Zigarren sind so gesund wie Äpfel

In Budapest sah ich diesen Gesundheitshinweis auf einer Zigarre, die ich mir gekauft hatte, um mich selbst für mein bisher bestes Ergebnis bei einem Halbmarathon zu belohnen:

cigar appleNun spreche ich kein Ungarisch, aber das Bild eines Apfels verdeutlicht mir, dass diese Zigarre extrem gesund ist, eine Menge Vitamine hat und für ein längeres und erfüllteres Leben sorgen wird. Ich wusste, dass Zigarren gut für meine Gesundheit sind!

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Flugschau

Ich hatte gestern zu viel Arbeit, um zur Flugschau in Targu Mures (Rumänien) zu gehen, aber zum Glück konnte ich einen Teil der Vorführung von meiner Wohnung aus beobachten.

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Ja, das gegenüberliegende Haus muss vielleicht mal wieder gestrichen werden.

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Liebe liegt in der Luft

Heute bei der Flugschau in Targu Mures, Rumänien:

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Eine Kleinstadt wird (vielleicht) Meister

„Warum gerade Targu Mures?“ werde ich gefragt, seit ich hierher gezogen bin. Jetzt kann ich mit Zuversicht antworten: „Weil wir die rumänische Fußballmeisterschaft gewinnen werden.“

Dabei ist das örtliche Team, ASA Tirgu Mures, erst in dieser Saison von der zweiten in die erste rumänische Liga aufgestiegen. Nach einem Überraschungssieg gegen Steaua Bukarest in der letzten Woche steht ASA jetzt auf Platz 1, mit zwei Punkten Vorsprung vor eben jenem Bukarest, das bereits 25 Mal die rumänische Meisterschaft gewann. Ein Kleinstadtverein besiegt den rumänischen FC Bayern und steht fünf Spieltage vor Saisonende vor einer Sensation.

Also gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zu einem Erstligaspiel. Am Tag vor dem Spiel öffnet der Ticketschalter um 17 Uhr. Es seien noch 2.500 Karten erhältlich, hatte der Verein verlautbart. Das Stadion hat 8.200 Plätze. Angesichts des erwarteten Ansturms bin ich Punkt 17 Uhr vor dem Stadion und reihe mich eine lange Schlange. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verrottet das alte Stadion. Der „Fan-Shop“ ist eine kleine Holzbude, windschief und geschlossen. Alles etwas sympathischer als bei den großkotzigen Millionärsvereinen. „Das ist ja wie unter Ceaușescu“ kommentiert ein Mann vor mir die Länge der Warteschlange, in der ich einige Sportjacken mit den Namen von von einstmaligen Regional- und Kreisligisten aus Deutschland erspähe, die wahrscheinlich schon lange die Lizenz verloren haben.

Nach 30 Minuten bin ich an der Reihe. Welche Plätze ich haben will? Direkt hinter den Toren kosten die Sitzplätze 5 Lei (= 1,14 €) und auf der Seitentribüne 10 Lei (= 2,28 €). Für ein Erstligaspiel des Tabellenführers! Unglaublich.

Am darauffolgenden Tag gibt es übrigens noch immer Karten. Das Stadion ist nicht ausverkauft, was auch am Wetter liegen mag. Den ganzen Tag hat es geregnet, dunkle Wolken liegen noch über dem Stadion, die für den Spielbeginn um 18:30 Uhr schon eingeschalteten Flutlichter heben sich davon ab wie vier Sonnen. Manche der Besucher kommen in Gummistiefeln und Anglerjacken. Andere haben Plastiktüten gegen den Regen dabei; Regenschirme müssen nämlich am Eingang abgegeben werden.

Kurz vor Einlass kommen auch die Art von Fans, wegen derer ich dem Fußball bisher skeptisch gegenüberstand (ganz abgesehen von der üblichen Intellektuellenüberheblichkeit gegenüber Ballspielen). Etwa ein Dutzend junge Männer marschieren wie im Gleichschritt Richtung Stadion, schwenken Schals in den Vereinsfarben über ihren Köpfen und schreien „Mures, Mures, Mures“. Wenn ich diese Ansammlungen von Fans sehe, kann ich mir die Assoziation mit faschistischen Massenaufläufen nicht verkneifen. Die Uniformen, die Schreie, das Anhimmeln von Idolen, das bereitwillige Unter- und Aufgehen in der Masse, die Verherrlichung des Kampfes und das Abwerten des Gegners.

Aber der Leser erwartet einen Spielbericht, keinen Aufsatz über politische Philosophie. Los geht’s also: Der augenfälligste Unterschied zwischen den beiden Mannschaften ist das Alter. Die Spieler von ASA Tirgu Mures könnten die Väter derer von FC Viitorul Constanta sein. Auf der einen Seite alte Männer mit Vollbärten und teilweise mit Bauchansatz, auf der anderen Seite sprintstarke Teenager. ASA spielt kämpferischer, robuster, nicht gerade filigran. Wenn Constanta im Ballbesitz ist, geht es blitzschnell nach vorne bis vors heimische Tor, wo die auswärtigen Jungs dann aber scheitern. Einige der Spieler von ASA Tirgu Mures sind Ende 30, man merkt ihnen die Erfahrung und Gelassenheit an.

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Das Spiel geht so hin und her. In beiden Spielfeldhälften ist gleich viel los. Keine Mannschaft dominiert. In der 37. Minute gibt es eine gelb-rote Karte für einen Spieler von Constanta, obwohl ASA insgesamt etwas rauer spielt. Die Überzahl der Heimmannschaft bricht den Willen von Constanta nicht, scheint das Spiel auch nicht zu kippen.

Der laute Schrei eines Constanta-Spielers durchreisst den Regen. Er geht zu Boden. Das hörte sich nach echtem Schmerz an. Beim Kopfballduell sind zwei Spieler mit den Köpfen aneinander geprallt, ohne böse Absicht. Der Constanta-Spieler liegt regungslos am Boden, der ASA-Mann kümmert sich nicht und läuft weg. Ich bin schockiert nicht ob der Rohheit des Spiels, sondern angesichts der Rohheit der Reaktionen: Die Zuschauer buhen den am Boden liegenden Verletzen aus. Als die Sanitäter aufs Spielfeld laufen, werden die verbalen Anfeindungen und die hämischen Rufe noch lauter. Die Sanitäter werden beschimpft. Ein Mensch ist verletzt, aber die Mures-Fans im Stadion zeigen sich von der schlimmsten menschlichen Seite. Erschreckend, und jetzt bin ich wieder bei meinen anfänglichen Bedenken gegen Fußball.

Kurz vor der Halbzeit fällt das 1-0 für ASA Tirgu Mures, eher ein erleichternder als ein ermutigender Zwischenstand. In der Pause gehen einige der Zuschauer komplett durchnässt und frierend nach Hause. In den Gängen zwischen den Sitzreihen steht das Wasser wie in Venedig. Nach der ersten Halbzeit kann man keinem verübeln, dass er sich vom Acker macht. Bundesliganiveau war das nicht gerade. Wer jetzt geht, wird sich allerdings in 45 Minuten in den Arsch beißen, weil er das Spiel der Saison verpasst hat.

Denn die zweite Halbzeit beginnt mit dem 2-0 für Mures. „Campioni, campioni“ ruft die Menge schon begeistert, wie wenn die Meisterschaft jetzt sicher ist. Dabei darf sich ASA Mures in den verbleibenden vier Spielen keinen Patzer erlauben, solange Rekordmeister Bukarest so dicht auf den Fersen folgt.

Dann das 3-0, wie eine Kopie des 2-0. ASA dominiert, Constanta ist eingeknickt. Noch 25 Minuten Spielzeit. Ich zünde mir zur Feier eine Zigarre an, denn dieses Ergebnis wird sich nicht mehr drehen lassen. Und tatsächlich geht es weiter: 4-0. Diese Halbzeit erinnert mich an das WM-Spiel zwischen Deutschland und Brasilien. 4-1, ein kleiner Ausrutscher, keiner bejubelt das Gegentor. Sind überhaupt Fans von der Schwarzmeerküste hier? Ich sehe keine. 5-1. ASA Tirgu Mures kann jetzt spielen, wie wenn Constanta nicht mehr auf dem Feld steht. 6-1. Die Anzeigetafel kommt kaum mehr mit, in so kurzen Abständen fallen die Tore.

6-1

Schlusspfiff. Der höchste Sieg der Saison. „Campioni, campioni“-Rufe, aber die Spieler sind zu erschöpft, um noch lange auf dem Rasen zu verweilen. Obwohl der Regen aufgehört hat, strömen auch die Zuschauer zügig von dannen. Ich erkenne Freude über ein Fußballfest, auch einen gewissen Stolz, dass die Heimatstadt jetzt landesweit bekannt ist, aber nur wenig authentische Identifikation mit der Mannschaft.

Etliche Besucher erklären mir, dass sie noch immer Fans der Mannschaft aus den 1970ern sind, die dreimal im UEFA-Cup gespielt hat (und nie über die erste Runde hinauskam), und dass die jetzige nur aus Brasilien und dem Senegal zusammengekauft sei. Da ist etwas dran, und zukunftsfähig ist so ein Konzept wohl nicht. Wenn ein anderer Verein mehr bietet, sind die Jungs (das Wort „Söldner“ fällt oft in Gesprächen darüber) wieder weg.

Noch dubioser wird das Ganze, wenn man erfährt, dass die Fußballmanschaft aus dem städtischen Haushalt finanziert wird. Vor dem Rathaus von Targu Mures steht in Erinnerung an das römische Erbe die Romulus-und-Remus-Statue, aber von „panem et circenses“ ist nur der Zirkus übrig geblieben. Währenddessen klaffen in den Straßen metertiefe Löcher, alte Menschen hungern sich mit mickriger Rente durch den Winter, öffentliche Gebäude verfallen und einige tausend Bewohner von Targu Mures leben in Vierteln, die man nur als Slums bezeichnen kann.

Es ist eben alles eine Frage der Priorität.

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Ed Miliband präsentiert neuen Labour-Vorsitzenden

"Der Typ mit dem lustigen Hut kann es besser als ich."

„Der Typ mit dem lustigen Hut kann es besser als ich.“

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Zwei Jungs wandern 60 km für eine Suppe.

Ein Bekannter aus Târgu Mureș (deutscher Name des Ortes: Neumarkt am Mieresch) fragte mich letzten Sonntag, ob ich Lust auf eine „kleine Wanderung  zu den Hügeln außerhalb der Stadt“ habe. Hatte ich natürlich. Er wollte nach Miercurea Nirajului (Sereda) wandern. Ich hatte keine Ahnung, wo das liegt.

Deshalb sagte ich zu. Dann klärte er mich auf, dass das Ziel 25 km entfernt liege und dass er noch am gleichen Tag zurückwandern möchte. Insgesamt also 50 km (die sich am Ende des Tages mit den ganzen Umwegen als 60 km herausstellen sollten), weswegen wir uns am Montagmorgen schon um 7 Uhr treffen. Ich frage Yaniv, ob er schon einmal so eine Strecke gewandert sei. „In den letzten Jahren nicht, aber früher mal bei der Armee“ ist die beruhigende Antwort.

Schon auf dem Berg zum Zoo in Târgu Mureș kommen wir ins Schwitzen und schnappen nach Luft. Zum Glück haben wir jeweils eine Dose Cola dabei, die wir auf den ersten 500 Metern leeren, und zum andauernden Glück bleibt es den ganzen Tag bewölkt. Schlecht für Fotos, gut fürs Wandern. Das pralle Grün, die durch den Regen gereinigte Luft und die Ruhe des Waldes geben uns Energie (fast so wirksam wie die Cola) und Motivation. Arbeit und Studium, Termine und Prüfungen sind schon vergessen.

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Wir wandeln auf alten Pfaden aus der Zeit der Römer, als deren legitime Nachfahren sich manche Rumänen betrachten.

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Trotz Wolken kann man in der Ferne die Berge im Szeklerland erkennen. Irgendwo dahinten liegt unser Ziel, noch einige Stunden entfernt.

Szeklerland Berge

Aber zuerst kommen wir in Dörfer, die uns mehrere Jahrzehnte zurückversetzen. Keine geteerten Straßen, manchmal kein einziges Auto im ganzen Dorf. Hölzerne Toilettenhäuschen im Garten. Windschiefe Häuser, die oft unbewohnt aussehen, aus denen aber immer just in dem Moment jemand heraustritt, in dem ich ein Foto machen will.

Dorf1

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Die öffentlichen Brunnen bieten reichlich Wasser für Wanderer, von denen wir übrigens den ganzen Tag die einzig sichtbaren bleiben werden.

BrunnenWas jedoch selbst in den ärmsten Dörfern reichlich vorhanden ist, sind Kirchen. Hier stehen gleich drei nebeneinander: katholisch, reformiert und orthodox.

drei Kirchen

Die Kirchen sind, anders als Wohnhäuser oder Schulen, auch immer frisch verputzt und gepflegt. Da sieht man, wer Geld und Einfluss im Land hat. Selbst Jesus kann diese verfehlte Prioritätensetzung nicht mehr mit ansehen.

Schön sind jedoch  die Holzkirchen, so wie hier in Sânișor.

Holzkirche

Außerhalb dieser Ortschaft sehen wir endlich Bärenspuren, was wir mit einem Picknick auf dem nahegelegenen Hügel feiern. Mit Schinken- und Hackfleischduft versuchen wir den Bären anzulocken, vertilgen unser Proviant aber schneller als der Braunbär uns erschnuppern kann.

Bärenspuren1Wir sind jetzt schon vier Stunden unterwegs und der Zeitplan gerät ins Wanken. Aber die Ausblicke sind zu schön, um sich nicht ins Gras zu setzen, zu verweilen und die Ruhe zu genießen.

Hügel

Während er eine Flasche Wein leert, rückt Yaniv mit dem Grund für seine plötzliche Wanderbegeisterung heraus: Er hatte zwei Tage zuvor Geburtstag, fühlt sich deshalb extrem alt und schon auf dem absteigenden Lebensast. Aus dieser Krise erwuchs der Wunsch, den Grad seiner physischen Leistungsfähigkeit fernwandernd zu überprüfen.

In manchen der von uns durchquerten Dörfer stehen Neubauten, die als Versammlungssäle der Zeugen Jehovas, der Adventisten vom Siebten Tage oder anderer obskurer Religionen dienen. Genau das, was den Rumänen noch gefehlt hat nach einem langen, entbehrungsreichen, Weltkriege und den Kommunismus überstanden habenden Leben in einem Dorf, in dem es nicht einmal einen Tante-Emma-Laden gibt. Ich bin froh, dass wir querfeldein durch Wälder und Wiesen laufen und so kaum jemandem begegnen, denn zwei freundliche junge Männer, die miteinander auf Englisch parlieren, entsprechen dem Stereotyp christlicher Missionare, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Osteuropa expandieren. Wir wollen jedoch keine Angst vor Kreuzzügen und Exorzismen verbreiten.

Weiter geht es, vorbei an Einsiedlerhöfen mit Schafen, Pferden, Kühen und Hunden. So langsam entwickle ich ein Gespür dafür, welche Hunde aggressiv und welche eher behäbig sind. Statt der erhofften Bären sehen wir nur Rehe.

Rehe

Gegen 14 Uhr, eineinhalb Stunden später als geplant, erreichen wir endlich Miercurea Nirajului. Noch nie hat sich jemand über so ein kleines Nest gefreut wie unsere erschöpften Beine. Wir schleppen uns noch bis zur Stadtmitte und lassen uns im dortigen Park nieder. Halbzeit.

Stadtpark

Den Stolz über das bereits Geschaffte sieht man uns an. Etwa 30 km haben wir zurückgelegt, und eines haben wir schon entschieden: Auch zurück geht es zu Fuß. Auf den Bus, der von hier aus halbstündig nach Târgu Mureș düst, verzichten wir dankend. Früher gab es zwischen den beiden Städten übrigens eine Eisenbahn. Warum die Strecke eingestellt wurde? Wahrscheinlich war man zu Fuß schneller unterwegs. Die rumänische Eisenbahn ist selbst heute noch so langsam, dass man sie auf dem Fahrrad überholen kann.

StatueMiercurea Nirajului war früher übrigens mal wichtig. Bis zum 18. Jahrhundert war es Sitz eines der Szeklerstühle, bis es in dieser Rolle von Târgu Mureș abgelöst wurde. Heute dümpelt die Kleinstadt mit 5,500 Einwohnern so vor sich hin. Direkt am Marktplatz finden wir ein Gasthaus, aber kein Gulasch auf der Karte, weswegen wir nachfragen. Die Bedienung missversteht unsere Frage nach der Verfügbarkeit von Gulasch und zählt uns zur Antwort auf, woraus Gulasch zubereitet wird. Mir läuft immer mehr das Wasser im Munde zusammen. Wir bestellen zwei Portionen, werden aber kurz darauf von der aus der Küche übermittelten Meldung schockiert, dass das Gulasch für heute aus sei. Es ist auch schon 14:30 Uhr. Wir waren zu langsam. Dann nehmen wir eben eine Suppe.

Während wir auf unsere Suppe warten, kann ich endlich ein paar Worte loswerden über die Gegend, durch die wir gewandert sind: das Szeklerland. Als Teil Transsilvaniens/Siebenbürgens und damit Rumäniens ist es mehrheitlich von ungarischsprachigen Szeklern besiedelt. Das Gebiet gehörte immer mal wieder zu Österreich-Ungarn, zu Rumänien, zu Ungarn, wieder zu Rumänien und so weiter. Ich könnte hier ewig weiterpolitisieren, aber zur Erleichterung der Leser wird gerade ein Topf Suppe auf den Tisch gestellt. Dafür sind wir also 30 km gewandert und werden 30 km zurück wandern: einen Topf Suppe. Und dann vergessen wir auch noch, ein Foto davon zu machen. Aber gut war sie, die Suppe!

Bei der Diskussion über den einzuschlagenden Rückweg bilden sich zwei Fraktionen: Ich bin für querfeldein, Yaniv will der Straße folgen. Wahrscheinlich hat er Angst vor Bären oder zumindest vor der Kombination von hereinbrechender Dunkelheit und Bären. Bei Patt gilt die Regel „auf Nummer sicher“, also gebe ich nach. Besonders befahren sind die Straßen hier sowieso nicht, es wird also keinen großen Unterschied machen.

Strasse

Das ist übrigens die Szeklerflagge mit Sonne und Mond (der Weltraumpionier Hermann Oberth stammt aus Siebenbürgen, was aber absolut nichts miteinander zu tun hat),

Szeklerflagge

und das ist der übertrieben nationalistische rumänische Nachbar, der selbst den Leiterwagen und den Hühnerstall trikoloriert hat.

Nationalist

So provozieren sich die Leute gegenseitig, aufgestachelt von Reden über Geschichte, Nation, Flaggen, Sprachen und Hymnen, und darben doch alle gleichermaßen unter Arbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und der Vernachlässigung des ländlichen Raums, um die sich zu kümmern sie vor lauter Nationalismus keine Zeit finden. (Zugegebenermaßen entsprechen in beiden Volksgruppen die meisten Menschen überhaupt nicht dieser Beschreibung, sondern sind sehr freundlich und sprechen oft beide Sprachen.)

Noch mehr darben jedoch die, die gar keine Flagge oder Hymne haben: die Roma. Meine Leser in Salzburg oder Schwabing werden schon angesichts der in den oben photographisch wiedergegebenen dörflichen Idyllen nicht zu verbergenden Armut zusammengezuckt sein. Das waren jedoch noch die wohlhabenden Dörfer. Bei den Roma, vernachlässigt vom Staat, ignoriert bis verachtet von den Mitmenschen (und hier sind sich Rumänen und Szekler/Ungarn wieder einig), sieht es noch ärger aus. Ich muss den Lesern die schlimmsten Anblicke vorenthalten, weil sich vor den Häusern überall materiell arme aber kinderreiche Familien tummelten, die ich nicht ohne vorheriges Gespräch (für das uns Zeit und Sprachkenntnis fehlten) ablichten wollte.

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Ja, so – und noch viel schlimmer – leben Menschen im Jahr 2015 in der Europäischen Union. Aber die Milliarden fließen zu den steuerverweigernden Zweitwohnungsbesitzern in Griechenland. Geholfen wird eben nicht da, wo Hilfe am nötigsten ist, sondern wo am lautesten gejammert wird. Und Jammern ist nicht die Sache der Osteuropäer.

Jammern ist auch nicht unsere Sache, während wie Kilometer für Kilometer weitertrotten.

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Die letzte richtige Pause machen wir oberhalb des Dorfes Maiad. Nach ca. 45 km Wanderung sind wir noch immer gut gelaunt und frohen Mutes. Es ist erstaunlich, was so ein Tag in der Natur mit dem Gemüt macht. Probiert es aus, Leute!

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Jetzt bleiben uns noch zweieinhalb Stunden bis zum Sonnenuntergang. Immer öfter müssen wir stehenbleiben, weil meinem Kollegen die Puste ausgeht. Immer wieder dränge ich zur Eile, weil die Sonne nur für uns Landstreicher keine Extraschicht einlegen wird. Noch 15 km. „Wenn ich mal in Deinem Alter bin, will ich so fit sein wie Du“ gibt Yaniv schließlich zu. Ich bin 39. Er ist gerade 24 Jahre alt geworden.

Tatsächlich wird es auf den letzten Kilometern zuerst düster und dann dunkel, gerade als wir die Stadtgrenze von Târgu Mureș erreichen.

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Ich bin überrascht, wie relativ leicht uns die 60 km gefallen sind und wie schnell wir streckenweise vorangekommen sind. Meine Beine sind ein bißchen müde, aber ich bin noch nicht wirklich erschöpft. Wir sind beide voll vom Wanderfieber gepackt und sprechen schon darüber, demnächst nach Sighișoara (Schäßburg) oder Cluj-Napoca (Klausenburg) zu laufen. Als wir uns an der Bushaltestelle verabschieden, habe ich keine Geduld, auf den Bus zu warten. Ich jogge die restlichen 5 km nach Hause.

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Ein Bär!

Bären in freier Wildbahn zu begegnen, ganz zufällig beim Joggen oder Wandern, ist einer meiner bisher noch unerfüllten Wünsche, derentwegen ich nach Rumänien gezogen bin.

Gestern, während einer langen Wanderung von Târgu Mureș (deutscher Name: Neumarkt am Mieresch) nach Miercurea Nirajului (Sereda) kam ich außerhalb der Ortschaft Sânișor diesem Ziel so nahe wie noch nie. Beim Erklimmen eines steilen Hügels stieß ich auf Bärenspuren.

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Möglicherweise sogar Spuren von mehr als nur einem Bären.

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Zum Vergleich hier zwei menschliche Füße.

Bärenspuren Vergleich

(Ja, der Schuh mit den Löchern ist meiner. Und ja, ich weiß, ich sollte mir endlich mal wieder neue Schuhe kaufen.)

Größe und Form der Spuren ließen keine Zweifel zu: Hier waren Bären gewesen.

Wir folgten den Spuren bis zur Spitze des Hügels, wo sie sich im Gras verloren, und ließen uns zum Picknick nieder. Leider vermochten selbst unsere Schinkenbrote und wohlschmeckenden Köfte den oder die Bären nicht anzulocken. – Ich werde mich wohl demnächst mit noch mehr Lebensmitteln erneut auf diesen Hügel machen und mich auf die Lauer legen. Weiß jemand, was Bären besonders gerne essen? (Außer Menschen, natürlich.)

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Preiserhöhung beim SPIEGEL

Der SPIEGEL wird auch immer teurer: Am Flughafen in Tel Aviv habe ich 75 Schekel dafür hinblättern müssen. Das sind mehr als 17 Euro.

SPIEGEL 75 ShekelWenn ich bedenke, dass der Flug von Rumänien nach Israel nur 50 Euro gekostet hat, ist das irgendwie unverhältnismäßig. Ungleich unverhältnismäßiger ist allerdings meine Dummheit, im Jahr 2015 noch auf gedruckten Zeitungen, Magazinen und Büchern zu bestehen. Dieser altmodische Spleen wird immer mehr zum Luxusgut.

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Neues aus dem Vogelnest (3)

Anscheinend füttere ich das Vögelchen zu gut. Es ist ziemlich mollig geworden.

bird day 8Morgen fahre ich für ein paar Tage nach Budapest. Ich bin gespannt, ob der Vogel noch da sein wird, wenn ich nächste Woche zurückkomme. Es wäre schön, ihn noch einmal zu sehen, bevor er in die weite Welt hinausfliegt.

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Charlie Hebdo

„Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“ – stand nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift auf vielen Facebook- und Twitter-Profilen. Das war billig und vielleicht auch ein bißchen anmaßend, selbst wenn es unterstützend gemeint war.

Aber allein von drei Wörtern auf Twitter können die überlebenden Zeichner und Texter die Zeitschrift nicht weiterbetreiben. Ich belasse es nicht bei leeren Worten, sondern kaufe mir Charlie Hebdo, auch wenn der Preis von 29 rumänischen Lei = 6,50 Euro etwas happig ist.

Charlie HebdoWenn mehr Menschen die Zeitschrift gekauft hätten, wäre vielleicht genug Geld für ein paar zusätzliche Wachmänner vorhanden gewesen.

Langfristig mag die Feder mächtiger sein als das Schwert, aber in der Zwischenzeit sollten diejenigen von uns, die im Besitz eines Schwertes sind, unsere federschwingenden Genossen beschützen. In Gesellschaften mit einem staatlichen Gewaltmonopol trifft diese Aufgabe auch den Staat. Das bedeutet nicht, dass jeder Journalist oder Künstler einen Leibwächter bekommen muss, aber es wäre schön, wenn sich unsere Politiker wenigstens der Dummheiten enthielten, die sie in den Wochen nach dem Attentat an den Tag gelegt haben:

  • In Paris spazierten die Repräsentanten freier europäischer Demokratien Arm in Arm mit Vertretern von Staaten, die Journalisten und Künstler verfolgen, einsperren, foltern und hinrichten. Beim Abendessen wurde wahrscheinlich über neue Panzerlieferungen an Diktaturen verhandelt.
  • Die Särge der Ermordeten waren noch nicht unter der Erde, da war der Ruf nach der Vorratsdatenspeicherung schon wieder da. Das würde zwar überhaupt nichts nützen (in Frankreich war die Vorratsdatenspeicherung schon Gesetz), aber es wäre ja schade, wenn zwölf Menschen für nichts gestorben wären.
  • Gar nichts kapiert hatte die CSU. Sie forderte am Tag nach dem Attentat, in Zukunft Gotteslästerung stärker zu bestrafen. Die „christlich-soziale“ Regionalpartei macht sich damit die Forderungen von Al-Kaida und ISIS zu eigen. Ich habe noch nie verstanden, wieso der Glaube an etwas, das nicht existiert, aber angeblich genauso allmächtig wie gütig und verzeihend ist, strafrechtlich geschützt werden muss. Nach allen mir bekannten Gottesbildern ergibt das keinen Sinn.
  • Papst Franziskus, der bis dahin auch Atheisten positiv überrascht hatte, zeigte sein wahres Gesicht als Oberhaupt eines illiberalen Gottesstaats, indem er Verständnis für die Mörder zum Ausdruck brachte: „Wenn mich jemand provoziert, haue ich ihm auch eine rein.“ Vielleicht gibt es dafür bald einen Friedensnobelpreis.

An dieser Stelle muss klargestellt werden, dass Charlie Hebdo keine „islamkritische“ Zeitschrift ist, wie so oft falsch berichtet wurde. Das Satiremagazin macht sich über alles und jeden lustig, von aktuellen und früheren französischen Präsidenten über Schauspieler, den Front National, alle möglichen Religionen, den IWF, das Militär, Unternehmen bis hin zu anderen Journalisten und sogar sich selbst.

Manchmal scheint die Diskussion von der empfindlichsten Heulsuse dominiert zu werden, die man auftreiben konnte. Betrachten wir zum Beispiel das Titelblatt der Ausgabe nach dem Attentat, mit einem weinenden Propheten Mohammed, der unter der Überschrift „Alles ist vergeben“ ein „Je suis Charlie“-Schild hochhält.

Charlie Hebdo weinender MohammedDass nach so einem Blutbad überhaupt eine Zeitung zusammengestellt wurde, ist schon beeindruckend. (Die meisten von uns nähmen sich ein paar Tage frei, nur weil der Kanarienvogel oder der Hamster gestorben ist.) Und dann trifft der Titel genau den richtigen Ton: Trauer und Versöhnung.

Dennoch demonstrierten rund um die Welt Menschen gegen das angeblich anstößige, beleidigende und verletzende Titelbild. Was ist beleidigend an einer Darstellung des Propheten Mohammeds, die Mitgefühl und Menschlichkeit zeigt? Welches Bild des Propheten und der Religion liegt solchen Protesten zugrunde? Ein Verständis der Zeitung, ihrer Karikaturen oder überhaupt von Kunst oder Pressefreiheit jedenfalls nicht.

je suis MohamedNoch mehr verwundert haben mich dann die vielen „Je suis Mohamed“-Poster, die plötzlich (hauptsächlich bei meinen muslimischen Freunden) aufgetaucht sind. Sich selbst als Propheten und als Sohn Gottes (oder verwechsle ich da einige der voneinander abgeschrieben habenden Religionen?) hinzustellen, erscheint mir als ultimative Gotteslästerung.

Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, das „Anstößigkeit“ kein tauglicher Maßstab für die Einschränkung jeglicher Äußerungsfreiheiten ist. Ich sehe den ganzen Tag eine Menge Dinge, die ich „anstößig“ finde: mehr als die Hälfte des Fernsehprogramms, die Auslage in der Metzgerei, verhunzte Grammatik, Karneval, Verstöße gegen die Gesetze der Logik, Babyfotos im Internet, manche der Kommentare auf diesem Blog, u.s.w. Darüber kann ich mich aufregen, soviel ich will, aber niemals würde ich auf die Idee kommen, etwas davon zu verbieten.

Es erscheint so banal, aber anscheinend muss doch mal daran erinnert werden, dass niemand gezwungen wird, Charlie Hebdo zu kaufen, zu lesen oder darüber zu lachen.

(To the English version of this article.)

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