Danke der Nachfrage nach dem Wohlergehen des kleinen Vogels. Es geht ihm gut, nicht zuletzt dank meiner liebevollen Pflege.
Am Tag 2 sieht das Wesen schon ein bißchen mehr nach Vogel aus als vorher:
Hier ein paar seltene Aufnahmen von Mutter und Kind zusammen (normalerweise fliegt die Muttertaube aufgeschreckt weg, sobald ich auf den Balkon trete):
Ich habe die beiden mit Körnern gefüttert und ihnen frisches Wasser hingestellt. Die Vogelfamilie nimmt beides dankbar an. Ich liefere nur einmal am Tag Nachschub, um sie so wenig wie möglich zu stören. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die Taube verstanden hat, dass ich keine Gefahr darstelle. Sie ist weit weniger scheu geworden. Ich bin neugierig, wie meine Unterstützung die Meinung des Vögelchens zu Menschen formen wird. Es könnte verwirrend für das Küken werden, die unter Vögeln vorherrschende traditionelle Lehre mit seinen positiven Erfahrungen auf meinem Balkon in Einklang zu bringen.
Das letzte Foto zeigt Tag 5 im Leben des kleinen Vogels:
Wenn ich mal Biologie oder Zoologie studieren werde, sollte ich für diese Projekt ein paar Punkte angerechnet bekommen.
Ich arbeite am Schreibtisch und ärgere mich, dass ein weiterer Tag schon wieder fast vergangen ist, ohne dass ich auch nur die Hälfte der auf meiner To-Do-Liste aufgeführten Projekte erledigt habe. Da erspähe ich durch das Fenster etwas Glänzendes.
Nein. Es ist eine Spiegelung, bemerke ich. Eine Spiegelung des Sonnenuntergangs. Ich erhebe mich vom Schreibtisch und eile zum Schlafzimmer am anderen Ende meiner großzügigen Plattenbauwohnung, von wo aus ich diesen Anblick bestaunen kann:
Es ist Euch wahrscheinlich schon aufgefallen, dass ich regelmäßig Sonnenuntergangsbilder aus Targu Mures poste. Ich weiß nicht, was in dieser Stadt los ist, aber ich habe noch nirgendwo mit solcher Regelmäßigkeit so viele spektakuläre Sonnenuntergänge gesehen. Die Sonne zieht hier fast jeden Abend eine große Show ab. Vielleicht hängt es mit den grenzwertüberschreitenden Mengen an Ammoniak zusammen, die die Azomures-Chemiefabrik in die Luft bläst. Wir sterben hier ein wenig früher als im Rest des Landes, aber bis dahin genießen wir die besseren Sonnenuntergänge. Es ist alles eine Frage der Priorität.
Dass der Halbmarathon in Brașov (Kronstadt) in Rumänien ein bißchen bergig sein würde, hatte ich der Streckenkarte entnommen. Sie glich einer alpinen Wanderkarte. Der zu überwindende Höhenunterschied war mit 650 m angegeben.
Am Vorabend in Brașov angekommen, blickte ich auf den die Stadt überschattenden Berg, an dem wie in Hollywood der Schriftzug „BRASOV“ angebracht ist (zwar kitschig, aber besser als das „STALIN“, das hier in den 1950ern prangte). Erschreckt stelle ich fest, dass der Berg nicht nur hoch, sondern vor allem sehr steil ist. Eine Bestzeit werde ich bei diesem Lauf nicht aufstellen können. Überall liegt Schnee.
Ja, auf diese Berge ging es hinauf.
Am nächsten Morgen pfeift ein eiskalter Wind über den Platz der Einheit, so dass einige Athleten in der nahen Sankt-Nikolaus-Kirche auf den Start um 12 Uhr warten. Das ist selbst mir als Hardcore-Atheisten zu blasphemisch. Manche der Läufer tragen Skimasken, Mützen, Handschuhe und Schals. Wenigstens habe ich meinen Kapuzenpullover. Ich bin nicht der einzige, der sich die Hände reibt, um sich warm zu halten. Auf dem Nummernschild, das jeder Teilnehmer während des Laufs tragen muss, steht: „Im Falle eines Unfalls bitte die Bergrettung anrufen.“
Der Startschuss ist eine Erlösung. Endlich kommt Bewegung in den Körper, das Blut zirkuliert schneller und wärmt die schon fast abgefrorenen Glieder. Zügig geht es durch die engen Gassen der Altstadt und schon nach 2 km auf einen stetig ansteigenden Wanderweg. Eine wunderschöne Waldlandschaft mit tiefen Tälern. Es beginnt zu schneien. Dichte Flocken kommen mir entgegen und bedecken bald den Boden. Die ersten Läufer werden zu Spaziergängern, aber ich bin noch fit.
Aber bald wird der Weg so schmal, dass ich niemanden mehr überholen kann. Mit meinen langen Schritten bin ich im Gehen schneller als andere im Laufen.
Und dann kommt das Eis. Der steile Pfad zwischen den Bäumen ist spiegelglatt. Jetzt geht es nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern darum, sich keine Knochen zu brechen. An Bäumen und Ästen halte ich mich fest, wenn es bergauf geht. In der Hocke und auf dem Hosenboden rutsche ich, wenn es bergab geht. Immer wieder rutsche ich seitlich ein paar Meter in den Schnee hinab. Die professionelleren unter den Läufern ziehen sich Spikes auf ihre Schuhe.
Auf dem Eis bewege ich mich so vorsichtig, dass es mehr ein Winterspaziergang als ein Halbmarathon ist. Alle 5 km gibt es Getränke und Essen, und zwar in reichlicher Auswahl: Äpfel, Bananen, Schokolade, Käse, Zitronen. Da kann man leicht einige Minuten an der im Wald aufgebauten Theke verweilen.
Warum werde ich nicht beim Laufen, sondern gerade beim Essen fotografiert?
Der steile Weg zurück in die Stadt ist noch schlimmer: anstatt Schnee und Eis sind es jetzt Schlamm und Matsch, die für einen Ausrutscher nach dem anderen sorgen. Schuhe, Hose, Pullover und Hände sind bald voller Dreck. (Meine Hose habe ich seither schon zweimal vergeblich gewaschen.)
Manche Läufer stürzen sich in einem Höllentempo den Abhang hinab, wie wenn jede Sekunde zählt. Mir ist das zu jenem Zeitpunkt schon egal geworden. Die Strecke ist ideal für einen Spaziergang mit schönen Ausblicken auf Brașov hinab, aber zum Laufen ist sie zumindest an jenem Tag nur bedingt geeignet.
Als ich nach zweieinhalb Stunden durchs Ziel sprinte, bin ich kein bißchen erschöpft und habe noch genug Energie, um einige Kilometer weiter zu meiner Unterkunft zu laufen.
Für einen Läufer ist es unbefriedigend, wenn die Streckenführung nicht das Tempo zulässt, das die Kondition gestatten würde. Obwohl es als besonders herausfordernd gedacht ist, fehlt für mich dabei die sportliche Herausforderung. Noch viel deprimierender ist es, nachträglich zu lesen, dass die besten Läufer halb so lange wie ich für die Strecke benötigten. Ich habe keine Ahnung, wie man auf vereisten und matschigen Hängen genauso schnell laufen kann wie auf trockenem Waldboden.
Die nächsten Halbmarathons werde ich am 19. April in Budapest in Ungarn, am 24. Mai in Târgu Mureș in Rumänien und am 6. Juni in Tusnad in Rumänien laufen. Die beiden letzteren werden auch ziemlich bergig, was mir an sich nichts ausmacht (immerhin bin ich im März in Jerusalem gelaufen), aber hoffentlich fallen die Wettkämpfe nicht in die Regenzeit. Ausgewiesene Schlammrennen wie „Tough Mudder“ brauche ich nach dieser Erfahrung auf keinen Fall mehr. Schließlich bin ich kein Kind, das in jede ihm hingehaltene Pfütze springt.
Das Geräusch von Düsenjägern, Kampfflugzeugen und Bombern führt bei manchen Menschen zu Angst und Schrecken, bei mir jedoch zu Verzückung. Wenn der Überschall aus der Ferne dröhnt, lasse ich alles stehen und liegen und wende mein sich mit Begeisterung erhelltes Gesicht dem Himmel zu, um sowohl das Meisterwerk der Ingenieurskunst als auch das fliegerische Können zu bestaunen.
In den 80er Jahren in Westdeutschland aufgewachsen, konnte ich fast wöchentlich die Düsenjäger und Jagdbomber der amerikanischen und deutschen Luftwaffe beobachten. Als Kind pazifistischer Eltern mußte ich meine Begeisterung jedoch verbergen und mir stattdessen bei jedem Überflug der Verteidiger unserer Freiheit anhören, wie viele Lebensmittel oder Medikamente für die Dritte Welt mit dem Verteidigungshaushalt erworben werden könnten. (Im Keller baute ich dennoch ein Modell eines Apache-Kampfhubschraubers zusammen.) Als ich alt genug war, meine eigene Meinung energisch zu vertreten, war der Kalte Krieg zu Ende und der Himmel leer, leise und langweilig.
Vor einer Woche hörte ich in Rumänien wieder das altbekannte Geräusch. Ich war am Bahnhof in Razboieni und gerade im Begriff, den Zug nach Brașov (Kronstadt) zu besteigen, weswegen ich nicht ausharren konnte, um die dem Geräusch folgenden Flugzeuge zu erspähen.
Erst aus dem Zug sah ich sie: einige A-10 Thunderbolts, auch „Warzenschwein“ genannt. Mein Lieblingsflugzeug! Es dient der Bekämpfung von Panzern und anderen Zielen am Boden und fliegt tief und majestätisch langsam, auch vergleichsweise leise, aber dennoch enorm wendig. Diesen Flugzeugen bei ihren Manövern zuzusehen bereitet mehr Freude als spielende Katzen zu beobachten.
Aus dem Zug konnte ich ein paar Fotos von den über die Hügel Transsilvaniens gleitenden Thunderbolts machen:
Dabei handelt es sich um einige der 12 Thunderbolts, die die US-Luftwaffe nach Rumänien verlegt hat. Wenn man mit dem Zug nach Cluj-Napoca (Klausenburg) fährt, kommt man übrigens direkt am Luftwaffenstützpunkt in Câmpia Turzii vorbei und sieht das formidable Arsenal aufgereiht.
Diese Verlegung ist Teil der Operation Atlantic Resolve, mit der die westlichen NATO-Staaten ihren osteuropäischen Partnern zeigen (wollen), dass letztere mit der Unterstützung der ersteren rechnen können falls Russlands Expansionsdrang nicht in der Ukraine Halt macht. Russland hingegen nannte die Verlegung eine „Konfrontation in der Nähe der russischen Grenze“, wobei ich mich frage, welche Landkarte der Sprecher des russischen Aussenministeriums dabei zu Rate zog. Rumänien grenzt nicht an Russland.
Weil es so schön ist, hier noch ein Video von der Manövrierfähigkeit der A-10:
Auf dem Ćurevac hatte mich der Nebel komplett eingehüllt. Es war noch immer bitterkalt. Aus den umliegenden Wäldern Montenegros bellten Hunde, Wölfe und Bären. Die Tage im Oktober sind kurz. Das Tageslicht würde womöglich noch für den Abstieg zur 1.300 Meter tiefer liegenden Tara-Schlucht reichen, aber keinesfalls für den steilen Rückweg.
Also machte ich mich auf den Weg zurück nach Žabljak, quer durch den Wald. Auf der Landkarte war ein Dorf namens Bosača verzeichnet. Vielleicht würde ich dort eine Tasse Tee bekommen und meine Hände aufwärmen können. Nachdem ich den ganzen Tag keine Menschenseele getroffen hatte, wäre es auch schön, ein paar Worte mit einem Bauern, Hirten oder Waldarbeiter zu wechseln.
Um es vorwegzunehmen: Bosača war der falsche Ort für freundliche Gespräche am wärmenden Kachelofen. Kein Laut ging von dem Dorf aus. Ich sah kein Auto, kein Licht, keinen Menschen. Das schaurige war, dass ich nicht einmal Farben sah. Es war alles grau, düster, neblig. Irgendwie tot.
Die Häuser standen teilweise mehrere hundert Meter weit auseinander, mit kargen Weideflächen und Überbleibseln von Holz- und Stacheldrahtzäunen zwischen den Grundstücken.
Da, ein paar Kühe auf einem Hügel! Zumindest etwas Leben.
In jedem anderen Bergdorf auf dem Balkan wird man von Hunden umringt, hier höre oder sehe ich keinen einzigen. Kein Vogel singt, zwitschert oder fliegt. Das einzige Geräusch ist der Wind.
Leben hier überhaupt Menschen? Die meisten der Häuser sehen nicht so aus.
Andererseits gehen noch Stromleitungen zu manchen der Häuser.
Auf halbem Weg durch die Ansiedlung sehe ich das erste menschliche Lebenszeichen: Eine Feuerstelle, aus der eine Rauchfahne über den von mir zu beschreitenden Weg zieht.
Ich sehe mich in alle Richtungen nach dem Urheber des Feuers um. Nichts zu sehen. Aber jetzt ist etwas zu hören. Tschop. Stille. Tschop. Stille. Tschop. Jemand hackt Holz, aber er ist hinter einem der Häuser verborgen. Da das Echo in der Stille des Tales hallt, ist es unmöglich, festzustellen, aus welcher Richtung es kommt.
Ein einsamer Mann mit Axt in einem Dorf, das so aussieht, wie wenn nur alle paar Jahre ein Fremder vorbeikommt – der in diesem Fall nicht einmal Serbisch/Montenegrinisch spricht – ist dann doch nicht der menschliche Kontakt, nach dem ich mich jetzt sehne. Mit schnellen und möglichst lautlosen Schritten ziehe ich weiter.
Erst als ich den Wald wieder erreicht habe, wage ich einen Blick zurück. Ich sehe auf die Uhr und merke, dass heute der 31. Oktober ist. Halloween. Dieses Dorf in Montenegro benötigt keine ausgeschnittenen Kürbisfratzen, um einen erschaudern zu lassen.
Die enorme Gartenanlage der Bahai-Religion dominiert das Stadtbild von Haifa. Ob ich die englischsprachige Tour um 12 Uhr mitmachen könne, frage ich den Wärter vor dem eisernen Tor.
Das Wahrzeichen der drittgrößten Stadt des jüdischen Staates ist die Anlage einer nichtjüdischen Religion, genauso wie das Wahrzeichen Jerusalems der Tempelberg mit den beiden Moscheen ist. In Tel Aviv hat nur der Strand religionsähnliche Bedeutung. Religionsfreiheit ist für die meisten meiner Leserinnen und Leser nichts Bemerkenswertes, aber hier im Nahen Osten die absolute Ausnahme. In den Nachbarländern Israels werden Menschen dafür inhaftiert, verfolgt oder ermordet, wenn sie einer anderen als der gerade dominanten Strömung des Islam angehören. Auch deshalb sind die Bahai in Haifa gelandet.
„Das hier ist ein religiöser Ort. Nicht essen, keinen Kaugummi kauen, nicht rauchen“ leiert der dunkel uniformierte Wachmann herunter. Er und seine drei Kollegen tragen Schusswaffen im Holster. In meine Tasche guckt er nur kurz, dann scannt er mich. Sicherheitshalber bin ich 40 Minuten zu früh da. „Die Tour beginnt am oberen Ende“ erklärt er mir. Wir stehen am unteren Ende der hängenden Gärten. Kein Problem, mir bleiben ja noch 40 Minuten, ich laufe einfach die Treppen durch den Garten nach oben. Aus einem Besuch vor vielen Jahren ist mir in Erinnerung, dass oberes und unteres Ende dieses zugegeben steilen Hanges durch einen übertrieben gepflegten Park verbunden sind.
„Nein, Sie müssen die Straße nehmen und außenrum gehen.“ Na super, das dauert dreimal so lange. Die 700 Stufen können anscheinend nur von oben nach unten beschritten werden. Die Bahai tun immer ganz friedlich, weltoffen, versöhnend. In Wirklichkeit sind sie regelversessene Paragraphenreiter. Das hätte man sich bei dem pingelig gepflegten Rasen auch denken können. Eine Religion für Spießer, durchaus eine Marktlücke im ansonsten eher chaotischen Nahen Osten.
Ich schnaufe die Serpentinenstraße dem Himmel entgegen. Auf mittlerer Ebene gibt es einen weiteren Eingang. Die gleiche Prozedur. Kann ich von hier aus durch den Park nach oben gehen? Nein, das ist verboten. Zu Fuß werde ich es nicht mehr bis 12 Uhr schaffen. Ein Taxifahrer (nicht ganz zufällig bereitstehend) bietet die Fahrt für 40 Schekel (fast 10 Euro) an. Da komme ich lieber morgen mit dem Bus. Jetzt ist mir die Lust vergangen und ich mache mich stattdessen auf die Suche nach der Höhle des Propheten Elija. Ich werde sie finden, aber das soll einem separaten Bericht vorbehalten bleiben.
Am nächsten Tag gibt es keine Tour weil Mittwoch ist. Das ist in Ordnung. Jede Religion muss mindestens einen arbeitsfreien Tag pro Woche anbieten, sonst kann sie im Wettbewerb gegen andere Gläuben (für die Entwicklung dieses Plurals ist die glaubenspluralistische Zeit gekommen) nicht bestehen.
Am 21. März komme ich wieder nach Haifa. Diesmal ist wegen Nouruz geschlossen, dem Neujahrsfest, das an seinem persischen Datum gefeiert wird. Neujahr zum Frühlingsanfang ist tatsächlich sinnvoller als in der Mitte des Winters, wobei für unsere Freunde auf der Südhalbkugel beide Alternativen keinen Sinn ergeben.
Am Sonntag, den 22. März, ist es dann aber endlich so weit. Ich stehe rechtzeitig auf, erklimme zum dritten oder vierten Mal während meines Besuchs in Haifa den Berghang über der Stadt und finde mich rechtzeitig vor 12 Uhr am oberen Tor ein. Ich werde abgewiesen. Für die geführte Tour gibt es ein extra Tor, ein paar hundert Meter weiter unten. Also wieder zurück. 11:30 Uhr. „Happy Nouruz“ wünsche ich der dortigen Wärterin, und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über das Gesicht eines Mitglieds der Bahai-Armee. Die Registrierung für die englischsprachige Tour beginne jedoch erst um 11:45 Uhr, sagt sie, ihr blaues Clipboard mit beiden Händen fest vor die Brust haltend. Minutengenaue Vorschriften. Unter Palmen und Pinien in der warmen Sonne, mit dem Blick aufs türkisblaue Mittelmeer, fühle ich mich wie in einem deutschen Finanzamt.
Passend dazu steht auf der anderen Straßenseite ein Obelisk, der an den Besuch von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1898 erinnert.
Auf einer Tafel findet sich neben den allgemeinen Ermahnungen, sich anständig zu kleiden, nicht zu rauchen und keine Waffen zu tragen, der Warnhinweis, dass die mehrere hundert Stufen für Besucher mit Knieproblemen zu anstrengend sein können. Wenn die Bahai hier ständig rauf und runter laufen, gibt es unter ihnen wahrscheinlich keine Übergewichtigen. Die weitere Warnung, immer auf seine Schritte zu achten, wird mit einer Portion Eigenlob damit begründet dass „die Schönheit der Gärten leicht ablenken kann“. Ein Straßenhund läuft vorbei, mit einem T-Shirt im Maul. Tiere sind natürlich auch verboten.
Jetzt geht es los. Die Wärterin rattert noch einmal das Regelwerk herunter. „Das hier ist ein heiliger Ort. Kein Essen. Keine Kaugummis. Nicht rauchen. Nur Wasser zum Trinken, alle anderen Getränke sind verboten. Fotografieren erlaubt, aber nur von den Punkten aus, an denen die Gruppe anhält.“ Vorschriften wie beim Besuch eines von Mormonen geführten Militärstützpunkts. Vorname und Herkunftsland werden erfragt und registriert. Da nichts überprüft wird, könnte man der Bahai-Statistik eine Freude bereiten, indem man sich als Tongalese oder Bhutaner ausgibt.
Marina, unsere Führerin, ist außer Atem, als sie ankommt. Gerade hat sie noch die Tour auf Hebräisch gegeben. Die Treppen muss sie trotzdem nicht hochlaufen, dafür ist zwischen den Touren keine Zeit. Im Schnelldurchlauf geht es jetzt treppab und durch die Geschichte der Bahai.
Es begann 1844 in Persien. Der „Bab“, wie sich ein Herr Ali-Muhammed ab diesem Tag nannte, behauptete eine göttliche Offenbarung. Die Schiiten und der persische Staat fanden das nicht so lustig, guckten ein paar Jahre zu und verhafteten den Bab 1847, um ihn 1850 zu erschießen. Das war aber nur der Beginn der vom Bab gestifteten Religion, denn er hatte 18 Jünger (50% mehr als Jesus, womit er jedes Fußballspiel gegen die Christen gewonnen hätte).
Unter diesen Jüngern wurde Baha’ullah zum Bekanntesten, was ihm wiederum Gefängnis in Persien einbrachte. Da sein Vater Minister war, wurde er nicht exekutiert sondern exiliert. Stationen des Exils waren Bagdad, Istanbul, Erdine, Alexandria, Port Said und schließlich Akko im heutigen Israel, damals wie alle vorangegangenen Stationen auf dem Exilsweg Teil des Osmanischen Reichs.
Baha’ullahs Schrein in Akko ist der wichtigste Wallfahrtsort der Bahai, in dessen Richtung alle 5 Millionen Bahai jeden Tag einmal beten, wie Marina versichert. Als ich auch ihr „Happy Nouruz“ wünsche, stellt sie sofort klar, dass sie selbst gar keine Bahai sondern einfach eine Fremdenführerin ist. Nur 30% der Führer seien Bahai. Wenn man bei 5 Millionen Gläubigen nicht genug Menschen findet, die in einem schönen Park in einer schönen Stadt in einem Land, in dem sie (anders als auch jetzt noch im Iran) nicht wegen ihrer Religion verfolgt werden, Touristengruppen führen wollen, dann sind es vielleicht gar nicht 5 Millionen, denke ich mir. Sind die Bahai das Griechenland der Religionen?
Der Schrein in Haifa, das Marmor- und Granitbauwerk mit der goldenen Kuppel, beherbergt seit 1909 die Überreste des Bab. Die Gärten wurden erst 2001 endgültig fertiggestellt. Der Berg Karmel wurde als Ort auserwählt, weil hier vor 2.900 Jahren der oben bereits erwähnte Prophet Elija gewohnt hatte, als dessen Reinkarnation sich der Bab wähnte. Elija hatte Mitte des 19. Jahrhunderts viel zu tun, denn schon 1836 hatte er sich mit dem Mormomengründer Joseph Smith getroffen, dem allerdings Gott (im wörtlichen Sinn) und die Welt erschienen.
Oberhalb und unterhalb des Schreins sind jeweils neun Terrassen angelegt. Das ergibt zusammen 18 Terrassen, wie die Zahl der Jünger. Sehr kreativ. Marina erzählt jetzt, dass das Bahaitum eine monotheistische Religion sei, die alle anderen Propheten akzeptiere und das Erscheinen weiterer Propheten nicht ausschließe. Alle Menschen und insbesondere Männer und Frauen seien gleich, wobei letzteres für die Mitte des 19. Jahrhunderts im Nahen Osten tatsächlich revolutionär war. Oder, wenn ich mich in der Region so umsehe, immer noch ist.
Links und rechts der polierten Treppen plätschert Wasser in einem 10 cm breiten Kanal Stufe für Stufe hinab. Ein Blumenmeer, das jede Landesgartenschau in den Schatten stellt. Wenn man zu verschiedenen Jahreszeiten kommt, erlebt man unterschiedliche Farben. Weil Baha’ullah im Gefängnis kein Licht gehabt habe, sei dieses Element besonders wichtig. 2.200 Lampen erleuchten das Gelände nachts.
Das nächste Gebäude, das wir wie alle anderen Gebäude nur von weitem bestaunen dürfen, ist eine Akropolis mit türkisgrünem Dach. Ich kann mir nicht helfen, aber das „Universale Haus der Gerechtigkeit“, das Parlament der Bahai, erinnert mich zumindest aus dieser Perspektive ans Legoland.
Neun Mitglieder werden alle fünf Jahre gewählt. Es gäbe keine Priester und keine religiösen Führer, und das neunköpfige Gremium solle sicherstellen, dass sich kein einzelner Führer herausbilde, erklärt Marina. Was sie nicht sagt, sondern ich mir später selbst zusammenrecherchieren muss, ist dass alle neun Mitglieder derzeit Männer sind. Das mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau muss man ja nicht übertreiben. Ich lese, dass Frauen von der Wahl ausgeschlossen sind und dass der Grund hierfür irgendwann in der Zukunft offenbart werde. – Und da wundern sich Religionen, dass man sie nicht ernst nehmen kann.
Zwischen den Blumenbeeten geht man auf angenehm knirschenden roten Ziegelbruchstücken. Zusammen mit dem Blick aufs Meer ergeben sie fast das Gefühl eines Strandspaziergangs.
Die Tierfiguren auf dem Treppengeländer – vor allem die Adler fallen mir auf – haben laut unserer Führerin keine religiöse Bedeutung. Also einfach nur Kitsch. Ich glaube, Disneyland wurde zur gleichen Zeit gebaut.
Marina erzählt jetzt, dass israelische Staatsbürger nicht Bahai werden dürfen. Nicht israelische Gesetze verbieten dies, sondern die Regeln der Religion. Als diese sich damals noch im Osmanischen Reich ansiedelte, wollten die Bahai-Chefs dem Land, das ihnen Schutz bot, zusichern, den religiösen Status Quo nicht zu stören. Also schlossen sie die Möglichkeit der örtlichen Bevölkerung, dem Bahai-Glauben beizutreten, aus. Die aktuellen Regeln der Bahai besagen, dass Anfragen von israelischen Besuchern zwar zu beantworten seien, aber dass dies so geschehen müsse, „dass kein weitergehendes Interesse geweckt wird“.
Auch die englischsprachige Führung scheint nach dieser Richtlinie abzulaufen. Schnell und lustlos werden Daten, Namen und Fakten heruntergerattert. Beim „Any questions?“ am Ende eines jeden Vortragsblocks schwingt das „DON’T!“ drohend mit. Mittlerweile haben wir den Schrein erreicht, aber der ist nur von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Es ist also unmöglich, ihn im Rahmen der Führung zu besichtigen. Sehr logisch. Dann sehe ich mir eben die Toiletten an. Diese sind zum Glück nicht aus Persien.
Das Ganze ist zugegeben ein sehr schöner Park. Eine Säkularisierung täte ihm gut.
Während in Deutschland noch diskutiert wird, ob nach Auslaufen des Urheberrechtsschutzes für Hitlers Buch „Mein Kampf“ eine von Historikern kommentierte Ausgabe erscheinen soll (ich bin dafür, denn wozu betreiben wir historische Forschung, wenn deren Ergebnisse nicht veröffentlicht werden), wird es in Rumänien schon als Theaterstück gezeigt. So dachte ich, nicht ohne ein gewisses Entsetzen, als ich dieses Plakat vor dem Nationaltheater in Cluj-Napoca (Klausenburg) sah:
Zuhause flugs durchgeführte Recherchen ergaben dann, dass meine lückenhafte Bildung das einzige ist, das zum Entsetzen Anlass gibt. „Mein Kampf“ ist eine Anti-Nazi-Groteske über den jungen Adolf Hitler des ungarischen Regisseurs George Tabori.
Nach Hause zurückgekehrt von einer zweiwöchigen Reise trete ich auf den Balkon, um meine viel zu lange ununterbrochen getragenen Turnschuhe auszulüften. Da sehe ich, dass sich während meiner Abwesenheit jemand eingenistet hat. Eingenistet im wörtlichen Sinn:
Von all den Balkonen in der schmucken Plattenbausiedlung war meiner anscheinend der inaktivste, so dass das Vogelpaar ihn zu seinem Nistplatz auserkor.
Leider flattert die Taube jedes Mal erschrocken auf, wenn ich auf den Balkon trete. Da ich das Ausbrüten nicht stören will, bin ich jetzt immer ganz vorsichtig. So langsam gewöhnen sich die Vögel schon an mich. – Weiß jemand, wie lange so ein Ausbrüten dauert? Ich hoffe doch nicht, dass mein Balkon den ganzen Sommer über zum Vogelschutzgebiet erklärt werden muss.
Meine Turnschuhe stelle ich übrigens nicht mehr auf den Balkon. Ich will nicht, dass das Vogelbaby mit Deformationen zur Welt kommt.
Bei Interesse werde ich Euch über weitere Entwicklungen auf dem Laufenden halten.