil so gleichzeitig mehr Streifenwagen auf der Straße sind. „Die Bürger wollen etwas sehen für ihre Steuern“, hatte mir der Staatsanwalt erklärt.

Wir gingen alle in den Umkleideraum, wo ich zwar keine Uniform, aber eine kugelsichere Weste erhielt. Ich zog sie unter dem Pullover an und fühlte mich schon viel größer und kräftiger.

Auf dem Parkplatz hinter dem Revier wurden die Autos für die Nachtschicht überprüft. Reifendruck. Lichter. Sirene. Und Funkgerät. Alles klar, denn aus dem Funkgerät quiekte es schon. „Zwei Jugendliche in gestohlenem Wagen nördlich auf 95er.“

Ich dachte, es wäre ein Test, aber Mike rief mir zu: „Steig ein und schnall dich an!“

Vor uns brausten zwei Polizeiwagen davon, wir waren der dritte. Mit Sirene. Mit Blaulicht. Mit quietschenden Reifen. Mit über 100 km/h. Mitten in der Stadt. Im dichten Feierabendverkehr. In den USA lassen die Fahrer keine Gasse für Fahrzeuge mit Blaulicht, sondern man muss sich irgendwie durchschlängeln.

Mike bediente mit der linken Hand das Lenkrad, die Lichter, die Sirene und die Hupe. Mit der rechten Hand bediente er das Funkgerät und einen Computer, der vor mir auf der Beifahrerseite angebracht war. Dort gab es Informationen zu dem gestohlenen Fahrzeug. „Scheiße, all dieser Aufwand für einen Corolla!“

Mike konnte zwölf Dinge gleichzeitig bedienen, nur nicht die Bremse. Wir fuhren auf eine große Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot. Weder die beiden Polizeiautos vor uns, noch wir wurden langsamer. Mike erkärte, dass die Polizeiautos mit einem Gerät ausgestattet waren, das die Ampelschaltung manipulieren und auf grün stellen konnte. Im letzten Moment wurde es tatsächlich grün. Zu spät für einen von rechts kommenden Zivilisten, der das zweite Polizeiauto rammte, das deshalb in einen Laternenpfahl fuhr, der umkippte und eine Reihe weiterer Autos erschlug.

Mike düste weiter mit 100 km/h, blickte nur kurz in den Rückspiegel und beruhigte mich, dass dem Kollegen nichts passiert sei. Sicherheitshalber gab er den Unfall über Funk durch. „Falls mir übrigens etwas passiert“, sagte er, „geh auf Frequenz 33 und gib durch ‚officer down, officer down‘. Und dann mach dich aus dem Staub.“ Zwischen den beiden Sitzen war eine Repetierflinte angebracht, aber die sollte ich anscheinend nicht benutzen.

Amerikanische Polizeiautos haben vorne einen Rammbock aus Metall. Der kam zum Einsatz, als wir zu dem geklauten Toyota aufschlossen. Die beiden verbliebenen Polizeiautos rammten abwechselnd den Corolla, dessen Eigentümer darüber sicherlich hocherfreut war. Ringsherum war noch immer Feierabendverkehr. (Das war 1997, da hatten die Leute noch keine Mobiltelefone zum Filmen. Mittlerweile filmen die Polizisten selbst.)

Die Polizisten versuchten, das gestohlene Fahrzeug von der Straße zu drängen, aber die Diebe fuhren stattdessen auf den Parkplatz eines Supermarktes. Unsere Autos kamen mit quietschenden Reifen zum Stehen, die beiden Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen raus, rannten unter lautem Schreien auf das den Einsatz verursacht habende Auto zu, rissen die Türen auf und zogen zwei zitternde junge Männer raus. Ich weiß nicht, ob sie von selbst umfielen oder auf den Boden gestoßen wurden, aber sofort hatten sie Handschellen an.

Ringsherum schoben Leute Cornflakes, Cola-Flaschen und Grillfleisch in Einkaufswagen, die größer waren als der Corolla.

Die Sonne ging gerade unter. Ich genoss die letzten Strahlen warmen Lichts, grinste von einem Ohr zum anderen und dachte, weder zum ersten, noch zum letzten Mal an jenem Abend: „Das ist wie in einem Film!“

Natürlich ging die Nacht noch weiter, mit Helikoptereinsatz, einer Jagd in der Wüste, einem Selbstmörder auf dem Vulkan und vielen Donuts, aber für diese Reihe habe ich versprochen, mich kurz zu halten. Das habt Ihr jetzt von Euren Klagen über meine angeblich ausufernden Artikel.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Eine Postkarte aus Las Vegas

  1. Andreas Moser schreibt:

    Falls jemand trotz des oben verlinkten Videos nicht glaubt, dass so etwas ständig passiert, hier ist noch ein Video von so einer Verfolgungsjagd:

  2. Pingback: A Postcard from Las Vegas | The Happy Hermit

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