Weil ich weiß, wie er aussieht bevor er auf den Teller kommt:
(Fotografiert hinter dem Stauferkastell in Trani, Apulien, Italien.)
Weil ich weiß, wie er aussieht bevor er auf den Teller kommt:
(Fotografiert hinter dem Stauferkastell in Trani, Apulien, Italien.)
Bei diesem Haus braucht es zu einem Einbruch nicht einmal die Fähigkeiten von John Robie alias „Die Katze“ aus dem Hitchcock-Film „Über den Dächern von Nizza“.
(Fotografiert in Trani, Apulien, Italien. Die genaue Adresse ist gegen Beteiligung an der Beute zu erfragen.)
Ägypten kommt nicht gut weg in diesem Buch. Es ist dreckig, patriarchalisch, übertrieben religiös, korrupt, unsozial. Die meisten Ägypter sind antisemitisch und schieben die Probleme ihres Landes auf internationale Verschwörungen. Nein, eine Empfehlung für Ägypten ist „Als Spion am Nil“ des österreichischen Journalisten Gerald Drissner beileibe nicht.
Trotzdem sollte dieses Buch ins Reisegepäck, wenn Sie die Pyramiden besuchen, eine Kreuzfahrt am Nil unternehmen oder am Roten Meer tauchen, denn Sie werden als Tourist die meisten dieser Seiten nicht kennenlernen. Sie werden die Orte, die Drissner in ganz Ägypten bereist hat, nicht besuchen können, und mangels Arabischkenntnissen die Gespräche, die nicht für Sie bestimmt sind, nicht mitbekommen. Deshalb benötigen Sie ein Buch wie dieses, um Ihr Bild von Ägypten abzurunden.
Drissner lebte fünf Jahre in Ägypten und studierte in der Zeit Arabisch. Mit dem Bus fährt er ins Nildelta, in die Wüste, an die Küsten, an bekannte Orte wie Assuan oder Nuweiba, an unbekannte Orte wie Abu Mena oder Ismaila. Er trifft Muslimbrüder, Sozialisten, koptische Mönche, Geschäftsleute, Intellektuelle, Bauern und eine Menge neugieriger Geheimpolizisten. Der Titel des Buches „Als Spion am Nil“ spielt darauf an, dass er immer wieder mißtrauisch beäugt wird. Verhaftet wird er aber kein einziges Mal, was für fünf Jahre in Ägypten, noch dazu während des Arabischen Frühlings, schon eine gute Leistung ist. Die Ankündigung im Klappentext, dass er „fast in einem Militärgefängnis landet“ ist deshalb zu reisserisch – insbesondere aus den Augen von jemandem, der selbst schon während einer (gescheiterten) Revolution im Mittleren Osten im Gefängnis gelandet ist.
Drissner verwendet die Beschreibung seiner Reisen und Gespräche, um geschickt etwas über die ägyptische Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und über die erdrückende Bedeutung der Religion einzuflechten. So bleibt das Buch nicht im Anekdotischen stecken, sondern bietet Orientierung im Chaos.
Eine lobende Erwähnung verdient, dass Drissner sich nicht davor scheut, mehrfach auf die Widerlichkeit hinzuweisen, die besonders österreichischen und deutschen Besuchern droht: die offene Bewunderung für den Nationalsozialismus. Immer wieder – und das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus anderen arabischen Ländern – wird Hitler als guter Mann gepriesen, der Holocaust ausnahmsweise mal nicht verleugnet sondern gelobt, Rommel gilt als Vorbild, nach dem Hotels und Restaurants benannt werden, und ägyptische Kinder werden mit Vornamen wie „Hitler“ oder „Rommel“ bedacht. Diese Bewunderung für die Nazis geht natürlich Hand in Hand mit dem Hass auf Israel, den Drissner ebenso offen anspricht. Man bekommt den Eindruck, dass es Ägypten besser ginge, wenn nur ein Teil der Energie, die auf Israel- und Judenhass verwendet wird, auf die Verbesserung der eigenen Gesellschaft verwendet würde. Stattdessen bleibt das Land gelähmt von der Obsession, immerzu Fremde für das eigene Los verantwortlich zu machen.
Für ein 2013 und damit noch mitten in den politischen Wirren erschienenes Buch ist es passend, dass der Autor einen prognostischen Ausblick verweigert. Für Hoffnung bieten diese Berichte aus Ägypten jedoch keinen Anlass.
(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)
Zu meinem Artikel über eine Zugfahrt durch Mazedonien gibt es natürlich auch ein Video. Diesmal allerdings nicht eines von meinen selbstgedrehten, ruckeligen und vom Wind übertönten Amateuervideos, sondern ein professionelles, das die Atmosphäre einer Zugreise durch Mazedonien richtig gut rüberbringt:
Eine Dampflok steht einsam auf den Gleisen. Sie fährt zwar nicht mehr, passt aber gut in das Erscheinungsbild des Bahnhofs. Prilep ist die viertgrößte Stadt Mazedoniens, aber der Bahnhof sieht aus wie in einem 2000-Einwohner-Dorf. Einem sterbenden 2000-Einwohner-Dorf. Die Gleise sind mit Gras überwachsen.
Vier Züge kommen hier pro Tag auf der Strecke von Skopje nach Bitola durch. Die Preise für die Fahrscheine sind handschriftlich in eine Tabelle eingetragen, die über der einen Luke für den Fahrkartenverkauf in einem mit toten Mücken verschmutzten Glasrahmen an der Wand hängt. Die Luke ist geschlossen. Die Bahnhofsuhr geht 10 Minuten nach.
16:45 Uhr. Die Sonne scheint noch heiß, wirft aber schon lange Schatten. Ich lehne an der den Gleisen zugewandten Wand des Bahnhofsgebäudes, mein Rucksack wird später voller Kalk sein. Manche der Wartenden haben große Stofftaschen mit Wäsche und Haushaltsgegenständen dabei. Zwei Männer stellen Getreidesäcke und Kisten mit Tomaten auf dem Bahnsteig ab.
Der Fahrkartenverkäufer kommt, versteckt sich aber in seinem Büro, von der Menge der wartenden Reisenden nicht beeindruckt. Von überall her schieben alte Männer ihre Fahrräder über die Schienen. Ein Mann im Automechaniker-Overall kommt mit dem Mofa auf den Bahnsteig. Ob das mit in den Zug soll? Der Wind bläst Kartons von rechts nach links durchs Bild. Männer in karierten Hemden rauchen Zigaretten. Gegenüber fährt zweimal ein Pferdefuhrwerk mit Strohballen vorbei.
Je länger die geplante Abfahrtzeit um 17:12 Uhr ereignislos verstreicht, desto mehr verstehe ich die fehlende Eile des Fahrkartenverkäufers: Er wusste natürlich von der Verspätung des Zuges. Schließlich öffnet er doch für wenige Minuten sein Fenster und verkauft ohne sichtbare Begeisterung ein paar Tickets. Mit einer 100-Denar-Banknote, die er aus seiner Kasse nimmt und hochhält, signalisiert er mir den Preis. Zwei Denar bekomme ich noch zurück. 98 Denar, das sind eineinhalb Euro, für eine Strecke von etwa 50 Kilometern. Hier kann man noch zum Vergnügen mit der Bahn fahren.
Schon die ganze Zeit kam ich mir in der Hitze und dem Staub, mit dem Blick auf die Berge und mit den im Sicherheitsabstand voneinander herumstehenden, geduldigen Passagieren wie in einer Szene aus einem Western vor, da klingelt tatsächlich das Mobiltelefon eines älteren, kleinen Mannes mit der Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ich schiebe mich ein wenig näher zum türlosen Eingang zur mit Spinnweben verhangenen Bahnhofshalle, um mich zurückziehen zu können, sobald die ersten Schüsse fallen.
Da kommt er, der lange erwartete Zug. Vollbepackt steigen Alte und Junge aus, die aus der Hauptstadt Skopje angekommen sind. Der Mann mit dem Mofa ist nur hier, um jemanden abzuholen. Er hilft einer alten Frau (seiner Mutter? seiner Oma?) aus dem Zug. Sie ist blind. Hoffentlich hält sie sich gut fest auf dem Zweirad.
Von Prilep nach Bitola wollen heute anscheinend nicht mehr so viele Menschen. Der Zug ist spärlich besetzt, aber noch leerer ist die Landschaft, durch die sich die Eisenbahn vorwärtskämpft. Die Abendsonne taucht die Getreidefelder in kräftiges Gold, die Wiesen in saftiges Grün. Die Hügelketten sind perfekt geschwungen.
Ein riesiges Sonnenblumenfeld auf der linken Seite; die Sonnenblumem haben entgegen dem Gerücht über ihr Verhalten die Gesichter von der Sonne abgewandt. Der Fahrtwind bläst durch die offenen Fenster und wirbelt die dicken Gardinen umher wie freiheitsverkündende Fahnen. Schnell sind wir nicht unterwegs, für die 50 km ist fast eine Stunde Fahrtzeit anberaumt.
Von zusammengefallenen oder abgebrannten ehemalige Bahnhofsgebäuden wird der Zug immer wieder mal zum Halt im Nirgendwo überredet.
Dazugehörige Dörfer kann ich nicht erkennen, auch keine Straßen. Trotzdem steigen an den Haltestellen Menschen aus. Die müssen mindestens noch ein paar Kilometer über die Felder gehen, bis sie nach Hause kommen.
Erst kurz vor Bitola, der zweitgrößten Stadt Mazedoniens, kommt wieder menschliches Leben in die Landschaft. Immer öfter muß der Zug warnend pfeifen, wenn er Straßen überquert. So erfährt die ganze Stadt von der Ankunft des Abendzuges. Am Bahnhof laufen zwei Männer mit einem großen Kühl- und Gefrierschrank auf die Lokomotive zu und hieven ihn durch die Tür gleich hinter das Führerhaus.
Vor dem Bahnhof lehnt ein Mann am Kofferraum seines Audi 80, der nur durch ein gelbes Schild auf dem Dach als Taxi gekennzeichnet ist. Ihm vertraue ich meinen Rucksack sowie meine Zieladresse in der Altstadt von Bitola an. Als er einsteigt, nimmt er das Taxi-Schild vom Dach. Einen Taxameter hat er nicht. So kann man sich am Feierabend etwas dazuverdienen.
Im Hostel treffe ich am nächsten Morgen beim Frühstück einen Amerikaner, der sich darüber beklagt, dass die Züge in Mazedonien keine Klimaanlage haben. Mir hingegen haben die Waggons mit offenen Fenstern statt Klimaanlagen so gut gefallen, dass ich traurig darüber bin, ab jetzt mit dem Bus weiterreisen zu müssen. Denn in Bitola ist Schluss mit der Eisenbahn. Die Direktverbindung von hier nach Griechenland wurde 1991 stillgelegt; auch nach Albanien geht kein Zug.
(Auch die Zugfahrten von Thessaloniki nach Skopje und von Skopje nach Prilep waren landschaftlich wunderschön. Selbst wenn Ihr nur wenige Tage in Mazedonien seid, solltet Ihr auf jeden Fall eine Reise mit der Bahn antreten. Tickets gibt es in den größeren Städten am Bahnhof, ansonsten zahlt man einfach im Zug. – Hier geht es zum Video einer Zugfahrt durch Mazedonien. – To the English version of this report.)
Die Tagesschau beginnt den Tag mit einem Pleonasmus:
Daß General ein ziemlich hoher Rang ist, wird selbst für militärische Laien nicht überraschend sein. Seitdem es den Feldmarschall nicht mehr gibt, würde sich auch die Tagesschau schwer tun, zu erklären, gegen welche anderen hohen Ränge man den General abgrenzen muß.
Es gibt zwar noch verschiedene Sternekategorieren bei den Generälen (ähnlich wie bei Hotels bedeutet das nicht, daß man von 5 Sternen netter behandelt wird als von 2 Sternen). Der Getötete war Generalmajor Harold Greene und damit ein 2-Sterne-General.
Formel-1-Boss Bernie Ecclestone war angeklagt wegen Schmiergeldzahlungen. Der Zahlungsempfänger Gerhard Gribkowsky hatte die Bestechung gestanden. Er war damals für die Bayerische Landesbank und damit mittelbar für den Freistaat Bayern tätig.
Jetzt stand Herr Ecclestone vor einem Gericht des gleichen Freistaats Bayern und dachte sich: „Was einmal geklappt hat, kann noch einmal klappen.“ Er bot dem Freistaat Bayern wieder ein Schmiergeld an. 100 Millionen Dollar. Diesmal direkt, ohne Umweg über Mittelsmänner wie Herrn Gribkowsky. Der Freistaat Bayern nahm dankend an. Prozess beendet.
Jetzt verstehe ich, wieso der Prozess von Anfang an als „Schmiergeldprozess“ lief. Ich hatte das immer ganz falsch verstanden.
An nur einem Tag, während einer Wanderung von Prilep zum Koster von Treskavec (und zurück), sah ich die Bandbreite der in Mazedonien lebenden Tiere, von den üblichen Verdächtigen bis zu unerwarteten Exoten.
Pferde gehören natürlich in eine Landschaft, die sich hervorragend zum Drehen von Western-Filmen eignet.
Als ich unter einem Baum Rast machte und Schatten suchte, hörte ich ein Rascheln im Blätterwerk. Ein Geräusch wie von einem großen Tier, das eigentlich nicht in Bäume gehört. Wie von einem Krokodil. Es war gar nicht leicht, es zu entdecken denn es hatte genau die gleiche Farbe wie die Blätter, aber netterweise hielt es still als es meine Neugier bemerkte: eine Smaragdeidechse.
Sie war ziemlich groß. Ich konnte den Schwanz nicht ganz sehen, aber der Rumpf allein war mindestens 10 cm lang. Und fett. Auf dem Weg gab es natürlich auch Hunderte von ganz normalen Eidechsen, aber von denen machte ich keine Fotos, vermutlich weil ich mich an sie während meines Lebens am Mittelmeer schon so gewöhnt habe.
Ebenfalls keine Fotos habe ich leider von den Schmetterlingen. Sie waren zu schnell, ich war zu langsam. Oft schwirrten fünf oder sechs gleichzeitig um meinen Kopf herum. Grellgelbe, grüne, blaue, Schmetterlinge mit Streifen, mit durchsichtigen Flügeln und ganz schwarze, viele davon größer als normale mitteleuropäische Schmetterlinge.
“Wooaaa!” rief ich vor Überraschung aus, als ich fast auf dieses Tier getreten wäre.
Auf einer Höhe von etwa 1.000 Metern und in sehr trockener Landschaft hatte ich wirklich keine Schildkröte erwartet. Ich dachte immer, daß die lieber an Seen oder Flüssen leben.
Und dann die überraschendste Entdeckung. Was ist das Tier, das Ihr als allerletztes in den mazedonischen Hügeln erwarten würdet? Ich weiß nicht, ob das hier seine natürliche Umgebung ist oder ob er aus einem Zoo ausgebrochen war, aber da stand ein Elefant und blickte unschlüssig auf die Stadt Prilep hinab.
Es war schon Abend als ich Skopje ankam, und bis ich von meiner Unterkunft in die Innenstadt gefunden hatte, war es dunkel geworden. Zum ersten Mal war ich in Mazedonien und wußte nicht so richtig, was ich erwarten sollte. Aber das hatte auf jeden Fall nicht erwartet: das Stadtzentrum erinnerte mich an meine Zeit in Las Vegas.
Überall Springbrunnen, aber keine der einfachen Sorte, sondern die mit Wasserspielen und in abwechselnden Farben beleuchtet. Dazwischen Statuen, riesig groß und hell beleuchtet. Und dann schallt Musik aus den Lautsprechern, die wohl mit den Wasserspielen harmonieren soll. Aber sie kann nicht mithalten, weil es in Sichtweite voneinander etwa 20 dieser Springbrunnen gibt, auf beiden Seiten des Flusses, auf den darüberliegenden Brücken und sogar – und so etwas hielt ich nicht für möglich und halte es noch immer nicht für sinnvoll – Springbrunnen im Fluß.
Für ein oder zwei Stunden torkelte ich durch dieses kitschige Fest aus Licht, Marmor, Gold und Musik, und konnte mich vor Lachen nicht mehr halten. Es war zu viel, es war zu deplatziert, es war zu künstlich. Ernst nehmen konnte ich das nicht.
Ein kleiner Ausschnitt:
Und so ging das den ganzen Abend.
Der Mann auf dem Pferd ist übrigens nicht Alexander der Große, wie ich zuerst vermutet hatte, sondern ein namenloser Krieger auf dem Pferd, der nur so aussieht wie Alexander der Große.
Aber Skopje ist auch ganz anders. Durch den auch abends noch geschäftigen Basar suchte ich den Weg zum Festungsberg, wo die Luft klarer und alles ruhiger war. In der Ferne sah ich jetzt die hell-erleuchteten Statuen und Gebäude im Stadtzentrum, aber die Musik drang nicht bis hier hoch.
Nur 15 Minuten entfernt von Disneyland lauschte ich den Moscheen der Stadt. Das Video zeigt den Blick auf die Mustafa-Pascha-Moschee:
Der Ruf des Muezzin erinnerte mich an meine Reisen im Mittleren Osten und ich verstand noch weniger als vorher, wieso Menschen in Mitteleuropa sich gegen den Bau von Moscheen sträuben. Ich finde den Gesang exotisch, aber gleichzeitig beruhigend. Auf dem Rückweg zur Herberge mußte ich aber wieder durch das noch immer kitschig klirrende und klimpernde Stadtzentrum.
Skopje, die Stadt mit mindestens zwei ganz verschiedenen Seiten. Wenn Las Vegas und Mekka mal gemeinsam Urlaub machen wollen, können sie hierher kommen.