Na gut, dann fahre ich halt nach Singapur.

To the English version of this well-thought-out plan.

Ihr erinnert Euch hoffentlich an den träumerischen Plan der längstmöglichen Zugreise? Von Portugal über Spanien und Frankreich durch Mitteleuropa nach Russland, dann abbiegen in die Mongolei, durch China und schließlich nach Vietnam bis nach Saigon, wo sich die älteren unter Euch noch an das erleichternde Gefühl erinnern, 1975 den letzten Helikopter aus der Stadt erhascht zu haben.

Halt, nein, das war Afghanistan 2021. Ach, man verwechselt so viel, wenn sich die Geschichte ständig wiederholt.

Jedenfalls, zurück zum Zugfahren, war bei der schienengebundenen Weltreise bisher Schluss in Vietnam, weil man von dort nicht mit dem Zug nach Kambodscha oder Laos kam.

An dieser Stelle sollte ich eine Karte einfügen, denn für europäische Augen sehen alle südostasiatischen Dschungel gleich aus. Also, erst einmal orientieren in diesem Orient:

(Ja, Opa, das war früher alles deutsch. Aber darum geht es jetzt nicht.)

Man kommt immer noch nicht mit dem Zug von Vietnam nach Kambodscha oder Laos.

Aber China, das als Land so etwas ist wie der Typ, der aus Langeweile ständig in den Baumarkt rennt, um neue Carports, Dachgauben, Gartenlauben, Dachkapfer und Lukarne zu bauen, überzieht nicht nur das eigene Land, sondern auch die – sehr großzügig definierte – Nachbarschaft mit Großprojekten, die den Heimwerker an seinem neuen, gemauerten und wetterfesten Gartengrill vor Neid in Flammen aufgehen lassen.

Vor ein paar Tagen wurde eine neue Bahnverbindung zwischen China und Laos eröffnet. Man kommt also jetzt von Kunming über die Grenzstadt Boten bis nach Vientiane, ganz im Süden von Laos. Alles mit dem schnuckeligen Schnellzug!

Auch hierzu gibt es eine Karte, mit großem Dank an den Mann auf Platz Nr. 61:

Wie Ihr seht, kann man dann von Vientiane mit dem Zug nach Thailand fahren, wo man die Reise für ein paar Jahre unterbrechen muss, weil man wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis kommt. Aber wenn man das überlebt, geht die Bummelbahn weiter nach Malaysia und schließlich nach Singapur, der kleinen, unabhängigen Spitze dieser langen Halbinsel.

In Singapur war ich übrigens schon einmal, auf einem Zwischenstopp nach Australien. Das war 1992. Damals waren Flugzeuge noch in der Gewerkschaft, weshalb sie auf langen Flügen Pause machen mussten. Die langweiligen Passagiere gingen in den Duty-Free-Shop und wunderten sich über diese neuen Telefone ohne Kabel. Die mutigen Passagiere, wie ich, verloren sich im Gewimmel von unterirdischen Märkten, auf denen Affen, Schildkröten und Fledermäuse mit allerlei zoonotischen Krankheiten verkauft wurden, schauten in Opiumhöhlen vorbei und fanden ganz ohne Smartphone rechtzeitig den Weg zum Flughafen zurück. Alles in ständiger Angst vor der berüchtigt strengen singapureanischen Polizei.

Diese strenge singapureanische Polizei wird mich dann wahrscheinlich festnehmen, wenn ich nach 20.000 Meilen im Zug einfach nur im Park sitzen und endlich eine Zigarre genießen will. Aber Leute sind schon wegen langweiligerer Geschichten auf dem elektrischen Stuhl ge- und verendet. (Eine Leserin informiert mich, dass man in Singapur nicht elektrifiziert, sondern gehängt wird. Danke.) Außerdem, in Singapur ist die Reise sowieso zu Ende, weil es keinen Zug nach Indonesien oder Australien gibt. Noch.

Mal ehrlich, ist das nicht fantastisch, wie weit man kommt, ohne von der umweltfreundlichen, gemütlichen und romantischen Bahn absteigen zu müssen?

Und selbst wenn Ihr im letzten Kaff wohnt, solange es einen Bahnhof hat, seid Ihr mit der Welt verbunden. Von Buxtehude nach Bangkok, von Königs Wusterhausen nach Kuala Lumpur, von Straubing nach Singapur, alles ist möglich!

Jetzt muss sich nur noch eine Zeitung finden, die das im Austausch gegen eine wöchentliche Reportage finanziert…

Links:

  • Mehr Geschichten aus der Eisenbahn.
  • Eine nützliche Seite zum Planen von Fernreisen mit der Eisenbahn ist Seat 61.
  • Wenn Ihr meine Eisenbahn-Geschichten kennt, könnt Ihr Euch vorstellen, was ich in etwa aus so einer Weltreise machen würde. Und wenn Ihr das für ein sinnvolles Projekt haltet, freue ich mich über Eure Unterstützung!

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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12 Antworten zu Na gut, dann fahre ich halt nach Singapur.

  1. Helmer schreibt:

    Am besten noch den Great Railyway Bazaar lesen als Vorbereitung.

    • Andreas Moser schreibt:

      Schon erledigt, allerdings fand ich den nicht so gut:

      „The Great Railway Bazaar“ by Paul Theroux

      Aber insgesamt gehört das lesende Vorbereiten der Reise natürlich zum vorfreudesteigernden Programm.
      Und ich würde gerne ein bisschen Russisch lernen, damit ich auf der langen Fahrt durch Russland auch ein paar interessante Gespräche, nicht nur stumme Blicke aus dem Zugfenster mit nach Hause und zur Leserschaft bringe.

    • Anonymous schreibt:

      Mir hat das Buch auch nicht gefallen. Fand nur das es zur Reiseroute passt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und im Rahmen der Recherche muss man halt alles lesen, und sei es nur, um zu erfahren, wie man selbst (nicht) schreiben will.

      Ganz gelungen unter Zugreiseliteratur fand ich „Midnight in Siberia“ von David Greene.
      Das ist ein Journalist, der mit einem Übersetzer unterwegs war und unterwegs immer wieder ausstieg, um interessante Leute zu besuchen. Es war also eher Recherchereise als ein Urlaub oder eine spontane Fahrt. Und es geht um die Menschen, nicht um Lokomotiven oder Spurweiten oder Pferdestärken wie in so viel Zugreisegeschichten.

  2. sinnlosreisen schreibt:

    Schön, so eine durchgängige Verbindung. Hast du mal geschaut, wie lange man nach Singapur braucht?
    Ich hatte übrigens auch schon mal das Vergnügen, eine winzige Teilstrecke zwischen Huahin und Thong Chai fahren zu dürfen, und bin ebenfalls nur knapp an der Majestätsbeleidigung vorbei geschrammt: https://sinnlosreisen.wordpress.com/2021/01/01/khom-loy-zu-silvester/

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, das sind ja hübsche Wartehäuschen! Also, zumindest das eine, das nicht für unsereins ist.
      Aber immer noch ein schönerer Anblick als wenn man am Bahnhof in Amberg oder in Hagen wartet und vor Depression fast eingeht.

      Nach der Zeit habe ich gar nicht geschaut, weil ich unterwegs natürlich gerne halten und mir die Orte entlang des durch die Reise historisch werdenden Streckenverlaufs ansehen möchte.
      Außerdem brauche ich ja mal eine Dusche und ein Bett. (Schlafwagen ist zu teuer.)
      Aber wenn man bedenkt, dass Moskau-Peking direkt eine Woche dauert, dann könnte man die ganze Route wohl in den Sommerferien oder wann immer man sonst 6 Wochen am Stückt hat, abfahren, denke ich. Bei meinem Tempo gehe ich von mindestens 6 Monaten aus.. 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Und gut die Klippen des Majestätsbeleidigungsgesetzes umschifft!
      Ich hoffe nur, ich werde mich ähnlich im Zaum halten können… Vielleicht kritisiere ich gar nicht den König, den ich persönlich ja sowieso nicht kenne, sondern nur das Gesetz gegen Kritik? Ganz spitzfindig. 😉

      So wie gegen die Hohenzollern darf ich gegen die Rama-Könige auf jeden Fall nicht auftreten:
      https://andreas-moser.blog/2021/10/04/hohenzollern/

  3. Pingback: Well, I guess I have to travel to Singapore then. | The Happy Hermit

  4. Andreas schreibt:

    Das Ende der Reise habe ich schon mal hinter mich gebracht. Die Zugfahrt von Kuala Lumpur im offenen und klimatisierten Liegewagen war eigentlich sehr angenehm, aber die Ankunft in Singapur habe ich als Nervenkitzel in Erinnerung. Passkontrolle und Zoll waren nicht das Problem, aber man musste auf dem Bahnsteig des Sackbahnhofes, ob man wollte oder nicht, an einigen (habe ich zumindest so in Erinnerung) drogensüchtigen Hunden vorbei. Im Kopf imaginierte ich mir eine Liste meiner persönlichen Feinde, die mir vielleicht irgend etwas untergejubelt haben könnten ;-). Selbst bei kleinen Drogenfunden erwartete einen damals in Singapur die Todesstrafe (hat sich wahrscheinlich nicht geändert).
    Das selbe Spiel gab es sicher auch schon am Flughafen Singapur, aber dort war es keine sichtbare, unmittelbare Gefahr (der Anblick der Viecher wurde einem netterweise erspart ;-)).

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich war nur einmal für einen Tag Zwischnstopp in Singapur, 1992 auf dem Weg nach Australien.
      Ich kann mich erinnern, dass ich auch ziemliche Angst vor der Polizei dort hatte. Damals weniger wegen Drogen, sondern weil ich gehört hatte, dass das Ausspucken von Kaugummis streng bestraft wurde. (Ich war noch ein Teenager und kaute aus mir jetzt unerfindlichen Gründen diese Dinger.)

  5. monikaimurlaub schreibt:

    Das lese ich eben zum ersten Mal – dass es jetzt von Deutschland eine durchgehende Bahnstrecke nach Thailand gibt – die Fahrt wäre sofort auf meine Bucket-List gekommen. Jetzt wird es wohl wieder nicht mehr möglich sein – und vermutlich nicht mehr möglich werden in der Zeit, in der ich eine solche Reise noch unternehmen könnte.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ja, ich habe den Plan auch in weite Ferne geschoben. :/
      Schade, denn er war eigentlich auf dem ersten Platz meiner Wunschreisen für nach Corona.

      Als Alternative denke ich über eine Zugbereisung der Seidenstraße nach.

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