Vor hundert Jahren war ein kaiserliches Begräbnis das letzte Aufbäumen einer vergangenen Zeit – April 1921: Auguste Viktoria

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Als ich die Serie „Vor hundert Jahren …“ begann, hatte ich den Vorsatz, diejenigen der weit entfernten Ereignisse aufzugreifen, die bis ins Hier und Jetzt wirken. Das gelingt manchmal mehr, manchmal weniger.

Aber noch nie war es so einfach, die Brücke in die hundertjährige Vergangenheit zu schlagen, wie in diesem Monat. Danke, Prinz Philip!

Vor einer Woche verstarb der selbst fast hundertjährige Ehemann der britischen Königin, und dieser Tage findet das Begräbnis statt. Eine fast perfekte Spiegelung der Ereignisse von vor hundert Jahren: Am 11. April 1921 verstarb Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, die Gemahlin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., der zu dem Zeitpunkt jedoch schon im unfreiwilligen Ruhestand war und durch seine Ungeschicklichkeit einen Schlussstrich unter die deutsche Monarchie gezogen hatte.

Am 19. April 1921 wurde Auguste Viktoria im Schrebergarten von Schloss Sanssouci in Potsdam beigesetzt.

Und das, obwohl die Kaisers zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr in Deutschland lebten. Sie hatten sich 1918 aus dem Staub gemacht, leicht enttäuscht von ihrem deutschen Volk, das die Hungersnot doch nicht so toll fand und von dem sich, entgegen den Erwartungen, nicht alle Untertanen auf den Tod in Frankreich oder Flandern freuten.

Die Hohenzollern, so der Name dieser Deutschland zugrunde gerichtet habenden Familie, rafften noch alles Gold, Silber und Gemälde zusammen und fuhren ins Exil in die Niederlande, wo sie ein kleines Haus in Doorn kauften. Die Niederlande störten sich daran nicht, weil sie ein gewissenloses Steuerparadies waren – und gewissermaßen noch sind.

Als Kaiser Wilhelm II. sah, dass für den Transport seiner Privatbeute 59 Eisenbahnwaggons notwendig waren, jammerte er schluchzend: „Ach, wieviele Männer man mit 59 Waggons zum sicheren Tod an die Front hätte bringen können! Viertausend? Fünftausend? So viel unvergossenes Blut, welch Schande!“ Aber am Ende gewann die Krämerseele, ein Charakterzug, den sich die Hohenzollern bis heute bewahrt haben, über die Mörderseele.

Doorn ist im Vergleich zu klassischen Exilorten (Babylon, Constanța, Elba, St. Helena) eher bieder, aber das passte zu Wilhelm II., genauso wie das kreative, intellektuell anspruchsvolle Hobby, mit dem er sich dort täglich beschäftigte: Der letzte deutsche Kaiser freute sich ungemein, wenn er im Garten einen Baum umsägen konnte. – Ein anderer Ex-Kaiser, Karl von Österreich-Ungarn, war dagegen mit dem Rentnerdasein im Garten gar nicht zufrieden und versuchte, sich zurück an die Macht zu putschen. Aber dazu mehr im Oktober 1921.

Jeder kennt solche Leute, die lieber mit dem Laubbläser lärmen als sich an Literatur laben, die lieber Stauden schreddern statt Stories schreiben und die in einer erschreckenden Kulmination des Hässlichen Gärten ohne Leben hervorbringen. Staaten, insbesondere so problematische wie Deutschland, sollte man solchen Menschen nicht anvertrauen.

Außerdem weiß ich nicht, was man von Menschen halten soll, die nicht zum Begräbnis ihrer Frau kommen. Zwar erschienen Tausende von Schaulustigen, von Freunden der Monarchie, insbesondere Adelige, Ewiggestrige und Dolchstoßlegionäre, oft alles in einem, als der Sarg mit der Kaiserin durch Potsdam gefahren wurde.

Der Kaiser musste aber scheinbar Holz hacken und hatte deshalb keine Zeit. Vielleicht war er immer noch sauer, dass ihm gekündigt und dass Deutschland zur Demokratie geworden war. Oder er hatte Angst, sich bei den Leipziger Prozessen (angesprochen in der letzten Folge) wegen Kriegsverbrechen verantworten zu müssen. Oder er war neidisch, weil seine Frau beliebter war als der Kaiser selbst. Oder Wilhelm II. traf sich bereits mit seiner neuen Freundin, Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath, die er bald darauf heiratete.

Dieser Trauerzug war ein trauriger Abgesang auf eine vergangene Zeit, von der die Beteiligten nicht glauben wollten, dass sie für immer vergangen war. Wilhelm II. sägte noch bis 1941 Bäume um und begründete so die deutsche Tradition des Waldsterbens. Danke, Kaiser!

Den Hohenzollern war der Wald egal, ihnen war Deutschland egal, sie wollten nur wieder Kaiser sein und in Schlössern residieren. Dafür paktierten sie auch mit den Nazis. Aber das ist eine andere Geschichte, für ein anderes Mal. Allerdings von erschreckender Aktualität.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Vor hundert Jahren war ein kaiserliches Begräbnis das letzte Aufbäumen einer vergangenen Zeit – April 1921: Auguste Viktoria

  1. Pingback: Vor hundert Jahren … | Der reisende Reporter

  2. Andreas Moser schreibt:

    Weitere Themen für April 1921 wären
    – das Schicksal Tirols nach dem Ersten Weltkrieg, samt Volksabstimmung und Bozner Blutsonntag,
    – die Schach-Weltmeisterschaft in Kuba sowie die Geschichte des Schachspiels.

    Wenn daran Interesse besteht oder, noch besser, wenn einer von Euch eines dieses Themen übernehmen will, gebt Bescheid!

    • Anke schreibt:

      Gerne melde ich Interesse am Thema Tirol an. Kann aber leider nicht mit Wissen beitragen. Nicht mal mit einer Recherchereise, da wir immer noch nicht aus der eigenen Kommune rausdürfen. Gruß aus der Lombardei! Anke

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, die Recherchereisen fehlen mir auch.
      Zu diesem Thema hatte ich zB vor, nach Doorn und Potsdam zu fahren. Und dann eben Tirol und Südtirol.
      Für Mai 1921 wollte ich über Annaberg in Polen schreiben und für Juni 1921 über Aland, das wird beides auch nichts.
      Naja, vielleicht Sopron/Ödenburg in Ungarn für Oktober 1921.
      Und 1922 geht’s dann richtig los, nach Smyrna/Izmir, Rapallo, auf die Krim, nach Litauen und nach Ägypten.

      Ich notiere das Interesse am Schicksal aller Tirols im Norden, Süden, Osten und Westen und höre mich mal um nach Leuten, die sich dort auskennen und etwas schreiben wollen.

  3. Anonymous schreibt:

    mich wird niemand verklagen ,noch ins Exil jagen ,weil ich etwas richtig stellen moechte:Wilhelm konnte die Kaiserin beim Begreabnis nur bis zur Grenze begleiten,da ihm der Zutritt in Dt.nicht erlaubt wurde… wie sich jeweils in grossen Schriften Liebe (Ars amandi,Ovid,Constanta)und Tod(Begraebnis)immer begegnen…da kann man nur staunen…😜

    • Andreas Moser schreibt:

      Es freut mich, dass das jemand so schnell klarstellt, denn – ich gebe es zu – ich war zu faul, es nachzurecherchieren.

      Wobei der Groll des Kaisers auf das einst von ihm regierte Land dennoch eine Tatsache gewesen sein muss, denn auch während des Dritten Reichs setzte er nie mehr einen Fuß nach Deutschland. Das wollte er nur als gekröntes Haupt tun. Deshalb ist er sogar in Doorn begraben, ebenfalls in einer Gartenlaube.
      (Wohingegen seine Zweitfrau komischerweise neben der Erstfrau in Potsdam begraben wurde. Vielleicht gab es dafür Rabatt.)

      Und Respekt, dass du die Anspielung auf Ovid bemerkt hast! Es ist immer meine große Furcht, dass geistreiche Anspielungen wirkungslos im Äther verpuffen.

  4. Pingback: One Hundred Years Ago, a Royal Funeral was the Last Gasp of Times Past – April 1921: Augusta Victoria | The Happy Hermit

  5. Dante schreibt:

    Ach, wieviele Männer man mit 59 Waggons zum sicheren Tod an die Front hätte bringen können! …

    Wo hast Du das Zitat gefunden? Das ist erschütternd.

  6. Pingback: Warum nerven die Hohenzollern noch immer? Und waren sie nun Nazis oder nicht? | Der reisende Reporter

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