Die deutsche Kolonie

Die deutschen Kolonien hießen nicht Kolonien, sondern Schutzgebiete. Die einzige deutsche Kolonie, die heute noch deutsche Kolonie heißt, war hingegen niemals eine deutsche Kolonie. Schon zu kompliziert? Dann hört jetzt besser auf, zu lesen.

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Mitten im besten Viertel von Haifa braucht man nicht lange, um zu bemerken, dass hier etwas deplatziert ist: Häuser mit roten Zigeldächern. Fensterläden. Massive Holzbalken, wie mein Kopf bemerken musste, als ich in einem dieser Häuser nachts versuchte, ohne Licht durch den Flur zu gehen.

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Inschriften über den Türen wie „komm Herr Jesu“ oder „Gott mit uns“. Auf Deutsch.

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Strudel und Weissbier.

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Groß ist sie nicht, diese deutsche Kolonie. 800 m lang ist die jetzt nach David Ben Gurion benannte Hauptstraße.

Aber nun der Reihe nach: Die Mitglieder der Tempelgesellschaft (nicht zu verwechseln mit den Tempelrittern oder dem Templerorden, mit denen die Templer, wie wir sie, um zusätzliche Verwirrung zu stiften, fortan nennen mögen, jegliche Verbindung abstreiten würden, obwohl sie alle im Heiligen Land tätig waren) wanderten ab 1868 aus Württemberg aus und gründeten zuerst eine Siedlung bei Haifa. Bald ließen sie sich auch in anderen Städten wie Jaffa oder Jerusalem nieder und gründeten Orte mit so kreativen Namen wie Waldheim, Walhalla und Wilhelma. Letzteres heißt heute Bnei Atarot, und wie der Zufall es will, habe ich dort während eines Jugendaustauschs mal zehn Tage bei einer sehr herzlichen und humorvollen Familie (Israelis, keine Templer) gewohnt.

So sah es dort früher aus,

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und so sieht es jetzt aus:

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Der Flughafen bei Tel Aviv hieß übrigens bis 1943 „Wilhelma Airport“.

Die Templer waren fleissig und bauten Straßen, richteten einen Pferdekutschendienst ein (ähnlich Wells Fargo) und dank ihnen bekam Haifa einen Hafen. Sie hatten sich aber auch einen besonders schönen Ort ausgesucht, wo es sich gut leben ließ.

Ansicht auf Bahai in Haifa.JPG

Der unprotestantische Tempel am Hang gehört allerdings nicht den Templern, sondern den Bahai.

Auch Kaiser Wilhelm II. kam mal zu Besuch. Im Oktober 1898 wollte er dem tristen Herbst und dem ungeheizten Winter in Preussen entgehen und ging deshalb auf Kreuzfahrt. Weil das Wort Kreuzfahrt wegen der Kreuzzüge ein bisschen heikel war (schon im 19. Jahrhundert litten die Deutschen unter der „Political Correctness“), nannte man es Pilgerfahrt.

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Wegen des religiösen Vorwands musste der deutsche Kaiser seinen Badeurlaub unterbrechen und nach Jerusalem reiten. Dort empfing er Theodor Herzl, der ihn um die Schirmherrschaft für den angestrebten Judenstaat bat, praktisch ein deutsch-jüdisches Protektorat. Herzl mochte geahnt haben, dass die Juden Europas ohne eigenen Staat immer schutzlos sein würden, aber die Rolle Deutschlands schätzte er falsch ein. Wilhelm II. unternahm nichts in der Richtung, und wie Deutschland sich bald darauf gegenüber den Juden positionierte, ist bekannt.

Die Geschichte der Templer in jener Zeit ist weniger bekannt, aber dafür erzähle ich sie Euch jetzt. Die Gleichschaltung der Nazis ab 1933 erstreckte sich insbesondere durch das deutsche Schulwesen auch auf die im Ausland lebenden Deutschen (Spätwirkungen kann man heute noch antreffen). Einerseits gibt es Berichte, dass die Templer und andere Palästinadeutsche, wie die im britischen Mandatsgebiet lebenden Deutschen bezeichnet wurden, in Berlin darum baten, keine Hakenkreuzfahnen für ihre deutschen Institutionen verwenden zu müssen und gegen die Boykotte jüdisch geführter Geschäfte in Deutschland Protest einlegten, jeweils erfolglos.

Andererseits hatten die Nazis bei den Auslandsdeutschen in aller Welt oft sehr starken Zulauf (über ein Beispiel habe ich schon mal berichtet), und vor Kriegsausbruch 1939 war ein Drittel der erwachsenen Palästinadeutschen bei der NSDAP. Es gab eine „Landesgruppe der NSDAP in Palästina“, eine Hitler-Jugend in Haifa, die bizarrerweise Hebräisch-Kurse anbot, und eine NSDAP-Ortsgruppe in Jerusalem.

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Ralf Balke führt in seinem Buch Hakenkreuz im Heiligen Land: Die NSDAP-Landesgruppe Palästina die Motive der Templer auf:

Die Geschichte der Landesgruppe der NSDAP ist ein einzigartiges Beispiel für die Selbstnazifizierung einer deutschen Gemeinschaft jenseits der Grenzen des Dritten Reiches auf einem Terrain, das zunehmend jüdisch geprägt war und unter britischer Herrschaft stand. Der Antisemitismus der deutschen Siedler war tief verankert: religiöser Antijudaismus traf auf rasse-biologischen und verschwörungstheoretischen, modernen Antisemitismus. Mit Missgunst betrachteten die deutschen Siedler den Erfolg der Zionisten, der ihre Hoffnungen zunichte machte, selbst irgendwann einmal das Land zu beherrschen.

 
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Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde es den Briten endlich zu bunt. Sie internierten die Deutschen, die sich nicht rechtzeitig abgesetzt hatten, in den Templerkolonien und die wehrfähigen Männer in einem Gefängnis in Akko. Mit Vorrücken des Afrika-Korps der Wehrmacht auf das Heilige Land verschiffte Großbritannien die Templer und Palästinadeutschen 1941 so weit weg wie möglich, was nach britischem Verständnis Australien war. Dort blieben diese bis 1947 interniert. Interniert und borniert, muss man sagen, denn noch am 20. April 1945 feierten sie Hitlers Geburtstag. Dennoch zeigte sich Australien kulant und bot den Deutschen an, nach ihrer Freilassung im Land zu bleiben. Wie Australien halt so ist: „Ganz knusper war das nicht von Euch mit diesem Nazischeiß, aber Schwamm drüber, Jungs. Wenn’s Euch hier gefällt, dann bleibt einfach hier. Bier ist im Kühlschrank.“ Die meisten der stolzen Blut-Boden-Rasse-Arier nahmen das Angebot gerne an, ihrem jetzt in Schutt und Asche liegenden Vaterland zugunsten von Strand und Sonne den Rücken und dessen Verlängerung zuzukehren.

Der neu gegründete Staat Israel war verständlicherweise nicht so scharf darauf, unmittelbar nach dem Holocaust die einstigen Hakenkreuzfahnenschwenker wieder ins Land zu lassen. Von denjenigen Deutschen, die noch in Palästina geblieben waren, wurden ein paar von der Haganah erschossen, die anderen von den Briten nach Zypern geschickt. Sie wanderten dann nach Australien oder nach Deutschland aus.

Aber, was gute Deutsche sind, die beharren nach dem Rauswurf auf einer korrekten Nebenkostenabrechnung. Auf Heller und Pfennig! Jeder weiß, dass die Bundesrepubik Deutschland „Wiedergutmachung“ an Israel bezahlte. Fast niemand weiß, dass auch Israel Entschädigung leistete, und zwar 54 Millionen DM für das konfiszierte Eigentum der deutschen Templer.

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Wenn es ein Geschichtsblog-Bingo gäbe, hätte ich jetzt gewonnen. Templer, Nazis, Palästina, Kaiser Wilhelm II., Zionisten, Israel, Zweiter Weltkrieg, Jerusalem, der Wüstenfuchs, Verbannung nach Australien, alles in einem kurzen Artikel, das soll mal jemand toppen. Und dabei bin ich noch nicht einmal auf den Austausch von deutschen Internierten mit Insassen des KZ Bergen-Belsen eingegangen. Es fehlen eigentlich nur noch der Heilige Gral und der Mossad, und Hollywood würde anklopfen.

Wenn ich daraus einen historischen Roman erschaffen will, muss ich mich allerdings vor den überlebenden Templern in Acht nehmen. Denn die Brüder sind noch aktiv! Sie geben selbst einen Überblick über ihre Geschichte, der in guter Tradition die einstige Begeisterung für Antisemitismus und Rassenideologie ausspart.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Die deutsche Kolonie

  1. Der Freisinger in mir macht Freudensprünge. Weihenstephaner in Israel 😉

  2. Stefan Dietl schreibt:

    Ralf Balke hat letztens auch was zur NSDAP in Palästina in der Jungle geschrieben. https://jungle.world/artikel/2018/02/mit-der-hakenkreuzfahne-palaestina

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