Humboldt entdeckte den anthropogenen Klimawandel

Als Alexander von Humboldt im Jahr 1800 durch Venezuela reiste, berichteten ihm Anwohner vom dramatisch sinkenden Wasserspiegel des Valencia-Sees. Er stellte eine Theorie auf, die Abholzung, sinkende Wasserspiegel und (Mikro-)Klimawandel verband. Darauf aufbauend sagte er später voraus, dass menschliche Eingriffe zu unumkehrbaren Klimaveränderungen führen würden, was die Lebenschancen zukünftiger Generationen beeinträchtigen würde. Humboldt war einer der ersten Wissenschaftler, die sich nicht nur für bestimmte Pflanzen oder Tiere oder ein begrenztes Ökosystem interessierten, sondern die ein globales, zusammenhängendes Ökosystem sahen, in dem auch der Mensch eine (destruktive) Rolle spielt.

Einige Zitate aus dem höchst interessanten Buch Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf:

In der Mitte des Tals und umgeben von Bergen lag der Valencia-See. Darin gab es etwa ein Dutzend felsige Inseln, einige davon groß genug, um als Weideland für Ziegen und zur Landwirtschaft zu dienen. Bei Sonnenuntergang erweckten Tausende von Reihern, Flamingos und Wildenten den Himmel zum Leben als sie den See überflogen, um auf den Inseln zu nächtigen. Alles sah idyllisch aus, aber die Anwohner berichteten Humboldt, dass der Wasserspiegel des Sees rapide falle.

Als Humboldt der Sache nachging, kam er zu dem Schluss, dass das Abholzen der umliegenden Wälder die Ursache des sinkenden Wasserspiegels sei. Plantagenbesitzer hatten Bäume gefällt, um Land freizulegen, und damit war das Unterholz des Waldes – Moos, Reisig und Wurzeln – verschwunden. Das dadurch freigelegte Erdreich war den Elementen ausgesetzt und konnte kein Wasser mehr speichern.

All das war ‚aufs Engste miteinander verbunden‘, schloß Humboldt, denn in der Vergangenheit hatten die Wälder das Erdreich vor Sonneneinstrahlung geschützt und dadurch die Verluste durch Verdunstung reduziert. Hier, am Valencia-See, entwickelte Humboldt seine Idee vom von Menschen verursachten Klimawandel.

Am Valencia-See begann Humboldt die Abholzung in einem größeren Zusammenhang zu verstehen und projezierte seine lokale Analyse in die Zukunft, um davor zu warnen, dass die landwirtschaftlichen Methoden seiner Zeit verheerende Konsequenzen haben könnten. Das Handeln der Menschheit rund um den Globus, warnte er, könnte zukünftige Generationen beeinträchtigen. Was er am Valencia-See sah, würde ihm wieder und wieder begegnen – von der Lombardei in Italien bis in den Süden Perus, und viele Jahrzehnte später in Russland. Indem Humboldt beschrieb, wie die Menschheit das Klima veränderte, wurde er ungewollt zum Vater der Umweltbewegung.

Humboldt erklärte als erster die grundlegenden Funktionen des Waldes für das Ökosystem und das Klima: Die Fähigkeit der Bäume, Wasser zu speichern und die Atmosphäre mit Feuchtigkeit zu versorgen, ihre schützende Funktion für den Boden und ihre kühlende Wirkung. Er sprach auch schon über die Wirkung der Bäume auf das Klima über die Abgabe von Sauerstoff. Die Auswirkungen der menschlichen Intervention seien ‚unkalkulierbar‘, schrieb Humboldt, und würden katastrophal werden, wenn der Mensch die Welt weiterhin so ‚brutal‘ behandele.

Es war eine ökologische Kettenreaktion. ‚Alles‘, sagte Humboldt später, ‚interagiert miteinander und wirkt wechselbezüglich‘. Die Menschheit, warnte er, habe die Macht, die Umwelt zu zerstören, und die Folgen wären katastrophal.

Aus heutiger Sicht ist das keine spektakuläre Erkennntnis. Aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach es mit der menschenzentrierten Sichtweise der Welt und mit dem optimistischen Glauben, dass jede menschliche Intervention immer zum Fortschritt führen würde.

humboldt_mit_pflanze

„Warum hat niemand auf mich gehört?“

(Vielen Dank an den Leser Rodrigo Perez Garcia, der mir dieses faszinierende Buch geschickt hat! Falls sich noch jemand für diesen Blog erkenntlich zeigen will, hier ist meine Wunschliste. Vielen Dank schon vorab! – Read this article in English.)

Über Andreas Moser

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4 Antworten zu Humboldt entdeckte den anthropogenen Klimawandel

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  3. der einsiedler schreibt:

    apropos klimawandel:
    unsere massentierhaltung ist für mehr als die hälfte aller globalen co2 emissionen verantwortlich, somit ist unser fleischkonsum hauptverursacher des durch den menschen verursachten klimawandels. die industrielle tierhaltung schadet der erde mehr als jede andere industrie.

  4. American Viewer schreibt:

    Die Überschrift ist ein bisschen arg irreführend. Unter dem Begriff „anthropogener Klimawandel“ versteht man den Teil der Erderwärmung, den der Mensch über die Produktion von Treibhausgasen verursacht. Humboldt scheint im Text ein ganz anderes, lokales Phänomen „entdeckt“ zu haben, das man heute als „Erosion“ bezeichnen würde.

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