Eine Wanderung entlang der Semmeringbahn

Auf den ersten Blick sieht die Landschaft in den Wiener Alpen idyllisch aus.

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Aber das Auge des Kenners sieht sofort, dass etwas fehlt: eine Eisenbahn!

Denn wie soll das Volk diese Bilderbuchlandschaft genießen, wenn es nicht vom Hauptbahnhof in Wien dorthin gelangen kann? Es war auch diese Unzufriedenheit mit der Verkehrssituation, die 1848 zum Ausbruch der Revolution führte. Kaiser Ferdinand I., selbst ein Eisenbahnfreund, nahm den Ruf gerne war und veranstaltete einen Ingenieurswettbewerb. Das Glückslos zog Carl von Ghega, ein albanisch-stämmiger, in Venedig geborener, bereits mit 17 Jahren graduierter und promovierter und damit typischer Multikulti-Titelhuberei-Österreicher. Das Problem war nur, er hatte noch nie eine Eisenbahn gebaut. Aber dazu später mehr.

Nun könnte ich als Eisenbahnfreund diese wunderschöne Strecke aus dem Zug genießen, aber für fitte Menschen, die den ganzen Tag Zeit haben, gibt es eine bessere Option: einen Wanderweg entlang der Bahnstrecke. Wer sich jetzt denkt, „so eine blöde Idee, immer am Bahndamm entlang zu laufen und am Ende noch überfahren zu werden“, der wird hier hoffentlich eines Besseren belehrt.

Ich beginne die Wanderung in Semmering, dem namensgebenden Ort, der für seine Bedeutung erstaunlich klein ist. Aber früher war hier wohl mehr los, wie die überdimensierten Hotels im Zauberberg-Stil nahelegen. Jetzt werden sie als Senioren- und Pflegeheime oder überhaupt nicht genutzt.

Semmering.JPGKurhaus Semmering.JPGak-ansichtskarte-semmering-niederoesterreich-hotel-panhans-kat-semmering

Einige der Gebäude erinnern mich an Thomas Manns Zauberberg, übrigens ein hervorragendes Buch für eine sehr lange Bahnfahrt. Damit wird man fast dankbar um Verspätungen.

Für den kleinen Ort sind die Zugverbindungen ganz gut. Die Anzeige am Bahnhof Semmering kündigt alle 15 bis 30 Minuten Abfahrten nach Mürzzuschlag, Payerbach, Graz, Wien, Ljubljana (Laibach) und Prag an. Für ein Dorf mit etwas über 500 Einwohnern sind Zugverbindungen in drei europäische Hauptstädte doch ganz gut. (Ich komme aus einem Dorf mit etwa 2.000 Einwohnern, von wo ich noch 10 km zum nächsten Bahnhof laufen muss, wo ich dann einen Zug nach Nürnberg und einen nach Schwandorf ergattern kann. Provinz ist eben nicht nur die Lage, sondern auch, was man daraus macht.)

Aber die Hochzeit des Tourismus scheint vorbei zu sein in Semmering, denn als ich mich einem der Zauberberg-Hotels, dem Kurhaus Semmering, nähere, merke ich, dass es verwaist und menschenleer ist.

Kurhaus1Kurhaus2

Im Salon gab es weder heiße Schokolade, noch Almdudler. Nur ein paar Mäuse huschten davon.

kurhaus_semmering_01

Ganz vom Fortschritt geprägt ist hingegen die Eisenbahn. Die alten Züge wurden schon längst ausgetauscht und stehen nur mehr aus musealen Gründen neben der Strecke.

Zug alt.JPGSpielplatz.JPG

Wie um zu bestätigen, dass der ambitionierte Fahrplan keine Schimäre ist, rauscht schon der erste hypermoderne Zug vorbei, als ich, einen letzten Schluck aus dem Brunnen genommen habend, Semmering verlasse.

Zug in Semmering.JPG

Bald merke ich, dass der Bahnwanderweg keinesfalls immer an den Gleisen entlang geht. Im schnellen Wechsel finde ich mich mal unter den Gleisen, mal verlaufen diese auf der anderen Seite des Tals, und mal sehe ich von einem Berg oder Aussichtspunkt auf die Eisenbahn hinab, wie Peter Rosegger in seiner Erzählung Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß:

Wir gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Tale nicht in die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut‘ Reden der Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinabschauten auf den Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen Wurm kriechen, der Tabak rauchte.

Blick vom Holzturm.JPGÜberblick1Überblick2Überblick3Überblick4

Die Orientierung habe ich schon voll verloren, denn die Semmeringbahn verläuft wie ein verknotetes Wollknäuel. Grund dafür ist die schon erwähnte mangelnde Eisenbahnerfahrung des Chefplaners. Ghega wusste nicht, dass man Eisenbahnstrecken am besten gerade baut oder zumindest in weiten Kurven, bei denen die Lokomotive eine hohe Geschwindigkeit beibehalten kann. Er war fasziniert von der Landschaft und wollte den Streckenverlauf in diese einpassen, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Sein erklärtes Ziel war es, als erste Eisenbahn zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt zu werden.

So beansprucht die Semmeringbahn eine Länge von 42 km, obwohl die beiden Endpunkte nur 21 km Luftlinie voneinander entfernt sind. Auf dieser Strecke befinden sich 14 Tunnel, 16 Viadukte und über 100 Brücken und Durchlässe. Manche Kurven sind eng wie Haarnadelkurven auf einem Alpenpass. Die Kombination aus Steigung und engem Bogenradius wurde damals von den meisten anderen Ingenieuren als unüberwindbar gehalten.

Aber schön sieht es aus.

Viadukt1Viadukt2Viadukt3Kurve bei Gegha-Museum mit Zug.JPG

Die Bauarbeiten begannen 1848 und wurden 1854 abgeschlossen. Das sind sechs Jahre, für so ein Großprojekt fast schon ein chinesisches Tempo. Umso beeindruckender ist diese Leistung angesichts dessen, dass der verschlafene Alfred Nobel sein Dynamit erst 1866 und damit viel zu spät für die Semmeringbahn erfand. (Wegen des verlorenen Wettlaufs mit Ghega musste er den Nobelpreis stiften.) Die Tunnel wurden noch mit Schwarzpulver gesprengt. Das so gewonnene Ausbruchmaterial wurde dann gleich für Brücken, Viadukte, Bahnhofsgebäude und Trafiken verwendet. Damit erfand Ghega nicht nur das Recycling, sondern baute die Gebäude entlang der Strecke mit dem aus der Landschaft gewonnen Material und verstärkte so das Zusammenspiel von Natur und Baukunst. (Das wäre eines Architekturnobelpreises würdig gewesen, aber Nobel war so fies, gerade für diese Disziplin keinen Preis auszuloben.)

In einem dieser Streckenwärterhäuschen ist jetzt das Ghega-Museum, aber leider habe ich mir so eine lange Wanderung vorgenommen, dass ich nicht einkehren kann.

Museum.JPG

Die Wanderung ist übrigens landschaftlich wunderschön, abwechslungsreich, aber auch eine ziemliche Herausforderung. Ganz ohne Dampfwagen muss ich bergauf, bergab, bergauf, bergab. Jede Station ist eine Versuchung, denn ich könnte einfach den nächsten Zug zurück nach Wien nehmen. Andererseits fürchte ich, schöne Ausblicke zu verpassen, denn immer wieder erspähe ich durch die Bäume oder auf gegenüberliegenden Hügeln schmucke kleine Häuschen.

Haus1Haus2Haus3Haus4Haus5Haus6

Na gut, vielleicht auch etwas größere Häuschen. Die Lage entlang der Handelsroute zwischen Venedig und Wien schien sich für die hier ansässigen Raubritter ausgezahlt zu haben. Man kennt das ja von der Autobahnmaut.

Apropos Verkehr: Ich hatte eigentlich erwartet, den ganzen Tag über nur ein paar Bummelbahnen zu sehen, aber stattdessen zischt alle 15 Minuten ein Zug vorbei. Personen- und Güterzuge am laufenden Band. Die Verkehrswende hin zur Schiene ist im vollen Gang.

Am 20-Schilling-Blick treffe ich einen fotografisch bestens ausgestatteten Herrn aus Japan, der extra für dieses Fotos aus Salzburg angereist ist. Um irgendetwas anderes zu sagen, als dass ich das für übertrieben halte, bemerke ich: „Hier kommen ganz schön viele Züge vorbei, nicht wahr?“ Unbeeindruckt gibt er zurück: „Meinen Sie?“ Naja, wenn man aus Tokio kommt, ist man natürlich anderes gewöhnt.

20-Schilling ohne Zug.JPG

Der Ort heißt übrigens 20-Schilling-Blick, weil er auf der Rückseite des entsprechenden Scheines stolz zur Schau gestellt wird, beziehungsweise wurde. Wegen dieser beliebten Banknote bestand Österreich bei der Euro-Einführung darauf, dass auf den Rückseiten der Euroscheine ebenfalls Brücken abgebildet werden.

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20 Alpendollar ist auch etwa der Preis für ein Ticket zurück nach Wien, was ich mir natürlich gerne ersparen würde. Da kommt mir die Topographie entgegen. Weil der Wanderweg immer wieder oberhalb des Schienenstrangs verläuft und weil die Züge in den engen Kurven langsam fahren müssen, sollte es möglich sein, auf einen Güterzug aufzuspringen, wie bei Jack London.

Am einfachsten wäre das Aufsteigen natürlich während eines Halts, aber die Güterzüge rauschen alle durch vom österreichischen Adriahafen in Triest bis nach Wien. Wenn man von einer Brücke auf den fahrenden Zug springt, muss man das richtig gut timen, um nicht exakt zwischen den Waggons zu landen und zermalmt zu werden. Das Dach oder die Ladefläche ist das Ziel.

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Erfahrung damit habe ich bisher keine, aber ich hatte mal Physik in der Schule. Mit Matura kommt man wirklich leichter durchs Leben. Von Galilei, Brecht und Newton weiß ich, dass Objekte unabhängig vom Gewicht gleich schnell fallen, wenn der Luftwiderstand gleich ist. Also sammle ich ein paar Steine ein und lasse sie von der Brücke auf den durchfahrenden Zug fallen, um zu sehen, wo genau der Waggon beim Absprung sein muss, damit der Stein oder ich sicher in der Mitte des Waggons landet.

Weil ich noch schlauer als ein Physiker bin, kalkuliere ich zusätzlich ein, dass ich zwar einen ähnlichen Luftwiderstand wie ein Stein habe, aber einen höheren mentalen Widerstand. Ich werde also nicht ganz ohne Zögern springen, was die Gefahr erhöht, dass ich erst nach der erwünschten Wagenladung von kuscheligen Matratzen oder slowenischen Weihnachtsbäumen aufschlage.

Und dann ist der Zug weg.

Ich bin wohl doch eher ein Theoretiker als ein Praktiker. Wieso gibt es eigentlich für uns keine Baumarktkette? Da könnte man dann stundenlang diskutieren und überlegen, und am Ende geht man doch wieder nur zum Kiosk auf dem Parkplatz und gönnt sich eine Currywurst.

Der Gedanke an ein Abendessen ist es dann auch, der mich Abstand von dem tollkühnen Plan nehmen und ganz konventionell die letzten Kilometer nach Gloggnitz gehen und dort ein Billett nach Wien-Meidling erwerben lässt. „Aber irgendwann springe ich auf einen Güterzug und fahre quer durch Mexiko, ich schwöre es“, denke ich mir noch, als ich zuhause erschöpft ins Bett falle.

Praktische Hinweise:

  • Der Bahnwanderweg von Semmering nach Gloggnitz ist gut ausgeschildert, und es gibt eine Menge an lehrreichen Informationstafeln (auf Deutsch und Englisch) und Aussichtspunkten.
  • Eine Alternativroute verläuft von Semmering nach Payerbach oder in die andere Richtung von Semmering nach Mürzzuschlag. Alle Orte sind logischerweise mit dem Zug zu erreichen. Auch zwischendrin könnte man die Wanderung abbrechen und am nächsten Bahnhof in den Zug steigen.
  • Hier gibt es die wesentlichen Informationen und eine Karte. Wer mehr Informationen mit sich tragen will, ist bei diesem Wanderführer an einer guten Adresse.
  • Für die Strecke von Semmering nach Gloggnitz (23 km) habe ich 9 Stunden gebraucht, allerdings mit etlichen und langen Pausen. Wer es kürzer haben will, könnte in Klamm, also nach nur 15 km, aufhören. Damit hättet Ihr auch den schönsten Teil der Wanderung abgedeckt, denn nach Klamm kommen eigentlich keine richtig spektakulären Stellen mehr.
  • Es gibt wenige Orte, wo es Essen und Trinken gibt, also besser ausreichend mitnehmen. Wenn Ihr beim Blunzenwirt in Breitenstein vorbeikommt, bestellt nur etwas zu Trinken. Das Essen dort war das schlechteste, das mir in Österreich untergekommen ist.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Eine Wanderung entlang der Semmeringbahn

  1. undercovergirl8 schreibt:

    Die Landschaft ist atemberaubend😍

    • Andreas Moser schreibt:

      Absolut! Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
      Und im Winter sieht es wahrscheinlich auf ganz andere Art bezaubernd aus, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der Wanderweg dann eine gute Idee ist. Denn einige Stellen waren doch ein wenig steil und wären bei Schnee und Eis womöglich gefährlich. Aber im Winter kann man sich ja dann einfach im Zug hin- und herfahren lassen.

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