In den meisten Ländern beschränkt sich die Aufgabe des Vizepräsidenten darauf, herumzusitzen bis der Präsident stirbt.
In Bolivien übernimmt der Vizepräsident zusätzlich die Aufgabe, die Rollen und Charaktere der führenden Seifenoper (telenovela) des Landes zu erklären. Das ist kein leichter Job, denn jeden Tag erscheint eine neue Folge.
Ich wollte schon länger über die Geschichte von Evo Morales und seiner Familie, die sich als größer herausstellt als bisher angenommen, schreiben, aber da jeden Tag etwas Neues passiert, habe ich bisher noch nicht die Zeit gefunden. Kurz zusammengefasst geht es um Liebesaffären, Korruption, ein Kind das für tot erklärt wurde aber nach 8 Jahren wieder auftaucht, die wundersame Karriere einer jungen Frau, die als 18-Jährige ein Kind mit dem Präsidenten hatte, bolivianisch-chinesische Milliardengeschäfte, einen Präsidenten der seine (Ex-)Freundin angeblich nicht erkannte als sie für ein Foto mit ihm posierte, Familienfehden und noch vieles mehr. In typisch südamerikaischer Art macht Präsident Morales für all dies eine ausländische Verschwörung verantwortlich (ist aber bis jetzt davor zurückgeschreckt, mich persönlich zu beschuldigen).
Nicht wegschalten! Nur selten kann man live zusehen, wie sich ein Präsident selbst demontiert und sein Vermächtnis verspielt. Tag für Tag wird es peinlicher und schlimmer.
Rund um die Behörde in Cochabamba, bei der ich jeden Monat mein bolivianisches Visum verlängern lassen muss, sind eine Menge von Händlern und Dienstleistern vertreten: Essen, Getränke, Kopien, Devisen, Stifte, Flugtickets, alles ist zu haben.
Und für die, die noch schnell ein Passfoto benötigen, gibt es ein Fotostudio:
Ein Spiegel, eine Leinwand, ein Stuhl, was braucht man mehr?
Während eines Spaziergangs durch Cochabamba gestern Abend nach Schließung der Wahllokale kam ich an der Plaza de las Banderas vorbei, wo sich eine Handvoll Anhänger der NO-Kampagne versammelt hatten. Sie hatten gegen die geplante Verfassungsänderung gestimmt, mit der dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales die Möglichkeit zur erneuten Wiederwahl gewährt würde. Es war nur ein kleines Grüppchen, und besonders glücklich blickten sie nicht drein. Den ganzen Tag über hatte es Berichte über und Hinweise auf Wahlbetrug gegeben. Der Optimismus aus dem Wahlkampf war verflogen. Jeder wußte schon die ganze Zeit, dass das Ergebnis knapp ausfallen würde, aber jetzt war die Anspannung enorm.
Ich hatte Hunger auf etwas Ungesundes und ging weiter die Avenida Ballivian entlang, bis ich ein Hähnchenrestaurant fand. Im Fernsehen liefen die Nachrichten, und gerade als ich eintrat, wurde die erste Prognose gezeigt: Die NO-Kampagne würde mit 51% gewinnen. Die Augen der Gäste klebten am Fernseher, aber sie zeigten keine Freude. Entweder waren dies hauptsächlich SI-Wähler oder sie konnten es noch nicht glauben.
Für mich war das jedoch ausreichend, das Abendessen ausfallen zu lassen und zurück zur Plaza de las Banderas zu eilen. Allmählich trafen mehr und mehr Menschen mit NO-Fahnen und roten T-Shirts ein, obwohl die Gruppe noch immer nicht sehr stark war.
Die vorbeifahrenden Autos hupten zum Glückwunsch, die Fahrer reckten die Fäuste aus den Fenstern. Und dann war es so, wie wenn jeder, der mit NO gestimmt hatte, die guten Nachrichten vernommen hatte und zu dem Platz im Norden Cochabambas ströhmte. Die Straßen, die den ganzen Tag über wohltuend leer waren (in Bolivien ist an Wahltagen jeder motorisierte Verkehr verboten), füllten sich von einer Minute zur nächsten mit Motorrädern, Autos und Lastwägen. Von überall her wehten rote Fahnen und erklang Musik. Es war wie ein zweiter Karneval.
Die anfänglich kleine Gruppe war zu einer jubelnden Menge angeschwollen, und ich war natürlich mitten drin.
Manche von Euch haben gefragt, was man hier in Bolivien so isst. Ziemlich viel und ziemlich ungesund, habe ich immer geantwortet.
Jetzt gibt es ein Video, das zeigt, was ich damit gemeint habe. Cochabamba ist als die gastronomische und kulinarische Metropole in Bolivien bekannt, aber vielleicht ist es auch die Hauptstadt des Diabetes.
Ein Mittagsmenü in einem bolivianischen Restaurant (2-3 Gänge mit einer Flasche Cola) kostet übrigens um die 3 Euro. Kein Wunder, dass ich kaum selbst koche. In den Restaurants, die auf Touristen (oder Snobs) abzielen, sind die Preise natürlich höher, aber ich bevorzuge die kleinen Gaststätten, die mittags plötzlich überall aufmachen. Manchmal ist es nur der Garten oder die Garage eines Haues mit ein paar Tischen und Plastikstühlen. Auf der Straße steht dann ein Schild, das das Menü des Tages anpreist. Etwas anderes gibt es nicht, auf jedem Tisch steht das gleiche Essen.
Abends tauchen an jeder Straßenecke Köchinnen auf, die einen Grill oder einen Gaskocher aufstellen oder einen Riesentopf Suppe auf vier Rädern hinter sich herziehen. Auch dabei hat jeder Anbieter nur eine Spezialität, die er zum Teil seit Jahren an der selben Straßenecke zubereitet und verkauft. Ganz in der Nähe meiner Wohnung, an der Kreuzung America/Bolivar, gibt es z.B. trancapechos (siehe ab Minute 2:45) solange der Vorrat reicht, manchmal bis nach Mitternacht. Da nichts anderes im Angebot ist, bestellt man einfach mit der Anzahl der gewünschten Riesenburger, wobei uno vollkommen ausreicht, um für 1,50 € satt zu werden. Nach dem abendlichen Joggen im Abraham-Lincoln-Park schaue ich da oft vorbei.
Der Renner bei Getränken ist übrigens Paulaner-Bier. Es gibt in Cochabamba sogar einen Paulaner Fan-Shop, in dem man die passenden Bierkrüge kaufen kann, und für die Norddeutschen ein Bierhaus Dortmund.
Zwischen all dem Ungesunden habe ich nach ein paar Monaten immerhin ein paar vegetarische Restaurants gefunden, das beste davon betrieben von Hare Krishna.
Es war Sonntagabend, ich saß im zentralen Park von Santa Cruz und ruhte mich von dem am Morgen gelaufenen Halbmarathon aus. Es war Valentinstag, und natürlich war ich alleine, als ich plötzlich die Geräusche vernahm, die ich so gerne höre, die meinen Puls schneller schlagen lassen, die mich zu meiner Kamera greifen und mich losrennen lassen, egal wie müde meine Beine von den vorher gelaufenen 21 km sein mögen. Der Sound, der diesen Effekt auf mich hat, ist die Geräuschkulisse von Demonstrationen.
Ich erwischte den Beginn eines Zuges der „NO“-Kampagne, der Kampagne gegen die Änderung der bolivianischen Verfassung, gegen die Möglichkeit der erneuten Wiederwahl Präsident Morales‘. Selbst wenn Ihr Euch nicht für Politik interessiert, gewinnt Ihr anhand der folgenden Videos hoffentlich einen Eindruck vom Zentrum von Santa Cruz.
Die Menschenmenge wurde von Minute zu Minute größer. Leute, die zuvor noch im Park gesessen und mit ihren Kindern gespielt, Eis gegessen oder auf ihre Telefone gestarrt hatten (der Unterschied zwischen Cochabamba und Santa Cruz: in Cochabamba essen die Leute im Park, in Santa Cruz spielen sie mit ihren Telefonen), waren aufgestanden, um den Protestzug zu verstärken.
Ladenbesitzer kamen aus ihren Geschäften und klatschten. Keines der Autos, das zum Warten gezwungen war, hupte aus Verärgerung. Sogar dieses Kind zeigte seine Unterstützung.
Und wie jeder gute Protestmarsch endete auch dieser mit dem Singen der Nationalhymne.
Als ich heute den Laden in der Avenida America in Cochabamba aufsuchte, sah es irgendwie anders aus als gewöhnlich. Ein ganzer Gang war mit schwarzen Tüchern verhängt. Es war die Alkoholabteilung.
“Was ist denn hier los?” fragte ich den Ladenbesitzer. “Sind Sie Mormone oder Adventist des Siebten Tages geworden?”
“Nein”, lächelte er, „das ist das Gesetz. Vor und während des Referendums dürfen wir keinen Alkohol verkaufen.“ Er bezog sich auf die Abstimmung am 21. Februar 2016 über die vorgeschlagene Verfassungsänderung, die die erneute Wiederwahl des Präsidenten nach seiner jetzigen dritten Amtsperiode erlauben würde.
Tatsächlich hat die bolivianische Wahlkommission eine Verordnung erlassen, die den Verkauf und den Verzehr von Alkohol für den Zeitraum von 48 Stunden vor bis zum Mittag nach einer Wahl oder einem Referendum verbietet. Sie verbietet auch das Tragen von spitzen, scharfen oder stumpfen Gegenständen, öffentliche Auftritte und Versammlungen und jeglichen motorisierten Verkehr am Wahltag.
Das Alkoholverbot soll sicherstellen, dass Wähler einen klaren Kopf haben, wenn sie am Sonntag ihre Entscheidung treffen. Als der kreative Topjurist, der ich bin, versuchte ich zu argumentieren, dass ich von dem Verbot ausgenommen sei, weil ich als Ausländer sowieso nicht wählen darf. Es wäre also egal, wie benebelt ich morgen sein werde. Das Gesetz sieht solch eine Ausnahme nicht vor, also argumentierte ich, dass eine “reducción teleológica” vorgenommen werden müsse, eine teleologische Reduktion, mittels derer der Anwendungsbereich einer Norm über den Wortlaut hinaus eingeschränkt wird, wenn Sinn und Zweck einer Vorschrift dies verlangen. Den Begriff auf Spanisch musste ich dabei erraten, aber glücklicherweise ist er dem deutschen ähnlich.
Ich muss wohl kaum gesondert erwähnen, dass meine Argumente nicht durchdrangen und ich keinen Whiskey bekam.
Wahrscheinlich hatte der Mann hinter der Theke sogar Recht mit seiner Ablehnung, denn ein weiterer Zweck des Alkoholverbots liegt womöglich darin, den Ärger und die Gewaltbereitschaft zu vermeiden, die aus der Kombination von Abstimmungsniederlage und Alkohol entstehen können. Und in solche Auseinandersetzungen kann auch ich als Ausländer mit hineingezogen werden, was basierend auf meiner Neigung, mich in die Politik anderer Länder einzumischen, gar nicht so weit hergeholt ist.
Obwohl Bolivien seit Mitte der 1980er Jahre eine relativ stabile Demokratie ist, wird hier angesichts der vorangegangenen turbulenten Geschichte mit Dutzenden von Revolutionen, Putschen und Gegenputschen vielleicht lieber auf Nummer Sicher gegangen. Andererseits macht das Verbot von öffentlichen Versammlungen und des öffentlichen Nahverkehrs einen Militärputsch noch einfacher, weil sich die Opposition schwerer organisieren könnte. Aber wir wollen jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, sondern uns vertragen, egal ob wir morgen mit SI oder mit NO stimmen. Dann können wir Montag Abend auch wieder etwas trinken.
Ich konnte nicht herausfinden, ob während des Alkoholverbots der Verkauf der Kokablätter ansteigt.
Dieses Wochenende sollte auch interessante Daten darüber liefern, ob es weniger oder mehr Unfälle (den autofreien Wahlsonntag natürlich ausgenommen), weniger oder mehr Straftaten, weniger oder mehr Krankenhauseinweisungen als an vergleichbaren Wochenenden gibt.
Das ist Cochabamba, die Stadt in Bolivien, in der ich derzeit lebe.
Und ja, die Tiere bei Minute 3:22 sind Lama-Föten. Die werden hier auf dem „Hexenmarkt“ verkauft, damit man sie beim Neubau eines Hauses ins Fundament eingräbt. Das soll das Haus vor Unheil beschützen. Wenn Du demnächst baust, kann ich Dir gerne eins zusenden.
Trotz dieser etwas spukigen Ecke auf dem Markt „La Cancha“ ist die Stadt sehr freundlich, mit vielen Parks und einer angenehmen Mischung aus Tradition und Moderne. Keine Museumsstadt für Touristen, sondern eine Stadt, in der wirklich gelebt wird. Aber trotz ihrer Größe (650.000 Einwohner) habe ich hier nie das Gefühl, in einer zu großen oder hektischen Stadt zu sein.
Santa Cruz in Bolivien am Morgen. Obwohl man hier wegen der Hitze eigentlich schon um 5 Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen sollte, ist es noch um 8:30 Uhr fast menschenleer auf dem Platz des 24. Septembers, benannt nach einer Revolte an jenem Tag im Jahr 1810. Nur die Schuhputzer und ein paar Rentner sind schon da.
Und die Kapelle, die mich aufgeweckt hat. Trotz der Zeit, die ich zum Duschen und Anziehen benötigt habe, spielt sie noch immer mit ganzer Kraft, als ich endlich zu dem weitgehend zuschauer- und zuhörerlosen Spektakel hinzustoße.
Aber hört und seht selbst:
Und so ging das noch etwa eine halbe Stunde weiter. Mir schien es, wie wenn die Länge des Konzerts genau auf die Zeit abgestimmt war, die man für die vollständige Lektüre einer Ausgabe von El Deber, der örtlichen Zeitung, eine Tasse Kaffee und eine Zigarre benötigt.
Die Wohnungen mit Balkon zum Platz des 24. Septembers müssen begehrt sein.