In Bolivien gibt es den passenden Beruf für Leute wie mich, die lesen und schreiben gelernt haben, aber trotzdem an der frischen Luft arbeiten wollen.

In Bolivien gibt es den passenden Beruf für Leute wie mich, die lesen und schreiben gelernt haben, aber trotzdem an der frischen Luft arbeiten wollen.


In Cochabamba in Bolivien.

In Puno am Titicaca-See in Peru.
Lencois in Brasilien ist typisch für eine Stadt, die einst einen Boom erlebte (in diesem Fall verursacht durch Diamantenfunde) und dann zugrunde ging. In den letzten Jahren sorgt der Tourismus wieder für einen kleinen Aufschwung. Aber während sich die Minenarbeiter noch für Musik, Oper und Theater interessierten, haben die Touristen daran keinerlei Interesse. Und so bleibt das örtliche Theater tot.



Nur zwei Hunde geben ihre Vorstellung von Shakespeares Julius Cäsar.


„Warum hört niemand auf mich?“ denkt sich das Überholverbotsschild auf der Straße von Puno nach Arequipa.
Eine anfängliche Schwierigkeit beim Spanischsprechen in Bolivien und Peru ergibt sich daraus, dass an Substantive oft ein Suffix angehängt wird. Wenn man casita, cebollita oder besito hört, weiß man als absoluter Anfänger nicht immer, was gemeint ist. Im Wörterbuch sind diese Formen meist nicht aufgeführt. Durch verschiedene Endungen wird eine Verkleinerung oder Verniedlichung ausgedrückt, ähnlich -chen und -lein im Deutschen, die jedoch jenseits des Häuschens im Grünen nicht mehr oft verwendet zu werden scheinen.
Mit der Zeit merkt man, dass einige Wörter fast nur in Verkleinerungsform zirkulieren. Anstatt momento oder rato für Moment hört man immer momentito oder ratito, was sich natürlich viel niedlicher anhört, wenn man zum Warten eben eines solchen Momentchens aufgefordert wird. Manche dieser Formen sind auch im Deutschen bekannt. Zum Beispiel ist guerrilla die Verkleinerungsform von guerra (Krieg).
Überhaupt dient die Verkleinerungsform weniger der Aussage, dass etwas tatsächlich kleiner ist, sondern bringt zusätzliche Höflichkeit in die Konversation. Wenn man jemand Fremden etwas fragen will, äußert man keine pregunta sondern eine preguntita. Aus der Bitte por favor wird por favorcito. Und wer am Gehsteig an einem vorbeigehen will, bittet um permisito. Letzteres findet allerdings nur in Bolivien Anwendung, denn andere Länder Südamerikas sind – gelinde gesagt – etwas weniger höflich.
So erstreckt sich die Verniedlichungsform auch auf Wörter, bei denen sie keinen Sinn ergibt. Im Lebensmittelladen in der Avenida Zamudio in Cochabamba betrug die Rechnung manchmal solo cinco bolivianitos, also nur fünf Bolivianchen anstatt fünf Bolivianos. Eine Währungseinheit ist aber nun mal eine Währungseinheit. Durch keine sprachliche Verrenkung der Welt wird sie kleiner. Vielleicht wird einem hier im Krankenhaus auch gesagt, man habe cancerito anstatt cáncer, und schon fühlt man sich nicht ganz so schlimm.
Noch lustiger wird die Verkleinerungsform, wenn sie Wörter betrifft, die das Gegenteil von klein ausdrücken. Das geht über Substantive hinaus. Zum Beispiel werde ich manchmal gordito genannt, was das Diminutiv von gordo (fett) ist. Man will damit nicht ausdrücken, dass ich klein und fett bin, sondern dass ich trotz übermäßigem Tortengenuß eben nur ein Bäuchlein anstatt einen Bauch habe. Oder crecidito, die Verniedlichungsform von crecido. Letzteres bedeutet erwachsen, und jeder mag selbst kreativ werden, um eine deutsche Verniedlichungsform für dieses Wort zu erfinden.
Aber Vorsicht! Manchmal wird das Diminutiv nicht verniedlichend, sondern verächtlichmachend verwendet. So ist ein intelectualillo kein besonders putziger, sondern ein Pseudointellektueller.
Wie komme ich nun darauf? Ach ja, gestern Abend bebte in Arequipa die Erde. Das kommt hier regelmäßig vor, und in meinem Bett und Büro im dritten Stock spüre ich auch leichtere Erdstöße, die man auf einer vielbefahrenen Straße gar nicht mitbekäme. Aber gestern Abend wackelte das ganze Haus. Stärker und länger als gewöhnlich. So sehr, dass ich zum ersten Mal Angst bekam und – viel zu lange – überlegte, ob ich unter dem Bett, im Türrahmen oder auf der Terrasse am sichersten wäre, wenn das Haus zusammenfällt. Zum Glück war nach etwa 20 heftigen Sekunden Schluß. Die Decke und die Wände zeigten lange Risse, aber das Haus stand noch. Ebenso die Nachbarhäuser.
Noch stundenlang konnte ich nicht einschlafen, nicht nur wegen der Nachbeben, die das Haus immer wieder ins Schwanken brachten. Ich war gleichzeitig nervös, aber auch positiv aufgeregt. Mein Herz schlug den verbleibenden Abend schneller, wie wenn ich einen Halbmarathon absolvierte. Ich erfuhr, dass das Epizentrum nahe der Stadt Arequipa lag und die Stärke des Bebens mit 5,2 gemessen wurde. Das ist nicht dramatisch, aber es war genug für einige eingestürzte Häuser, blockierte Fernstraßen und mindestens 9 Tote.
Heute Morgen fragte mich eine Nachbarin, ob ich auch das temblorcito, das Erdstößchen, gespürt hätte. Ich finde es sympathisch, solche Ereignisse sprachlich nicht auch noch aufzubauschen.
Links:
Wie immer waren es die unschuldig aussehenden Mädchen:

Das erste Mädchen ist eine der Uros, die auf den schwimmenden Inseln im Titicaca-See in Peru leben. Das zweite Mädchen ist eine der Mojenos aus dem abgelegenen Dorf Buen Pastor im Tipnis-Nationalpark in Bolivien.
Wenn man nach einem Tag Fußmarsch durch den Dschungel und einigen Flußüberquerungen endlich auf ein Dorf trifft, ist man erleichtert. Wenn man dann in dem 300-Einwohnerdorf eine aktive Schule erblickt, schlägt das Bildungsbürgerherz höher.

Zuerst einmal gab es anstatt Bildung ein bisschen Patriotismus.
In Reih und Glied aufgestellt trällerten die Schüler vom Stamme der Mojeños die Hymne der Plurinationalen Republik Bolivien, bevor sie dann in ebenso militärischer Ordnung in ihre Klassenzimmer abmarschierten. Wie alle Gebäude in Buen Pastor war auch das Schulhaus eher schlicht gehalten.


Zu meiner Überraschung gab es auch einen Computerraum, der allerdings seit 5 Monaten eingemottet war weil die Stromversorgung durch die Solarzellen hinter dem Schulgebäude nicht mehr funktionierte.

In unserer Gruppe war ein Ingenieursstudent, der feststellte, dass sowohl die Solarzellen als auch die Batterien in Ordnung waren und dass lediglich ein zwischengeschaltetes Teil ausgewechselt werden mußte. Das hatte er allerdings nicht dabei, und er würde erst wieder in einigen Monaten vorbeischauen. Also ein weiteres Semester ohne Strom.
Wenigstens müssen sich die Lehrer keine Sorgen machen, dass die Kinder mit ihren Handys abgelenkt sind.

Apropros Lehrer: Die müssen 6-8 Stunden durch den Dschungel laufen bzw. in der Regenzeit durch den Matsch waten, bis sie zur Schule kommen. Die vier Lehrer, die dort arbeiten, sind aus anderen Teilen des Landes, müssen aber zwischen den großen Ferien einige Monate in einem Dorf ohne Duschen, ohne WCs, ohne sauberes Wasser (man trinkt aus dem Fluss oder in der Regenzeit das Regenwasser) und schon seit fünf Monaten ohne Strom leben. Man bekommt keine Zeitungen, und besuchen tut einen auch niemand, weil jeder Angst vor Schlangen und Piranhas hat. Die Heimfahrt fürs Wochenende lohnt sich wegen des langen Fußmarsches nicht. Privatsphäre gibt es keine, weil alle in offenen Hütten rund um eine aus dem Dschungel gehauene Lichtung leben. Der Arzt kommt einmal im Monat vorbei. Fisch und Reis hängen einem nach ein paar Wochen zum Hals raus. Nach dem Gehalt wollte ich da gar nicht mehr fragen.
In der Pause, die natürlich zum Fußballspielen genutzt wurde, schlich ich mich in eines der Klassenzimmer, um mich über die Geschichts- und Sozialkundebücher herzumachen. Und was sieht man da, mitten im Urwald Südamerikas?

Von den zehn abgebildeten Personen enstammen 30% der deutschen Geschichte. Plus Vichy-Pétain. Überhaupt führt das bolivianische Geschichtsbuch keinen einzigen Bolivianer oder Südamerikaner auf dem Titel. Wo ist Bolívar?? Nein, Hindenburg war wichtiger. Naja, immerhin hat Garibaldi in Südamerika gekämpft, und Napoleon hat durch seinen Krieg gegen Spanien indirekt den südamerikanischen Freiheitskämpfern den Freiraum für ihre Revolutionen bereitet.
Andererseits erfüllt es mich als geschichtsbewußten Deutschen durchaus mit Freude, dass schon die kleinen Kinder in elektrizitäts- und straßenlosen Urwaldsiedlungen über die Weimarer Republik Bescheid wissen. Gespannt vertiefe ich mich in die Lektüre über Federico Ebert, Adolfo Hitler und Pablo von Hindenburg.

Von einem Schulbuch für die dritte Sekundarstufe, noch dazu auf einem fernen Kontinent, erwarte ich mir natürlich keine Erklärungen auf dem Niveau der tausendseitigen Wälzer, die ich sonst verschlinge. Aber
Aber dieses Buch erwähnt wenigstens den Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und die Judenverfolgung. Ein anderes Lehrbuch, das im Bücherschrank liegt, behandelt die Geschichte des Dritten Reichs, ohne den Holocaust nur einmal zu erwähnen, obwohl Bolivien eines der Länder war, das relativ viele jüdische Flüchtlinge aufnahm.
Mal sehen, wie es weiterging in diesem fernen Deutschland.

Deutschland wird also „Weltmacht“, zahlt seine Auslandsschulden nicht und steckt die Arbeitslosen ins Militär. Hitler und Mussolini verbünden sich gegen die Kommunisten und helfen Freund Franco.
Und dann – schwuppdiwupp – ist 1949 plötzlich „Alemania Democrática“ da. Grotewohl und Pieck etablieren die „Volksdemokratie“, erleben 1953 und 1961-62 „einige Schwierigkeiten“, aber „es ging voran“. 1955 erkennen die Westmächte die Bundesrepublik Deutschland an, die Regierungschefs heißen Heuss, Lübke, Erhard, Kiesinger, Brandt. Wer hier bei der Abiturprüfung Kanzler und Präsidenten verwechselt, bekommt wahrscheinlich keinen Punktabzug. Am 9. November 1989 wird die Mauer abgerissen (welche Mauer? von wem? warum?).
Schön ist, dass sich durch den Fall des Kommunismus die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland vereinigen können und „eine Ära der Freiheit eintritt“. Wie wenn vorher beide Staaten unfrei gewesen wären. Zwar wird Gorbatschow und Helmut Kohl der Dank ausgesprochen, doch bleibt unklar, von welchem Deutschland Kohl Kanzler war.
Kein Wunder, dass das Deutschlandbild in bolivianischen Schulen manchmal etwas diffus bleibt.
Aber im Ernst: Es gibt Schüler und Erwachsene in Deutschland, die das alles nicht besser wissen oder verstehen oder wissen/verstehen wollen. Und von Bolivien habe ich in meinen 13 Schuljahren in Deutschland kein einziges Mal etwas gehört. Durch einen Fluss mit Anacondas wären meine Lehrer auch nicht geschwommen, um mich unterrichten zu können.
Links:
Mein Nachttisch in Arequipa unmittelbar nach dem Umzug von Bolivien nach Peru.

Und dabei sind die Buchpakete noch gar nicht berücksichtigt, die schon vor meiner Ankunft für mich eingetroffen waren.
Massenhysterie:

Messehysterie:
